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Die Verluste der Familie Günther

Eine Müllersfamilie zwischen Thüringen und Ostpreußen

Wer die Geschichte seiner Familie erforscht, weiß wie hoch die Kindersterblichkeit noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war. Babys wurden tot geboren oder starben häufig direkt nach der Geburt. Krankheiten wie z.B. Diphtherie löschten manchmal ganze Jahrgänge von Kindern in einem Dorf aus. Kleiner Gruß an alle Impfgegner…

Geht es euch auch so, dass ihr mitleidet, wenn ihr in einer Familie einen Kindstod nach dem anderen entdeckt? Ihr überlegt, was die Eltern wohl durchgemacht haben müssen, wenn ihnen die Kinder wegstarben? Vor allem die Frauen, die viele Jahre ihres Lebens trotz harter Arbeit schwanger waren und ein Kind nach dem anderen beerdigen mussten?

Mir ging es so mit der Familie Günther aus Erfurt, deren Leben von so vielen Verlusten geprägt war. Dem Verlust ihrer Kinder und dem Verlust ihrer Heimat.

Barbara Caroline Mehler, verheiratete Günther, war die große Schwester meiner Ururgroßmutter Anna Maria Mehler.

Caroline wurde am 27.02.1849 im thüringischen Städtchen Treffurt geboren. Ihr Vater Joseph war mein 3-fach Urgroßvater. Er war Postillion und der Zusatz „verschollen“ neben seinem Namen, den ich in Carolines Heiratseintrag fand, macht deutlich, dass bereits hier ein tragischer Verlust stattgefunden hatte.

Heiratseintrag Albert Günther und Caroline Mehler 04.05.1873, Stadtarchiv Erfurt, Kirchenbuch der Gemeinde Barfüßer, Mai 1873

Caroline blieb nicht im beschaulichen Treffurt. Das knapp hundert Kilometer entfernte Erfurt war damals ein Anziehungspunkt für viele Menschen aus der Region und die heutige thüringische Landeshauptstadt war auch Carolines Ziel. Im April 1869 findet sich hier ihre erste Spur in den Häuserlisten, da war sie gerade 20 Jahre alt geworden. Sie verdingte sich als Dienstmädchen, zunächst im Haus des Stadtrats Naumann in der Gartenstraße, später am Wenigemarkt, ganz in der Nähe von Erfurts Wahrzeichen, der Krämerbrücke.

Meldeeintrag Caroline Mehler ganz unten, Stadtarchiv Erfurt, Einwohnermelderegister Gartenstr. 34, 1859-1872

Der Müllergeselle Albert Günther war bereits 1863 mit 18 Jahren nach Erfurt gekommen. Wie Caroline kam er aus dem Umland, aus der Kurstadt Tennstedt, wo schon Goethe badete. Albert wurde dort am 02.01.1846 als Sohn eines Böttchermeisters geboren. Das Fässermachen reizte ihn wohl nicht sehr und so suchte er sich den schweren Beruf des Müllers aus, dem man sich damals mit Haut und Haaren verschreiben musste. Schier unendliche Arbeitszeiten und keine Privatsphäre, mit Glück bekam mein ein eigenes Bett in der Mühle zugeteilt, viele mussten sich dieses aber auch mit anderen Arbeitern teilen. Die Erfurter Häuserliste dokumentiert Alberts erste Zeit in der Stadt sehr anschaulich: 19 Wohnungswechsel in zehn Jahren, alle paar Monate ging es in eine andere Mühle in der Altstadt. Getreidemühlen, Ölmühlen, er war vielseitig.

Trotzdem fand Albert die Zeit für die Gründung einer Familie. Als er Caroline 1873 heiratete, war sie bereits mit Zwillingen schwanger und das unstete Leben hatte ein Ende. Sie bezogen eine Wohnung am Rande des Erfurter Domplatzes und dort kamen im September 1873 ihre ersten Kinder Friederike Amalie und Johann Georg zur Welt.

Vielleicht sollten die Kinder nicht in der engen Altstadt aufwachsen, vielleicht bekam Albert ein besseres Arbeitsangebot, jedenfalls zogen sie bald darauf hinaus in die Vorstadt. Gispersleben ist heute ein Stadtteil von Erfurt und beliebt für einen Spaziergang im Grünen entlang der Gera. Der Ort bestand damals aus zwei Kirchengemeinden, die den Ortsteilen ihren Namen gaben: Kiliani und Viti. Albert und Caroline entschieden sich für Kiliani. Aber die Hoffnungen, die sie mit einem Neuanfang auf dem Lande verbunden haben mögen, erfüllten sich nicht. Die kleine Amalie starb kurz nach ihrem ersten Geburtstag, ihr Zwillingsbruder Georg 1879 mit sechs Jahren. Als Todesursache wird bei ihm „Croup“ angegeben, Diphtherie. Auch das dritte Kind der Familie, Emil, wurde nur fünf Jahre alt. Er überlebte eine Gehirnentzündung nicht. Weitere 12 Kinder kamen auf die Welt, doch die Verluste nahmen kein Ende. 15 Kinder hatte Caroline in 20 Jahren geboren, davon zwei mal Zwillinge, und nur sieben von ihnen überlebten. Sie war mehr oder minder 20 Jahre lang schwanger gewesen.

Nachdem Albert und Caroline auch ihren Jüngsten Adolph 1893 eine Woche nach der Geburt verloren hatten, scheint ein Ruck durch die Familie gegangen zu sein. Vielleicht auch befördert dadurch, dass die Hildebrandtsche Mühle in Gispersleben, wahrscheinlich Arbeitgeber von Albert, schloss und zu einem Kraftwerk umgebaut wurde. Albert war Mitte 40 und bereit für einen Neuanfang. Aber nicht zur nächsten Mühle oder in eine andere thüringische Stadt – die Familie wollte ganz weit weg. Über 1000 km nach Osten, an den Rand des deutschen Reichs, nach Ostpreußen. In einen kleinen Ort mit dem Namen Naujeningken im Kreis Tilsit-Ragnit. Caroline und Albert hatten ihre Geburtsorte hinter sich gelassen, jetzt die neue Heimat Gispersleben und sicherlich bedeutete die Entscheidung für Naujeningken auch den Verlust von vielen Verwandten und Freunden.

War Gispersleben schon eher ein Kleinstadt gewesen, Naujeningken war winzig. Ein bisschen Leben brachte sicherlich die Bahnstation im Ort, aber ansonsten gab es nur zwei große Bauernhöfe, einen Kolonialwarenladen und eine Getreidehandlung. In Alberts Sterbeeintrag steht als Berufsbezeichnung „Geschäftsführer“ und diese Getreidehandlung ist in Naujeningken das einzige Geschäft, das es damals zu führen gab. Vom Müller zum Getreidehändler, das kommt mir auch plausibel vor.

Für die Kinder der Familie war das Dorf im östlichen Ostpreußen mit seinen endlosen Feldern und Wäldern hoffentlich für ein paar Jahre ein kleines Paradies. Einen Beruf außerhalb der Landwirtschaft zu ergreifen und sich die Basis für eine Familiengründung zu schaffen, war in dem 300- Seelendorf aber nur schwer möglich. Die meisten Kinder der Familie zog es daher ins 120 km entfernte Königsberg, so wie zuvor ihre Eltern aus ihren thüringischen Dörfern nach Erfurt.

Ostpreußen 2020 – während unserer Reise durch Nordpolen

Königsberg – die Stadt Immanuel Kants, Krönungsstadt der preußischen Könige, Handelsmetropole an der Ostsee. Für die Kinder der Familie Günther eine neue Heimat mit neuen Chancen. Die Spuren von vier der acht Kinder der Günthers nach Königsberg konnte ich verfolgen. Sie heirateten, bekamen Kinder, lebten als Müller, Schneidermeister und Glasbläser. Der Sterbeeintrag von Albert Günther weist 15 Enkelkinder aus. Er starb mit 73 Jahren in Naujeningken und ich stelle ihn mir als stolzen Großvater vor, der am Ende seines Lebens zufrieden auf seine Entscheidungen zurückblickt. Caroline starb 72jährig drei Jahre später in Königsberg, ihre Tochter Friederike hatte sie zu sich genommen.

Kirchenbuch Budwethen, Kreis Ragnit, Sterberregister 1908-1944, S. 101,
Original: Evangelisches Zentralarchiv Berlin, online bei Archion

Bei Carolines Tod 1922 dominierte die Insellage Ostpreußens als Folge des Ersten Weltkriegs das Leben in Königsberg. Große wirtschaftliche Probleme, aber auch der Ausbau der Stadt, neue Parkanlagen, Bahnhöfe und ein Flughafen entstanden, große Veranstaltungen sollten die Moral stärken. Wahrscheinlich noch eine gute Zeit.

Doch Königsberg steht nicht nur für Handel, Kultur und Pracht, Königsberg steht auch für eine sinnlose und zerstörerische Schlacht um die zur Festung erklärte Stadt, für Flucht und Vertreibung. All dies traf Alberts und Carolines Nachfahren.

Die Spuren der Kinder der Familie Günther nach dem Krieg führen nach Cuxhaven, Hameln, Düren, Menden und Sonneberg in der damaligen DDR. Ihrem Schicksal habe ich in Vertriebenenzeitungen nachgespürt und bin dabei auf zwei Anzeigen aus den fünfziger Jahren im „Ostpreußenblatt“ gestoßen, die einen Einblick in die weiteren Verluste der Familie geben.

Minna Günther sucht am 05.06.1950 ihren Bruder Carl, „zuletzt beim Volkssturm Ratshof“. Mit über 65 Jahren gehörte er zum letzten Aufgebot zur sinnlosen Verteidigung der Stadt und wird einer der mehr als 100.000 Toten der Schlacht um Königsberg gewesen sein.

Friederike Günther starb 1954 in Cuxhaven. „Fern unserer Heimat“ betont ihre Traueranzeige im Ostpreußenblatt. Aber auch an zwei weitere Tote erinnert diese Anzeige: ihren Mann Friedrich Demenus, „gestorben 16.09.1944 in Ostpreußen“ und ihren Schwiegersohn „Hans Müller, vermißt“.

Mit freundlicher Genehmigung der Preußischen Allgemeinen Zeitung
Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Preußischen Allgemeinen Zeitung

Die Geschichte der Familie mit ihren vielen Verlusten berührt mich sehr. Sie ist so exemplarisch für viele Lebenswege im späten 19. und 20. Jahrhundert. Carolines Schwester, meine Ururgroßmutter Maria, starb 1931 in Althaldensleben bei Magdeburg. Ich hoffe, die Schwestern haben sich trotz der großen Entfernung nicht ganz aus den Augen verloren.

Ich hoffe außerdem, dass ich keinem der Nachfahren mit dieser Schilderung zu nahe getreten bin, sollten sie sie jemals lesen. Ich habe ausschließlich öffentlich zugängliche Quellen verwendet.

Und wer weiß, vielleicht führt der Zufall ja uns, die Generation der Ururenkel, wieder zusammen. Liebe Angehörige der Familien Günther, Demenus, Müller und Siemokat – meldet euch gerne, ich würde mich sehr freuen!

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Amber Gill

    Liebe Julia,
    Ich kann Dir garnicht sagen wie diese Geschichten mein Herz berührt haben…
    Besonders aber die „Reise zu Onkel Ernst“ und „das Haus in Pommern“
    Es motiviert mich aufs Neue mich intensiver mit der Familie meines Großvaters zu beschäftigen der ebenfalls aus Pommern kam.
    Leider scheinen alle Unterlagen aus dem kleinen Ort in dem er geboren wurde und aufgewachsen ist verschollen oder vernichtet zu sein…
    Mal sehen ob ich einen Ansatz finde um nochmal durch zu starten!
    An Motivation fehlt es mir Dank Deiner wunderschönen Erzählungen jedenfalls nicht mehr.
    Ich würde mich über weitere Erzählungen freuen😊
    LG
    Amber

  2. Dr. Thomas Schwarick

    Verluste Fam. Günther, hier Fam. Mehler
    Ich beziehe mich auf Ihre Ausführungen zur Tätigkeit von Albert Günther bei der Fa. Hildebrandt in Gispersleben. Ich bearbeite die Geschichte dieses Mühlenunternehmens seit über 15 Jahren. Anfang des Jahres 2022 ist dazu das Buch zur Geschichte erschienen.
    Vielleicht kommen wir in einen Gedankenaustausch.
    Dr. Schwarick (Gispersleben)

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