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	<title>Jüdische Geschichte Archive - Ahnenblog</title>
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	<description>Geschichten, Tipps und Tricks aus meiner Ahnenforschung</description>
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		<title>&#8222;Eine Zierde dieser freundlichen Stadt&#8220; &#8211; Die Synagoge von Schivelbein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Nov 2025 11:31:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ortsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Schivelbein]]></category>
		<category><![CDATA[Synagoge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Schivelbeiner Synagoge, einst Teil des reichen jüdischen Lebens in Pommern, wurde 1938 in der Reichspogromnacht zerstört.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/eine-zierde-dieser-freundlichen-stadt-die-synagoge-von-schivelbein/">&#8222;Eine Zierde dieser freundlichen Stadt&#8220; &#8211; Die Synagoge von Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Ein Haus im Herzen der Stadt</h2>



<p>Bereits seit 1821 besaß die jüdische Gemeinde Schivelbeins eine Synagoge, die „59 Jahre hindurch die Schivelbeiner Juden bei freudigen und schmerzlichen Anlässen aufgenommen“ hatte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup> Das Gotteshaus lag zentral in der damaligen Neustadt &#8211; der späteren Glasenappstraße &#8211; schräg hinter der Marienkirche, und nur wenige Schritte vom Schivelbeiner Marktplatz entfernt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup></p>



<p>Diese Lage im Herzen der Stadt war keineswegs selbstverständlich. Die Entscheidung, die Synagoge nicht &#8211; wie in vielen anderen deutschen Städten jener Zeit &#8211; verborgen in einem abgelegenen Viertel zu errichten, sondern in Nachbarschaft zur christlichen Kirche, zeugt davon, dass jüdisches Leben in Schivelbein als selbstverständlicher Bestandteil der städtischen Gesellschaft galt. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/79658586_164787024882233_4584624387272998912_n.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="636" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/79658586_164787024882233_4584624387272998912_n-1024x636.jpg" alt="" class="wp-image-2741" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/79658586_164787024882233_4584624387272998912_n-1024x636.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/79658586_164787024882233_4584624387272998912_n-300x186.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/79658586_164787024882233_4584624387272998912_n-768x477.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/79658586_164787024882233_4584624387272998912_n-1536x954.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/79658586_164787024882233_4584624387272998912_n.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Luftaufnahme Schivelbein, links die Marienkirche, schräg rechts daneben die Synagoge</figcaption></figure>
</div>


<p>Viele Jahre hatte das alte Fachwerkgebäude seinen Dienst getan. Doch mit dem dem fortschreitenden baulichen Verfall und dem Wachstum der jüdischen Bevölkerung wurde ein Neubau Mitte des 19. Jahrhunderts unausweichlich. Man war sich einig: Für die mittlerweile rund 400 Gemeindemitglieder sollte ein würdiges, repräsentatives Gotteshaus entstehen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup></p>



<p>Der geplante Neubau sollte nicht nur den religiösen Bedürfnissen der Gemeinde entsprechen, sondern war vermutlich auch Ausdruck der Emanzipationsbestrebungen und des gesellschaftlichen Aufstiegs der jüdischen Bevölkerung im kaiserlichen Preußen. Das neue Gotteshaus stellte daher wohl weit mehr als einen Raum für den Gottesdienst dar &#8211; es sollte wahrscheinlich zugleich das Streben nach Gleichberechtigung und Anerkennung im öffentlichen Leben verkörpern und als sichtbares Zeichen des Selbstbewusstseins und des Stolzes der jüdischen Gemeinde dienen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Opferbereitschaft und architektonische Pracht</h2>



<p>Der Neubau in repräsentativer Ausführung kostete Geld &#8211; viel Geld &#8211; und die Gemeinde musste, wie es hieß, &#8222;bedeutende Opfer&#8220; bringen,<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup> um das Projekt zu verwirklichen. </p>



<p>Zunächst war eine Erweiterung des vorhandenen Baugrundstücks erforderlich. Der Schivelbeiner Kaufmann Salomon Ephraim Jacobus erwarb ein angrenzendes Areal mit Wohnhaus, Garten und Hofräumen, das er der Synagogengemeinde großzügig schenkte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> </p>



<p>Doch auch viele andere Gemeindemitglieder griffen tief in die Tasche, um den Bau des Gotteshauses zu ermöglichen. Die Baukosten beliefen sich schließlich 51.000 Mark<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup>&#8211; nach heutiger Kaufkraft fast 400.000 Euro. Um diese Summe aufzubringen, waren hohe Mitgliederbeiträge von teils bis zu 165 Prozent der Einkommenssteuer erforderlich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> </p>



<p>Als die Finanzierung schließlich gesichert war, konnte am 26. Mai 1879 die feierliche Grundsteinlegung stattfinden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> Nur eineinhalb Jahre später war das neue Gotteshaus vollendet &#8211; und es war, wie der Stettiner Rabbiner Dr. Vogelstein in seiner Einweihungspredigt betonte &#8211; &#8222;eine Zierde dieser freundlichen Stadt geworden&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein-1.jpg"><img decoding="async" width="1024" height="682" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein-1-1024x682.jpg" alt="" class="wp-image-2736" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein-1-1024x682.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein-1-300x200.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein-1-768x511.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein-1.jpg 1281w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a></figure>
</div>


<p>Die hohe Hauptfassade fiel schon von weitem ins Auge. Eine große Rosette und ein hervorgehobenes Eingangsportal verliehen dem Bau eine prägnante Gestalt. Über dem Eingang prangte die Inschrift: &#8222;וְעָשׂוּ לִי מִקְדָּשׁ, וְשָׁכַנְתִּי בְּתוֹכָם“ &#8211; <em>Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne</em> (Exodus 25,8).<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup></p>



<div class="wp-block-group alignfull"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p class="wp-container-content-9cfa9a5a">Seitlich ließen zwei Reihen von Fenstern Licht in das Innere strömen. Die kleinen runden Scheiben sorgten vermutlich für ein sanft gefiltertes, festliches Licht im Innenraum. Maurische Elemente wie Hufeisenbögen und zierliche Türmchen mischten sich mit gotischen und romanischen Formen. So war ein Backsteingebäude mit einem eigenen, unverwechselbaren Charakter entstanden &#8211; eine Verbindung jüdischer Symbolik mit den Formen europäischer Baukunst. </p>



<p class="wp-container-content-9cfa9a5a">Die Synagoge war von einem kleinen Garten umgeben. Zwischen den Bäumen war das Gebäude weithin sichtbar und prägte das Straßenbild. Ein Eisenzaun trennte es von der Straße, blieb jedoch offen genug, um Gemeindemitglieder und Gäste willkommen zu heißen.</p>
</div></div>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-1.jpg"><img decoding="async" width="629" height="397" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-1.jpg" alt="" class="wp-image-2727" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-1.jpg 629w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-1-300x189.jpg 300w" sizes="(max-width: 629px) 100vw, 629px" /></a></figure>
</div>


<p>Vom Innenraum ist ein Photo des zentralen Thoraschreins, des Aron haKodesch, erhalten, der traditionell an der Ostwand stand. Es zeigt einen geöffneten Schrein, eingerahmt von jeweils zwei Säulen an jeder Seite unter einem Rundbogen, über dem ein Davidstern prangt. Auf der Aufnahme sind helle Wände, silberne Leuchter und Wandtafeln zu erkennen, eventuell Gedenktafeln für Gefallene des Ersten Weltkriegs oder Stiftungstafeln. Schriftliche Quellen erwähnen außerdem ein Harmonium für die musikalische Begleitung,<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup> die ewige Lampe,<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> einen kostbaren Vorhang, der den Thoraschrein bedeckte, sowie Thoramäntel, die die heiligen Rollen umhüllten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-innen.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="506" height="770" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-innen.jpg" alt="" class="wp-image-2735" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-innen.jpg 506w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-innen-197x300.jpg 197w" sizes="auto, (max-width: 506px) 100vw, 506px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">aus dem Israelitischen Familienblatt 1931 <sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup></figcaption></figure>
</div>


<p>Vieles deutet darauf hin, dass die Synagoge über eine Empore verfügte &#8211; charakteristisch für Synagogenbauten des 19. Jahrhunderts im mitteleuropäischen Raum. Die zweigeschossige Fassade mit den hohen Fenstern im Obergeschoss sowie die Größe der Gemeinde und ihr entsprechender Platzbedarf stützen diese Annahme. Vermutlich war die Empore den Frauen vorbehalten.</p>



<p>Alles in allem lässt das überlieferte Bild einen Ort ruhiger Würde vermuten, in dem sanftes Licht und bürgerliche Eleganz die Atmosphäre prägten.</p>



<p>Am 2. Dezember 1880 wurde der neue repräsentative Mittelpunkt jüdischen Lebens in Schivelbein feierlich eingeweiht. Die ewige Lampe wurde entzündet, die Thorarollen in die heilige Lade gestellt<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup> und dann hielt Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin die Einweihungspredigt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zwischen Blütezeit und Bedrohung</h2>



<p>Über viele Jahrzehnte war die Synagoge das geistige und gesellschaftliche Zentrum der jüdischen Gemeinde. Sie diente, wie es Prediger Rackwitz 1898 ausdrückte, zugleich als &#8222;ein Versammlungsort, ein Tempel oder Bethaus, eine Schule oder ein Lehrhaus&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> Lehrer, Kantoren und mit <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-schivelbeiner-rabbi-aus-stuttgart/">Dr. Karl Richter</a> zuletzt auch der Bezirksrabbiner wirkten hier und prägten das religiöse Leben nachhaltig.</p>



<p>Doch schon früh wurde das Gotteshaus Ziel antisemitischer Angriffe. Ein Bericht aus dem Jahr 1894 schildert die Ereignisse: &#8222;Schon zu wiederholten Malen sind von jungen Burschen die Fensterscheiben in der Synagoge, an Straßenlaternen u.s.w. eingeworfen worden. Jüngst traf ein solcher Wurf ein Synagogenfenster während des Gottesdienstes und zertrümmerte es. Ueberhaupt scheint es, als ob sich die Burschen insbesondere jüdisches Eigentum für ihre Zerstörungswut ausersehen haben.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup> Berichte über Zerstörungen während der <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/heymann-jacobus-und-die-krawalle-von-schivelbein/">Schivelbeiner Exzesse</a> im August 1881 sind nicht überliefert &#8211; doch ist anzunehmen, dass auch die Synagoge von den antisemitischen Ausschreitungen betroffen war.</p>



<p>Im Oktober 1910 brachen Unbekannte in das Gebäude ein. Sie stahlen den Vorhang des Thoraschreins, Thoramäntel  und Silbergeräte im Wert von etwa 1000 Mark.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Ein Teil der Gegenstände wurde ein Jahr später bei Reinickendorf nahe Berlin wiederaufgefunden,<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup> der Rest blieb verschollen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="520" height="318" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein2.jpg" alt="" class="wp-image-2728" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein2.jpg 520w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/10/Synagoge-Schivelbein2-300x183.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px" /></figure>
</div>


<p>1931 feierte die Gemeinde das 50-jährige Bestehen ihrer Synagoge. Angesichts der wirtschaftlich schwierigen Zeit verzichtete man auf eine große Feier und beendete den Festgottesdienst lediglich mit einem gemütlichen Beisammensein. Zuvor hatte man es sich aber nicht nehmen lassen, das Gebäude renovieren und mit einem neuen Anstrich versehen zu lassen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup></p>



<p>Für den Mühlenbesitzer <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-juedische-muehlenbesitzer-von-schivelbein/">Max Salomon</a>, der mehr als drei Jahrzehnte an der Spitze der Gemeinde stand, wurde das Synagogenjubiläum zum letzten großen Fest seines Lebens. Ein Jahr später, am 17. März 1932, starb er. In seiner Festrede hatte er Gottes Segen für Synagoge und Gemeinde erfleht<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup> – ein Wunsch, der sich keine sieben Jahre später zerschlagen sollte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das Ende</h2>



<p>In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stand die Synagoge, das Zentrum jüdischen Gemeindelebens in Schivelbein, in Flammen. Gemeindemitglieder eilten herbei, um ihr Gotteshaus zu retten, doch sie wurden daran gehindert und verjagt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> Die Feuerwehr beschränkte sich darauf, ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser zu verhindern. Kurz darauf wurden die verbliebenen Mauern gesprengt und die Steine zur Ausbesserung von Wegen verwendet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> Von dem ehrwürdigen Bau blieb nichts zurück. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="219" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/571451142_10240265558436248_7932427581616352543_n-219x300.jpg" alt="" class="wp-image-2748" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/571451142_10240265558436248_7932427581616352543_n-219x300.jpg 219w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/571451142_10240265558436248_7932427581616352543_n-747x1024.jpg 747w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/571451142_10240265558436248_7932427581616352543_n-768x1052.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/571451142_10240265558436248_7932427581616352543_n.jpg 864w" sizes="auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px" /><figcaption class="wp-element-caption">Blick vom Dahliengarten auf die Marienkirche (eigenes Bild)</figcaption></figure>
</div>


<p><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-juedische-arzt-von-schivelbein/">Dr. Siegbert Meyersohn</a>, Max Salomons Schwiegersohn und neuer Vorsitzender der Synagogengemeinde, Max Ehrenberg, der Kantor und Religionslehrer sowie weitere hochangesehene Gemeindemitglieder wurden verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin deportiert. </p>



<p>Für das verwüstete Gelände in bester Innenstadtlage ließ sich die Stadt 1940 als Eigentümerin ins Grundbuch eintragen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> Anstelle des Gotteshauses plante sie den Neubau des Rathauses,<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup> was jedoch nie realisiert wurde. Stattdessen legte man einen Dahliengarten an, in dem die nichtjüdischen Schivelbeiner fortan flanierten.  Juden lebten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Schivelbein. Gauleiter Franz Schwede-Coburg, ein glühender und übereifriger Nationalsozialist, hatte sein Ziel erreicht und Pommern als ersten Gau des Reiches für „judenfrei“ erklärt. </p>



<p>Schivelbeiner, die später vertrieben wurden, trugen in ihre handgezeichneten Stadtpläne noch immer die Synagoge ein<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> – als wäre sie nie verschwunden. Doch aus der „Zierde dieser freundlichen Stadt“ war ein leerer Platz geworden.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="794" height="511" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/Stadtplan-Schivelbein-Ausschnitt.jpg" alt="" class="wp-image-2759" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/Stadtplan-Schivelbein-Ausschnitt.jpg 794w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/Stadtplan-Schivelbein-Ausschnitt-300x193.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/11/Stadtplan-Schivelbein-Ausschnitt-768x494.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 794px) 100vw, 794px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ausschnitt aus dem Stadtplan von Schivelbein, links unten die Synagoge, gefertigt von Paul Heyse</figcaption></figure>
</div>


<h2 class="wp-block-heading">Quellen</h2>



<p>Dr. Joel, Julius: Fest-Predigt bei dem zur Krönungsfeier Ihrer Majestät von Preussen (am 18. Oktober 1861) veranstalteten Gottesdienste in der Synagoge zu Schivelbein, Selbstverlag Schivelbein 1861</p>



<p>Dr. Vogelstein, Hermann: Wahrheit und Friede, Predigt, gehalten zur Feier der Einweihung der neuen Synagoge zu Schivelbein, Verlag von Barnim Behrendt, Stettin 1881</p>



<p>Salinger, Gerhard: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns, Teilband 3: Teil III N-Z, S. 705 f. und Teilband 4: Anhang zu Teil III, S. 1055</p>



<p><strong>Zeitungsartikel</strong><br>Allgemeine Zeitung des Judenthums 43. Jahrgang, Nr.25 vom 17.06.1879, S. 396: Bericht über die Grundsteinlegung zum Neubau einer Synagoge</p>



<p>Jeschurun 24 vom 15.06.1894, S. 365: Einwurf der Fensterscheiben der Synagoge</p>



<p>Der Israelit 47 vom 16.06.1898, S. 861: &#8222;Antisemitische Wahrheitsliebe&#8220;</p>



<p>General Anzeiger für Bonn und Umgegend 21. Jahrgang, Nr. 7382 vom 25.10.1910, S.11: Einbruch in die Synagoge</p>



<p>Israelitisches Familienblatt 12. Jahrgang, Nr. 47 vom 24.11.1910, S. 4: Fund von Gegenständen, die beim Synagogendiebstahl entwendet wurden </p>



<p>Israelitisches Familienblatt 33. Jahrgang, Nr. 5 vom 29. Januar 1931, S. 5: 50jähriges Synagogenjubiläum</p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 33. Jg. Nr. 5 vom 29.01.1931, S. 5</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;s. Stadtpläne von Schivelbein, gefertigt 1968/69 von Paul Heyse und 1993 von Dietrich Leistikow&nbsp;</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judenthums 43. Jg. Nr. 25 vom 17.06.1879, S. 396</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judenthums 43. Jg. Nr. 25 vom 17.06.1879, S. 396</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Grundbuch von Schivelbein, Band 2, No. 382, Israelitisches Familienblatt 33. Jg. Nr. 5 vom 29.01.1931, S. 5</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Salinger, Gerhard: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns, Teilband 3: Teil III N-Z, S. 705 </div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Salinger, Gerhard: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns, Teilband 3: Teil III N-Z, S. 709</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judenthums 43. Jg. Nr. 25 vom 17.06.1879, S. 396</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dr. Vogelstein, Hermann: Wahrheit und Friede, Predigt, gehalten zur Feier der Einweihung der neuen Synagoge zu Schivelbein, S. 3</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;s. Bild der Synagoge, mit bestem Dank an die Facebook-Gruppe Jewish Genealogy Portal für die Hilfe bei der Entzifferung</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 33. Jahrgang, Nr. 5 vom 29. Januar 1931, S. 5</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dr. Vogelstein, Hermann: Wahrheit und Friede, Predigt, gehalten zur Feier der Einweihung der neuen Synagoge zu Schivelbein, S. 3</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;General Anzeiger für Bonn und Umgegend 21. Jahrgang, Nr. 7382 vom 25.10.1910, S.11</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 33. Jg. Nr. 5, 29.01.1931, S. 5</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dr. Vogelstein, Hermann: Wahrheit und Friede, Predigt, gehalten zur Feier der Einweihung der neuen Synagoge zu Schivelbein, S. 3</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Israelit 16.06.1898, Zitat Schivelbeiner Kreisblatt Nr. 97</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jeschurun 24, 15.06.1894, S. 365</div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;General Anzeiger für Bonn und Umgegend 21. Jahrgang Nr. 7382 vom 25.10.1910, S.11</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 33. Jahrgang, Nr. 5 vom 29. Januar 1931, S. 5</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 33. Jahrgang Nr. 5 vom 29. Januar 1931, S. 5</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 33. Jahrgang Nr. 5 vom 29. Januar 1931, S. 5</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Salinger, Gerhard: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns, Teilband 4: Anhang zu Teil III S. 1055</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Salinger, Gerhard: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns, Teilband 3: Teil III N-Z, S. 713, basierend auf den Erinnerungen von Gisela Mießner</div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Grundbuch von Schivelbein, Band 2, No. 382</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Salinger, Gerhard: Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns, Teilband 3: Teil III N-Z, S. 713, basierend auf den Erinnerungen von Gisela Mießner</div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Pläne von Dietrich Leistikow und Paul Heyse</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/eine-zierde-dieser-freundlichen-stadt-die-synagoge-von-schivelbein/">&#8222;Eine Zierde dieser freundlichen Stadt&#8220; &#8211; Die Synagoge von Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Sommer in Misdroy &#8211; eine jüdische Ferienkolonie in Pommern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Jul 2025 13:45:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ferienkolonie]]></category>
		<category><![CDATA[Misdroy]]></category>
		<category><![CDATA[Pommern]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sommerfrische an der Ostsee: Die Geschichte des jüdischen Kinderheims in Misdroy, Adolph Mayers Engagement – und das abrupte Ende in Zeiten des NS-Terrors.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/sommer-in-misdroy-eine-juedische-ferienkolonie-in-pommern/">Sommer in Misdroy &#8211; eine jüdische Ferienkolonie in Pommern</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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<h2 class="wp-block-heading"><strong>Von der Großstadt aufs Land – die Idee der Ferienkolonien</strong></h2>



<p>Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs in Europa die Idee, Stadtkindern in den Ferien eine Auszeit auf dem Land oder am Meer zu ermöglichen – fern vom Lärm der Großstadt, mitten in frischer Luft und Natur. Einer der ersten, der dieses Konzept in die Tat umsetzte, war der Schweizer Sozialreformer Walter Bion: 1876 organisierte er die erste Ferienkolonie für Kinder und wurde damit zum Vorbild für viele ähnliche Initiativen.</p>



<p>Schon bald griffen auch in Deutschland Wohlfahrtsvereine und kirchliche Gruppen das Konzept auf. In einer Zeit wachsender Städte, beengter Wohnungen und mangelhafter hygienischer Verhältnisse sollten Ferienkolonien den negativen Folgen von Armut, Bewegungsmangel und schlechter Ernährung entgegenwirken – und Kindern wenigstens für einige Wochen bessere Lebensbedingungen bieten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Jüdische Ferienkolonien für Berlin</h2>



<p>Auch jüdische Gemeinden sahen den besonderen Wert solcher Ferienkolonien und entwickelten eigene Angebote, die gezielt auf die Bedürfnisse jüdischer Kinder ausgerichtet waren. Gerade in den Großstädten, vor allem in Berlin, lebten viele jüdische Kinder in ungesunden Verhältnissen. Die damals neu gegründete Berliner Loge des B’nai B’rith &#8211; eine jüdische Hilfs- und Bruderschaftsorganisation &#8211; griff das Thema 1884 engagiert auf. Im Jubiläumsbericht der Loge heißt es dazu: „Die Notwendigkeit der Einrichtung besonderer jüdischer Ferien-Kolonien ergab sich aus dem nicht abzuweisenden Bedürfnisse nach ritueller Verpflegung der armen,  jüdischen Kinder.“<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup><br><br>Zunächst waren die Kinder in Gastfamilien untergebracht. Die Finanzierung der Aufenthalte erfolgte entweder durch Spenden der Logenmitglieder oder durch die Gastgeber selbst. Solche sogenannten „Freistellen“ sind etwa für Löcknitz und Cammin in Pommern belegt. Im Jubiläumsbericht wird der Dank an die gastgebenden Familien in herzlichen Worten formuliert: „Wir können den wahrhaft edelgesinnten Familien, welche unsere Kolonisten unentgeltlich bei sich aufnehmen und wie ihre eigenen Kinder liebevoll pflegen, gar nicht genug danken für den Sonnenschein, den sie in das Gemüt unserer armen Schützlinge hineinzaubern.“<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup></p>



<p>Die Wirkung war spürbar: „Die Kinder kehrten gekräftigt zurück und wussten nicht genug zu erzählen von der guten Verpflegung, der liebevollen Behandlung und den Natureindrücken, die sie gewonnen hatten.<em>“</em><sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup> </p>



<h2 class="wp-block-heading">Das Werk Adolph Mayers</h2>



<p>Die Organisation lag in den Händen des Berliner Vereins „Ferienkolonien für jüdische Kinder&#8220;. Die zentrale Persönlichkeit war Adolph Mayer, ein 1848 im mittelrheinischen Oberwesel geborener Weingroßhändler.</p>



<p>Beruflich hatte es Adolph Mayer schnell zu Erfolg gebracht: 1874 war er in den Vorstand der Albertinen-Hütte AG für Glasfabrikation in Berlin eingetreten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup> Keine vier Jahre später erwarb er seine eigene Firma &#8211; eine Weingroßhandlung in Berlin-Mitte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> </p>



<p>Privat musste er einen schweren Schicksalsschlag bewältigen &#8211; nach nur einem Jahr Ehe starb seine erste Frau 1876 bei der Totgeburt ihres Kindes.<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup>  Vier Jahre später heiratete er erneut und gründete mit seiner zweiten Frau Marie eine Familie mit zwei Söhnen.</p>



<p>Aber Adolph Mayer begnügte sich nicht damit, geschäftlich und familiär abgesichert zu sein. Vielleicht getrieben durch seine eigene Tragödie lag ihm die Jugendfürsorge in der jüdischen Gemeinde und hier besonders die Weiterentwicklung der Erholung der Kinder am Herzen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/131-Weingrosshaendler-Adolph-Mayer.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="437" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/131-Weingrosshaendler-Adolph-Mayer.jpeg" alt="" class="wp-image-2657" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/131-Weingrosshaendler-Adolph-Mayer.jpeg 437w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/131-Weingrosshaendler-Adolph-Mayer-205x300.jpeg 205w" sizes="auto, (max-width: 437px) 100vw, 437px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Adolph Mayer, &nbsp;Quelle: Sammlung Walter Karbach Trier</figcaption></figure>
</div>


<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained">
<p>Adolph Mayer war &#8222;die vorwärts strebende und treibende Kraft für die jüdischen Ferien-Kolonien Berlins, ihr Vorsitzender, Schriftführer und Schatzmeister zugleich.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> Mit unermüdlichem Einsatz baute er die Einrichtungen aus, sammelte Spenden, organisierte Unterkünfte und sorgte dafür, dass selbst die ärmsten Stadtkinder ein paar unbeschwerte Wochen auf dem Land erleben konnten. „Die von Jahr zu Jahr steigenden Erfolge der jüdischen Ferien-Kolonien sind in allererster Reihe dem unermüdlichen Wirken und Schaffen des Vorsitzenden Adolf Mayer zuzuschreiben, der neben den vielen Ehrenämtern, die er zu versehen hat, sich diesem seinem Lieblingskinde mit ganz besonderer Sorgfalt widmet“, schrieb die Israelitische Wochenschrift 1905.<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> &#8222;Er stellte seine sonnige Persönlichkeit in den Dienst der guten Sache (…), ging ganz und gar in dem Streben auf, für das leibliche und geistige Wohl der Kolonisten wie ein Vater zu sorgen. Sein Name bleibt für alle Zeiten mit den Berliner jüdischen Ferien-Kolonien eng verknüpft.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup></p>



<p>1897 konnte die erste vereinseigene Ferienkolonie im Solebad Elmen südlich von Magdeburg eröffnet werden, 1901 eine weitere in Schreckshaide bei Züllichau in der Provinz Brandenburg.<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup> Bis eine Ferienkolonie für Kinder an der Ostseeküste entstehen konnte, sollte es jedoch noch dauern. Adolph Mayer konnte diesen Traum nicht mehr verwirklichen &#8211; am 19. Oktober 1906 starb er unerwartet im Alter von nur 58 Jahren an einem Schlaganfall.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup></p>
</div></div>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="600" height="500" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer1.jpg" alt="" class="wp-image-2671" style="width:388px;height:auto" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer1.jpg 600w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer1-300x250.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Traueranzeigen aus dem Berliner Tageblatt vom 21.10.1906<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup></figcaption></figure>
</div>


<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="2000" height="500" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer2.jpg" alt="" class="wp-image-2672" style="width:789px;height:auto" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer2.jpg 2000w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer2-300x75.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer2-1024x256.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer2-768x192.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Adolph-Mayer2-1536x384.jpg 1536w" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" /></a></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Das Kinderheim in Misdroy</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Misdroy – pommerscher Badeort zwischen Wald und Meer</h4>



<p>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Misdroy auf der Insel Wollin eines der beliebten Ostseebäder in der Provinz Pommern — weniger mondän als die berühmten Kaiserbäder auf Usedom, dafür ein ruhigerer Badeort für bürgerliche Familien aus Berlin, Stettin oder Posen. Wer hier Urlaub machte, suchte Erholung in der Natur: breite Sandstrände, Buchenwälder und die steile Küste lockten jedes Jahr mehrere tausend Sommergäste an. </p>



<p>In Baedekers Ostsee-Reiseführer von 1912 wurde Misdroy als „beliebter Badeort auf der Insel Wollin […] mit mildem Seeklima, reinem Sandstrand und guten Badeeinrichtungen“<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup> beschrieben. Bis zu 15.000 Badegäste wurden jährlich gezählt und dies bei nur 2.100 Einwohnern.<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup></p>



<p>Zu dieser Beliebtheit trug auch die zunehmend bessere Erreichbarkeit von Misdroy ab Mitte des 19. Jahrhunderts bei: 1843 wurde die Bahnstrecke Berlin–Stettin vollendet und von Stettin aus führten ab 1892 Zweigstrecken bis an die Küste nach Misdroy. So wurde der kleine Badeort immer leichter für erholungssuchende Städter erreichbar.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-Collage-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="410" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-Collage-1024x410.jpg" alt="" class="wp-image-2669" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-Collage-1024x410.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-Collage-300x120.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-Collage-768x307.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-Collage-1536x614.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-Collage-2048x819.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a></figure>



<h4 class="wp-block-heading">Wie geschaffen für eine Ferienkolonie</h4>



<p>1908 war es für die jüdischen Kinder Berlins so weit: Die Berliner Logen des Ordens B’nai B’rith erwarben in Misdroy die Villa Westendhöhe in der Hohenzollernstraße 11. Für insgesamt 29.000 Mark kauften sie das Anwesen samt Nachbargrundstück, das als Spielplatz genutzt werden sollte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup> Die Villa stellten sie dem Verein Ferienkolonien für jüdische Kinder zu günstigen Bedingungen zur Verfügung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> Zu Ehren ihres langjährigen Vorsitzenden nannten sie die Einrichtung &#8222;Adolph Mayer-Ferienheim&#8220;.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="770" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Ferienheim-Misdroy-1024x770.jpg" alt="" class="wp-image-2660" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Ferienheim-Misdroy-1024x770.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Ferienheim-Misdroy-300x226.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Ferienheim-Misdroy-768x578.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Ferienheim-Misdroy.jpg 1050w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Aus: Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 13</figcaption></figure>



<p>Die Lage war ideal: &#8222;Dasselbe liegt etwas abseits vom eigentlichen Badeleben auf einer Anhöhe, unweit der See, in unmittelbarer Nähe des Waldes. Vor dem Hause ist ein großer Garten mit Springbrunnen und Spalierobst, und ist von dort eine prächtige Aussicht über die See bis Swinemünde, Ahlbeck und Heringsdorf. Das Gebäude selbst enthält in zwei Stockwerken die großen und luftigen Schlafzimmer; die Bodenräume dienen zur Aufbewahrung der Garderoben. Zur ebenen Erde liegt ein geräumiger Speisesaal, dem sich die Küchenräumlichkeiten anschließen. Auf dem großen Spielplatz hinter dem Gebäude, von wo ein schöner Ausblick auf die hügelige Umgebung von Misdroy ist, können sich unsere Schützlinge tummeln, ohne die Nachbarschaft zu belästigen. Bei schlechtem Wetter dient den Kindern ein besonderer Speisesaal zum Aufenthalt.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup></p>



<p>Anfangs bot das Haus Platz für 45 Kinder.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Neben der frischen Seeluft gehörten Ausflüge nach Heringsdorf, Swinemünde oder Rügen zum Ferien-Programm. Eine kleine Bibliothek mit Lese- und Liederbüchern sorgte auch an Regentagen für Beschäftigung. Am Strand und im Wald konnten sich die Kinder unbeschwert erholen – sehr zur Freude der Feriengäste, die das fröhliche Treiben oft mit ansahen: <em>„</em>Wir können freudigst feststellen, dass viele Badegäste den Strand- und Waldaufenthalt unserer Kolonieen aufsuchten und sich an dem munteren Spiel und an der Fröhlichkeit unserer Pfleglinge erfreuten.“<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup></p>



<p>1929 hatten sich die Kapazitäten verdoppelt. Jetzt konnten 100 Kinder ihre Ferien hier verbringen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> Dem Erfolg des Heimes schien wenig im Wege zu stehen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/3512-2260-max-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="659" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/3512-2260-max-1024x659.jpg" alt="" class="wp-image-2665" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/3512-2260-max-1024x659.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/3512-2260-max-300x193.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/3512-2260-max-768x494.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/3512-2260-max-1536x988.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/3512-2260-max-2048x1318.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das jüdische Kinderheim in Misdroy, Quelle: <a href="https://www.herder-institut.de/bildkatalog/iv/142800">https://www.herder-institut.de/bildkatalog/iv/142800</a></figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Das Ende der Unbeschwertheit</h2>



<p>„Möge es uns nie an bewährten Führern und Mitarbeitern fehlen, damit es uns vergönnt sei, die jüdischen Ferien-Kolonien zu immer schönerem und reicherem Gedeihen zu bringen“, hoffte das Komitee noch 1908.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup> Doch es sollte ein ganz anderer „Führer“ sein, der dieser Arbeit ein Ende setzte.</p>



<p>Mit dem „Gesetz gegen Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ von 1933 begann die schrittweise Ausgrenzung jüdischer Kinder, da ihnen der Zugang zu höherer Bildung nun fast unmöglich gemacht wurde. „Je schwer voraussichtlich unsere jetzige Schuljugend dereinst wird kämpfen müssen, um sich beruflich in verengertem Lebensraum zu behaupten, desto notwendiger ist es, ihre Gesundheit rechtzeitig zu stählen und zu kräftigen. Hierzu können die Ferienkolonien einen überaus wertvollen Beitrag leisten.&#8220;, hielt der Bericht zu 50 Jahren Ferienkolonien für jüdische Kinder in Berlin 1934 tapfer dagegen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup></p>



<p>Diese Hoffnung sollte ein Jahr später ein Ende finden. „Die antijüdische Hetze breitet sich wie eine Seuche in den Sommerfrischen und Badeorten aus&#8220;, berichtete Die Stimme im August 1935, „oft werden die jüdischen Erholungsbedürftigen und Badegäste von heute auf morgen durch lärmende Banden aufgefordert, den Ort zu verlassen.“<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup></p>



<p>Es traf auch Misdroy und die Kinder im Adolph Mayer-Heim: &#8222;Misdroy soll judenfrei werden &#8211; Demonstration der Bevölkerung und Badegäste &#8211; Abreise der Juden&#8220;, titelte die Pommersche Zeitung am 25. Juli 1935. Eine empörte Volksmenge zog unter dem Absingen antisemitischer Lieder durch die Stadt, trug Transparente mit der Aufschrift „Juden! Wir geben euch noch 24 Stunden Zeit!“ und brachte an Pensionen mit jüdischen Gästen Schilder an, auf denen stand: „Hier wohnt ein Verräter unserer Weltanschauung.“ Dann ging es auch vor das jüdische Kinderheim &#8211; angeblich &#8222;diszipliniert und anständig&#8220;, so der Autor.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-soll-judenfrei-werden.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="630" height="448" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-soll-judenfrei-werden.jpg" alt="" class="wp-image-2662" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-soll-judenfrei-werden.jpg 630w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/07/Misdroy-soll-judenfrei-werden-300x213.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 630px) 100vw, 630px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Pommersche Zeitung vom 25. Juli 1935</figcaption></figure>
</div>


<p>Die Leiter des Adolph Mayer-Heims mussten erklären, das Haus am nächsten Tag zu räumen. Aus Unbeschwertheit wurde Angst: Noch am Tag zuvor hatten die Kinder Muscheln gesammelt, am nächsten Morgen mussten sie fluchtartig das Heim verlassen. Eingeschüchtert und verängstigt kehrten sie nach Berlin zurück.<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup> </p>



<p>Es war der letzte Sommer für das jüdische Kinderheim in Misdroy. Die Reichsvertretung der Juden musste Ende 1935 melden: &#8222;Im Juni und August 1935 sind eine Reihe von Erholungsheimen aufgrund von Einwirkungen von außen geschlossen worden.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> Darunter befand sich auch das Heim in Misdroy.</p>



<p>Auch die Empörung mancher nicht-jüdischer Gäste in Misdroy konnte den Vorgang nicht mehr aufhalten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup> Mit der Schließung des Kinderheims endete ein Kapitel jüdischer Fürsorgearbeit, das Generationen von Kindern für kurze Zeit Erholung, Sicherheit und Gemeinschaft gegeben hatte — bis auch dieser Ort nicht mehr sicher war.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was bleibt</h2>



<p>Was aus dem Haus in Misdroy wurde, das 1935 Hals über Kopf aufgegeben werden musste, war nicht zu ermitteln. </p>



<p>Die Söhne von Adolph Mayer mussten Deutschland verlassen. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Leopold_Mayer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Karl Leopold Mayer</a>, Schriftsteller und Jurist, flüchtete mit seiner Familie nach Uruguay und kehrte in den 1950er Jahren nach Deutschland zurück, weil er in Südamerika nicht heimisch werden konnte. Er starb 1965 in Baden-Baden. Seine Nachfahren leben in Uruguay.<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup></p>



<p>Der Sohn Paul Anton Mayer wanderte in die USA aus und starb 1958 in Los Angeles. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Danke</h2>



<p>Ich danke Margret Ott für die Anregung dieser Recherche. Besten Dank auch an die Herder-Stiftung für die Überlassung des Bildes des Heimes. Ein besonderer Dank geht an Walter Karbach, der die <a href="https://oberwesel.de/neuigkeiten/nachfahren-der-juedischen-familie-mayer-aus-montevideo-in-oberwesel/">Geschichte der Familie Mayer in Oberwesel</a> recherchiert hat und mir das Bild von Adolph Mayer zur Verfügung gestellt hat.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Literatur</h2>



<p>Karl Baedeker: Die Ostsee, nebst Kiel, Lübeck, Insel Rügen, Königsberg, Danzig, 8. Auflage, Leipzig 1912</p>



<p>Dr. Gustaf Bundt: Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten der Provinz Pommern, Düsseldorf 1929</p>



<p>Im Auftrag der Centralstelle für Sommerpflege: Die Entstehung und Entwicklung der Ferien-Kolonien (Sommerpflege) in Deutschland bis zum Schlusse des Jahres 1891, Berlin 1893</p>



<p>Griebens Reiseführer: Die Ostseebäder, 13. Auflage, Berlin 1908-1909</p>



<p>Komitee für Ferien-Kolonieen jüdischer Kinder: Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908 und Jahresbericht für 1908, Berlin 1909</p>



<p>Die Logenschwester: 50 Jahre Ferienkolonien für jüdische Kinder in Berlin, 7. Jahrgang Nr. 5, Mai 1934, S. 6</p>



<p>Hildegard Lütkemeier, Hilfen für jüdische Kinder in Not, Zur Jugendwohlfahrt der Juden in der Weimarer Republik, Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 1992</p>



<p></p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 2 </div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 3</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 3</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zweite Beilage zum Deutschen Reichsanzeiger und Königlich Preußischen Staatsanzeiger, Nr. 303 vom 28.12.1874, S. 1 </div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zweite Beilage zum Deutschen Reichsanzeiger und Königlich Preußischen Staatsanzeiger, Nr. 106 vom 06.06.1878</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Charlottenburg Sterberegister 1876/269 und 270</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 3</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitische Wochenschrift 14. Jg. Nr. 17 vom 28.04.1905, S. 236 </div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 3</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S.5</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Berlin-Wilmersdorf Sterberegister 1906/498</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung 35. Jg. Nr. 536 vom 21.10.1906, S. 11</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Karl Baedeker: Die Ostsee, nebst Kiel, Lübeck, Insel Rügen, Königsberg, Danzig, 8. Auflage, Leipzig 1912, S. 199 </div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Griebens Reiseführer: Die Ostseebäder, S. 62</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Gemeindebote, 72. Jahrgang Nr. 13 vom 27.03.1908, S. 4</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S.5</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 9</div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 8</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 9 </div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten der Provinz Pommern, S. 113</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht über das 25 jährige Bestehen der jüdischen Ferien-Kolonieen 1884 &#8211; 1908, S. 6</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Logenschwester, S.6: 50 Jahre Ferienkolonien für jüdische Kinder in Berlin</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Stimme, 8. Jg. Nr. 471 vom 02.08.1935, S. 3</div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Pommersche Zeitung 4. Jg. Ausgabe vom 25.07.1935, S.2</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Stimme 8. Jg. Nr. 471 vom 02.08.1935, S. 3</div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arbeitsbericht des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland vom 31.12.1935, S. 44</div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Neuer Vorwärts Nr. 116 vom 01.09.1935, S. 3</div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://oberwesel.de/neuigkeiten/nachfahren-der-juedischen-familie-mayer-aus-montevideo-in-oberwesel/ </div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/sommer-in-misdroy-eine-juedische-ferienkolonie-in-pommern/">Sommer in Misdroy &#8211; eine jüdische Ferienkolonie in Pommern</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Kurt Pinthus und ein fast vergessenes Schicksal</title>
		<link>https://ahnenblog.globonauten.de/kurt-pinthus-und-ein-fast-vergessenes-schicksal/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Jun 2025 10:31:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[jüdischer Friedhof]]></category>
		<category><![CDATA[Pinthus]]></category>
		<category><![CDATA[Schivelbein]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ahnenblog.globonauten.de/?p=2608</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ein verwitterter Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Schivelbein führt zur tragischen Geschichte des knapp 16-jährigen Kurt Pinthus.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/kurt-pinthus-und-ein-fast-vergessenes-schicksal/">Kurt Pinthus und ein fast vergessenes Schicksal</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Während meiner Pommernreise verbrachte ich einen ganzen Tag auf dem jüdischen Friedhof von Schivelbein. Ich versuchte, die Inschriften der Grabsteine zu dokumentieren – viele sind trotz der liebevollen Pflege durch eine Initiative aus Świdwin mittlerweile stark verwittert.</p>



<p>An einem Grabstein blieb ich lange stehen. Der Name darauf taucht in keiner der mir bekannten Dokumentationen zum Friedhof auf. Ich meinte, &#8222;Kurt Pinkus&#8220; zu entziffern, geboren im Jahr 19… – der Rest war unleserlich –, gestorben 1918. Ein junger Mann also. Erster Weltkrieg, schoss es mir durch den Kopf. Eine Recherche beim Volksbund ergab tatsächlich einen Eintrag zu einem Kurt Pinkus, gestorben am 5. August 1918, beigesetzt auf dem Soldatenfriedhof im nordfranzösischen Chauny. War dies also vielleicht kein echtes Grab, sondern eher eine Art Gedenkstein?</p>


<div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;69559bee5a053&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="69559bee5a053" class="aligncenter size-full is-resized wp-lightbox-container"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Kurt-Pinthus.jpeg" alt="" class="wp-image-2609" style="width:auto;height:600px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Kurt-Pinthus.jpeg 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Kurt-Pinthus-225x300.jpeg 225w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /><button
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		</button><figcaption class="wp-element-caption">Grabstein auf dem jüdischen Friedhof von Schivelbein, <br>eigenes Bild</figcaption></figure>
</div>


<p>Die Sache ließ mir keine Ruhe. Nach längerer Suche stieß ich im Internet schließlich auf ein älteres Foto desselben Grabsteins – die Inschrift war deutlich klarer zu erkennen. Und jetzt stand fest: Der Name lautete nicht Pinkus, sondern Pinthus.</p>



<p>Eine Suche im Ortsfamilienbuch Belgard-Schivelbein brachte schnell Klarheit: Kurt Pinthus wurde am 19. Dezember 1902 in Dortmund geboren und er starb am 22. November 1918 in Schivelbein. Im Sterbeeintrag wird er als „Zögling“ bezeichnet, als Wohnort ist Repzin vermerkt &#8211; das konnte nur das <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/das-israelitische-erziehungsheim-in-repzin-und-die-familie-baronowitz/">israelitische Erziehungsheim für Jungen</a> bedeuten.</p>



<p>Was war passiert? War Kurt krank gewesen? Vielleicht gab es ja eine Todesanzeige? Ich suchte im Deutschen Zeitungsportal &#8211; und stieß auf eine Tragödie.</p>



<p>Am 12. Juli 1918 meldete <em>Der Sächsische Erzähler</em>:<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup></p>



<p><em>&#8222;Die Ermordung eines Gendarmeriewachtmeisters ist Dienstag früh in Labes in Pommern entdeckt worden. Um einen Fahnenflüchtigen abzuholen, war Gendarmeriewachtmeister Krüger aus Labes nach Grabow geritten. Als er nicht zurückkehrte, wurden Nachforschungen angestellt. Nach langem Suchen wurde die Leiche, die eine Schußwunde aufwies, in einem Kornfelde gefunden. In der Nähe der Fundstelle wurde auch das Pferd des Gendarmen erschossen aufgefunden. es wird vermutet, daß der verfolgte Flüchtling einen Helfershelfer gehabt hat, der als Mörder in Betracht kommt.&#8220;</em></p>


<div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;69559bee5a9b4&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="69559bee5a9b4" class="aligncenter size-full is-resized wp-lightbox-container"><img loading="lazy" decoding="async" width="276" height="129" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Bildschirmfoto-2025-06-17-um-17.02.12.jpg" alt="" class="wp-image-2617" style="aspect-ratio:16/9;object-fit:cover;width:450px"/><button
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			</svg>
		</button></figure>
</div>


<p>Nur ein paar Tage später hieß es im Westfälischen Merkur:<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup></p>



<p><strong><em>„</em></strong><em>Als mutmaßlicher Mörder verhaftet.</em> <em>In Belgard (Pommern) wurde der 16jährige Fürsorgezögling Kurt Pinthus, der aus einer Fürsorgeanstalt entwichen war und steckbrieflich verfolgt wurde, festgenommen. Er steht in dem Verdacht, Gendarmeriewachtmeister Krüger aus Labes, über dessen Ermordung wir berichteten,  erschossen zu haben.“</em></p>


<div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;69559bee5b055&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="69559bee5b055" class="aligncenter size-full wp-lightbox-container"><img loading="lazy" decoding="async" width="624" height="154" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Ergreifung-Kurt-klein.jpg" alt="" class="wp-image-2625" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Ergreifung-Kurt-klein.jpg 624w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Ergreifung-Kurt-klein-300x74.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px" /><button
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		</button></figure>
</div>


<p>Kurt war zu diesem Zeitpunkt sogar erst fünfzehneinhalb Jahre alt. „Sie werden ihn doch wohl nicht hingerichtet haben – er war fast noch ein Kind“, war mein erster Gedanke. Doch es gibt keinen Prozessbericht, keinen Hinweis auf ein Urteil oder gar eine Hinrichtung. Kurt starb vielmehr im Städtischen Krankenhaus in Schivelbein. Vieles deutet darauf hin, dass er sich das Leben genommen hat – aus Verzweiflung über die Tat, aus Angst vor der drohenden Strafe oder das Leben, das ihm in Repzin bevorstand.</p>



<p>Dass es in Kurts Leben schon zuvor Schwierigkeiten gab, ist wahrscheinlich – sonst wäre er wohl nicht im Israelitischen Erziehungsheim für Jungen untergebracht worden. Eine Anstalt, in der die Zöglinge wie in allen damaligen Fürsorgeerziehungsheimen – christlich wie jüdisch – unter strafvollzugsähnlichen Bedingungen lebten.</p>



<p>Dabei lässt Kurts familiärer Hintergrund anderes vermuten: Seine Mutter Clara Reichenbach stammte aus einer wohlhabenden österreichischen Kaufmannsfamilie, die kurz vor Claras Geburt von Hohenems aus ins nahegelegene schweizerische Rorschach am Bodensee gezogen war.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;69559bee5b774&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="69559bee5b774" class="aligncenter size-full is-resized wp-lightbox-container"><img loading="lazy" decoding="async" width="425" height="640" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/image.jpeg" alt="" class="wp-image-2633" style="width:auto;height:600px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/image.jpeg 425w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/image-199x300.jpeg 199w" sizes="auto, (max-width: 425px) 100vw, 425px" /><button
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		</button><figcaption class="wp-element-caption">Vier Generationen: Clara Pinthus (ganz rechts) mit Tochter Irma, links ihre Mutter Karoline, in der Mitte die Großmutter Bertha, 1897 in Hohenems, Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems, Bestand Reichenbach, f-rei-079</figcaption></figure>
</div>


<p>Sein Vater Theodor und dessen Bruder Max führten in Dortmund ein Kaufhaus. In alten Anzeigen bewerben sie Schaukelpferde und Kinderbücher – Dinge, die eher an eine behütete Kindheit als an ein Fürsorgeheim erinnern. Doch im Mai 1912 mussten die Brüder das Geschäft aufgegeben – ein wirtschaftlicher Bruch, der auch die Familie belastet haben dürfte. Vielleicht war dies der Beginn von Kurts schwieriger Entwicklung.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;69559bee5bde9&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="69559bee5bde9" class="aligncenter size-full wp-lightbox-container"><img loading="lazy" decoding="async" width="600" height="350" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/IMG_9282.jpg" alt="" class="wp-image-2614" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/IMG_9282.jpg 600w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/IMG_9282-300x175.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" /><button
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		</button><figcaption class="wp-element-caption">Anzeigen aus der Dortmunder Zeitung vom 22.12.1900<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup></figcaption></figure>
</div>


<p>Wann genau Kurt nach Repzin kam, ist nicht bekannt. Überliefert ist jedoch, dass es ihm dort nicht gut ging. Im Oktober und November 1917 wurde er dabei erwischt, wie er hungrig Kartoffeln aus dem Hühnertrog nahm &#8211; die Strafe: vier Schläge mit dem Stock.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup> Wenn schon für ein paar Kartoffeln körperliche Züchtigung drohte, was musste ihn dann nach seiner Verhaftung und Rückführung nach Repzin erwarten?</p>



<p>Fünf Monate nach seiner Ergreifung starb Kurt nur ein paar Wochen vor seinem 16. Geburtstag. Ob er den Mord wirklich begangen hatte, ist nicht überliefert. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof ist bis heute erhalten.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;69559bee5c4cd&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="69559bee5c4cd" class="aligncenter size-full is-resized wp-lightbox-container"><img loading="lazy" decoding="async" width="412" height="640" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/f-rei-044-2.jpeg" alt="" class="wp-image-2632" style="width:auto;height:600px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/f-rei-044-2.jpeg 412w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/f-rei-044-2-193x300.jpeg 193w" sizes="auto, (max-width: 412px) 100vw, 412px" /><button
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		</button><figcaption class="wp-element-caption">Irma, Clara und Kurt Pinthus, Sammlung des Jüdischen Museums Hohenems, Bestand Reichenbach, f-rei-044</figcaption></figure>
</div>


<p>Die Tragödie der Familie endete nicht mit Kurt. Seine Schwester Irma wurde nur 34 Jahren alt, sie starb 1929 in einem Berliner Krankenhaus – gemeldet vom Polizeiamt, was auf eine nicht natürliche Todesursache hindeutet. Die Eltern, Theodor und Clara, überlebten ihre beiden Kinder. Clara starb 1931 mit 61 Jahren in Berlin, Theodor folgte ihr im Oktober 1932 im Alter von 75 Jahren.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure data-wp-context="{&quot;imageId&quot;:&quot;69559bee5cb35&quot;}" data-wp-interactive="core/image" data-wp-key="69559bee5cb35" class="aligncenter size-large is-resized wp-lightbox-container"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="440" data-wp-class--hide="state.isContentHidden" data-wp-class--show="state.isContentVisible" data-wp-init="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on--click="actions.showLightbox" data-wp-on--load="callbacks.setButtonStyles" data-wp-on-window--resize="callbacks.setButtonStyles" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Stammbaum-Pinthus-1024x440.jpg" alt="" class="wp-image-2648" style="width:650px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Stammbaum-Pinthus-1024x440.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Stammbaum-Pinthus-300x129.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Stammbaum-Pinthus-768x330.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/06/Stammbaum-Pinthus.jpg 1416w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><button
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		</button><figcaption class="wp-element-caption">Stammbaum der Familie Pinthus, eigene Grafik</figcaption></figure>
</div>


<p>Und die Familie des erschossenen Gendarmeriewachtmeisters Krüger? Ihr Schicksal ließ sich nicht ermitteln.</p>



<p></p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Sächsische Erzähler, 72. Jg., Nr. nicht lesbar, vom 12.07.1918,  S. 6</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Westfälischer Merkur, 97. Jahrgang, Nr. 378 vom 28.07.1918, Morgen-Ausgabe, S. 3</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;73. Jg. Nr. 651 Abendausgabe, S. 4</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Claudia Prestel, Jugend in Not, Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar, S. 125</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/kurt-pinthus-und-ein-fast-vergessenes-schicksal/">Kurt Pinthus und ein fast vergessenes Schicksal</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Lucie und Rudolf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Apr 2025 07:26:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Bremen]]></category>
		<category><![CDATA[Karaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Meyerkort]]></category>
		<category><![CDATA[Pieck]]></category>
		<category><![CDATA[Schivelbein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Liebe bis in den Tod: Die Geschichte der Schivelbeiner Jüdin Lucie Pieck und des Bremer Millionärs Rudolf Meyerkort</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/lucie-und-rudolf/">Lucie und Rudolf</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Lucie Pieck saß im Halbdunkel des späten Septembernachmittags am großen Esstisch im Erdgeschoss der Villa in Berlin-Grünau. Durch die angelehnte Terrassentür drangen die Rufe der Steuermänner in den Ruderbooten auf der nahen Dahme in das Zimmer. Lucies zitternde Hände lagen auf der weißen Damasttischdecke, während ihr Blick starr auf die schlichte Postkarte vor ihr gerichtet war.</p>



<p>&#8222;Herr Meyerkort, daß Sie Ihr Verhältnis mit der Jüdin Pieck trotz Nürnberger Gesetz noch weiter aufrechterhalten und diese mit Sippe noch weiter aushalten, ist eine unverschämte Frechheit von Ihnen. Wenn Sie das nicht schnellstens einstellen und die Jüdin aus unserem Bezirk entfernen, werden wir jetzt rücksichtslos gegen Sie vorgehen.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup></p>



<p>Kein Absender, nur ein Kringel als Andeutung einer Unterschrift. Es war vorbei. Das war Lucie klar. Sie musste weg &#8211; so schnell wie möglich. Und auch Rudolf musste sich in Sicherheit bringen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Schivelbein im Februar 1888 &#8211; Familie Pieck</h2>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Schivelbein.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="523" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Schivelbein.jpg" alt="" class="wp-image-2529" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Schivelbein.jpg 800w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Schivelbein-300x196.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Schivelbein-768x502.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Schivelbein, gemeinfrei</figcaption></figure>
</div>


<p>Gustav Pieck war Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Nähe von Stargard nach Schivelbein in Hinterpommern gekommen und hatte in die angesehene Kaufmannsfamilie Mannheim eingeheiratet. Die Mannheims betrieben im Zentrum von Schivelbein mehrere Geschäfte, in denen sie Getreide, Leder, Wolle, Textilien, Kolonialwaren und Spirituosen verkauften. Auch Gustav Pieck war Kaufmann, vermutlich Pferdehändler.<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup> Mit seiner Frau Rosa Mannheim hatte er vier Kinder. Doch die Geburt ihres jüngsten Sohnes Hugo sollte Rosa nur kurz überleben &#8211; sie starb 1878, keine zwei Wochen nachdem er auf die Welt gekommen war, im Alter von nur 25 Jahren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup> Gustav Pieck heiratete nach diesem Schicksalsschlag erneut und bekam mit seiner zweiten Frau Mathilde Meyer zwei weitere Kinder. Am 13. Februar 1888 wurde ihre jüngste Tochter Lucie geboren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup></p>



<p class="has-text-align-center"><strong>Stammbaum der Familie Pieck</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Pieck.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="638" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Pieck-1024x638.jpg" alt="" class="wp-image-2536" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Pieck-1024x638.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Pieck-300x187.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Pieck-768x478.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Pieck-1536x957.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Pieck-2048x1276.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eigene Grafik</figcaption></figure>



<p>Lucie Pieck besuchte bis zu ihrem 14. Lebensjahr die Oberschule in Schivelbein und ließ sich anschließend an der Handelsschule zur Sekretärin ausbilden<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> &#8211; für eine junge Frau, zumal aus der pommerschen Provinz, Anfang des 20. Jahrhunderts ein eher ungewöhnlicher Schritt. Doch Lucie strebte nach Unabhängigkeit und wagte noch mehr: Sie ließ ihre vertraute Heimat hinter sich und stürzte sich in den Trubel der Weltstadt.</p>



<p>Bald verdiente sie in Berlin als Sekretärin ihren eigenen Lebensunterhalt<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup> – eine große Herausforderung in einer Zeit, in der sich die Schatten eines herannahenden Krieges mehr und mehr abzeichneten. Aber Lucie hielt an ihrer Entscheidung für die Großstadt fest. Sonst wäre es auch nie zu der schicksalhaften Begegnung gekommen, die ihr Leben für immer verändern sollte. Denn im April 1915 lernte sie in Berlin den wohlhabenden Kaufmann Rudolf Meyerkort kennen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Bremen im Mai 1871 &#8211; Familie Meyerkort</h2>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Schuetting_Bremen_1900-scaled-e1742827700611.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="754" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Schuetting_Bremen_1900-1024x754.jpg" alt="" class="wp-image-2530" style="object-fit:cover;width:543px;height:400px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Der Schütting &#8211; das Gebäude der Bremer Kaufmannschaft (Autor/in unbekannt, gemeinfrei)</figcaption></figure>
</div>


<p>Moritz Rudolf Georg Meyerkort wurde am 6. Mai 1871 als jüngstes von elf Kindern des Tabakgroßhändlers<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> Wilhelm Meyerkort und seiner englischen Frau Elizabeth Jane King in Bremen geboren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup> Handel und Abenteuerlust schienen ihm in die Wiege gelegt worden zu sein. Sein Vater gehörte dem „wohllöblichen Kollegium der Aeltermänner“<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup> an, einem einflussreichen Gremium der Bremer Kaufleute. Rudolfs Großvater mütterlicherseits, Thomas King, hatte als englischer Handelsschiffkapitän die Meere befahren und vier Jahre als Korvettenkapitän in der deutschen Marine gedient.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup>&nbsp;</p>



<p class="has-text-align-center"><strong>Stammbaum der Familie Meyerkort</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Meyerkort.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="923" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Meyerkort-1024x923.jpg" alt="" class="wp-image-2532" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Meyerkort-1024x923.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Meyerkort-300x270.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Meyerkort-768x692.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Meyerkort-1536x1385.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Stammbaum-Meyerkort.jpg 1584w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eigene Grafik</figcaption></figure>



<p>Auch Rudolfs ältere Brüder zog es in die Ferne. Sie reisten um die halbe Welt, um mit Baumwolle, Reis oder Tabak Handel zu treiben, und ließen sich fernab der Heimat in Amerika oder Südostasien nieder. Rudolf selbst besuchte das Gymnasium in Bremen, legte sein Abitur ab und erlernte anschließend den Beruf des Kaufmanns im Baumwollhandel<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> &#8211; möglicherweise inspiriert von zwei seiner Brüder, die mit diesem Rohstoff in den USA Geschäfte machten.</p>



<p>1893, mit Anfang 20, brach er auf, um sein eigenes Abenteuer zu beginnen. Sein Weg führte ihn zunächst nach Moskau.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup> Doch schon bald wollte er dorthin, wo die Baumwolle, mit der er handelte, angebaut wurde – nach Russisch-Turkestan, im heutigen Usbekistan.<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Russisch-Turkestan Anfang des 20. Jahrhunderts</h2>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/IMG_7563.jpg" target="_blank" rel=" noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="256" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/IMG_7563-1024x256.jpg" alt="" class="wp-image-2465" style="object-fit:cover" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/IMG_7563-1024x256.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/IMG_7563-300x75.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/IMG_7563-768x192.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/IMG_7563-1536x384.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/IMG_7563-2048x512.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Baumwollanbau und -handel in Kokand (gemeinfrei)</figcaption></figure>



<p>Kokand an der Seidenstraße. Kamel-Karawanen, die durch die Straßen zogen, der prächtige Khanspalast &#8211; die Stadt im Ferghana-Tal war erst kürzlich von der russischen Armee erobert worden und wartete darauf, für den Handel mit dem Westen entdeckt zu werden. Das fruchtbare Tal mit seinem gemäßigten Klima bot ideale Bedingungen für den Baumwollanbau. Rudolf Meyerkort stieg sofort in das Geschäft ein. Bald betrieb er eine Baumwollplantage und gründete mit Unterstützung eines amerikanischen Fachmanns im Kreis Samarkand ein Baumwollhandelshaus.<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup></p>



<p>Nur wenige deutsche Kaufleute wagten sich in diese boomende Region, weit entfernt von westlicher Zivilisation. Doch diejenigen, die es taten, bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft, die oft ein Leben lang hielt. So auch die Verbindung zu Franz Habersang aus Bückeburg. Dieser handelte ebenfalls in Kokand und wurde bald nicht nur ein langjähriger Geschäftspartner Rudolfs, sondern auch Teil seiner Familie. Denn am 20. August 1895 heiratete Rudolf Meyerkort in Kokand die ältere Schwester von Franz, Anna Habersang.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> Gemeinsam hatten sie vier Kinder, von denen mindestens zwei in Kokand zur Welt kamen.</p>



<p>Der Erfolg deutscher Firmen war den russischen Behörden ein Dorn im Auge und nährte schnell Verdächtigungen – gegen die Deutschen und gegen die, die immer als Sündenböcke herhalten mussten: die Juden. Im Ferghana-Tal, so hieß es, bestehe ein Monopol in der Baumwollverarbeitung, &#8222;wo Deutsche und Juden ein ziemlich starkes Nest gebaut haben in Gestalt der Firma des Deutschen Meerkort (<em>Anmerkung: gemeint sein muss Meyerkort</em>) und des ansässigen Juden Poderevskij.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup> Vielleicht hatte Rudolf Meyerkort geahnt, dass die kommenden Jahre für ihn und seine Familie in Russland brandgefährlich werden könnten. Denn noch vor dem ersten Weltkrieg kehrten sie endgültig zurück nach Bremen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Reis aus Burma</h2>



<p>Im Jahr 1908 war Rudolf in der Hansestadt Mitgründer des Im- und Exportunternehmens&nbsp;<em>Krafft, Meyerkort und Hagemeyer GmbH</em>.<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup> Doch noch 1914 wurde er in Kokand als Händler für Luzerne, Kokons und Cotton geführt<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> und selbst 1918 findet die Baumwollfirma dort noch Erwähnung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup> Aber die Meyerkorts lebten vermutlich bereits ab 1912 wieder in Bremen, als Rudolf dort aus der Firma mit Alexander Krafft ausstieg<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> und ein eigenes Unternehmen gründete – die&nbsp;<em>Rudolf Meyerkort GmbH</em>.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> Die prächtige Villa in der Weserstraße in Bremen-Vegesack wurde verkauft<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> und die Familie zog ins Grüne vor die Tore der Stadt nach Rotenburg an der Wümme.<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup></p>



<p>Spätestens mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der anschließenden Machtübernahme der Sowjets wurde der Baumwollhandel mit Turkestan schwierig. Rudolf Meyerkort setzte daher auf ein anderes Produkt – Reis.</p>



<p>Mit seinem älteren Bruder Thomas Wilhelm Friedrich hatte Rudolf einen verlässlichen Partner direkt an der Quelle. Denn dieser lebte schon seit Ende des 19. Jahrhunderts im burmesischen Rangoon,<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> dem heutigen Yangon in Myanmar, und hatte damit direkten Zugang zu einem der größten Reishäfen der Welt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup> Rudolf Meyerkort charterte Schiffe, um den Reis auf die lange Reise von Rangoon nach Bremen zu schicken.<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="762" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/04/Rangoon_Harbour-1024x762.jpg" alt="" class="wp-image-2587" style="width:auto;height:400px"/><figcaption class="wp-element-caption">Der Hafen von Rangoon ca. 1895, gemeinfrei</figcaption></figure>
</div>


<p>Und auch sonst vertraute Rudolf Meyerkort in geschäftlichen Dingen auf Verwandtschaft &#8211; sein Schwager Franz Habersang, mit dem er schon in Kokand Geschäfte gemacht hatte, sein Neffe Henry Eduard Finke und später auch sein Sohn Ottmar wurden als Teilhaber in die Firma in Bremen oder in die 1919 in Hamburg gegründete Zweigniederlassung aufgenommen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">29</sup></p>



<p>Rudolf war so erfolgreich, dass er bereits 1925 als größter Reisimporteur Deutschlands galt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">30</sup> Sein Unternehmen unterhielt Filialen und Handelspartner auf der ganzen Welt, unter anderem in Venezuela, Portugal und Australien. Bald sprach man von ihm als größten deutschen Lebensmittelimporteur und Millionär.<sup class="modern-footnotes-footnote ">31</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Berlin im Frühjahr 1915 &#8211; Eine schicksalhafte Begegnung</h2>



<p>Im April 1915,<sup class="modern-footnotes-footnote ">32</sup> in den Zeiten, in denen Rudolfs berufliche Erfolgskurve steil nach oben ging, passierte es. Rudolf traf Lucie, vielleicht eine geschäftliche Besprechung in der Firma, in der Lucie als Sekretärin arbeitete, vielleicht in der Frühlingssonne in einem Café am Kurfürstendamm.</p>



<p>Gegensätzlicher hätten zwei Menschen kaum sein können. Lucie Pieck, 28 Jahre alt, eine Jüdin, deren Welt sich bisher zwischen Berlin und Hinterpommern abgespielt hatte. Rudolf Meyerkort, 45 Jahre alt, evangelisch, erfolgreicher hanseatischer Kaufmann, der die Welt bereist und als Baumwollhändler und Reisimporteur zum Millionär geworden war. Und der eine Frau und vier Kindern hatte. Es muss eine magische Begegnung gewesen sein, sie scheinen sich gegenseitig so verzaubert zu haben, dass sie akzeptierte, für ihn ein Leben im Verborgenen zu führen und er bereit war, für sie alles zu riskieren, den Familienfrieden, den beruflichen Erfolg, seinen guten Ruf und zuletzt sogar sein Leben.</p>



<p>Ab Anfang 1916 lebten Lucie und Rudolf in einer &#8222;eheähnlichen Beziehung&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">33</sup> Eine Liebe, bereits so tief gewachsen, dass Rudolfs Ehe mit Anna nicht mehr zu retten war.</p>



<p>Einige Jahre pendelten Lucie und Rudolf zwischen Berlin und Bremen hin und her, doch Anfang der 1920er Jahre trafen sie eine Entscheidung &#8211; Lucie würde nach Bremen ziehen, in ein Haus, das Rudolf ihr kaufte. Sie würde künftig in seiner Nähe leben und sich um Geld keine Gedanken mehr machen müssen. Ein Affront für Rudolfs Familie, ein Skandal in der hanseatischen Kaufmannswelt, aber das war ihnen egal. In der Hamburger Straße 199<sup class="modern-footnotes-footnote ">34</sup> bezog Lucie ein neu erbautes, typisches Bremer Stadthaus. Zehn Jahre lebte sie in Bremen, zwar nahe bei Rudolf, aber doch nicht offiziell seine Partnerin. &#8222;Die erste Ehe bestand nur nach außen hin; eine Scheidung war schwer zu erreichen&#8220;, beschrieb Lucie diesen Zustand Jahre später.<sup class="modern-footnotes-footnote ">35</sup></p>



<p>Anfang 1932 war das Paar bereit, den endgültigen Schritt zu gehen. Rudolf war jetzt 60 Jahre alt, er hatte genügend Geld verdient, um ein Leben ohne finanzielle Sorgen führen zu können. Das Vermögen reichte aus, um neben Rudolfs Frau Anna und den mittlerweile erwachsenen Kindern auch Lucies Mutter, ihre Schwester und ihren Bruder in Schivelbein<sup class="modern-footnotes-footnote ">36</sup> großzügig unterstützen zu können. Rudolf und Lucie verkauften das Haus in Bremen und entschieden sich, an den idyllischen Rand der Hauptstadt zu ziehen, nach Berlin-Grünau. In einem Haus in der Königstraße 14, nur wenige Meter vom Ufer der Dahme mit der berühmten Regattastrecke entfernt, wollten sie endlich offiziell zusammenleben. Rudolf betrieb jetzt ernsthaft die Trennung von seiner Frau, aber das Verfahren zog sich hin. Anna wollte weiter nicht von der Ehe lassen und die Scheidung kam über Jahre nicht voran.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/04/Ernst-oppler-Ruderregatta_bei_Gruenau.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="681" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/04/Ernst-oppler-Ruderregatta_bei_Gruenau-1024x681.jpg" alt="" class="wp-image-2568" style="width:auto;height:400px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Ruderregatta auf der Dahme in Berlin-Grünau, von Ernst Oppler – gemeinfrei</figcaption></figure>
</div>


<p>Mit der Übersiedlung nach Berlin hatte Rudolf auch beruflich einen Schlussstrich gezogen &#8211; Ende Februar 1932 war er aus der Firma in Bremen, die weiterhin seinen Namen trug, ausgeschieden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">37</sup> Ganz ohne Arbeit konnte Rudolf aber nicht sein. Er stieg in die Berliner Firma N. Schirokoff ein und handelte künftig mit Kaviar.<sup class="modern-footnotes-footnote ">38</sup> Er würde sich scheiden lassen und endlich seine Lucie heiraten, das schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Berlin 1933 &#8211; Die Verfolgung beginnt</h2>



<p>Die Machtergreifung der Nationalsozialisten zerstörte alle bisherigen Pläne. Jetzt spielte es eine überlebenswichtige Rolle, dass Lucie &#8222;Volljüdin&#8220; und Rudolf &#8222;Arier&#8220; war. Als die Scheidung, auf die beide so lange gewartet hatten, 1935 endlich offiziell wurde,<sup class="modern-footnotes-footnote ">39</sup>  waren die Nürnberger Gesetze in Kraft getreten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">40</sup> &#8222;Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes ist verboten.&#8220;, brüllte das &#8222;Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre&#8220; ab September 1935 in die Welt und für Lucie und Rudolf war ab sofort nichts mehr wie zuvor. &#8222;Wir verfolgten die Nachrichten in der Presse über die Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung, und insbesondere auch die Nachrichten über Rassenschandeverfahren, mit ständiger Angst und Sorge.&#8220;, beschrieb Lucie das Leben im Nationalsozialismus. Nachbarn schickten anonyme Postkarten mit Drohungen wie &#8222;Lange sehen wir uns Sie als Vis-à- Vis nicht mehr an, ebenso ihren arischen Galan.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">41</sup> &#8222;Es kam noch hinzu, dass ein Sohn meines Mannes aus erster Ehe gedroht hatte, daß er uns anzeigen würde, daß der Vater mit einer Jüdin zusammen lebe. Diese Anzeige ist zwar zu unserem Glück nicht erfolgt, sie hätte uns womöglich das Leben gekostet, aber wir waren durch diese und ähnliche Vorkommnisse ständig ungeheuren Aufregungen und Belastungen ausgesetzt, die unsere Nerven völlig ruinierten.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">42</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Postkarte-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="753" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/Postkarte-1024x753.jpg" alt="" class="wp-image-2555" style="width:auto;height:400px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">&#8222;Sie sind ja immer noch hier und werden von dem Arier ernährt. Ihre Frechheit hat den Gipfelpunkt erreicht, nun tragen sie auch die Folgen.&#8220; Anonyme Postkarte vom 25.08.1939 an &#8222;die Jüdin Pieck, den Arier Meierkort&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">43</sup></figcaption></figure>
</div>


<p>Es kann an Rudolfs Stellung und Kontakten gelegen haben, seinem Geld, aber vor allem an ihrer beider festen Willen, zueinander zu stehen, dass sie das Haus in Grünau weiter bewohnen konnten. Offiziell war Rudolf Lucies Untermieter und sie seine Hauswirtschafterin,<sup class="modern-footnotes-footnote ">44</sup> aber um sie herum wusste man, dass es sich bei ihnen um ein Paar handelte. Die Schlinge um ihren Hals zog sich immer weiter zu. Lucie musste den Namen Sara führen,<sup class="modern-footnotes-footnote ">45</sup> sie wird kaum noch das Haus verlassen haben, weil ihr praktisch alles verboten war. Spätestens die Reichspogromnacht machte ihnen klar, &#8222;daß unser Zusammenleben in Deutschland nicht mehr haltbar war.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">46</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Berlin 1939 &#8211; Die Flucht</h2>



<p>Sie mussten ihr Idyll in Grünau, sie mussten Deutschland verlassen, ob sie wollten oder nicht. Großbritannien war eine nahe liegende Option. Rudolf war Sohn einer Engländerin, die Insel war leicht zu erreichen. Im Laufe des Jahres 1939 trafen sie alle notwendigen Vorbereitungen. Lucie fand eine Stelle als Hausmädchen in England und Rudolf organisierte einen britischen Garanten, der bereit war, die notwendige Bürgschaft zu übernehmen. Sie verkauften das Haus in Grünau. Doch dann scheiterten sie an der Bürokratie, die ihnen das nationalsozialistische System auferlegte, um zu demütigen und maximal abzukassieren. Im Sumpf zwischen Reichsfluchtsteuer, Devisenbescheinigungen und Passantrag lief die Uhr ab. Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen, am 3. September 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg. Damit war der Weg nach England versperrt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">47</sup></p>



<p>Sie gaben nicht auf. Rudolf hatte Freunde im Baltikum, noch aus den Zeiten in Turkestan. Zudem war die Bremer Baumwollbörse bereit, ihn als Repräsentanten nach Lettland zu schicken. Also entschloss sich Rudolf im Herbst 1939, ins lettische Riga zu gehen, um Lucies Flucht von dort aus zu organisieren. &#8222;Die Trennung war für uns unfaßbar und unerträglich.&#8220;, erinnerte sie sich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">48</sup></p>



<p>Was Rudolf und Lucie zu diesem Zeitpunkt nicht wussten &#8211; fast zeitgleich mit ihren Auswanderungsbemühungen unterzeichneten in Moskau Ribbentrop und Molotow nicht nur den Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion, sondern auch ein geheimes Zusatzprotokoll. Lettland sollte aufhören als unabhängiger Staat zu existieren und künftig zur &#8222;Interessensphäre&#8220; der Sowjetunion gehören. Im Oktober 1939 wurden die Deutschen in Lettland aufgerufen, das Land zu verlassen. Die &#8222;Umsiedlung der Deutschbalten&#8220; begann. Das Konsulat, die Bremer Baumwollbörse, alle rieten Rudolf dringend, zurück nach Deutschland zu reisen. Doch Rudolf entschied sich zu bleiben. Er schien darauf zu vertrauen, dass er mit Geld und Kontakten schon irgendwie durch die Krise kommen würde. Alles schien besser als ein Verbleib in Deutschland. Und eine Alternative gab es nicht.</p>



<p>In Berlin war das Haus in Grünau keine Zuflucht mehr für Lucie &#8211; der Käufer des Hauses hatte sie verklagt, er wolle sofort einziehen. Im notariellen Vertrag war zwar vereinbart worden, dass er das Haus erst beziehen könne, wenn Lucie ausgewandert sei, aber dies wurde mit windigsten Argumenten vom Landgericht Berlin vom Tisch gewischt. Noch windigere Argumente wurden verwendet, Lucie die vollständigen Prozesskosten aufzuerlegen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">49</sup> &#8222;Mir ist das Urteil unverständlich.&#8220;, teilte ihr Rechtsanwalt Dr. Bruno Apt, der zu diesem Zeitpunkt nur noch als &#8222;Konsulent, zugelassen nur zur rechtlichen Vertretung von Juden&#8220; firmieren durfte, am 18. März 1940 mit.<sup class="modern-footnotes-footnote ">50</sup> Ihm war klar, dass zu diesem Zeitpunkt kein Jude mehr einen Prozess in Deutschland gewinnen konnte. Am 4. April 1940 musste Lucie das Haus in Grünau räumen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">51</sup> Doch Rudolfs Bemühungen waren gerade rechtzeitig erfolgreich gewesen &#8211; im Mai 1940 konnte Lucie endlich nach Lettland ausreisen.</p>



<p>In Riga hatte Rudolf in der Goldinger Straße 29<sup class="modern-footnotes-footnote ">52</sup> im Stadtteil Sassenhof eine Sechszimmerwohnung angemietet, diese mit wertvollen Kunstgegenständen und Teppichen ausgestattet und ein Hausmädchen eingestellt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">53</sup> &#8222;Unsere Lebensverhältnisse waren auch in Riga noch sehr gut.&#8220;, erklärte Lucie später.<sup class="modern-footnotes-footnote ">54</sup> Doch Rudolf war vor Sorge ein kranker Mann geworden. &#8222;Ich erschrak heftig über das Aussehen meines Mannes, der durch die furchtbare Angst um mich offensichtlich schwer gelitten hatte. Mein Mann konnte mir nicht verbergen, dass er ständig Herzbeschwerden hatte.&#8220; Der konsultierte Arzt stellte eine Herzschwäche beim mittlerweile fast 70jährigen Rudolf fest und warnte ihn vor jeder Aufregung und Anstrengung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">55</sup> Nur wenige Wochen später, am 17. Juni 1940 marschierten die Russen in Lettland ein.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/Riga_1940_Soviet_Army.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="566" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/Riga_1940_Soviet_Army.jpg" alt="" class="wp-image-2473" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/Riga_1940_Soviet_Army.jpg 900w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/Riga_1940_Soviet_Army-300x189.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/02/Riga_1940_Soviet_Army-768x483.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Einmarsch der Roten Armee in Riga 17.06.1940, gemeinfrei</figcaption></figure>
</div>


<p>Am 5. August 1940 beschloss der Oberste Sowjet die Eingliederung Lettlands in die Sowjetunion. Einen Tag später traten Lucie und Rudolf in Riga vor den Standesbeamten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">56</sup> Was auch immer kommen mochte, sie würden es gemeinsam durchstehen. Nach so vielen Jahren waren sie endlich ein offizielles Ehepaar. Aber sie waren jetzt beide in Lettland gefangen: Lucie, weil sie Jüdin, und Rudolf, weil er sich zu ihr bekannt hatte. &#8222;Durch die Tatsache der Eheschließung mit einer Volljüdin war dem Verfolgten die Rückkehr nach Deutschland versperrt, da diese Handlung seine gegen den Nationalsozialismus gerichtete Weltanschauung in vollem Umfang bewies.&#8220;, stellte Lucies Rechtsbeistand 1965 fest.<sup class="modern-footnotes-footnote ">57</sup></p>



<p>Um sie herum herrschte Chaos und Gewalt in Lettland. Im Winter begannen die Russen mit der Deportation der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes. Noch konnten Lucie und Rudolf dem standhalten. Dann aber beschloss Hitler, den Pakt mit Stalin zu brechen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Riga 1941 &#8211; Die Verschleppung</h2>



<p>Am 22. Juni 1941 überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion. Die Russen reagierten in Lettland mit Razzien und Massendeportationen von vermeintlichen und tatsächlichen Sowjet-Gegnern. Die Verhaftungskommandos kamen ohne Vorwarnung mit vorbereiteten Listen in die Wohnungen, nahmen die Menschen mit und brachten sie in Lkws zu Sammelstellen an den Bahnhöfen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">58</sup> Alle Beziehungen, alles Geld hatten keine Wirkung mehr: Auch Lucie und Rudolf wurden verhaftet, so überstürzt, dass sie kaum etwas packen konnten, und alles, ihre Wohnung, ihr Geld, die Wertpapiere, zurücklassen mussten.</p>



<p>Man brachte sie mit vielen anderen Menschen zum Rigaer Bahnhof.<sup class="modern-footnotes-footnote ">59</sup> Die Männer wurden von den Frauen getrennt, die Menschen in Viehwaggons gepfercht. 50 Personen in der Sommerhitze in einem stickigen Wagen, zwei winzige Fenster, ein kleines Loch, um die Notdurft zu verrichten, unerträgliche Temperaturen, Gestank, Angst.<sup class="modern-footnotes-footnote ">60</sup> Die mitgebrachten Vorräte reichten für wenige Tage, aber die Fahrt dauerte Wochen. Als sich die Türen endlich öffneten, blickten sie ins endlose Nichts der sibirischen Steppe.</p>



<p>Lucie und Rudolf fanden sich wieder im Getümmel der erschöpften Menschen, sie hatten die mörderische Fahrt überlebt. Man trieb sie in ein Lager in Novosibirsk, das von Stacheldraht umgeben war, mit Wachtürmen und Wachhunden. Sie kamen in Baracken unter, getrennt voneinander, mussten auf Holzpritschen inmitten von Ungeziefer schlafen, bekamen kaum etwas zu essen und mit Beginn des Winters fielen die Temperaturen auf minus 40 Grad.<sup class="modern-footnotes-footnote ">61</sup> Ein Leben, so weit entfernt von dem Wohlstand, der für sie vor wenigen Monaten noch selbstverständlich gewesen war. Hygiene, ausreichend zu essen, Privatsphäre, ärztliche Versorgung &#8211; nichts war mehr übrig von ihrer früheren Existenz. </p>



<p>Rudolf war jetzt 71 Jahre alt. Den ersten Winter in Sibirien überstand er, doch ab Anfang Juni 1942 verschlimmerte sich sein Zustand. Hohes Fieber, Schwindelanfälle, das Herz wurde immer schwächer, er hatte sich mit der Ruhr infiziert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">62</sup> Rudolf Meyerkort starb am 12. Juni 1942 in der Krankenbaracke des Lagers 66 in Novosibirsk.<sup class="modern-footnotes-footnote ">63</sup></p>



<p>Lucie war jetzt ganz allein. Kaum hatte sie begriffen, dass der Mann, der bereit gewesen war, sein Leben für sie zu geben, nicht mehr an ihrer Seite war, wurde sie erneut in einen Waggon gedrängt. Wieder dauerte es Wochen, bis sich die Türen endlich öffneten. Wieder eine Einöde, wieder ein Lager, aber diesmal in den Weiten Kasachstans.<sup class="modern-footnotes-footnote ">64</sup> Im Zwangsarbeiterlager Karaganda mussten sich die Menschen ihr Gefängnis selber bauen, harte Arbeit bei Kälte und Nässe, Ziegel schleppen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">65</sup> Lucie war physisch wie psychisch geschwächt, Mitte 50, eine traumatisierte Frau. Die klimatischen Bedingungen waren schlimmer als in Sibirien, eiskalt im Winter und 40 Grad im Sommer. Kein Strom, die Winter verbrachten sie im Dunkeln, jeden Morgen Appelle und die Wachen waren permanent betrunken.<sup class="modern-footnotes-footnote ">66</sup> Krankheiten breiteten sich aus, die Menschen starben. Auch Lucie wurde krank, 1943 bekam sie Typhus, 1944 Malaria.<sup class="modern-footnotes-footnote ">67</sup> Sie lag drei Monate auf der Krankenstation. Ihre einstmals dichten Haare fielen aus, ihr Herz wurde krank<sup class="modern-footnotes-footnote ">68</sup> und sie konnte keine körperlich harte Arbeit mehr leisten. Erholen durfte sie sich trotzdem nicht, sie musste jetzt als Krankenschwester arbeiten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">69</sup></p>



<p>Hoffnung keimte bei den unschuldig Inhaftierten auf, als im Mai 1945 bekannt wurde, dass der Krieg zu Ende war. Aber die Monate gingen ins Land, es wurde Winter, es wurde Frühling, doch die Welt schien die Menschen im Lager in Karaganda vergessen zu haben. Die Russen befreiten Auschwitz, in ihren eigenen Lagern hielten sie die Internierten aber weiter gefangen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">70</sup> Die Menschen überlegten, was sie tun konnten, sie richteten unzählige Eingaben nach Moskau, sie schrieben an die Frau des amerikanischen Präsidenten, Eleanor Roosevelt,<sup class="modern-footnotes-footnote ">71</sup> sie traten in einen Hungerstreik, der mehreren geschwächten Internierten das Leben kostete.<sup class="modern-footnotes-footnote ">72</sup> Und endlich, fast zwei Jahre nach Kriegsende, wurden sie erhört &#8211; am 1. März 1947 wurde Lucie mit vielen anderen aus dem Lager in Karaganda entlassen und nach Deutschland gebracht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">73</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Berlin 1947 &#8211; Die Rückkehr</h2>



<p>Lucie war frei. Doch als sie am 4. März 1947 endlich die Grenze in Frankfurt an der Oder erreicht hatte,<sup class="modern-footnotes-footnote ">74</sup> wartete wieder nur ein Lager auf sie. Niemand war mehr da, zu dem sie hätte zurückkehren können. Ihr Bruder Berthold war im Oktober 1941 beim Massaker in Riga-Rumbula erschossen worden,<sup class="modern-footnotes-footnote ">75</sup> ihre Schwester Rosa im November 1941 im Fort IX bei Kaunas ermordet worden<sup class="modern-footnotes-footnote ">76</sup> und ihre Schwester Margarete 1942 im Sammellager in der Großen Hamburger Straße in Berlin gestorben.<sup class="modern-footnotes-footnote ">77</sup> Sie brauchte gar nicht erst daran zu denken, sich an Rudolfs Familie zu wenden. Einen halbherzigen Versuch, nach Kenia auszuwandern, zu ihrem Neffen Heinz, der nach Nairobi geflohen war, setzte sie nicht um.<sup class="modern-footnotes-footnote ">78</sup> So kam sie im jüdischen Displaced Persons-Lager in Berlin-Wittenau unter.<sup class="modern-footnotes-footnote ">79</sup></p>



<p>Mehr als ein Jahr blieb Lucie Meyerkort dort. Im Herbst 1948 wurde das Lager aufgelöst.<sup class="modern-footnotes-footnote ">80</sup> Doch wohin sollte sie gehen? Sie brauchte Unterstützung, sie war krank, hatte kein Geld und konnte nicht arbeiten. Die Entbehrungen, Angst und Verluste hatten deutliche Spuren hinterlassen. Ihr Herz, ihre Nerven, sie konnte nicht mehr. Obwohl sie gerade einmal 60 Jahre alt war, blieb ihr nur das jüdische Altersheim in Berlin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">81</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Berlin 1951 &#8211; Kampf durch die Instanzen</h2>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/04/Altersversorgungsanstalt-III-der-Juedischen-Gemeinde_Exerzierstr13_IranischeStr3-2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="532" height="341" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/04/Altersversorgungsanstalt-III-der-Juedischen-Gemeinde_Exerzierstr13_IranischeStr3-2.jpg" alt="" class="wp-image-2573" style="width:auto;height:404px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/04/Altersversorgungsanstalt-III-der-Juedischen-Gemeinde_Exerzierstr13_IranischeStr3-2.jpg 532w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/04/Altersversorgungsanstalt-III-der-Juedischen-Gemeinde_Exerzierstr13_IranischeStr3-2-300x192.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 532px) 100vw, 532px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das Jüdische Altersheim in der Iranischen Straße 3 in Berlin, gemeinfrei</figcaption></figure>
</div>


<p>Hier begann Lucie Meyerkorts letzter Kampf &#8211; der um finanzielle Wiedergutmachung. Im Jahr 1951 stellte sie den ersten Antrag auf Entschädigung,<sup class="modern-footnotes-footnote ">82</sup> einen von vielen im Laufe der folgenden Jahre. Mehrfach musste sie sich medizinischen Begutachtungen unterziehen, die alle zu dem Ergebnis kamen, dass sie verfolgungsbedingt am Ende war. Immer wieder musste sie aufs Neue erklären, was ihr und Rudolf zugestoßen war. Peu à peu wurden ihr kleinere Beträge in Form von Rentenzahlungen oder Entschädigungen zugestanden, die ihr einen Mindestlebensstandard im Altersheim sicherten. Um jede weitere Mark musste sie kämpfen und sich demütigen lassen.</p>



<p>Als sie 1951 angab, die Judenvermögensabgabe gezahlt zu haben, schrieb der Mitarbeiter mit rotem Stift wie ein korrigierender Lehrer &#8222;Wirklich?&#8220; an den Rand.<sup class="modern-footnotes-footnote ">83</sup> Die Zahlung der Abgabe konnte Lucie später nachweisen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">84</sup></p>



<p>Ein Sachbearbeiter meinte 1953, sie hätte ja vor 1933 heiraten können. &#8222;Ob sie mit dem noch nicht geschiedenen Meyerkort Ehebruch betrieben hat, kann unerörtert bleiben.&#8220;, ätzte er und spekulierte, dass Lucie die Postkarten mit den Drohungen selber geschrieben habe. Es sei ja merkwürdig, dass sie alle Unterlagen verloren habe, nur diese Postkarten nicht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">85</sup></p>



<p>1961 teilte man ihr mit, sie solle der Behörde nicht weiter auf die Nerven gehen und auch an andere denken. &#8222;Gerade die Akte ihrer Mandantin ist so häufig Gegenstand von Einsprüchen und Klagen gewesen, als daß eine Wiederholung mehrfach vorgetragener Argumente im Interesse anderer Antragsteller, deren Antragsbearbeitung von der Aufnahmefähigkeit des Referats abhängig ist, verantwortet werden könnte.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">86</sup></p>



<p>Man lehnte ihren Antrag auf Haftentschädigung ab, weil sie nicht als Jüdin, sondern als Deutsche aus Lettland deportiert worden sei. Und das sei doch Sache der Russen gewesen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">87</sup> Doch in der Behörde siegten in diesem Punkt die Anständigen: Die NS-Machthaber &#8222;wußten, daß mit Beginn des Krieges gegen Rußland die Verfolgten, insbesondere wenn sie deutscher Nationalität waren und aus Verfolgungsgründen nicht den Schutz des deutschen Staates in Anspruch nehmen konnten, nunmehr den besonderen Maßnahmen der russischen Behörden ausgesetzt waren. Sie wußten es nicht nur, sondern dieser Geschehensablauf war den NS-Machthabern sogar erwünscht.&#8220;, stellte die Behörde Jahre später am 13. August 1965 fest.<sup class="modern-footnotes-footnote ">88</sup></p>



<p>Am 15. Dezember 1965 wurde Lucie Meyerkort nach fast nicht enden wollendem Kampf eine größere Summe zugesprochen, die die Entbehrungen der vergangenen 30 Jahre kompensieren sollte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">89</sup> Zu spät für Lucie, sie war schwer krank und pflegebedürftig.<sup class="modern-footnotes-footnote ">90</sup> Am 14. Dezember 1967, fast genau zwei Jahre später, starb Lucie Meyerkort geborene Pieck im Alter von fast 80 Jahren im Jüdischen Altersheim in Berlin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">91</sup></p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/7461-PrV-Ausweis-1948-Bild-2.jpeg"><img decoding="async" data-id="2550" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/7461-PrV-Ausweis-1948-Bild-2.jpeg" alt="" class="wp-image-2550"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Lucie Meyerkort 1948</figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/7457-PrV-Ausweis-Bild.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="742" height="1024" data-id="2549" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2025/03/7457-PrV-Ausweis-Bild-742x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2549"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Lucie Meyerkort 1952</figcaption></figure>
</figure>



<p class="has-text-align-center">Quelle: Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte PrV-Akte</p>



<h2 class="wp-block-heading">Heute</h2>



<p>Mehr als 85 Jahre später halte ich die Postkarten mit den anonymen Drohungen, die Lucie 1939 bekommen hatte, in den Händen. Sie befanden sich in einem unscheinbaren Umschlag in der Entschädigungsakte. Die Karten sind gut erhalten und wäre da nicht die alte Schrift, in der sie verfasst wurden, könnte man meinen, sie seien erst vor ein paar Jahren verschickt worden. Die Panik, die Lucie beim Lesen erfasst haben mag, ist für mich fast spürbar. Diese Karten waren für Lucie so wichtig, dass sie sie jahrzehntelang aufbewahrt hat. Als wolle sie sich vergewissern, dass es nicht irgendeine anonyme Regierung, sondern ganz gewöhnliche Menschen &#8211; ihre eigenen Nachbarn &#8211; waren, die Rudolf und ihr dies angetan hatten.</p>



<p>Lucie Meyerkort ist auf dem jüdischen Teil des Friedhofs Heerstraße in Berlin-Westend<sup class="modern-footnotes-footnote ">92</sup> begraben. Ob Rudolf ein Grab bekommen hat, ist nicht bekannt.</p>



<p>Nachfahren von Lucies Bruder Mentheim leben heute in den USA. Nachfahren ihrer anderen vier Geschwister gibt es vermutlich nicht. Die beiden Söhne von Rudolf Meyerkort fielen als Soldaten im 2. Weltkrieg. Die Firma Rudolf Meyerkort existierte noch bis in die 1960er Jahre in Bremen.</p>



<p>An Rudolf Meyerkort, den einst so erfolgreichen Kaufmann, der für seine große Liebe starb, erinnert heute nichts mehr. Er wird seiner Familie Schmerz zugefügt haben, durch Trennung und Scheidung, der ihnen die Erinnerung an sein Ende schwer macht. Doch auch in der offiziellen Erinnerungskultur scheint er keinen Platz zu finden, weil er kein Jude war und sich scheinbar freiwillig auf die Verfolgung einließ. Ich wünschte, es hätte damals mehr Menschen wie Rudolf gegeben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Danksagung</h2>



<p>Ich bedanke mich herzlich bei den hilfreichen Mitarbeiterinnen der Entschädigungsbehörde Berlin, dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart, der jüdischen Gemeinde Berlin, Victor Pordzik vom Staatsarchiv und der <a href="http://die-maus-bremen.info">MAUS</a> Bremen sowie Hans Peter Lindemann für seine wie immer hervorragenden Anregungen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen</h2>



<h3 class="wp-block-heading">Literatur</h3>



<p>Aue, Margarethe: Lebenserinnerungen, Helsinki 2023</p>



<p>Aiyar, Chaudri: Indian Cases Vol. 151/1934, Lahore 1934</p>



<p>Dorn, Alexander: Die Seehäfen des Weltverkehrs, Band 2, Wien 1892</p>



<p>Ganseuer, Frank, Walle, Heinrich: Die Parlamentsmarine: Geschichte(n) und Porträts zur ersten deutschen Flotte von 1848, Berlin 2023</p>



<p>Generalkommissariat für Kriegs- und Übergangs-Wirtschaft im K.K. Handelsministerium: Friedensverträge mit der Ukraine, Russland und Finnland, Wien 1918</p>



<p>Kelly&#8217;s Directories, Ltd: Kelly&#8217;s Directory of Merchants, Manufacturers and Shoppers of the World, London 1914</p>



<p>Mark, Rudolf A.: Krieg an fernen Fronten &#8211; Die Deutschen in Zentralasien und am Hindukusch 1914-1924, Paderborn 2013</p>



<p>Marks, Eva: A Patchwork Life, Caulfield South, Australien 2003</p>



<p>Miesegaes, Carsten: Chronik der freyen Hansestadt Bremen, Dritter Theil, Bremen 1833</p>



<p>Neckarsulmer, Ernst: Der alte und der neue Reichtum, Berlin 1925</p>



<p>Rudolph, H., Dr. Kersten: Adressbuch des deutschen Grosshandels und Fabrikstandes, Leipzig 1858</p>



<p>Schünemann, Carl: Bremer Adressbuch 1924</p>



<p>Thacker, Spink and Co: The Bengal Directory 1884, Kalkutta 1884</p>



<h3 class="wp-block-heading">Akten von Behörden und Archiven</h3>



<p><strong>Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO) Berlin, Abt. I &#8211; Entschädigungsbehörde</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Entschädigungsakte Akte Lucie Meyerkort, LABO Berlin, BEG-Akte Reg. Nr. 12.452</li>
</ul>



<ul class="wp-block-list">
<li>Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, LABO Berlin, BEG-Akte Reg. Nr. 500.766</li>
</ul>



<p><strong>Landesarchiv Berlin</strong></p>



<p>Meyerkort./. Deutsches Reich, B Rep. 025-07, Nr.: 74 WGA/13643/59</p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Postkarte an Rudolf Meyerkort vom 2. September 1939, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Antrag auf Grund des Entschädigungsgesetzes, M13 </div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;z.B. Stettiner Zeitung Nr. 220 vom 13.05.1885, S. 2, Teilnahme von Pieck-Schivelbein am Pferdemarkt Stettin, besten Dank an Hans Peter Lindemann für die Recherche</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein Tote, 1878/026</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein Geburten 1888/27</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung über die wirtschaftliche und soziale Stellung vom 30.09.1955  in Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Gesundheit, B 40 </div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Lebenslauf Lucie Pieck in Entschädigungsakte Lucie Pieck vom 18.10.1951, Teilakte PrV, S. 5</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Erklärung Lucie Meyerkort vom 07.11.1961 in Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A 15b</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Rudolph, H. und Dr. Kersten, Adressbuch des deutschen Grosshandels und Fabrikstandes, S. 36</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;StA Bremen 4, 60/3-80 </div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Miesegaes, Carsten: Chronik der freyen Hansestadt Bremen, Dritter Theil, S. XIV</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ganseuer, Frank, Walle, Heinrich: Die Parlamentsmarine: Geschichte(n) und Porträts zur ersten deutschen Flotte von 1848, S. 205</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Antrag in Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Körper und Gesundheit, B 3</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aufgebot Meyerkort/Habersang Juli 1895, Mindener Zeitung XXXI. Jg. Nr. 190 vom 15.08.1895, S.3</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Register der ausgegebenen Reisepapiere &#8211; neuere Serie, Band 7 1892-1893, Staatsarchiv Bremen Sign. StAB 4.14/3-80, Aufn. 052</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mark, Rudolf A.: Krieg an fernen Fronten, Anmerkung 24 auf S. 229 zu S.52 unter Verweis auf Report des Militärgouverneurs des Syr-Darja-Gebietes, 7.7.1890, CGA RuZ, F. I-1, op. 4, d. 68, Bl. 43</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Verein für Sachsen Meiningische Geschichte und Landeskunde Bd. 53, 1906, S. 107</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mark, Rudolf A.: Krieg an fernen Fronten, S. 64 unter Verweis auf Bericht des Polizeidepartment, 16.06.1915, CGA Riz, F. I-461  </div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aue, Margarethe: Lebenserinnerungen, S. 54</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 126 vom 29.05.1908, S. 126</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kelly&#8217;s Directories, Ltd: Kelly&#8217;s Directory of Merchants, Manufacturers and Shoppers of the World, S. 1173</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Generalkommissariat für Kriegs- und Übergangs-Wirtschaft im K.K. Handelsministerium: Friedensverträge mit der Ukraine, Russland und Finnland, S. 307</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 171, 10.07.1912, S. 20</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 163, 10.07.1912, S. 20</div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 40. Jg. Nr. 266 vom 27.05.1911, S. 27</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://wiki.genealogy.net/Datei:Rotenburg-AB-1924.djvu">Adressbuch und Geschäfts-Handbuch&nbsp;Kreis Rotenburg, Provinz Hannover von 1925, S. 70</a></div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Thacker, Spink and Co: The Bengal Directory 1884, S. 1182, Geburtseinträge von fünf Kindern in Burma in India, Select Birthe and Baptisms 1786-1947</div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dorn, Alexander: Die Seehäfen des Weltverkehrs, Band 2, S. 544 </div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aiyar, Chaudri: Indian Cases Vol. 151/1934, Lahore 1934, S. 1019</div><div>29&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Deutscher Reichsanzeiger Nr. 299 vom 31.12.1919, S. 21</div><div>30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Neckarsulmer, Ernst: Der alte und der neue Reichtum, Berlin 1925, S. 157</div><div>31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Daily Standard, Brisbane, Nr. 3740 vom 02.01.1925, S. 7</div><div>32&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Erklärung Lucie Meyerkort vom 07.11.1961 in Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15b</div><div>33&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Erklärung Lucie Meyerkort vom 07.11.1961, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15b</div><div>34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schünemann, Carl: Bremer Adressbuch 1924, S. 568</div><div>35&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Erklärung Lucie Meyerkort vom 07.11.1961, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15b</div><div>36&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung Elisabeth Reiche ohne Datum, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Körper und Gesundheit, B 52</div><div>37&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bescheinigung Firma Rudolf Meyerkort vom 11.09.1961, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A10</div><div>38&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zentralhandelsregisterbeilage zum Deutschen Reichsanzeiger Nr. 82 vom 09.04.1934, S.1</div><div>39&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bremische Einwohnermeldekartei 1935, Staatsarchiv Bremen, StAB 4.82/1.3522, Aufn. 0566</div><div>40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung Lucie Meyerkort vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A 15b </div><div>41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Postkarte an Lucie Pieck vom 3. März 1939, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Antrag auf Grund des Entschädigungsgesetzes, M13 </div><div>42&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung Lucie Meyerkort vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A14 f. </div><div>43&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Antrag auf Grund des Entschädigungsgesetzes, M13 </div><div>44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung Lucie Meyerkort vom 05.12.1955, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Körper und Gesundheit, B 45</div><div>45&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bescheinigung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 02.12.1951, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte PRV, S. 15</div><div>46&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung Lucie Meyerkort vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15 </div><div>47&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schriftsatz Dr. Bruno Apt vom 27.12.1939, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Vermögen, D14 </div><div>48&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung Lucie Meyerkort vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15 </div><div>49&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Urteil des Landgerichts Berlin vom 16.03.1940, Aktenzeichen 245.0.303.39, in Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Vermögen, D8 ff.</div><div>50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schreiben Dr. Bruno Apt vom 18.03.1940, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Vermögen, D3</div><div>51&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schreiben Dr. Bruno Apt vom 03.04.1940, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Vermögen, D7</div><div>52&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kuldiga Straße</div><div>53&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung von Lucie Meyerkort, undatiert, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Gesundheit, B 8</div><div>54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung von Lucie Meyerkort vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15</div><div>55&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung von Lucie Meyerkort vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15</div><div>56&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Auszug aus dem Register der Eheschliessungen des Standesamtes der Hauptstadt Riga für das Jahr 1940, Nr. 2359, in Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A 9</div><div>57&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schreiben von Rechtsbeistand Annemarie Kramer vom 15.01.1965, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A 15a</div><div>58&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.deutschlandfunk.de/vor-80-jahren-als-die-sowjetischen-massendeportationen-aus-100.html">https://www.deutschlandfunk.de/vor-80-jahren-als-die-sowjetischen-massendeportationen-aus-100.html</a></div><div>59&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Erklärung Lucie Meyerkort vom 27.03.1952, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Freiheit, C6 </div><div>60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Marks, Eva: A Patchwork Life, S. 33</div><div>61&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Marks, Eva: A Patchwork Life, S. 37 f.</div><div>62&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Angabe der Todesursache in Standesamt Berlin I, Sterberegister 1947/6589</div><div>63&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erklärung Lucie Meyerkort vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A15</div><div>64&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Lebenslauf Lucie Meyerkort vom 17.10.1951, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte PRV-Akte, S. 5</div><div>65&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gutachten Prof. Dr. Bayer vom 16.06.1961, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, S. 3 </div><div>66&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Marks, Eva: A Patchwork Life, S. 45 ff.</div><div>67&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gutachten Prof. Dr. Bayer vom 16.06.1961, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, S. 3 </div><div>68&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gutachten Prof. Dr. Bayer vom 16.06.1961 in Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, S. 2 und 7 </div><div>69&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ärztliches Zeugnis zum Antrag B vom 23.07.1953, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Gesundheit, B 11</div><div>70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Marks, Eva: A Patchwork Life, S. 71</div><div>71&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vancouver Holocaust Education Centre Collections, Brief vom 24.12.1946, Identifier 1993.069.001</div><div>72&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Marks, Eva: A Patchwork Life, S. 71 f.</div><div>73&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entlassungsbescheinigung vom 01.03.1947, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Freiheit, C 3</div><div>74&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/68238120" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Fiche Individuelle</a>, Ordner DP2636, Signatur 03010101 15 307, DocID: 68238120, ITS Digital Archive, Arolsen Archives</div><div>75&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1133065">https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1133065</a></div><div>76&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1133009">https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1133009</a></div><div>77&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12651253">Zählkarte Sterbefälle</a>, Signatur 01020401 008, DocID: 12651253, ITS Digital Archive, Arolsen Archives</div><div>78&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;IRO &#8222;Care and Maintenance&#8220; Programm, <a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/79436356">Akte von Lucie Meyerkort</a>, Signatur 32110000 218.390, DocID: 79436356, ITS Digital Archive, Arolsen Archives</div><div>79&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/81969736">DP Listen Berlin Fr. Sector, Wittenau</a>, Signatur 3112053, DocID: 81969736, ITS Digital Archive, Arolsen Archives</div><div>80&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.after-the-shoah.org/berlin-juedisches-dp-lager-wittenau-jewish-dp-camp-wittenau/">https://www.after-the-shoah.org/berlin-juedisches-dp-lager-wittenau-jewish-dp-camp-wittenau/</a> </div><div>81&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bescheinigung der jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 24.09.1948, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Antrag aufgrund des Entschädigungsgesetzes, M 14</div><div>82&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Antrag Schaden auf Grund des Gesetzes über die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus vom 05.05.1951, Entschädigungsakte Lucie Pieck, Teilakte Antrag aufgrund des Entschädigungsgesetzes, M1</div><div>83&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Antrag Schaden an Vermögen vom 02.05.1951,  Entschädigungsakte Lucie Pieck Teilakte Schaden an Vermögen, D1</div><div>84&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Antrag Schaden an Vermögen vom 02.05.1951, Entschädigungsakte Lucie Pieck, Teilakte Schaden an Vermögen, D 28</div><div>85&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vermerk vom 08.08.1953, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Körper und Gesundheit, B 17</div><div>86&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schreiben der Entschädigungsbehörde Berlin vom 18.12.1961, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Körper und Gesundheit, B 117</div><div>87&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bescheid vom 07.04.1952, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Schaden an Freiheit, C 7</div><div>88&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vermerk vom 13.08.1965, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A 20  </div><div>89&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bescheid vom 15.12.1965, Entschädigungsakte Lucie Meyerkort, Teilakte Antrag auf Grund des Entschädigungsgesetzes, M79</div><div>90&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schreiben Rechtsbeistand Annemarie Kramer vom 12.10.1964, Entschädigungsakte Rudolf Meyerkort, Teilakte Schaden an Leben, A13</div><div>91&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Wedding, Sterberegister, 1967/3914</div><div>92&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Abschnitt E4, Reihe 3 </div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/lucie-und-rudolf/">Lucie und Rudolf</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Der Kultusbeamte von Schivelbein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Dec 2024 08:31:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ortsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kultusbeamte]]></category>
		<category><![CDATA[Pommern]]></category>
		<category><![CDATA[Saul]]></category>
		<category><![CDATA[Schivelbein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte des Lehrers und Kantors der jüdischen Gemeinde von Schivelbein, Siegmund Saul, und seiner Familie.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-kultusbeamte-von-schivelbein/">Der Kultusbeamte von Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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<p>Emma Saul saß am hölzernen Esstisch in der Küche und zog den Wollschal enger um die Schultern. Erst drei Uhr und draußen war es fast dunkel. Und so kalt. Ein weiteres Holzscheit würde sie heute nicht mehr auflegen können, die Monatsmitte war kaum vorbei und hätte Felix ihr bei seinem letzten Besuch in Schivelbein nicht den Keller mit Kartoffeln und Wruken gefüllt, sie wüsste nicht, wie sie über den Winter kommen sollte. 100 Milliarden Mark kostete ein Brot mittlerweile, diese Welt da draußen war verrückt geworden. Vielleicht würde es Hannale trotzdem schaffen, einen Hering, nur einen einzigen, für den Schabbatabend zu ergattern. Wenn sie daran dachte, wie Siegmund dafür gekämpft hatte, endlich 1000 Mark mehr Lohn zu bekommen &#8211; heute könnte er davon nicht einmal mehr ein Ei kaufen. So sehr sie ihren Mann vermisste &#8211; gut, dass er das nicht mehr erleben musste. Hätte sie die Kinder nicht, sie wäre schon längst nicht mehr aufgewacht, vor Kälte und Hunger. Neulich hatte es wieder geklopft, die Synagogengemeinde hatte jemanden geschickt, um nach ihr zu sehen. Aber mit denen war sie fertig, lieber würde sie erfrieren, als deren Almosen anzunehmen. Du wärest stolz auf Deine Kinder, Siegmund, sie haben es zu etwas gebracht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Lehrer aus Lobsens</h2>



<p>Siegmund Saul wurde am 4. Dezember 1849 in Lobsens in der Provinz Posen als jüngstes von acht Kindern des Kürschners Chaim Saul und dessen Frau Chaya Lewin geboren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup> Chaim Saul stammte aus dem westpreußischen Schneidemühl, seine Frau Chaya kam aus Czarnikau in der Provinz Posen. Sie war die Tochter von Raphael Lewin, einem Kantor. </p>



<p>In Lobsens lebten um 1850 etwa 2700 Menschen<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup> und fast jeder dritte Einwohner war jüdischen Glaubens. Es gab eine Synagoge, ein jüdisches Lehrhaus, einen jüdischen Friedhof und sogar der Bürgermeister war ein Jude.<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup> Aber bleiben wollten viele nicht, die jüdische Bevölkerung von Lobsens nahm stetig ab, es zog die Menschen in die großen Städte, nach Bromberg oder Berlin. So auch die Kinder der Familie Saul, die fast alle ihr Glück in der Hauptstadt suchten.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/09/2569819-e1734868353392.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="572" height="368" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/09/2569819-e1734868353392.jpg" alt="" class="wp-image-2328" style="width:auto;height:350px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/09/2569819-e1734868353392.jpg 572w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/09/2569819-e1734868353392-300x193.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px" /></a></figure>
</div>


<p>Der Beruf des Kürschners war für Siegmund Saul keine Option. Stattdessen bot der Lehrerberuf in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine vielversprechende Möglichkeit für gesellschaftlichen Aufstieg.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup> Sein älterer Bruder Hermann hatte diesen Weg bereits eingeschlagen, was Siegmund zusätzlich motivierte, ebenfalls Lehrer zu werden. Der Beruf verlangte jedoch mehr als nur den Wunsch nach Aufstieg: Er erforderte hohen Idealismus und bedeutete harte Arbeit und persönlichen Verzicht.</p>



<p>Die religiöse Erziehung der Kinder hatte in der jüdischen Gesellschaft stets einen hohen Stellenwert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> Über Jahrhunderte hinweg fand der Unterricht durch die Eltern selber, Privatlehrer oder in nicht-staatlichen einklassigen Zwergschulen statt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup> Geeignete Pädagogen waren jedoch kaum vorhanden. Die Lehrerqualifikation war an allen Volksschulen Preußens, jüdisch wie christlich, bis ins 19. Jahrhundert ein Trauerspiel. 1729 sah der Auswahlprozess für einen angehenden Lehrer in Pommern wie folgt aus: Ein Schuster, ein Weber, ein Schneider, ein Kesselflicker und ein Invalide mussten drei Kirchenlieder singen, vorlesen, buchstabieren, ein kurzes Diktat schreiben und rechnen. Der Schneider schied gleich aus: „<em>sollte lieber zu Haus geblieben sein, Rechnen ganz unbekannt, er zählte an den Fingern wie ein klein Kind</em>.&#8220; Man entschied sich für den Weber als kleinstes Übel: obwohl er beim Singen „<em>quekte mehrmalen</em>,&#8220; 10 Lesefehler machte, drei Handschriften „<em>schwach und mit Stocken</em>“ las, in drei Reihen Diktat fünf Fehler machte und des Rechnens nicht kundig war.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> </p>



<p>In der jüdischen Bildungslandschaft war dies kaum anders, wie aus einem Bericht der Stettiner Regierung von 1820 hervorgeht: &#8222;<em>Die Lehrer sind in der Regel rohe und unwissende Menschen, die von den jüdischen Hausvätern für ein geringes Lohn auf unbestimmte Zeit gemiethtet und in Kost genommen werden</em>.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup></p>



<p>Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten christlichen Lehrerbildungsanstalten in Preußen. 1854 gab es den Versuch, gesamtstaatliche Standards für die Lehrerbildung zu schaffen und damit auch die Volksschullehrerausbildung zu professionalisieren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup> Einen Handlungsbedarf für entsprechende jüdische Anstalten sahen die staatlichen Stellen lange nicht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup> Initiativen jüdischer Pädagogen scheiterten meist an der Finanzierung &#8211; während christliche Anstalten zu fast drei Vierteln aus staatlichen Mitteln unterstützt wurden, standen für entsprechende jüdische Institutionen keinerlei Gelder zur Verfügung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup> Juden, die christliche Lehrerbildungsanstalten besuchen wollten, wurden entweder gar nicht erst aufgenommen oder nur als Gasthörer akzeptiert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> Selbst wenn sie teilnehmen durften, qualifizierten sie sich durch die die evangelischen oder katholischen Inhalte der Ausbildung nicht für den späteren Dienst an ihren Schulen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup> Die jüdischen Gemeinden waren sich einig &#8211; es bestand dringender Handlungsbedarf.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/341767.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="214" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/341767-214x300.jpg" alt="" class="wp-image-2402" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/341767-214x300.jpg 214w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/341767.jpg 531w" sizes="auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die jüdische Lehrerbildungsanstalt in Berlin<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup></figcaption></figure>
</div>


<p>Am 6. November 1859 öffnete in Berlin in den Räumlichkeiten der jüdischen Knabenschule eine &#8222;Jüdische Lehrerbildungsanstalt&#8220; ihre Pforten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup> 1867 begann Siegmund Saul hier seine Lehrerausbildung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> Lange, prall gefüllte Arbeitstage. Unterricht in Religionswissenschaften, Schulkunde, Deutsch, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Rechnen, Raumlehre, Schreiben, Zeichnen, Musik und Turnen,<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup> dazu Vertretungsunterricht in der Knabenschule, Pausenaufsichten, Mithilfe im Turnunterricht, organisatorische Arbeiten, insgesamt mindestens 56 Stunden pro Woche. An jüdische Lehrer wurden höhere Anforderungen gestellt als an ihre nicht-jüdischen Kollegen. Von ihnen wurde nicht nur der Unterricht der Kinder erwartet, sondern auch die Wahrnehmung religiöser und seelsorgerischer Aufgaben.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Die Vorbereitung auf die künftigen theologische Pflichten, als Prediger und Kantor, trat hinter dem pädagogischen Pensum zurück.<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup></p>



<p>1871 schloss Siegmund Saul seine Ausbildung in Berlin ab. Vermutlich führte ihn seine erste Anstellung als Lehrer ins westfälische Levern und anschließend an den Niederrhein nach Dinslaken.<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> Gesichert ist, dass er 1881 in den Kreis Posen zurückkehrte. Aber er war nicht mehr allein &#8211; in Levern hatte er Emma Horwitz kennengelernt, die er dort am 28. Juli 1880 heiratete.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup> Am 3. August 1881 kam Tochter Eugenie in Kosten, Kreis Posen zur Welt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> Mit der Familiengründung war die Zeit gekommen, sich an einem Ort dauerhaft niederzulassen. Diese Möglichkeit bot sich in Preußisch Stargard, 50km südlich von Danzig. 13 Jahre lang war Siegmund Saul dort als Lehrer und Kantor für die jüdische Gemeinde tätig. Emma Saul brachte hier acht weitere Kinder zur Welt, von denen eines, der kleine Richard, seinen ersten Geburtstag nicht erlebte. Doch auch Preußisch Stargard sollte nicht die endgültige Heimat der Familie werden. Am 16. Juni 1893 meldete die Zeitung Jescherun, dass Siegmund Saul der neue Lehrer und Kantor der jüdischen Gemeinde von Schivelbein geworden war.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Schivelbeiner Jahre</h2>



<p>Dreißig Jahre hatte Rabbiner Hirsch Rackwitz die jüdische Gemeinde Schivelbein angeführt, bis er am 4. Juni 1893 starb.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> Lange Zeit war er schwer erkrankt, so sehr, dass dem Synagogenvorstand bereits früh klar war, dass ihr Rabbiner nicht mehr aus dem jüdischen Krankenhaus in Berlin nach Schivelbein zurückkehren würde. Zunächst sollte Siegmund Saul den Rabbiner nur vertreten, doch er erfüllte diese Aufgabe so gut, dass man beschloss, künftig einen Lehrer und Kantor anzustellen. Wahrscheinlich spielten dabei auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Die Schivelbeiner Gemeinde war seit Jahren geschrumpft: die Nähe zu Berlin, die Nachwehen der Schivelbeiner Krawalle<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup> und eine immer kleiner werdende Zahl finanzkräftiger Gemeindemitglieder führten dazu, dass die Entlastung der Gemeindekasse durch die Einstellung eines schlechter bezahlten Lehrers und Kantors naheliegend erschien.</p>



<p>Das Amt, das Siegmund Saul übernahm, trug den Titel Kultusbeamter. Die Aufgaben eines Kultusbeamten umfassten sämtliche religiöse Handlungen in einer jüdischen Gemeinde, darunter die Aufgaben eines Religionslehrers, eines Vorbeters und häufig auch die des Schächters, also des rituellen Schlachters. Einen Einblick in die weitreichenden Zuständigkeiten bietet die &#8222;Universal-Agende für jüdische Kultusbeamte&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> Neben Gottesdiensten am Schabbat und den Feiertagen war der Kultusbeamte auch in nahezu allen anderen Lebensbereichen tätig: bei Grundsteinlegungen, Einweihungen, Verlobungen, Geburten, Hochzeiten und Totenfeiern, bei Beschneidungen und Konfirmationen und sogar bei patriotischen Feiern &#8211; die Dienste von Siegmund Saul waren überall gefragt.</p>



<p>Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in ganz Pommern 61 solcher Kultusbeamten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup> Anders als der Titel vermuten lässt, waren sie aber gerade keine Beamten &#8211; sie waren weder auf Dauer beschäftigt noch amtsangemessen bezahlt oder durch eine Alterspension abgesichert. Die Tätigkeit für die Gemeinde sicherte ihnen allenfalls ein karges Grundeinkommen, das sie durch Privatunterricht und Schlachtgebühren aufbessern konnten. Die fundierte Ausbildung im Lehrerbildungsseminar änderte wenig an ihrer finanziellen Lage. So war ein &#8222;jüdisches akademisches Proletariat&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup> entstanden: gebildet, aber arm. Den Synagogengemeinden war dabei kaum ein Vorwurf zu machen &#8211; anders als bei staatlichen Schulen mussten sie ihre Lehrer selber finanzieren. </p>



<p>Siegmund Saul setzte auf das Zusatzeinkommen als Privatlehrer. Zwar bot ihm die Gemeinde auch das Amt des Schochet, des rituellen Schächters, an, aber Siegmund Saul war hierfür nicht ausgebildet und vielleicht wollte er die blutige Aufgabe auch gar nicht übernehmen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">29</sup> Stattdessen stürzte er sich mit Feuereifer in die Unterrichtung der jungen Menschen der Gemeinde. 40 Kinder besuchten seinen Unterricht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">30</sup> Nach dem Besuch der allgemeinbildenden Schule kamen sie ein paar Stunden in der Woche in die jüdische Schule, wo sie von Siegmund Saul in Hebräisch, jüdischer Religion und Kultur unterrichtet wurden.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="709" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-709x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2372" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-709x1024.jpg 709w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-208x300.jpg 208w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-768x1110.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-1063x1536.jpg 1063w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-1417x2048.jpg 1417w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Siegmund-och-Emma-Saul-scaled.jpg 1772w" sizes="auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Emma und Siegmund Saul, <br>mit bestem Dank an Marit Kihlman</figcaption></figure>
</div>


<p>Siegmund Saul war ein Vollblutlehrer, dem neben der Unterrichtstätigkeit auch die Verbesserung der Situation der Lehrer am Herz lag. Im 19. Jahrhundert hatten sich jüdische Lehrer in den verschiedenen preußischen Provinzen in Vereinen zusammengeschlossen. 1891 entstand der &#8222;Bezirksverein der Lehrer und Cultusbeamten Cöslin&#8220;, dessen Ziel es war, &#8222;die soziale Stellung zu heben und die Zukunft der Kultusbeamten sicherzustellen&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">31</sup> Im Dezember 1896 wurde dieser Bezirksverein in den &#8222;Verein israelitischer Lehrer und Kantoren in Pommern&#8220; umbenannt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">32</sup> 1901 wurde Siegmund Saul in Schlawe zum Vorsitzenden des Vereins gewählt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">33</sup> &#8222;<em>Der Verein blüht auf&#8220;, </em>beschrieb ein Chronist das Wirken von Siegmund Saul. In Adolf Baronowitz, dem resoluten Erziehungsdirektor im nahegelegenen Repzin,<sup class="modern-footnotes-footnote ">34</sup> fand er einen Verbündeten im Kampf für die Verbesserung der Situation der Kultusbeamten. Denn Siegmund Saul wusste, dass sie nur gemeinsam stark sein würden: &#8222;<em>Wenn unsere Gemeinden sehen werden, daß wir nicht nur durch treue Arbeit, sondern auch durch stetes Zusammenhalten ein Faktor werden, mit dem sie rechnen müssen, dann werden wir dahin kommen, daß unsere soziale Stellung in unsern Wirkungskreisen eine bessere und würdigere werden wird.&#8220;</em><sup class="modern-footnotes-footnote ">35</sup></p>



<p>Dann brach der Erste Weltkrieg aus. Fünf Söhne von Emma und Siegmund Saul zogen für Deutschland in die Schlacht, aber nur drei kehrten zurück. Die beiden jüngsten, Walter und Julius, fielen auf den Schlachtfeldern im Osten und in Frankreich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">36</sup> Zwei Söhne, Sally und Georg, blieben bis 1920 in Gefangenschaft in Nordfrankreich. Und die dem Krieg folgende Wirtschaftskrise machte es der Familie Saul noch schwerer &#8211; das geringe Salär von Siegmund Saul reichte nun vorne und hinten nicht mehr.</p>



<p>Siegmund Saul war mittlerweile über 70 Jahre alt. In den Ruhestand zu gehen war für Kultusbeamte nicht vorgesehen. Hörten sie auf zu arbeiten, erhielten sie auch keine Bezüge mehr. Siegmund Saul war jetzt seit 50 Jahren berufstätig, davon 30 Jahre im Dienst der Synagogengemeinde Schivelbein. Das Geld, das er am Ende des Monats erhielt, entsprach dem Wochenverdienst eines Bäckergesellen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">37</sup> Ohne die Unterstützung ihrer Kinder hätten Emma und Siegmund Saul nicht überleben können, trotz aller Mühe. Aber die anstrengenden Festtagsgottesdienste waren einfach zu viel für den gealterten Kultusbeamten. 1922 bat er die Gemeinde um eine Gehaltserhöhung &#8211; jedoch nicht für sich selbst. Er war bereit, auf ein Drittel seiner Bezüge zu verzichten, wenn man einen Helfer anstellen würde, der ihm zumindest einen Teil der Gottesdienste abnähme.<sup class="modern-footnotes-footnote ">38</sup> Doch die Gemeinde lehnte ab. Zehn Monate später starb Siegmund Saul.<sup class="modern-footnotes-footnote ">39</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7052.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="328" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7052-1024x328.jpg" alt="" class="wp-image-2347" style="width:auto;height:250px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7052-1024x328.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7052-300x96.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7052-768x246.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7052.jpg 1280w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Todesanzeigen der Familie<sup class="modern-footnotes-footnote ">40</sup> und der Synagogengemeinde<sup class="modern-footnotes-footnote ">41</sup></figcaption></figure>
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<p>&#8222;Hinter den Coulissen &#8211; Ein neues Opfer des Beamtenelends&#8220; lautete die Überschrift eines Artikels in den Blättern für Erziehung und Unterricht, der die Synagogengemeinde anklagte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">42</sup> Geld sei vorhanden gewesen, um den Kultusbeamten besser zu bezahlen, nur aus Geiz habe man dies unterlassen und in Anwesenheit der Witwe sogar geklagt, dass ein so günstiger Beamter künftig nicht mehr zu finden sei. Empört veröffentlichte der Synagogenvorstand eine Gegendarstellung. Hätte Siegmund Saul die Aufgaben des Schächters übernommen, hätte er auch mehr verdient. Die Zeitung blieb dabei &#8211; &#8222;<em>Der Vorstand hat dem verdienstvollen greisen Kultusbeamten gegenüber schweres Unrecht begangen; seine Haltung ist durch keinerlei Ausflüchte und Beschönigungsversuche zu rechtfertigen.&#8220;</em><sup class="modern-footnotes-footnote ">43</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-16-um-22.40.31.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-16-um-22.40.31-300x300.jpg" alt="" class="wp-image-2378" style="width:auto;height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-16-um-22.40.31-300x300.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-16-um-22.40.31-150x150.jpg 150w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-16-um-22.40.31.jpg 594w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Nachruf von Adolf Baronowitz für Siegmund Saul<sup class="modern-footnotes-footnote ">44</sup></figcaption></figure>
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<p>Für Emma Saul wurde es jetzt noch schwerer. Zwar kümmerte sich ihre Tochter Johanna in Schivelbein um sie, doch die Inflation schritt weiter voran, und sie erhielt nur einen kleinen Teil des Einkommens ihres Mannes als Witwenpension. Ihre Kinder, die sie bisher nach Kräften finanziell unterstützt hatten, litten nun ebenfalls unter der katastrophalen Wirtschaftslage. Im Frühjahr 1923 floss von der Gemeinde überhaupt kein Geld mehr. Nun reichte es ihrem Sohn Felix Saul, der in Schweden lebte. Bekannt kämpferisch und mit besten Kontakten nach Schivelbein und zu den jüdischen Zeitungen in Deutschland, nahm er die Sache in die Hand. In Adolf Baronowitz, der bereits mit seinem Vater für eine bessere Lehrerbezahlung gekämpft hatte, fand er einen Verbündeten. Beide versuchten, den Synagogenvorstand umzustimmen, aber auf entsprechende Briefe erhielt Felix Saul nicht einmal eine Antwort. Also beschloss er, die Angelegenheit öffentlich zu machen. Er wandte sich an die Zeitung und bat die Öffentlichkeit, Schiedsrichter zu sein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">45</sup> Ob er damit Erfolg hatte, ließ sich nicht ermitteln.</p>



<p>Emma Saul, geb. Horwitz starb am 30. November 1927 bei ihrer Tochter Eugenie in Berlin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">46</sup> Ihr Grab befindet sich bis heute auf dem jüdischen Friedhof in Schivelbein.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7157.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="378" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7157-1024x378.jpg" alt="" class="wp-image-2385" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7157-1024x378.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7157-300x111.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7157-768x283.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7157.jpg 1280w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a></figure>
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<p class="has-text-align-center">Todesanzeige Emma Saul,<sup class="modern-footnotes-footnote ">47</sup> Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Schivelbein/Świdwin, mit bestem Dank an Beata Zbonikowska</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Kinder</h2>



<p>Trotz aller finanziellen Schwierigkeiten &#8211; alle Kinder der Sauls hatten den gesellschaftlichen Aufstieg geschafft. Bis die Nationalsozialisten dem ein Ende setzten.</p>



<p class="has-text-align-center"><strong>Stammbaum der Familie Saul</strong></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Stammbaum-Saul.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Stammbaum-Saul-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-2455" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Stammbaum-Saul-1024x768.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Stammbaum-Saul-300x225.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Stammbaum-Saul-768x576.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Stammbaum-Saul-1536x1152.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Stammbaum-Saul.jpg 1874w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Eigene Graphik</figcaption></figure>
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<h3 class="wp-block-heading">Eugenie</h3>



<p>Die älteste Tochter Eugenie heiratete 1908 Siegfried Bernstein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">48</sup> Der gebürtige Schivelbeiner war als erfolgreicher Architekt in Berlin tätig, wo er ein eigenes &#8222;Büro für Architektur und Bauausführung&#8220; in Tempelhof betrieb.<sup class="modern-footnotes-footnote ">49</sup> Bekannt wurde er durch die Gestaltung zweier bedeutender Gebäude im brandenburgischen Bad Saarow &#8211; des Bahnhofs und des Moorbades, die er gemeinsam mit dem nicht-jüdischen Architekten Emil Kopp entwarf.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Bad_Saarow_asv2022-08_img19_Bf_Bad_Saarow-scaled.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="225" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Bad_Saarow_asv2022-08_img19_Bf_Bad_Saarow-300x225.jpg" alt="" class="wp-image-2338" style="width:auto;height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Bad_Saarow_asv2022-08_img19_Bf_Bad_Saarow-300x225.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Bad_Saarow_asv2022-08_img19_Bf_Bad_Saarow-1024x768.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Bad_Saarow_asv2022-08_img19_Bf_Bad_Saarow-768x576.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Bad_Saarow_asv2022-08_img19_Bf_Bad_Saarow-1536x1152.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Bad_Saarow_asv2022-08_img19_Bf_Bad_Saarow-2048x1536.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Der Bahnhof von Bad Saarow, erbaut von Siegfried Bernstein und Emil Kopp, von A.Savin &#8211; Eigenes Werk, FAL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=130205507</figcaption></figure>
</div>


<p>Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete die Karriere von Siegfried Bernstein rasch. Sein Antrag auf Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden Künste wurde abgelehnt, was einem Berufsverbot gleichkam. Der ältesten Tochter, Renate Bernstein, gelang die Ausreise nach England. Verzweifelt versuchte die Familie, die zehnjährige Gisela zu Verwandten nach Schweden zu schicken, aber das schwedische Einwanderungskontingent war erschöpft<sup class="modern-footnotes-footnote ">50</sup> &#8211; Gisela musste in Berlin bleiben.</p>



<p>Die Ausraubung der Familie Bernstein ist in Vermögenserklärungen aus dem Dezember 1942 dokumentiert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">51</sup> Der einst erfolgreiche Architekt, seine Frau Eugenie und Gisela lebten zusammen mit drei jüdischen Untermietern in einer Wohnung. Vermögen war keines mehr vorhanden, die Einrichtung beschränkte sich auf das Nötigste. Die 19-jährige Gisela wurde von den Nationalsozialisten gezwungen, als Gewindeschneiderin in den Goerz-Werken von Zeiss-Ikon in Zehlendorf zu arbeiten. Sie brachte wöchentlich 25 Mark nach Hause. Am 12. Januar 1943 wurden Eugenie, Siegfried und Gisela Bernstein nach Auschwitz deportiert. Wie lange sie dort überlebten, ist nicht bekannt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">52</sup></p>



<p>Den Anteil von Siegfried Bernstein an den von ihm mit Emil Kopp entworfenen Gebäuden wurde nach 1933 und auch lange nach 1945 verschwiegen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">53</sup> Noch heute wird Siegfried Bernstein nicht überall als Architekt der Gebäude in Bad Saarow genannt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">54</sup></p>



<h3 class="wp-block-heading">Sally</h3>



<p>Sally Saul war bereits viele Jahre als Kaufmann im Getreidehandel in Dresden tätig<sup class="modern-footnotes-footnote ">55</sup> als der Erste Weltkrieg ausbrach. Wie viele andere jüdische Männer zog auch er für Deutschland an die Front. Am 23. Februar 1915 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft,<sup class="modern-footnotes-footnote ">56</sup> die mehr als vier Jahre dauern sollte. Im September 1919 war die Situation für ihn unerträglich geworden, der Krieg war jetzt fast ein Jahr vorbei und noch immer gab es keine Aussicht auf Freiheit. Gemeinsam mit seinem Bruder Georg, der im selben Lager in Nordfrankreich inhaftiert war, plante er die Flucht. Georg kam durch, doch Sally wurde gefasst und in Arrest genommen. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, es schnellstmöglich erneut zu versuchen. Diesmal war auch er erfolgreich. Drei Tage schlug er sich durch den Norden Frankreichs, bis er das rettende rechte Rheinufer erreichte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">57</sup></p>



<p>Endlich zurück in Dresden, verschaffte ihm der Inhaber des Getreidehandels Rosenthal eine Arbeitsstelle als Prokurist. Nun war es an der Zeit, endlich eine Familie zu gründen. Am 18. Dezember 1920 heiratete Sally Saul in Dresden Elsa Margarethe Schneider, genannt Gretel.<sup class="modern-footnotes-footnote ">58</sup> Es schien, als könne jetzt eine glückliche Zukunft beginnen. Da traf es ihn wie einen Donnerschlag als kurz nach der Hochzeit Polizisten erschienen und ihn festnahmen. Der Firma, für die er erst seit vier Monaten tätig war, wurden Wucher und Kettenhandel vorgeworfen. Über ein halbes Jahr verbrachte Sally &#8211; gerade erst einer jahrelangen Inhaftierung entkommen &#8211; im Gefängnis. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis der Fall vor Gericht kam. In einem aufsehenerregenden Prozess, über den die Zeitungen ausführlich berichteten, beteuerten die Angeklagten, allesamt respektable Dresdener Bürger, ihre Unschuld.<sup class="modern-footnotes-footnote ">59</sup> Die Staatsanwaltschaft schien sich vollkommen verrannt zu haben und die Vorwürfe fielen in sich zusammen. Sally, mittlerweile 40 Jahre alt, wurde freigesprochen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">60</sup></p>



<p>Er setzte seine Tätigkeit als Getreidekaufmann fort, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Sally Saul muss geahnt haben, dass ihm nur eine erneute Flucht das Leben retten würde. Über Dänemark gelang es ihm, mit seiner Frau Gretel nach Schweden zu fliehen, wo sein Bruder Felix lebte. Sally Saul starb 1947 63-jährig in Stockholm.<sup class="modern-footnotes-footnote ">61</sup> 2012 wurden in Dresden Stolpersteine für Sally und Gretel Saul verlegt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">62</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Grabstein.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="669" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Grabstein.jpg" alt="" class="wp-image-2342" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Grabstein.jpg 1000w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Grabstein-300x201.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/11/Grabstein-768x514.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Grab von Sally und Gretel Saul <br>Norra Begravningsplatsen, Stockholm</figcaption></figure>
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<h3 class="wp-block-heading">Felix</h3>



<p>Felix Saul folgte zunächst dem Berufsweg seines Vaters. Von 1899 bis 1904 studierte er am jüdischen Lehrerseminar der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster und war anschließend fünf Jahre lang als Kantor und Chordirektor der Synagoge Düsseldorf tätig.<sup class="modern-footnotes-footnote ">63</sup> Felix Saul hatte ein besonderes musikalisches Talent. Er besaß ein absolutes Gehör und seine Bettlektüre bestand häufig aus Partituren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">64</sup></p>



<p>In Düsseldorf lernte er seine spätere Frau Margareta &#8222;Grete&#8220; Cohn kennen. Gemeinsam wagten sie 1909 einen großen Schritt: Felix hatte das Angebot bekommen, Oberkantor der jüdischen Gemeinde in Stockholm zu werden. Und er nahm es an. Unermüdlich stürzte er sich in die Arbeit &#8211; als Musikpädagoge, Chorleiter, Musiklehrer, Vortragsredner, Herausgeber und Redakteur, Autor und nicht zuletzt Vater von vier Kindern. Der Tag von Felix Saul schien 25 Stunden zu haben. &#8222;<em>Wie er das alles geschafft hat, ist ein Rätsel.&#8220;</em>, hieß es in seinem Nachruf.<sup class="modern-footnotes-footnote ">65</sup></p>



<p>Felix Saul wurde zu einer bekannten Persönlichkeit der Stockholmer Musikszene, hielt jedoch auch seiner Heimat die Treue. Er positionierte sich in zahlreichen Artikeln und Leserbriefen klar und kämpferisch &#8211; nicht nur zu musikalischen sondern auch zu politischen Themen. 1932 überwarf er sich mit der Synagogengemeinde und musste seine Position als Oberkantor aufgeben. Trotz seines langen Kampfes gegen diese Entlassung sollte er erst nach seinem Tod rehabilitiert werden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">66</sup> Dennoch machte er das Beste daraus und widmete sich fortan ganz seinem privaten Konservatorium.</p>



<p>&#8222;<em>Felix Saul gehört zu den Leuten, die andere gerne vor den Kopf stoßen. Was er davon hat ist, dass die Zahl seiner Anhänger allmählich wächst.&#8220;</em>, bemerkte ein Kommentator.<sup class="modern-footnotes-footnote ">67</sup> Kein Wunder also, dass gerade er die aus seiner Sicht ungerechte Bezahlung seines Vaters und die schlechte Versorgung seiner Mutter anprangerte. Doch dieses unermüdliche Engagement forderte seinen Preis &#8211; Felix Saul ließ sich auch von Herzproblemen nicht bremsen und starb im November 1942 im Alter von nur 58 Jahren in Stockholm.<sup class="modern-footnotes-footnote ">68</sup> Trotz aller Kampfeslust stellte sein Nachruf fest: &#8222;<em>Du hast Felix Saul nie verlassen, ohne etwas mitgenommen zu haben</em>.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">69</sup></p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-ca-1905-1907-rotated.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="776" height="1024" data-id="2389" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-ca-1905-1907-776x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2389" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-ca-1905-1907-776x1024.jpg 776w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-ca-1905-1907-227x300.jpg 227w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-ca-1905-1907-768x1013.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-ca-1905-1907-1164x1536.jpg 1164w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-ca-1905-1907-rotated.jpg 1528w" sizes="auto, (max-width: 776px) 100vw, 776px" /></a></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-30-talet.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="950" data-id="2388" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-30-talet.jpg" alt="" class="wp-image-2388" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-30-talet.jpg 700w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Felix-30-talet-221x300.jpg 221w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /></a></figure>
</figure>



<p class="has-text-align-center">Felix Saul, mit bestem Dank an Marit Kihlman</p>



<h3 class="wp-block-heading">Johanna</h3>



<p>Johanna Saul verließ Schivelbein erst nach dem Tod ihrer Mutter Emma. Als sie 1927 den Kösliner Viehhändler Adolf Itzig heiratete, war sie bereits 42 Jahre alt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">70</sup> Gemeinsam mit ihrem Mann emigrierte sie später nach Buenos Aires, Argentinien. Johanna Itzig, geborene Saul, starb dort am 22. September 1968. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof Cementerio Israelita de La Tablada in Buenos Aires beerdigt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">71</sup></p>



<h3 class="wp-block-heading">Georg</h3>



<p>Wie sein Bruder Sally wurde auch Georg Saul durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus seinem bisherigen Leben gerissen. Georg war als Textilkaufmann in Berlin tätig und hatte 1911 Martha Pfarr geheiratet, die zum Judentum übergetreten war.<sup class="modern-footnotes-footnote ">72</sup> </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Heirat-Saul_Pfarr-e1734868859388.jpg"><img decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Heirat-Saul_Pfarr-300x161.jpg" alt="" class="wp-image-2429"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Berliner Tageblatt, 41. Jg. Nr. 50 vom 28.01.1912, S. 14</figcaption></figure>
</div>


<p>Doch dann musste Georg Saul an die Front. 1916 wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">73</sup> Einen Monat später wurde er als vermisst gemeldet. Die Erleichterung war groß, als kurz darauf die Nachricht eintraf: Georg lebt, aber er ist in Gefangenschaft geraten. Nach dem Krieg wurde er weiter in Frankreich festgehalten, bis er 192o gemeinsam mit seinem Bruder Sally aus dem Lager flüchtete.<sup class="modern-footnotes-footnote ">74</sup> Endlich zurück in Berlin stieg er wieder in den Textilhandel ein und brachte es bis zum Prokuristen der &#8222;Aktien-Gesellschaft für Wäschefabrikation&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">75</sup> Bis 1936 war er in dem jüdischen Unternehmen tätig, dann setzte die Arisierung der Firma seiner Karriere ein Ende. 1941 starb seine Frau Martha, die offizielle Todesursache lautete Krebs. Fünf Monate später wurde Georg Saul nach Lodz, in das Ghetto Litzmannstadt deportiert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">76</sup> Zwangsarbeit, Hunger, Kälte und Tuberkulose &#8211; die Lebensbedingungen im Ghetto waren unmenschlich. In der Hölle fand Georg Saul nochmals die Liebe &#8211; er heiratete die 20 Jahre jüngere Gita Schreiber, wann genau, ist nicht bekannt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">77</sup> Im Mai 1942 wurden Georg und Gita in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert. Georg Saul wurde dort am 9. Mai 1942 ermordet, seine Frau Gita einen Tag später.<sup class="modern-footnotes-footnote ">78</sup></p>



<h3 class="wp-block-heading">Friedrich</h3>



<p>Weder Lehrer noch Kaufmann wie seine Brüder &#8211; Friedrich Saul hatte andere Berufspläne. Er schlug die Beamtenlaufbahn bei der Schivelbeiner Post ein. Aber auch ihn erfassten die Ereignisse des Ersten Weltkriegs. 1915 wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">79</sup> Erst nach Kriegsende, Anfang der Zwanzigerjahre, als er bereits Mitte 30 war, konnte er an die Familiengründung denken. Friedrich ging dabei auf Nummer sicher &#8211; erst trat er dem Beamtenwohnungsverein in Münster/Westfalen bei, dann heiratete er seine Cousine Hedwig aus Levern. Das Paar bekam zwei Töchter, Ingeborg und Ruth, und führte ein ganz normales Leben in Münster. „<em>Die Familie war sehr korrekt und freundlich. Ingeborg wurde Inge genannt. Sie war etwas jünger als ich und zurückhaltend</em>.&#8220;, erinnerte sich eine Nachbarin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">80</sup> Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten veränderte sich ihr Leben grundlegend. Friedrich Saul konnte zunächst noch Beamter bleiben &#8211; da ihm das &#8222;Frontkämpferprivileg&#8220; einen Aufschub bis Ende 1935 verschaffte. „<em>Den Vater habe ich noch in besonders guter Erinnerung. Er ging oft auf der Straße auf und ab mit seinem schwarzen Hut. Er war immer freundlich zu uns Kindern und grüßte jeden, der ihm entgegenkam, obschon nicht alle zurückgrüßten. Da er mehrmals am Tag spazieren ging, glaube ich, dass er damals keine Arbeit hatte.</em>“, erinnert sich eine andere Nachbarin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">81</sup> Doch die gesellschaftliche Ausgrenzung nahm zu: Inge verließ das Gymnasium und bei den Spielen auf der Straße waren beide Töchter nicht mehr dabei. Anfang 1938 zog die Familie weg aus Münster. Nach einigen Wochen bei Verwandten reisten sie weiter nach Berlin und bezogen eine Wohnung in Grunewald, die sie bis zuletzt alleine bewohnen konnten. Eine gute Nachbarschaft, Ärzte, Regierungsräte, eine Beamtenwohnanlage. Friedrich und Tochter Inge mussten hart arbeiten, um der Familie diese letzte kleine Sicherheit bieten zu können. Sie hatten aber auch keine Wahl &#8211; sie waren Zwangsarbeiter geworden. Beide arbeiteten bei der Ferdinand Schuchardt Berliner Fernsprech- und Telegraphen AG. 38 Reichsmark brutto wöchentlich für Friedrich, 17,32 für Inge.<sup class="modern-footnotes-footnote ">82</sup></p>



<p>1942 war klar, dass ihr bisheriges Leben, das beschwerlich genug war, ein Ende haben würde. Am 18. März 1942 mussten sie eine Vermögenserklärung abgeben, in Vorbereitung auf die &#8222;Auswanderung&#8220;. Korrekter Beamter durch und durch gab Friedrich jede Mark, jedes Möbelstück akribisch an.<sup class="modern-footnotes-footnote ">83</sup> Hedwig und er hatten es sogar geschafft, in den Zeiten der großen Not geringe Rücklagen zu bilden. Doch bis auf den letzen Pfennig zog der Staat alles ein. Am 28. März 1942 wurde die Familie Saul von Berlin aus in das Lager Trawniki, etwa 40 km südöstlich von Lublin, deportiert und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">84</sup></p>



<p>In Münster wurden Stolpersteine für die Familie verlegt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">85</sup> Auch der Wohnungsverein Münster, in dem Friedrich Mitglied war, hat die Geschichte und das Schicksal der Familie recherchiert. <sup class="modern-footnotes-footnote ">86</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7162.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7162-300x300.jpg" alt="" class="wp-image-2387" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7162-300x300.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7162-150x150.jpg 150w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7162-768x768.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7162-600x600.jpg 600w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/IMG_7162.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Von GeorgDerReisende &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148151076">https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148151076</a></figcaption></figure>
</div>


<h3 class="wp-block-heading">Rosa</h3>



<p>Als sich Rosa Saul im Dezember 1913 mit Leo Lesser, dem Sohn eines Berliner Glasermeisters, verlobte, schien sie die Kleinstadt Schivelbein hinter sich gelassen zu haben, um in ein spannendes Großstadtleben zu starten.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Verlobung-Saul-Lesser.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="79" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Verlobung-Saul-Lesser-300x79.jpg" alt="" class="wp-image-2356" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Verlobung-Saul-Lesser-300x79.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Verlobung-Saul-Lesser.jpg 615w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung Morgen-Ausgabe, 42. Jg. Nr. 654 vom 25.12.1913, S. 15</figcaption></figure>
</div>


<p class="has-text-align-left">Doch nur wenige Monate später brach der Erste Weltkrieg aus und Leo zog in die Schlacht. Er kehrte nicht mehr zurück. Am 17. August 1917 fiel er in der dritten Flandernschlacht in Nordfrankreich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">87</sup> Rosa zog zurück nach Schivelbein und heiratete dort am 8. Mai 1921 den Kaufmann Siegfried Chraplewsky aus Belgard,<sup class="modern-footnotes-footnote ">88</sup> der in Berlin ein Krawattengeschäft unter dem Namen Krawatten-Chrap<sup class="modern-footnotes-footnote ">89</sup> führte. Rosa und Siegfried bekamen zwei Töchter, Ruth und Hella-Senta. Rosa war stolz auf ihre Töchter, so stolz, dass sie mit einem Photo von Hella-Senta am Wettbewerb &#8222;Das schöne jüdische Kind&#8220; teilnahm und eine vergoldete Taschenuhr gewann.<sup class="modern-footnotes-footnote ">90</sup> Das war 1930 und nur wenige Jahre später geriet das Leben der Familie aus den Fugen. All die Schikanen, die Juden ab 1933 ertragen mussten, trafen auch die Familie Chraplewsky. 1938 entschieden sie sich, die 16jährige Ruth nach Australien zu schicken, um wenigstens sie in Sicherheit zu bringen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">91</sup> 1942 starb Siegfried Chraplewsky im Alter von 50 Jahren an einem Herzschlag.<sup class="modern-footnotes-footnote ">92</sup> Hella-Senta musste Zwangsarbeit leisten, bei DeTeWe Deutsche Telefonwerke und Kabelindustrie, für 18 Reichsmark in der Woche.<sup class="modern-footnotes-footnote ">93</sup> Im Januar 1943 wurden Rosa und Hella-Senta nach Auschwitz deportiert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">94</sup> Der genaue Zeitpunkt ihres Todes ist unbekannt.</p>



<p class="has-text-align-left">Nach dem Krieg wandte sich Ruth Chraplewsky, die mittlerweile in Brisbane lebte, an das Internationale Rote Kreuz, in der Hoffnung, dass ihre Mutter und ihre Schwester überlebt hatten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">95</sup> Als die verheerende Antwort 1948 in Australien eintraf, war Ruth bereits seit zwei Jahren tot. Ruth Chraplewsky starb am 5. Dezember 1946 im Alter von nur 24 Jahren in Brisbane.<sup class="modern-footnotes-footnote ">96</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Ruth-Chraplewsky0.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="201" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Ruth-Chraplewsky0-300x201.jpg" alt="" class="wp-image-2352" style="width:auto;height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Ruth-Chraplewsky0-300x201.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/12/Ruth-Chraplewsky0.jpg 640w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Grab von Ruth Chraplewsky, Toowong Cemetry, Brisbane</figcaption></figure>
</div>


<p>Die Nachfahren der Familie Saul leben heute in Schweden und Israel. Ich hoffe, ich konnte ihren Vorfahren mit dieser Darstellung gerecht werden. Mein herzlicher Dank gilt der Familie von Felix Saul in Schweden, insbesondere Anna Kerstin Anderson und Marit Kihlman für ihre wertvolle Unterstützung und die wunderbaren Photos. Ein besonderer Dank geht an Hans Peter Lindemann, der mich erst auf die Idee brachte, in Schweden zu recherchieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Literatur</h2>



<p>Andersson, Anna Kerstin: Musikpedagogen Felix Saul, Masterarbeit Königliche Musikhochschule Stockholm, Stockholm 2015</p>



<p>Fehrs, Jörg H.: &#8222;&#8212; fanden in unserem tristenreichen Pommern treffliche Äcker.&#8220; Zur Situation jüdischer Lehrer und Schülern in Pommern während des 19. Jahrhunderts in: &#8222;Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben&#8230;&#8220;, Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, S. 315 ff., Hrsg. Heitmann, Schoeps, Hildesheim 1995</p>



<p>Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, Zur Geschichte jüdischer Religions- und Elementarlehrer in Preußen&nbsp;1823/24&nbsp;bis&nbsp;1872, Göttingen 2006</p>



<p>Büro des deutsch-israelitischen Gemeindebundes: Statistisches Jahrbuch 1894, Berlin 1894</p>



<p>Freund, Susanne: Jüdische Bildungsgeschichte zwischen Emanzipation und Ausgrenzung, Paderborn 1997</p>



<p>Holzman, Michael: Geschichte der Jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt-Anstalt in Berlin, Berlin 1909</p>



<p>Sauer, Michael: Volksschullehrerbildung in Preußen, Frankfurt am Main 1987</p>



<p>Warhaftig, Myra: Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 &#8211; Das Lexikon, Berlin 2005</p>



<p>Wilhelmus, Wolfgang: Geschichte der Juden in Pommern</p>



<p>Wolff, Lion: Universal-Agende für jüdische Kultusbeamte, Berlin 1891 </p>



<p>Wuttke, Heinrich: Städtebuch des Landes Posen, Leipzig 1864</p>



<p></p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Levern, Heiraten 1880/16</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Wuttke, Heinrich: Städtebuch des Landes Posen, S. 364</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://www.xn--jdische-gemeinden-22b.de/index.php/gemeinden/k-l/1213-lobsens-posen</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Freund, Susanne: Jüdische Bildungsgeschichte, S.149 </div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, S. 39</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, S.39 f.</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sauer, Michael: Volksschullehrerbildung in Preußen, S. 12 f.</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht der Regierung Stettin an den MGUMA vom November 1820, Behrs, Jörg H.: &#8222;&#8212; fanden in unserem tristenreichen Pommern treffliche Äcker.&#8220; Zur Situation jüdischer Lehrer und Schülern in Pommern während des 19. Jahrhunderts, S. 318</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die drei Preußischen Regulative „Über die Einrichtung des evangelischen Seminar-, Präparanden- und Elementarschulunterrichts“ oder nach ihrem Verfasser kurz „Stihlschen Regulative“.</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, S. 157</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, S. 158, Behrs, Jörg H.: &#8222;&#8212; fanden in unserem tristenreichen Pommern treffliche Äcker.&#8220; Zur Situation jüdischer Lehrer und Schülern in Pommern während des 19. Jahrhunderts, S. 319</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, S. 161</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, S. 163 f.</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Holzman, Michael: Geschichte der Jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt-Anstalt in Berlin, S. 95</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Holzman, Michael: Geschichte der Jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt in Berlin, S. 91</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Holzman, Michael: Geschichte der Jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt in Berlin, S. 166</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Holzman, Michael: Geschichte der Jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt in Berlin, Lehrplan S. 85 f.</div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Freund, Susanne: Jüdische Bildungsgeschichte, S. 152</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brämer, Andreas: Leistung und Gegenleistung, S. 236 ff.</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Siegmund Sauls Frau Emma stammte aus Levern, in einer Stellenanzeige aus der Allgemeinen Zeitung des Judenthums vom 15.08.1876 empfiehlt der Lehrer Saul aus Dinslaken die Lehrerstelle in Levern</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Levern, Heiraten 1880/16</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Kosten, Geburten 1881/89</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jeschurun &#8211; Zeitschrift für die religiösen und sozialen Interessen des Judentums, Nr. 24 vom 16. Juni 1893, S. 382</div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Berlin 9, Tote 1893/967</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://ahnenblog.globonauten.de/heymann-jacobus-und-die-krawalle-von-schivelbein/">https://</a><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/heymann-jacobus-und-die-krawalle-von-schivelbein/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ahnenblog.globonauten.de</a><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/heymann-jacobus-und-die-krawalle-von-schivelbein/">/heymann-jacobus-und-die-krawalle-von-schivelbein/</a></div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;s. Wolff, Lion: Universal-Agende für jüdische Kultusbeamte</div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden 1. Jg. Nr. 9 September 1905, S. 2</div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Fehrs, Jörg H.: &#8222;&#8230;fanden in unserem tristenreichen Pommern treffliche Äcker.&#8220;, S. 335</div><div>29&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Leserbrief der Synagogengemeinde Schivelbein in: Blätter für Erziehung und Unterricht in Israelitisches Familienblatt 24. Jg. Nr. 49 vom 07.12.1922, S. 9</div><div>30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Statistisches Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes 1894, S. 12</div><div>31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht 32. Jg., Nr. 40 vom 24.12.1930 in Jüdische Bibliothek Nr. 271, S. 2167</div><div>32&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jeschurun Nr. 18 vom 18.12.1896, S. 82</div><div>33&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht 32. Jg., Nr. 40 vom 24.12.1930 in Jüdische Bibliothek Nr. 271, S. 2168</div><div>34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://ahnenblog.globonauten.de/das-israelitische-erziehungsheim-in-repzin-und-die-familie-baronowitz/ ">https://</a><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/das-israelitische-erziehungsheim-in-repzin-und-die-familie-baronowitz/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ahnenblog.globonauten.de</a><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/das-israelitische-erziehungsheim-in-repzin-und-die-familie-baronowitz/ ">/das-israelitische-erziehungsheim-in-repzin-und-die-familie-baronowitz/ </a></div><div>35&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht 32. Jg., Nr. 40 vom 24.12.1930 in Jüdische Bibliothek Nr. 271, S. 2168</div><div>36&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tod Walter Saul: Standesamt Berlin-Tempelhof, Tote 1916/328, Tod Julius Saul: Standesamt Polzin, Tote 1918/174</div><div>37&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht in: Israelitisches Familienblatt 24. Jg. Nr. 47 vom 23.11.1922, S. 9</div><div>38&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht in: Israelitisches Familienblatt 24. Jg. Nr. 47 vom 23.11.1922, S. 9</div><div>39&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein, Tote 1922/144</div><div>40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt Morgen-Ausgabe, 51. Jg. Nr. 491 vom 29.10.1922, S. 10</div><div>41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Central-Vereins-Zeitung 1. Jg. Nr. 27 vom 09.11.1922 S. 319</div><div>42&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht in: Israelitisches Familienblatt 24. Jg. Nr. 47 vom 23.11.1922, S. 9</div><div>43&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht in Israelitisches Familienblatt 24. Jg. Nr. 49 vom 07.12.1922, S. 9</div><div>44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blätter für Erziehung und Unterricht in Israelitisches Familienblatt 24. Jg. Nr. 46 vom 16.11.1922, S. 9</div><div>45&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 26. Jg. Nr. 44 vom 30.10.1924, S. 15</div><div>46&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Tempelhof, Tote 1927/230</div><div>47&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt 56. Jg. Nr. 569 vom 02.12.1927, S. 10</div><div>48&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein, Heiraten 1908/032</div><div>49&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Warhaftig, Myra: Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933, S. 67 f</div><div>50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Auskunft der Familie von Felix Saul</div><div>51&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://dfg-viewer.de/show?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&amp;tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fblha-digi.brandenburg.de%2Frest%2Fdfg%2Fxml%2FIIgVUoLbkpDAkUAQ&amp;tx_dlf%5Bpage%5D=1&amp;tx_dlf%5Bpagegrid%5D=1&amp;cHash=04cfb091f7ab09dabb8b6bebf4af547f" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Brandenburgisches Landeshauptarchiv 36A (II) 2995</a> </div><div>52&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127212106" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127212106</a></div><div>53&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mit bestem Dank an Burkhard Voigt für die Richtigstellung. Anders als in Warhaftig, Myra: Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933, S. 67 f. dargestellt, konnte Emil Kopp nicht dafür gesorgt haben, dass der Name von Siegfried Bernstein nach 1933 keine Erwähnung gefunden hat, da er bereits 1928 starb. Es ist jedoch festzustellen, dass Siegfried Bernstein über lange Zeit und teilweise noch heute nicht als Architekt des Bahnhofs angegeben wird.   </div><div>54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bad_Saarow" target="_blank" rel="noreferrer noopener">z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Bad_Saarow</a></div><div>55&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bestellung zum Prokurist der Firma Samuel Rosenthal, Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, Zentralhandeslregister für das Deutsche Reich, Nr. 78 A vom 01.04.1914</div><div>56&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Deutsche Verlustliste, 395. Ausgabe, Preußische Verlustliste Nr. 170 vom 10.03.1915, S. 117</div><div>57&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Gemeindebote 84. Jg. Nr. 5 vom 30.01.1920, S. 3</div><div>58&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Dresden I, Heiraten 1920/1822 </div><div>59&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Leipziger Tageblatt 117. Jg. Nr. 100 vom 28.04.1923, S.4</div><div>60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt 52. Jg. Nr. 205 vom 03.05.1923</div><div>61&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sterberegister Stockholm, Brännkyrka 1947</div><div>62&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/1208/familie-saul">https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/1208/familie-saul</a></div><div>63&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Saul">https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Saul</a></div><div>64&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Andersson, Anna Kerstin: Musikpedagogen Felix Saul, S. 3</div><div>65&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Andersson, Anna Kerstin: Musikpedagogen Felix Saul, S. 13</div><div>66&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Auskunft der Familie</div><div>67&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Andersson, Anna Kerstin: Musikpedagogen Felix Saul, S. 12 f.</div><div>68&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schweden, indizierte Sterberegister Stockholm, 1942</div><div>69&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Andersson, Anna Kerstin: Musikpedagogen Felix Saul, S. 13</div><div>70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein Heiraten 53/1927</div><div>71&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;JewishGen Online Worldwide Burial Registry &#8211; Argentina</div><div>72&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Berlin VIII, Heiraten 1911/1297 </div><div>73&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 18. Jg. Nr. 26 vom 29.06.1916, S. 4</div><div>74&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Gemeindebote 84. Jg. Nr. 5 vom 30.01.1920, S. 3</div><div>75&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Julius Mossner: Adreßbuch der Direktoren und Aufsichtsräte, Band I, Berlin 1936, S. 457 </div><div>76&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11255690" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Unterlagen der Arolsen Archives</a></div><div>77&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;JewishGen: Last Letters from the Lodz Ghetto, Brief vom 01.05.1942</div><div>78&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1149537">Gedenkbuch </a><a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1149537" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundesarchiv</a></div><div>79&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt, 44. Jg. Nr. 314 vom 22.06.1915, S. 6</div><div>80&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://muenstertube.wordpress.com/2023/07/05/stolpersteine-gegen-das-vergessen-gedenken-in-munster-an-die-opfer-des-nationalsozialismus-friedrich-saul/">https://muenstertube.wordpress.com/2023/07/05/stolpersteine-gegen-das-vergessen-gedenken-in-munster-an-die-opfer-des-nationalsozialismus-friedrich-saul/</a></div><div>81&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://muenstertube.wordpress.com/2023/07/05/stolpersteine-gegen-das-vergessen-gedenken-in-munster-an-die-opfer-des-nationalsozialismus-friedrich-saul/">https://muenstertube.wordpress.com/2023/07/05/stolpersteine-gegen-das-vergessen-gedenken-in-munster-an-die-opfer-des-nationalsozialismus-friedrich-saul/</a></div><div>82&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://blha-digi.brandenburg.de/rest/dfg/dAQFAFkLhYyKzoHI" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam, Signatur 36A (II) 33311</a></div><div>83&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://blha-digi.brandenburg.de/rest/dfg/dAQFAFkLhYyKzoHI">Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam, Signatur 36A (II) 33311</a></div><div>84&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11255689">Unterlagen der Arolsen Archives</a></div><div>85&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://stolpersteine.wdr.de/web/de/stolperstein/16094">https://stolpersteine.wdr.de/web/de/stolperstein/16094</a></div><div>86&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Mitteilungsblatt &#8222;Aktuell&#8220; des Wohnungsverein Münster, Juni 2006, S. 2f.</div><div>87&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Berlin VIII, Tote 1918/377</div><div>88&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein, Heiraten 1921/26</div><div>89&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erste Zentralhandelsregisterbeilage zum Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger Nr. 78 vom 02.04.1931 S. 15</div><div>90&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt 32. Jg. Nr. 50 vom 11.12.1930, S. 14</div><div>91&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;The Telegraph, Brisbane, 23.05.1944, S. 6: Ruth Chraplewsky, of German (refugee Jew) nationality, born at Berlin &amp; resident 6 years in Australia (&#8230;)</div><div>92&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Berlin-Mitte, Tote 1942/3659</div><div>93&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vermögenserklärung Chraplewsky, Rosa, Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam, 36A (II) 5818, S. 26</div><div>94&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Transportliste Welle 40, 26. Osttransport 12.01.1943</div><div>95&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Such- und Bescheinigungsvorgang Nr. 95.579, Signatur 06030302.0.095.579 von Arolsen Archives</div><div>96&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brisbane Hospital deaths 1933-1963, Queensland State Archives, Item ID ITM298297</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-kultusbeamte-von-schivelbein/">Der Kultusbeamte von Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Heymann Jacobus und die Krawalle von Schivelbein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Aug 2024 08:16:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ortsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Jacobus]]></category>
		<category><![CDATA[Pommern]]></category>
		<category><![CDATA[Schivelbein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>1881 kam es zu schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung von Schivelbein. Besonders getroffen wurde der Likörhändler Jacobus.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/heymann-jacobus-und-die-krawalle-von-schivelbein/">Heymann Jacobus und die Krawalle von Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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<p>Wortlos stieg Heymann Jacobus im Halbdunkel über die Reste dessen, was vor ein paar Tagen sein ganzer Stolz gewesen war. Durch die hastig angenagelten Bretter vor den Fenstern, die die zersplitterten Scheiben ersetzten, drang nur wenig Licht in das Ladengeschäft am Schivelbeiner Marktplatz. Scherben, geborstenes Holz, verrußte Wände, Pfützen auf dem Boden und über allem der Gestank von Spiritus. Hier war nichts mehr zu retten, die gesamte Inneneinrichtung war demoliert. Beide Ladenkassen waren erbrochen, der Inhalt geraubt<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup> und sämtliche Waren aus den vormals gut gefüllten Regalen verschwunden. Alle Spirituosen, an die 5000 Zigarren, bestimmt 30 Zuckerhüte, nichts war mehr übrig.<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup> Was die Randalierer nicht direkt aus dem Laden gestohlen hatten, war auf dem Marktplatz gelandet, wo sich die Pöbelweiber bedient hatten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup> Nach über 20 Jahren würde er ganz von vorne anfangen müssen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Familie Jacobus</h2>



<p>Ephraim Jacobus und seine Frau Philippine, genannt Pine, waren Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Kreis Deutsch Krone nach Schivelbein gekommen. Ephraim Jacobus war ein gelehrter Mann, er hatte die &#8222;hohe jüdische Schule zu Dt. Friedland&#8220; besucht, wo ihn sein Vater Jacob Lenschütz unterrichtete. Ephraim und Pine hatten zehn Kinder und gute Bildung für seinen Nachwuchs war Ephraim wichtig.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup> Pines Wunsch war es, &#8222;ihre Kinder wohlerzogen in die Welt zu stellen.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> Aber die Zeiten waren schwer, Ephraim Jacobus musste wirtschaftliche Rückschläge einstecken und irgendwann blieb nur noch der &#8222;Hausierhandel zu Fuß&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup><span style="caret-color: rgb(0, 0, 0); color: rgb(0, 0, 0); font-family: -webkit-standard; font-size: medium; white-space: normal;"></span></p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ephraim-Jacobus-gross.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="754" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ephraim-Jacobus-gross.jpg" alt="" class="wp-image-2245" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ephraim-Jacobus-gross.jpg 754w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ephraim-Jacobus-gross-221x300.jpg 221w" sizes="auto, (max-width: 754px) 100vw, 754px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Ephraim Jacobus, mit freundlicher Genehmigung des Leo Baeck Institute</figcaption></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="alignleft size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Pine-Jacobus.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="944" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Pine-Jacobus.jpg" alt="" class="wp-image-2249" style="width:auto;height:403px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Pine-Jacobus.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Pine-Jacobus-203x300.jpg 203w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Pine Jacobus, mit freundlicher Genehmigung des Leo Baeck Institute</figcaption></figure>
</div></div>
</div>



<p>Heymann Ephraim Jacobus war das siebte Kind von Ephraim und Pine. Er wurde 1827 in Schivelbein geboren und besuchte dort sowohl die deutsche als auch die jüdische Schule. Beruflich in die Fußstapfen des Vaters treten konnte er nicht &#8211; seine zwei älteren Brüder Salomon und Bentheim waren bereits Hausierer geworden. Das jüdische Zeremonialgesetz, wonach Juden am Schabat nicht arbeiten dürfen, machte es ihm schwer, im kleinen Schivelbein mit einer geringen Anzahl von jüdischen Betrieben eine Ausbildungsstelle zu finden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> In Greifenberg wurde er schließlich fündig und keine zehn Jahre später war er dort Eigentümer eines &#8222;Tuch- und Modewaaren-Geschäfts&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> Jetzt war die Zeit gekommen, eine Familie zu gründen. Mit Henriette Meyer fand er die richtige Frau und die ersten beiden Kinder des Paars, Emil und Ernestine, kamen in Greifenberg zur Welt. Doch 1860 zog es ihn zurück nach Schivelbein, aus familiären Gründen. Sein Vater Ephraim war gestorben, vielleicht wollte er sich um seine Mutter Pine kümmern, vielleicht war es einfach nur an der Zeit, wieder in die Heimat zurückzukehren. Also verkaufte er seinen Laden in Greifenberg, stieg aus der Textilbranche aus und probierte etwas Neues: ein Destillations-Geschäft sollte es künftig sein. Am 8. Juni 1860 kaufte er das Wohn- und Geschäftshaus am Schivelbeiner Markt 14<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup> und eröffnete seinen neuen Laden.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Geschaeftsverkauf-klein.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="624" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Geschaeftsverkauf-klein-1024x624.jpg" alt="" class="wp-image-2244" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Geschaeftsverkauf-klein-1024x624.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Geschaeftsverkauf-klein-300x183.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Geschaeftsverkauf-klein-768x468.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Geschaeftsverkauf-klein.jpg 1096w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Allgemeine Zeitung des Judenthums, 24. Jg. Nr. 6 vom 07.02.1860, S. 92</figcaption></figure>
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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Stellenanzeige-03_1865.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="518" height="104" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Stellenanzeige-03_1865.jpg" alt="" class="wp-image-2248" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Stellenanzeige-03_1865.jpg 518w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Stellenanzeige-03_1865-300x60.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 518px) 100vw, 518px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Allgemeine Zeitung des Judentums, 29. Jg. Nr. 11 vom 14.03.1865, S. 172</figcaption></figure>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Warenzeichen.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="734" height="308" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Warenzeichen.jpg" alt="" class="wp-image-2273" style="width:310px;height:auto" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Warenzeichen.jpg 734w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Warenzeichen-300x126.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 734px) 100vw, 734px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Quelle<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup></figcaption></figure>
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<p>In Destillationsgeschäften wurden im 19. Jahrhundert nicht nur Hochprozentiges verkauft, sondern auch Liköre und Branntwein hergestellt und ausgeschenkt. Viele dieser Destillationsgeschäfte wurden von Juden betrieben.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup> Für Heymann Jacobus bedeutete der Laden am Schivelbeiner Marktplatz einen bescheidenen Wohlstand, der seine wachsende Familie ernähren konnte. Drei weitere Kinder kamen in Schivelbein auf die Welt. Doch nur zwei Wochen nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter starb die Mutter im Mai 1866.<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> Die Tochter, die ihren Namen trug, Henriette. Auf dem jüdischen Friedhof in Schivelbein wurde Heymann Jacobus&#8216; Frau zu Grabe getragen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/image.php-2.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="466" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/image.php-2.jpeg" alt="" class="wp-image-2253" style="width:auto;height:350px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/image.php-2.jpeg 700w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/image.php-2-300x200.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Grab von Henriette Jacobus geb. Meyer auf dem jüdischen Friedhof in Schivelbein, mit freundlicher Genehmigung des Center for Jewish Art, Bezalel Narkiss Index of Jewish Art, (<a href="https://cja.huji.ac.il/browser.php?mode=alone&amp;id=553908">https://cja.huji.ac.il/browser.php?mode=alone&amp;id=553908</a>)</figcaption></figure>
</div>


<p>Heymann Jacobus heiratete erneut, Johanna Hesse aus Bosatz in Schlesien. Mit Ende 40 wurde er dann noch zweimal Vater. Als ihm seine Nachbarn das Geschäft kurz und klein schlugen war Heymann Ephraim Jacobus 54 Jahre alt und Vater von sieben Kindern.</p>


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<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Stammbaum-Jacobus.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="793" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Stammbaum-Jacobus-1024x793.jpg" alt="" class="wp-image-2271" style="width:auto;height:600px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Stammbaum-Jacobus-1024x793.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Stammbaum-Jacobus-300x232.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Stammbaum-Jacobus-768x595.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Stammbaum-Jacobus-1536x1190.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Stammbaum-Jacobus.jpg 2004w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">eigene Graphik</figcaption></figure>
</div>


<h2 class="wp-block-heading">Die Krawalle</h2>



<h3 class="wp-block-heading">Der Neustettiner Synagogenbrand und Ernst Henrici</h3>



<p>Um 1880 entwickelte sich im deutschen Kaiserreich das, was schnell als Radau-Antisemitismus bezeichnet wurde.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup> Einer der Ideengeber und Agitatoren war der Berliner Gymnasiallehrer Ernst Henrici, der ganz offen zur Gewalt gegen Juden aufrief. Und das erfolgreich, denn immer wieder kam es im Anschluss an seine Reden zu antisemitischen Gewalttätigkeiten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup> Wegen seines radikalen Antisemitismus wurde Henrici am 4. Januar 1881 aus dem Schuldienst entlassen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup> Das verschaffte ihm Zeit und Gelegenheit, auch außerhalb Berlins zu zündeln. &#8222;Der bekannte Dr. Henrici hat sich jetzt Hinterpommern als neues Probierfeld für seine antisemitistischen Salbadereien ausersehen. Mitte dieses Monats wird derselbe hier und in anderen Orten Hinterpommerns Agitationsvorträge gegen die Juden halten&#8220;, kündigte die Israelitische Wochenschrift am 9. Februar 1881 die erste Pommernreise Henricis an.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> Zu Sätzen wie &#8222;Der Jude ist nicht zur produktiven Arbeit sondern ausschließlich zum Schacher geneigt. Das größte Unglück ist aber die verjudete Presse&#8220;, erntete er am 13. Februar 1881 in Neustettin stürmisches, nicht enden wollendes Bravo und ein dreimaliges Hoch auf den Redner.<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup> Am 18. Februar 1881 brannte die Synagoge von Neustettin.</p>



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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ernst_Henrici_by_Adolf_Halwas_Ausschn.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="400" height="584" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ernst_Henrici_by_Adolf_Halwas_Ausschn.jpg" alt="" class="wp-image-2260" style="width:auto;height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ernst_Henrici_by_Adolf_Halwas_Ausschn.jpg 400w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/07/Ernst_Henrici_by_Adolf_Halwas_Ausschn-205x300.jpg 205w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" /></a></figure>
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<div class="wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p><em>Carl Ernst Julius Henrici </em><br><em>* 10.12.1854 in Berlin</em><br><em>† 10.07.1915 in Döbeln <br>Einst hoffnungsvoller Sprachwissenschaftler und Lehrer radikalisierte er sich und scheiterte dann als Politiker, Kolonialabenteurer und Wissenschaftler.</em><sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup></p>
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<p>Die Anschuldigungen flogen hin und her, das Werk von Antisemiten, Henricis Saat sei aufgegangen, das schien vielen auf der Hand zu liegen. Nein, das waren die Juden selber, um die Versicherungssumme zu kassieren, schimpften andere. Die Ermittlungen kamen nicht voran, dafür heizte sich die Stimmung weiter auf. &#8222;Die Aufregung im Pommernland wurde immer größer&#8220;,<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup> feixte Henrici und tat alles dafür, die Funken weiter am Glimmen zu halten. Ende Juni reiste er ein zweites Mal nach Pommern und sprach unter anderem in Bärwalde, Neustettin, Pielburg, Ratzebuhr, Bublitz, Polzin, Köslin und Hammerstein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> Und sein Plan ging auf. Am 7. August 1881 berichteten die Zeitungen: &#8222;Aus Pommern bringen die Provinzialblätter von allen Seiten Nachrichten über antisemitische Ausschreitungen. In Bublitz wurden am 31. Juli zwölf der Haupttumultuanten arretiert. In Schivelbein nahm die Polizei am 30. Juli mehrere Verhaftungen vor.&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup> Den Schivelbeiner Juden stand jedoch noch Schlimmeres bevor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Schivelbeiner Excesse</h3>



<p>Schon seit Tagen rumorte es in der Stadt. Die Geschehnisse in Neustettin hatten auch in Schivelbein eine Lunte entzündet. Es waren zunächst nur unbedeutende Auflaufe gewesen,<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> aber etwas lag in der Luft. So spürbar, dass sich die Polizeiverwaltung am Samstag, den 6. August 1881 entschloss, eine Warnung zu erlassen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> Am nächsten Tag schien dies zunächst vergessen, die Schivelbeinerinnen und Schivelbeiner zog es an diesem Sonntag vor die Tore der Stadt, wo bei mildem Sommerwetter ein Jahrmarkt Karussells und Buden aufgebaut hatte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> Die Stimmung war ausgelassen, die Menschen amüsierten sich und prosteten sich mit reichlich Bier zu. Der Alkohol zeigte bald seine Wirkung, die Atmosphäre heizte sich auf und schwappte vom Festplatz in die Stadt hinüber. Dort auf dem Markplatz brodelte es, die Stimmung der letzten Tage, der Alkohol, alles kam zusammen. Und dann griff ein betrunkener Ziegler nach seinen Rockschößen und tanzte um den Kandelaber, die Straßenlaterne mitten auf dem Platz. &#8222;Hepp, Hepp&#8220;, schrie er und die Menge grölte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup> Jetzt reichte es den Gendarmen, sie bahnten sich den Weg durch die vielen Menschen und griffen sich den Ziegler. Unter Gejohle und Protest der Masse schoben ihn die Polizisten durch die Straßen Richtung Rathaus, um ihn dort in einem der Arrestlokale festzusetzen.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/326731651_1792626004470919_3327424269368962091_n.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="885" height="489" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/326731651_1792626004470919_3327424269368962091_n.jpg" alt="" class="wp-image-2293" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/326731651_1792626004470919_3327424269368962091_n.jpg 885w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/326731651_1792626004470919_3327424269368962091_n-300x166.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/326731651_1792626004470919_3327424269368962091_n-768x424.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 885px) 100vw, 885px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Der Schivelbeiner Marktplatz um 1830, in der Mitte der Kandelaber</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-group is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-ad2f72ca wp-block-group-is-layout-flex">
<p>Die jüdischen Kaufleute und Handwerker der Stadt waren auf den Marktplatz geeilt. Samuel Salinger, Max Gutmann, Lewin Mannheim und viele andere steckten sorgenvoll die Köpfe zusammen. &#8222;Hepp, Hepp,&#8220;, seit Jahrzehnten rief man dies den Juden hinterher und nie in freundlicher Absicht. Rabbiner Rackwitz versuchte, die besorgten Menschen zu beruhigen, &#8222;in unserem gemüthlichen Städtchen herrschte stets Friede und Eintracht zwischen Juden und Christen.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> Alarmiert durch das, was Tage zuvor in Neustettin passiert war, beschlossen die Männer, ihre Läden zu schützen. &#8222;Jacobus, sichere Dein Geschäft&#8220;, riefen sie ihm zu, aber Heymann schüttelte den Kopf: &#8222;Ich habe immer in gutem Einvernehmen mit meinen Mitbürgern gelebt&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup> Die Männer um ihn herum lächelten &#8211; Heymann Jacobus, ein Mann, der keinem Kind etwas zu Leide tut,<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup> das wusste man in Schivelbein.</p>
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<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="576" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/457389224_3420403934770890_2918915492665977212_n-1024x576.jpg" alt="" class="wp-image-2321" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/457389224_3420403934770890_2918915492665977212_n-1024x576.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/457389224_3420403934770890_2918915492665977212_n-300x169.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/457389224_3420403934770890_2918915492665977212_n-768x432.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/457389224_3420403934770890_2918915492665977212_n-1536x863.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/457389224_3420403934770890_2918915492665977212_n-800x450.jpg 800w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/457389224_3420403934770890_2918915492665977212_n.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Das Geschäft von Heymann Jacobus, mit bestem Dank an Rafał Iwanicki </figcaption></figure>



<p>Die Gendarmen mit dem Ziegler, die johlende Menge im Schlepptau, waren zwischenzeitlich am Rathaus angekommen. Mit der Inhaftierung des Unruhestifters müsste die Lage doch wieder unter Kontrolle zu bekommen sein. Aber der alkoholisierte Haufen war außer Rand und Band. Steine wurden geworfen, auf das Gebäude und auf die Gendarmen. Die Scheiben des Rathauses gingen zu Bruch, Polizisten wurden getroffen. Dann prügelten die Randalierer auf die Ordnungshüter ein, bis die sich zurückzogen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">29</sup> Auch Bürgermeister Hermann Kosse musste sich schließlich beugen &#8211; er gab den Gefangenen frei.<sup class="modern-footnotes-footnote ">30</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/10838837.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="580" height="380" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/10838837.jpg" alt="" class="wp-image-2297" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/10838837.jpg 580w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/10838837-300x197.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das Schivelbeiner Rathaus</figcaption></figure>
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<p>Die Menge war jetzt auf über tausend Personen angewachsen<sup class="modern-footnotes-footnote ">31</sup> und wie elektrisiert &#8211; Recht und Gesetz waren bezwungen, jetzt sollte es den Juden an den Kragen gehen. Grölend zog man zurück zum Marktplatz. Die Geschäfte der Israeliten waren das Ziel. &#8222;Die Läden und Jalousien wurden mit Brechstangen und Aexten zertrümmert: die Bewohner flüchteten sich auf die Böden oder zu christlichen Nachbarn. Die Menge drang in die Häuser ein, und zertrümmerte alles, was nicht niet- und nagelfest war.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">32</sup> Die Waren wurden auf den Marktplatz geschmissen, wo sie &#8222;zerstört, gestohlen oder in die Rega geworfen&#8220; wurden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">33</sup> &#8222;Die Weiber, welche den Tumultuanten folgten, zerschlugen noch, was die ersteren verschont hatten und stahlen furchtbar.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">34</sup> Im Laden von Heymann Jacobus &#8222;rannen die Schnapsvorräthe in die Kehlen der Plünderer hinab: die Furie war entfacht, die Raserei hatte ihren Höhepunkt erreicht.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">35</sup> &#8222;Bei H.E. Jacobus hat der Pöbel am meisten gewüthet, es wurden alle Schnapsfässer auf den Markt geworfen, sowie Flaschen mit Liqueren und andere Materialien.&#8220; <sup class="modern-footnotes-footnote ">36</sup> &#8222;Brennende Streichhölzer wurden in die mit Spirituosen gefüllten Fässer geschleudert, und nur durch das rasche Einschreiten einiger Besonnenen wurde das Feuer im Entstehen gelöscht und entsetzliches Unglück verhütet.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">37</sup></p>



<p>Nachdem in den jüdischen Geschäften am Marktplatz gewütet worden war, zog die Menge weiter in eine der Querstraßen. Im Wohnhaus der Brüder Samuel und Itzig Samuel wurde alles demoliert und zum Fenster hinausgeworfen, Spinde, Kommode, Tische, Stühle, Betten, Wäsche u.s.w., dann wurde der Torweg erbrochen, das Pferd weggeführt und der Wagen in die Rega geschoben. Es blieb in den Stuben nichts weiter als die vier Wände, nur das eiserne Spind trotzte dem Pöbel. Die Brüder versteckten sich, aber die Randalierer fanden den 64jährigen Samuel Samuel und schlugen ihm die Zähne ein. Sein Bruder Itzig wurde am nächsten Morgen völlig verängstigt im Keller gefunden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">38</sup> Mehr als vier Stunden wütete der Mob in der Stadt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">39</sup> Die Polizei musste hilflos zusehen &#8211; diesem Ausmaß von Gewalt war sie nicht gewachsen. Dann endlich ein Trompetensignal &#8211; der Schivelbeiner Kriegerverein hatte Alarm geschlagen. Die Mitglieder rückten mit aufgepflanzten Bajonetten an und konnten endlich wieder Ruhe in der Stadt schaffen. 21 Randalierer wurden festgenommen.</p>



<p>Am Tag nach den Krawallen stand die Stadt unter Schock &#8211; der Marktplatz ein Trümmerfeld, die jüdischen Geschäfte geplündert, Wachen der Schützengilde und des Kriegervereins auf Patrouille in der Stadt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">40</sup> Die Arrestlokale quollen über, die festgenommenen Randalierer waren allesamt Schivelbeiner Bürger. &#8222;Die Aufregung in Schivelbein war nach wie vor kolossal und besonders der Jammer der Frauen ergreifend.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">41</sup> Und es ging das Gerücht, dass &#8222;die Weiber der eingesperrten Excedenten die Stadt in Brand stecken würden&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">42</sup> Schließlich eilte Bürgermeister Kosse nach Köslin zur königlichen Regierung &#8211; er brauchte Hilfe, ein zweites Mal wollte er keine Gefangenenbefreiung riskieren. Am Freitag, den 12. August 1881 bot sich den Schivelbeiner Bürgerinnen und Bürgern ein abschreckendes Bild &#8211; 50 Kösliner Soldaten mit geladenen Gewehren, einschließlich Tambour und Pfeifer, trieben die gefesselten und mit Stricken aneinander gebundenen Gefangenen zum Zug nach Köslin, wo sie im Geschwindschritt dem Gefängnis entgegengeführt wurden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">43</sup><br><br>28 Angeklagte, darunter vier Frauen, mussten sich im November 1881 vor dem Kösliner Gericht wegen Aufruhr, Landfriedensbruch und Plünderei verantworten. Über den Prozess wurde im ganzen deutschen Reich detailliert berichtet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">44</sup> Am Ende verurteilte das Gericht 22 Schivelbeiner Bürgerinnen und Bürger.<sup class="modern-footnotes-footnote ">45</sup> Bei 21 von ihnen wurden mildernde Umstände angenommen und nur kurze Gefängnisstrafen verhängt. Einen Rädelsführer hatte man nicht ausfindig machen können. Vielleicht hatte man sich aber auch nicht sonderlich angestrengt.</p>



<p>Antreten mussten die Randalierer ihre Strafen nicht sofort. &#8222;Als die Verurtheilten, die ein Vierteljahr in Untersuchungshaft gesessen hatten, nach ihrer Heimath Schievelbein zurückkehrten, weil sie vorläufig aus der Haft entlassen worden waren, wurden sie am Bahnhofe von ihren Angehörigen und einer großen Menschenmenge erwartet. Es kam zu erregten Scenen; die Menge brach in wiederholte Hochs aus, als die Inhaftiertgewesenen ausstiegen.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">46</sup></p>



<p>Die Krawalle hatten auch für die Stadtkasse Folgen. In Schivelbein war ein Schaden von 150.000 Mark entstanden<sup class="modern-footnotes-footnote ">47</sup> und nach den Vorschriften des Preußischen Krawallschadensgesetzes musste den die Stadt regulieren. Nachdem der vermögende Rentier Brewing freigesprochen worden war, schwand die Hoffnung, die Verursacher in Regress nehmen zu können. &#8222;Bittere Klagen kamen aus den Städten Pommerns, in denen die Judenkrawalle stattgefunden hatten, wegen der den Stadtbehörden zufallenden Entschädigungslast.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">48</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie konnte es so weit kommen?</h2>



<p>Judenfeindliche Krawalle gab es im Sommer 1881 nicht nur in Neustettin und Schivelbein. Zwischen Ende Juli und Anfang September des Jahres kam es zu Ausschreitungen in Hammerstein, Dallentin, Bärwalde, Baldenburg, Jastrow, Konitz, Pollnow, Falkenburg, Stettin und Stolp.<sup class="modern-footnotes-footnote ">49</sup> Ein pommerscher Bürgerkrieg schien sich anzubahnen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">50</sup> Das sind Henricis Früchte!, mutmaßten die Zeitungen. Aber warum fielen sie gerade in Hinterpommern auf so fruchtbaren Boden? In einer Provinz, in der Juden schon seit langem ansässig waren und als gut integriert galten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">51</sup> Und die zudem mit einem Anteil von unter einem Prozent einen reichsweit sehr geringen jüdischen Bevölkerungsanteil hatte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">52</sup></p>



<p>In der Öffentlichkeit diskutiert wurden zwei Erklärungsansätze. Die Juden seien schlichtweg selber Schuld durch Wuchergeschäfte und arrogantes Auftreten, argumentierten konservative Kreise und bedienten damit jahrhundertealte antisemitische Vorurteile. Für liberale Anhänger war die antisemitische Propaganda ursächlich für die Krawalle. Wuchervorwurf und Verführung &#8211; das gab es an vielen Orten im deutschen Kaiserreich. Aber warum wurden daraus in Hinterpommern gewalttätige Ausschreitungen? </p>



<p>Das Land war vom Konservatismus und der Idealisierung der Gemeinschaften auf den großen Gütern geprägt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">53</sup> Juden waren hiervon ausgeschlossen, denn ländlicher Grundbesitz und ländlicher Wohnsitz waren ihnen jahrhundertelang nicht erlaubt gewesen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">54</sup> Die meisten christlichen Pommern lebten von altersher von Landwirtschaft und Handwerk, die Juden waren hingegen vorwiegend im Handel tätig.<sup class="modern-footnotes-footnote ">55</sup> Die Modernisierung der Landwirtschaft im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts forderte von den Bauern Investitionen mit Geld, das sie nur durch Verschuldung aufbringen konnten. Banken und Darlehenskassen fehlten auf dem Land fast völlig. Da blieb als Kreditgeber nur der private Geldhandel, an dem jüdische Geschäftsleute einen überdurchschnittlich hohen Anteil hatten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">56</sup> Genügend Potential für Vorurteile, Neid und Konflikte.</p>



<p>Die einfache und wenig gebildete Landbevölkerung Hinterpommerns, das auch als eine der &#8222;rückständigsten preußischen Provinzen&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">57</sup> bezeichnet wurde, schien die Menschen anfälliger für antisemitische Propaganda gemacht zu haben. Antisemitische Zeitungen wie die Neustettiner &#8222;Neue Presse&#8220; und antisemitische Vereine hatten den Boden bereitet für die Agitation aus der Großstadt, die Ernst Henrici nach Hinterpommern trug. Als das Kösliner Gericht im Schivelbeiner Prozess fragte, wer der Anführer gewesen sei, antwortete der nichtjüdische Zeuge Kleinig: &#8222;Niemand von denen, das sind alles nur arme bethörte Leute, die kenne ich von Jugend auf und noch kann ich es nicht fassen, dass sie so furchtbar verblendet handeln konnten. Der Aufruhr in Schivelbein ist eine Folge der wüsten Agitation gegen die Juden, von der die gemeinen Leute glaubten, dass sie von oben herab begünstigt werde.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">58</sup></p>



<p>Hinzu kam das Verhalten der Regierung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">59</sup> Insbesondere die widersprüchliche Haltung Bismarcks gegenüber der antisemitischen Bewegung &#8211; mal unterstützte er sie, mal sprach er sich dagegen aus &#8211; erweckte bei den einfachen Leuten den Eindruck als wäre es im Sinne der Obrigkeit, sich gegen die Juden zu wenden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">60</sup> &#8222;Die Leute haben schließlich geglaubt, sie thäten dem Staate einen Gefallen&#8220;, sagte ein Zeuge im Schivelbeiner Prozess.<sup class="modern-footnotes-footnote ">61</sup></p>



<p>Auch die pommersche Strafverfolgung und Justiz schienen nur mäßiges Interesse an der Ahndung antisemitischer Straftaten zu haben. In Neustettin wurde nie ernsthaft versucht, gegen Antisemiten als Verantwortliche für die Brandstiftung zu ermitteln.<sup class="modern-footnotes-footnote ">62</sup> Vielmehr wurden fünf Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor Gericht gestellt und vier von ihnen vor dem Schwurgericht in Köslin in erster Instanz auch verurteilt<sup class="modern-footnotes-footnote ">63</sup> &#8211; später dann aber vor dem Schwurgericht in Konitz freigesprochen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">64</sup> In den meisten Prozessen infolge der Unruhen in Pommern kamen die Angeklagten mit Freispruch oder geringen Strafen davon.<sup class="modern-footnotes-footnote ">65</sup> Beim Prozess gegen die 28 festgenommenen Schivelbeiner Randalierer vor dem Schwurgericht Köslin wurde ausgerechnet der einzige vom Gericht als Antisemit bezeichnete &#8222;vermögende Rentier&#8220; Brewing freigesprochen. Man müsse berücksichtigen, dass er &#8222;aus der durch die antisemitischen Hetzereien getrübte Einsicht gehandelt habe&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">66</sup> Antisemitismus als Entschuldigung for Antisemitismus.</p>



<p>In vielen Städten Pommerns blieben die Beziehungen zwischen Juden und Christen nach den Ereignissen des Sommers 1881 nachhaltig gestört.<sup class="modern-footnotes-footnote ">67</sup> </p>



<h2 class="wp-block-heading">Bismarck Bitter &#8211; Blüte und Niedergang</h2>



<p>Heymann Jacobus überwand die Nacht, in der seine Nachbarn seinen Laden zerstört hatten. Er packte an, reparierte sein Geschäft und baute es zur Likörfabrik aus. Der von ihm kreierte &#8222;Bismarck-Bitter&#8220;, ein Magenbitter aus den &#8222;heilsamsten Kräutern&#8220;, wurde so erfolgreich, dass seine Nachfahren die Marke 1911 schützen ließen, &#8222;da in neuester Zeit Verfälschungen vorgekommen sind&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">68</sup> Nur echt war der Bismarck-Bitter mit der Unterschrift von H.E. Jacobus. Ein Fläschchen des allein echten Bismarck-Bitter befindet sich heute in der Sammlung der Otto-von-Bismarck-Stiftung.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/image.jpeg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="800" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/image.jpeg" alt="IMG_6435.JPG" class="wp-image-2276" style="width:auto;height:462px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/image.jpeg 900w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/image-300x267.jpeg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/image-768x683.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Bild Etikett: Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 30.01.1917, S. 16 Bild Warenzeichen: Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 08.12.1911,  Warenzeichenbeilage, S. 42 <br>Bild der Flasche mit freundlicher Genehmigung der Otto-von Bismarckstiftung, Inventarnr. O 2017/015</figcaption></figure>
</div>


<p>1889 trat Sohn Emil in den Betrieb des Vaters ein<sup class="modern-footnotes-footnote ">69</sup> und führte ihn bis zu seinem Tod. Am 10. September 1936 erlosch die Firma H.E. Jacobus in Schivelbein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">70</sup></p>



<p>Heymann Ephraim Jacobus starb am 1. Februar 1902 in Schivelbein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">71</sup> Nie hätte er sich vorstellen können, dass die Schivelbeiner Krawalle nur ein Vorgeschmack auf das waren, was seinen Kindern und Enkelkinder noch bevorstand. Fünf seiner Kinder erlebten die Demütigungen und Verfolgungen der Shoah unmittelbar in Deutschland. Bis auf seine Tochter Helfriede, die mit über 70 Jahren nach Palästina flüchtete, blieben alle seine Kinder in der Heimat. Seine Enkelkinder, viele von ihnen in Schivelbein geboren, mussten in die ganze Welt flüchten, wanderten aus nach Palästina, Australien, in die USA und nach Uruguay. Enkelin Hedwig schaffte es nicht, sie wurde 1942 nach Sobibor deportiert und später für tot erklärt.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/IMG_6426.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="853" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/IMG_6426-853x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2272" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/IMG_6426-853x1024.jpg 853w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/IMG_6426-250x300.jpg 250w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/IMG_6426-768x922.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/IMG_6426.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 853px) 100vw, 853px" /></a></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p></p>



<p><em>Einige Nachkommen von Heymann Ephraim Jacobu</em>s (von links nach rechts)<br><em>Urenkelin Lieselotte (Israel), Enkelin Johanna (Uruguay), Urenkel Günther (Israel), Tochter Helfriede (Israel), Urenkelin Ruth (Israel) mit Urenkel Horst (USA), Enkelin Frieda (Israel), Enkel Helmut (Israel), Enkel Johannes (USA), Enkelin Johanna (Israel)</em></p>



<p></p>



<p></p>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Bildschirmfoto-2024-08-09-um-18.24.03.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><img loading="lazy" decoding="async" width="878" height="212" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Bildschirmfoto-2024-08-09-um-18.24.03.jpg" alt="" class="wp-image-2277" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Bildschirmfoto-2024-08-09-um-18.24.03.jpg 878w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Bildschirmfoto-2024-08-09-um-18.24.03-300x72.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/08/Bildschirmfoto-2024-08-09-um-18.24.03-768x185.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 878px) 100vw, 878px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Einbürgerung Enkel Fritz in Australien März 1944</figcaption></figure>
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</div>



<p>Im Jahr 1881 konnte niemand ahnen, was 60 Jahre später in Deutschland passieren würde. Und doch sehen Historiker direkte Verbindungslinien der Geschehnisse in Pommern bis in die Zeit des Nationalsozialismus<sup class="modern-footnotes-footnote ">72</sup> und bezeichnen sie als Pogrome.<sup class="modern-footnotes-footnote ">73</sup> Immer wieder flammten in den Folgejahren antisemitische Ausschreitungen in Pommern auf &#8211; so z.B. 1883 erneut in Neustettin oder 1900 im Zuge der &#8222;Konitzer Mordaffäre&#8220; in Stolp und Bütow. Grund genug, an die Geschehnisse in Schivelbein im Sommer 1881 und Heymann Jacobus, der der Gewalt seiner Nachbarn trotzte, zu erinnern.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Literatur</h2>



<p>Benz, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus, Berlin 2010</p>



<p>Bergmann, Werner: Tumulte &#8211; Excesse &#8211; Pogrome, Göttingen 2020, hier insb. S. 500 ff.: Antisemitische Agitation und die Welle antijüdischer Ausschreitungen in Pommern und Westpreußen 1881</p>



<p>Hoffmann, Gerd: Der Prozeß um den Brand der Synagoge in Neustettin, Schifferstadt 1998</p>



<p>Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten. Die antisemitischen Ausschreitungen in Pommern und Westpreußen 1881, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Hrsg. Wolfgang Benz für das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Frankfurt am Main 1994</p>



<p>Jahr, Christoph: Antisemitismus vor Gericht, Frankfurt am Main 2011</p>



<p>Männchen, Julia: Der Antisemitismus seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland, in: Der faschistische Pogrom vom 9./10.November 1938 &#8211; Zur Geschichte der Juden in Pommern, S. 18 ff., Hrsg. Wolfgang Wilhelmus, Greifswald 1989</p>



<p>Silbergleit, Heinrich: Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich, Berlin 1930</p>



<p>Vogt, Bernhard: Antisemitismus und Justiz im Kaiserreich: Der Synagogenbrand in Neustettin, in: &#8222;Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben&#8230;&#8220; Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, S. 379 ff., Hrsg. Heitmann, Schoeps, Hildesheim 1995</p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt Morgenausgabe, 10. Jg. Nr. 551 vom 24.11.1881, S. 5</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Wächter, Bielefelder Zeitung, 17. Jg. Nr. 186 vom 12.08.1881, S.3</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 217 vom 12.08.1881, S. 2</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aufzeichnung Frida Jacobus aus Sammlung Eva Podietz bei Leo Baeck Institute, LBI Archives AR 12065</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tagebuch des Haimann Jacobus 1848, S. 1, aus der Sammlung Eva Podietz bei Leo Baeck Institute, LBI Archives AR 12065</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tagebuch des Haimann Jacobus 1848, S. 1, aus der Sammlung Eva Podietz bei Leo Baeck Institute, LBI Archives AR 12065</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Tagebuch des Haimann Jacobus 1848, S. 1, aus der Sammlung Eva Podietz bei Leo Baeck Institute, LBI Archives AR 12065</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judenthums, 24. Jg. Nr. 6 vom 07.02.1860, S. 92</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Grundbuch von Schivelbein Band I, Blatt 139</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Nachweisung der im Deutschen Reiche gesetzlich geschützten Waarenzeichen, herausgegeben im Auftrag des Reichsamts des Innern<br>II. Band Gruppe XII Nahrungs- und Genussmittel<br>1888 S. 191</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://raawi.de/die-vergessene-geschichte-der-juden-in-der-alkoholindustrie">https://raawi.de/die-vergessene-geschichte-der-juden-in-der-alkoholindustrie</a></div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Grabinschrift Todesdatum 05.06.1866</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jahr, Christoph in Benz, Wolfgang: Handbuch des Antisemitismus, S. 270 ff. </div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;z.B. Silvester 1880/81 in Berlin, s. Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin, S. 13 f. </div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin, S.249</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums, 12. Jg. Nr. 6 vom 09.02.1881, S. 56</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin, S. 24 f.</div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;s. Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin, Biobibliographische Anmerkungen zu Ernst Henrici ab S. 247</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin S. 34</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;z.B. Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin S. 41</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Frankenberger Tageblatt (Sachsen), Nr. 182/1881 vom 07.08.1881, S. 2</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Israelit, 22. Jg. Nr. 34 vom 24.08.1881, S. 854</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt Abend-Ausgabe, 10. Jg. Nr. 550 vom 23.11.1881, S.3</div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Neue Westfälische Volks-Zeitung, 5. Jg. Nr. 279 vom 29.11.1881, S. 2</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt Abend-Ausgabe, 10. Jg. Nr. 550 vom 23.11.1881, S.3</div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht Hirsch Rackwitz in: Allgemeine Zeitung des Judenthums, 45. Jg. Nr. 38 vom 20.09.1881, S. 625 </div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt Morgen-Ausgabe, 10. Jahrgang Nr. 551 vom 24.11.1881, S. 5</div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Israelit, 22. Jg. Nr. 34 vom 24.08.1881, S. 854</div><div>29&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 217 vom 12.08.1881, S. 2</div><div>30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt Abend-Ausgabe, 10. Jg. Nr. 550 vom 23.11.1881, S.3</div><div>31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 217 vom 12.08.1881, S. 2</div><div>32&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 217 vom 12.08.1881, S. 2</div><div>33&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Israelit, 22. Jg. Nr. 34 vom 24.08.1881, S. 854</div><div>34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 217 vom 12.08.1881, S. 2</div><div>35&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Wächter, Bielefelder Zeitung, 17. Jg. Nr. 186 vom 12.08.1881, S.3</div><div>36&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 217 vom 12.08.1881, S. 2</div><div>37&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Wächter, Bielefelder Zeitung, 17. Jg. Nr. 186 vom 12.08.1881, S.3</div><div>38&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gummersbacher Zeitung Nr. 93 vom 13.08.1881, S. 1</div><div>39&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Israelit, 22. Jg. Nr. 34 vom 24.08.1881, S. 854</div><div>40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Wächter, Bielefelder Zeitung, 17. Jg. Nr. 186 vom 12.08.1881, S.3</div><div>41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gladbacher Volkszeitung Nr. 95 vom 18.08.1881, S. 2</div><div>42&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judenthums, 45. Jg. Nr. 38 vom 20.09.1881, S. 626</div><div>43&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gladbacher Volkszeitung Nr. 95 vom 18.08.1881, S. 2</div><div>44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;z.B. Berliner Tageblatt Abend-Ausgabe, 10. Jg. Nr. 550 vom 23.11.1881, S.3, Berliner Tageblatt Morgen-Ausgabe, 10. Jahrgang Nr. 551 vom 24.11.1881, Berliner Tageblatt Abend-Ausgabe, 10. Jg. Nr. 554 vom 25.11.1881, S. 3, Neue Westfälische Volks-Zeitung, 5. Jg. Nr. 279 vom 29.11.1881, S. 2</div><div>45&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Berliner Tageblatt Morgen-Ausgabe, 10. Jg. Nr. 553, S.6 </div><div>46&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 327 vom 01.12.1881, S. 8 </div><div>47&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judentums, Jg. 45, Heft 35, 30.08.1881, S. 570</div><div>48&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judentums, Jg. 45, Heft 35, 30.08.1881, S. 570</div><div>49&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bergmann, Werner: Tumulte &#8211; Excesse &#8211; Pogrome, S. 511</div><div>50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten, S. 93</div><div>51&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten, S. 93</div><div>52&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Silbergleit, Heinrich: Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich, S. 19</div><div>53&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; z.B. v. Eickstedt, Claus: Die berufsständische Lösung der Landarbeiterfrage in Pommern</div><div>54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Silbergleit, Heinrich: Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich, S. 10</div><div>55&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten, S. 93</div><div>56&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten, S. 96</div><div>57&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten, S. 94</div><div>58&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judenthums, Jg. 45, Heft 50, 13.12.1881, S. 828</div><div>59&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;ausführlich hierzu: Bernhard Vogt: Antisemitismus und Justiz im Kaiserreich: Der Synagogenbrand in Neustettin, S. 390 ff.</div><div>60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten, S. 101 f.</div><div>61&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Allgemeine Zeitung des Judenthums, Jg. 45, Heft 50, 13.12.1881, S. 828</div><div>62&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jahr, Christoph: Antisemitismus vor Gericht, S. 222</div><div>63&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Urteil des Schwurgerichts Köslin vom 22.10.1883, detaillierte Prozessschilderung s. Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin, S. 50 ff.</div><div>64&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Urteil des Schwurgerichts Konitz vom 07.03.1884, detaillierte Prozessschilderung s. Hoffmann, Gerd: Der Prozess um den Brand der Synagoge in Neustettin, S.115 ff.</div><div>65&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bergmann, Werner: Tumulte &#8211; Exzesse &#8211; Pogrome S. 521 </div><div>66&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Echo der Gegenwart Aachen, 33. Jg. Nr. 327 vom 01.12.1881, S. 8 </div><div>67&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hoffmann, Christhard: Politische Kultur und Gewalt gegen Minderheiten, S. 112</div><div>68&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Text Etikett, s. unten</div><div>69&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vierte Beilage zum zum Deutschen Reichsanzeiger und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger Nr. 60 vom 18.03.1889</div><div>70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zentralhandelsregisterbeilage zum Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger Nr. 216 vom 16.09.1936</div><div>71&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein Tote, 1902/011</div><div>72&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Männchen, Julia: Der Antisemitismus seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland, S.18</div><div>73&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bernhard Vogt: Antisemitismus und Justiz im Kaiserreich: Der Synagogenbrand in Neustettin, S.399</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/heymann-jacobus-und-die-krawalle-von-schivelbein/">Heymann Jacobus und die Krawalle von Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Der Ruin der Familie Ellenberg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Jun 2024 12:50:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ortsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Stuttgart]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte des Stuttgarter Eierhändlers Karl Ellenberg, seine Ausraubung durch die Nationalsozialisten und der Neuanfang in Palästina.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-ruin-der-familie-ellenberg/">Der Ruin der Familie Ellenberg</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>„Ich bin am 18.6.1882 geboren und somit in’s 78. Lebensjahr und in die Vorhalle der Vergänglichkeit eingetreten. Das Weltengeschehen würde wahrscheinlich anders verlaufen, wenn alle Menschen an ihre Vergänglichkeit dächten, aber während Körperkraft und impulsiver Lebensdrang junge Menschen von solchen Betrachtungen abhalten, drängen sie sich älteren Menschen, deren Lebenskraft von Tag zu Tag sinkt, umso eindringlicher auf.“</p>



<p>Karl Ellenberg leitete so keine philosophische Abhandlung oder Biografie seines ereignisreichen Lebens ein. Es war ein einfacher Brief an eine Stuttgarter Behörde. Karl Ellenberg schrieb diese Zeilen im Juli 1959 an das Landesamt für Wiedergutmachung, um einen mehr als zehn Jahre dauernden Kampf zu Ende zu bringen. Die deutschen Behörden hatten nur wenige Monate gebraucht, ihn wirtschaftlich zu ruinieren. Um das Unrecht auszugleichen, wenigstens ein bisschen, sollte der deutsche Staat mehr als ein Jahrzehnt benötigen. Aber Karl Ellenberg hatte überlebt und er hatte es geschafft, seine Familie aus Deutschland heraus und in Sicherheit zu bringen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-04-26-um-14.52.09.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="404" height="612" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-04-26-um-14.52.09.jpeg" alt="" class="wp-image-2127" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-04-26-um-14.52.09.jpeg 404w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-04-26-um-14.52.09-198x300.jpeg 198w" sizes="auto, (max-width: 404px) 100vw, 404px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Karl Ellenberg ca. 1929 <br>Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, F 215 Bü 312</figcaption></figure>
</div>


<h2 class="wp-block-heading">Vom &#8222;Ostjuden&#8220; zum geachteten Stuttgarter Kaufmann</h2>



<p>Als Karl Ellenberg am 18. Juni 1882 in Tarnorouda geboren wurde, trug er noch die Vornamen Kalman Hirsch und die ersten Worte, die er hörte, dürften jiddische gewesen sein. Heute liegt Tarnorouda in der West-Ukraine. Damals war der Ort einer der östlichsten Außenposten Österreichisch-Galiziens, nur vom Fluss Sbrutsch getrennt vom Russischen Kaiserreich und der Stadt gleichen Namens auf der anderen Uferseite. Knapp 750 Menschen lebten im links des Flusses gelegenen Tarnorouda und die Hälfte von ihnen waren Jüdinnen und Juden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup> Ein Stetl, weit entfernt von jeder Anatevka-Romantik. Die Familien waren meist bitterarm und wer dem Elend entfliehen wollte, der musste auch Tarnorouda hinter sich lassen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Tarnorouda-1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="765" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Tarnorouda-1-765x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2138" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Tarnorouda-1-765x1024.jpg 765w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Tarnorouda-1-224x300.jpg 224w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Tarnorouda-1-768x1028.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Tarnorouda-1.jpg 876w" sizes="auto, (max-width: 765px) 100vw, 765px" /></a></figure>
</div>


<p>Kalman Ellenberg entschied sich, sein Glück in einer größeren Stadt zu suchen. Vermutlich wählte er Podwolocyska, eine 20 Kilometer nördlich ebenfalls am Fluss gelegene Grenzstadt, die durch die Eisenbahn innerhalb kurzer Zeit zum Handelsknotenpunkt geworden war. Sein Name taucht am 3. Dezember 1902 im Wiener Jüdischen Volksblatt auf &#8211; ein Karl Ellenberg aus Podwolocyska hatte für die Errichtung eines Denkmals gespendet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup></p>



<p>Podwolocyska hatte sich zu einem der bedeutendsten Umschlagplätze für südrussische Güter entwickelt. Wer Geschäfte sowohl mit dem russischen Reich als auch den Staaten Mitteleuropas machen wollte, der war in der galizischen Grenzstadt an der richtigen Stelle. Vielleicht etwas hochgegriffen für einen Ort mit 5000 Einwohnern nannte sich das Städtchen Klein-Paris in Ostgalizien.<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup> Ganz und gar realistisch war aber die wachsende Bedeutung von Podwolocyska für den Eierhandel. Auf die Eierbörse der Stadt blickte der Handel in ganz Europa &#8211; hier legte man die Eierpreise fest und telegraphierte sie täglich in die weite Welt, an die Börsen von Berlin und London.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup> </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Podwolocyska-Eierboerse.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="766" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Podwolocyska-Eierboerse-1024x766.jpg" alt="" class="wp-image-2169" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Podwolocyska-Eierboerse-1024x766.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Podwolocyska-Eierboerse-300x224.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Podwolocyska-Eierboerse-768x574.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Podwolocyska-Eierboerse-1536x1149.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Podwolocyska-Eierboerse.jpg 1714w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die Eierbörse in Podwolocyska, mit freundlicher Genehmigung von Norbert Sedghi</figcaption></figure>
</div>


<p>Ein idealer Ort für Kalman Ellenberg, eine Karriere im Eierhandel zu beginnen. Vielleicht inspirierte ihn sein künftiger Kompagnon Chaim Kesten, dessen Familie 1904 von Podwolocyska nach Nürnberg auswanderte,<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> in dieser Branche sein Glück zu finden. Noch hieß Karl Ellenberg offiziell Kalman und es gibt auch keinen Nachweis, dass er in Podwolocyska in den Eierhandel einstieg. Gesichert ist aber, dass er am 3. April 1907 als Kompagnon der Firma Ellenberg und Kesten, einer &#8222;Eierhandlung en gros&#8220;, ins Handelsregister Stuttgart eingetragen wurde.<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6127.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="288" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6127-1024x288.jpg" alt="" class="wp-image-2155" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6127-1024x288.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6127-300x84.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6127-768x216.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6127-1536x432.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6127.jpg 1600w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Anzeigen aus dem Stuttgarter Tagblatt 1908, die dort genannte Bergstraße heißt heute Firnhaberstraße</figcaption></figure>
</div>


<h2 class="wp-block-heading">Eier aus Galizien</h2>



<p class="has-text-align-left">Der Appetit der Deutschen auf Eier stieg im beginnenden 20. Jahrhundert stetig &#8211; wurden im Jahr 1883 noch knapp 57 Eier pro Person und Jahr konsumiert, so waren es 1930 schon 150.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> Die deutschen Geflügelzüchter konnten diesen Bedarf nicht mehr decken. Zwischen 1883 und 1900 wuchs die Einfuhr von Eiern aus dem Ausland um mehr als das siebenfache.<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> Ein guter Teil dieser Importe kam aus dem überwiegend agrarisch geprägten Galizien. Viele galizische Juden zog es ins Deutsche Reich, wo sie sich auf den Eierhandel spezialisierten. Trotz der langen Transportwege konnten ostjüdische Händler die Preise für Eier aus Deutschland mit ihrer Importware unterbieten. Dafür nutzen sie ihre Kontakte zu Landwirten und Kaufleuten in ihrer Heimat, bei denen sie die Ware sehr günstig einkaufen konnten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup></p>



<p>Der schwunghafte Handel mit Eiern verschaffte den galizischen Kaufleuten Wohlstand &#8211; so auch Karl Ellenberg. Er setzte zudem auf hohe Qualität. Die steirischen Eier, die er im Angebot hatte, rangierten auf Platz 1 der österreichisch-ungarischen Qualitätsskala, weit vor den ostgalizischen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup> Und diese Strategie schien aufzugehen. Nach dem Ausscheiden von Chaim Kesten und dem Einstieg des Offenburger Kaufmanns Ludwig Haueisen im März 1909 wurde das Portfolio der Firma erweitert. Jetzt war auch Butter im Angebot.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6112.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="731" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6112-1024x731.jpg" alt="" class="wp-image-2121" style="width:auto;height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6112-1024x731.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6112-300x214.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6112-768x549.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6112.jpg 1400w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a></figure>
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<p></p>



<p>Anzeigen aus Stuttgarter Tageszeitungen zwischen 1909 und 1914</p>



<p><em>Ei ist nicht gleich Ei. In Wasser und Löschkalk eingelegt waren <strong>Kalkeier</strong> mehrere Monate haltbar. Ganz frische Eier verzehrte man roh als <strong>Trinkeier</strong>. <strong>Suppeneier</strong> waren nur mittelgroß und die stark mit Hühnerkot verunreinigten <strong>Schmutzeier</strong> nur kurz haltbar. </em></p>
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</div>



<p>Der Erste Weltkrieg stürzte die Wirtschaft in die Krise. Die Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland funktionierte nicht mehr, Lebensmittel wurden zwangsbewirtschaftet, die Preise amtlich festgelegt und Vorräte beschlagnahmt. Eine harte Zeit für Bevölkerung und Handel, die mit dem Ende des Krieges noch nicht vorbei war. Die Rationierung für Eier endete erst 1919.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup> Als Reaktion auf den Wegfall der Eierzwangsbewirtschaftung schlossen sich die Eierhändler im Südwesten 1920 zur &#8222;Vereinigte Eierimporteure Württemberg GmbH&#8220; zusammen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> Als einen ihrer Geschäftsführer bestimmten sie Karl Ellenberg.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup></p>



<p>Und auch seine eigene Firma steuerte Karl Ellenberg sicher durch die harten Zeiten. Sie überstand Inflation und Krieg und gehörte bald zu den bedeutendsten württembergischen Eierimportfirmen<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup>, die auch bei Banken einen hervorragenden Ruf hatte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Bürger, Jude und Familienvater</h2>



<p>Die Grenzen der Religion verwischten sich im Wirtschaftsleben zunehmend. Karl Ellenbergs neuer Kompagnon Ludwig Haueisen war kein Jude. Bei den Vereinigten Eierimporteuren arbeiteten Juden und Nichtjuden Seite an Seite. Doch der Antisemitismus war tief verankert in der Gesellschaft, &#8222;galizischer Eierjude&#8220; galt als gängige Beleidigung, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts Verwendung fand.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> Doch Karl Ellenberg stand zu seiner Religion ebenso wie zu seiner neuen Heimat. 1918 spendete er Blumen für den städtischen Hilfsausschuss &#8211; in illustrer Gesellschaft von Kommerzien-Räten, Direktoren und Dr. Robert Bosch.<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup> Regelmäßige finanzielle Gaben an die jüdische Gemeinde waren für ihn ebenso selbstverständlich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Viele Jahre war er Mitglied der Chewra Kadischa, des jüdischen Beerdigungsvereins.<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup> Nur die angesehensten Männer der Gemeinde durften die Sterbenden begleiten und die Angehörigen trösten.</p>



<p>Karl Ellenberg drängte es, voll und ganz zur Stuttgarter Stadtgesellschaft zu gehören, ein anerkannter und gleichgestellter Bürger zu sein. Am 15. Juni 1929 wurde ihm die Württembergische Staatsangehörigkeit verliehen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> Und auch seinen Vornamen, der auf seine Herkunft hinwies, wollte er ablegen. Statt Kalman Hirsch nannte er sich schon lange Karl. Offiziell bestätigt wurde die Namensänderung durch Beschluss des Amtsgerichts Stuttgart vom 9. Juli 1932.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup></p>



<p>Mittlerweile hatte Karl Ellenberg auch geheiratet, vermutlich seit 1910 war Frieda Steindecker aus Fürth seine Frau.<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> </p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/06/Verlobungsanzeige.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="370" height="262" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/06/Verlobungsanzeige.jpg" alt="" class="wp-image-2195" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/06/Verlobungsanzeige.jpg 370w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/06/Verlobungsanzeige-300x212.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 370px) 100vw, 370px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Stuttgarter Neues Tagblatt 2. Juni 1910</figcaption></figure>
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<p>1913 wurden ihre Tochter Ruth,<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> 1916 die kleine Edith in Stuttgart geboren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> Die Familie wohnte in der Kasernenstraße, der heutigen Leuschnerstraße, am Rande des Hospitalviertels und nicht weit entfernt von der prächtigen Stuttgarter Synagoge.<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup> Mit dem Familiennachwuchs war jetzt die Zeit gekommen, die Stadtwohnung gegen eine kinderfreundlichere Unterkunft zu tauschen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Haus im Westen</h2>



<p>Die Hasenbergsteige im Stuttgarter Westen galt schon im 19. Jahrhundert als exzellente Wohnlage. Fabrikanten, Verleger und Architekten bauten sich hier ihre Villen, Künstler residierten in den prachtvollen Häusern. Im unteren Teil der Steige säumen noch heute mehrstöckige Wohnhäuser aus der Gründerzeit die breite Straße. Parallel zur Straße aufgereiht bilden sie eine fast geschlossene Front.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Stuttgart-Hasenberg-1900.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="932" height="607" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Stuttgart-Hasenberg-1900.jpg" alt="" class="wp-image-2174" style="width:auto;height:350px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Stuttgart-Hasenberg-1900.jpg 932w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Stuttgart-Hasenberg-1900-300x195.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Stuttgart-Hasenberg-1900-768x500.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 932px) 100vw, 932px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Stuttgart, oberer Teil der Hasenbergsteige um 1900, gemeinfrei</figcaption></figure>
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<p>Nur ein Haus sperrt sich keck der Ordnung. Ein im Vergleich zu den Nachbarn niedriges Spitzdachhaus, schräg zur Straße, Gauben im Schwarzwaldstil, hölzerne Verzierungen am Giebel und ein Garten, der sich die Karlshöhe hinaufzieht. Der Gärtner Gottlieb Eberspächer hatte es Ende des 19. Jahrhunderts bauen lassen, Erdgeschoss, Obergeschoss, Dachgeschoss und ein kleines Türmchen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> Ein großer Garten gehörte zum Haus, nicht selbstverständlich im schon damals dichtbesiedelten Stuttgarter Westen. Ruth Ellenbergs Schulfreundin Lore erinnerte sich noch viele Jahre später an das Haus in der Hasenbergsteige, &#8222;in einem bevorzugten Wohnviertel&#8220; und mit eben diesem &#8222;Garten, der das Haus umgab&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup> Wie geschaffen für eine Familie mit zwei Kindern. 1917 kaufte Karl Ellenberg das Anwesen in der Hasenbergsteige 7.<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_4826.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_4826.jpg" alt="" class="wp-image-2151" style="width:auto;height:350px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_4826.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_4826-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das Haus in der Hasenbergsteige, eigenes Bild</figcaption></figure>
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<p>Doch dann fiel ein Schatten auf das glückliche Leben der Familie. Am 30. Dezember 1921 starb Frieda Ellenberg mit nur 37 Jahren. Ihre Töchter waren acht und fünf Jahre alt und Karl Ellenberg am Boden zerstört.</p>



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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Collage-Tod-Frieda.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="500" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Collage-Tod-Frieda.jpg" alt="" class="wp-image-2183" style="width:auto;height:350px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Collage-Tod-Frieda.jpg 1000w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Collage-Tod-Frieda-300x150.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Collage-Tod-Frieda-768x384.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Traueranzeige im Stuttgarter Neuen Tagblatt 31.12.1921, Grab im Israelitischen Teil des Pragfriedhofs Stuttgart (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>Die Kinder brauchten eine Mutter und der Vater eine Partnerin. Und die fand er in Betty Offenbacher, die wie Frieda aus Fürth kam. Nach Ablauf des Trauerjahrs gaben sich Karl Ellenberg und Betty Offenbacher am 1. Februar 1923 in Stuttgart das Ja-Wort.<sup class="modern-footnotes-footnote ">29</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/betty.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="284" height="425" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/betty.jpeg" alt="" class="wp-image-2126" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/betty.jpeg 284w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/betty-200x300.jpeg 200w" sizes="auto, (max-width: 284px) 100vw, 284px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Betty Ellenberg, geb. Offenbacher ca. 1929 Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, F 215 Bü 312</figcaption></figure>
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<p>Ab jetzt musste es bergauf gehen. Der Krieg war vorbei, die Familie wieder komplett und alle lebten in einem schönen Haus mit großem Garten. Die Töchter Ruth und Edith gingen auf die Höhere Schule &#8211; das Königin-Olga-Stift in der Johannes-Straße im Stuttgarter Westen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">30</sup> Vor allem Ruth war blitzgescheit &#8211; sie war die beste Schülerin ihres Jahrgangs, so gut, dass sie die siebte Klasse übersprang. </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="555" height="344" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/06/Ruth-Vorderseite.jpeg" alt="" class="wp-image-2193" style="width:auto;height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/06/Ruth-Vorderseite.jpeg 555w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/06/Ruth-Vorderseite-300x186.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 555px) 100vw, 555px" /><figcaption class="wp-element-caption">Karteikarte des Königin-Olga-Stift Stuttgart, mit bestem Dank an Herrn Rektor Wollnitz</figcaption></figure>
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<p>Ruth hatte einen Traum &#8211; sie wollte Nationalökonomie studieren und Dozentin werden. Ein Wunsch, dessen Erfüllung nicht unwahrscheinlich erschien, bei ihren Noten und den finanziellen Möglichkeiten ihres Vaters. Edith war eher praktisch veranlagt. Sie wechselte nach der achten Klasse auf die Höhere Mädchenhandelsschule in der Rotebühlstraße, die heute als Wirtschaftsgymnasium West weiterbesteht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">31</sup></p>



<p>Karl Ellenberg hatte es geschafft &#8211; er war in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft Stuttgarts angekommen, beruflich erfolgreich, gut situiert, allseits anerkannt und geachtet, seinen Töchtern würde er alles bieten können. Er hatte das getan, was die deutsche Gesellschaft von einem &#8222;Ostjuden&#8220; erwartete &#8211; er hatte sich angepasst und eingefügt. Gleichzeitig schürte der Erfolg seiner harten Arbeit Neid und nährte das stereotype Vorurteil vom kapitalistischen Juden. Eine Mixtur, die lebensgefährlich werden sollte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Ausplünderung</h2>



<p>Schon 1932 wurden die Vorzeichen der dunklen Zeiten in der Familie Ellenberg spürbar. Ruth Ellenberg hatte ihr Abitur gemacht, mit Leichtigkeit und guten Noten. Aber der Antisemitismus lauerte bereits seit Jahren an den Universitäten, nicht nur, aber auch im Südwesten. An der Universität Heidelberg bekam im Januar 1925 ein Antrag in der studentischen Vollversammlung, Juden das Stimmrecht zu entziehen, da auf der Tagesordnung nur rein deutsche Themen stünden, starken Beifall.<sup class="modern-footnotes-footnote ">32</sup> Die Leitung der Universität Tübingen erklärte 1922, dass man &#8222;wenn irgend möglich, rassefremde Ausländer (namentlich Ostjuden) nicht zulässt&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">33</sup></p>



<p>Ruth wollte sich dem nicht aussetzen und entschloss sich, zunächst eine Ausbildung als kaufmännischer Lehrling in der Bücherabteilung des Stuttgarter Kaufhauses Schocken zu machen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">34</sup> Eine gute Vorbereitung auf ein wirtschaftswissenschaftliches Studium und noch hoffte sie darauf, dass sich die politische Lage zum Besseren entwickeln würde. </p>



<p>Die persönliche Krise durch den Tod seiner Ehefrau hatte Karl Ellenberg überstanden. Eine schlimmere wirtschaftliche Krise als Krieg, Zwangswirtschaft und Inflation war für ihn kaum denkbar. Und all das hatte er souverän gemeistert. Zudem war da auch noch das Haus, ausgestattet, wie &#8222;gut situierte Bürgerhäuser in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ausgestattet waren&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">35</sup> Betty hatte &#8222;reichlich Kult- und Hausgeräte in die Ehe mitgebracht&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">36</sup> Was sollte der Familie wirtschaftlich schon passieren?</p>



<p><strong>Zuerst nahmen sie ihm das Geschäft. </strong></p>



<p>Antisemitische Anfeindungen hatte es immer gegeben. Aber mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde aus Einzelfällen ein zerstörerisches System. Am 1. April 1933 begann der &#8222;Judenboykott&#8220;. &#8222;Die Juden sind unser Unglück&#8220;, titelte die NS-Tageszeitung für Württemberg und Hohenzollern. Verbunden mit der Warnung, diese &#8222;Vernichter von Handwerk und Mittelstand&#8220; zu meiden, waren alle jüdischen Betriebe in Stuttgart aufgelistet. Darunter auch die Eierhandlung von Karl Ellenberg.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Boykottaufruf.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="132" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Boykottaufruf-1024x132.jpg" alt="" class="wp-image-2149" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Boykottaufruf-1024x132.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Boykottaufruf-300x39.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Boykottaufruf-768x99.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Boykottaufruf.jpg 1362w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Nationalsozialistische Tageszeitung für Württemberg und Hohenzollern 01.04.1933</figcaption></figure>



<p>Jetzt ging es Schlag auf Schlag. Im Dezember 1933 erließen die Nationalsozialisten das &#8222;Gesetz über den Verkehr mit Eiern&#8220; und dazugehörige Verordnungen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">37</sup> Ab jetzt kontrollierte die &#8222;Reichsstelle für Eier&#8220; den Eiermarkt und die Preise. Was die jüdischen Eierhändler besonders traf und ganz gezielt treffen sollte: die Einfuhr von Eiern aus dem Ausland war künftig nur noch unter strenger Aufsicht der Reichsstelle für Eier möglich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">38</sup> Und damit zunehmend unmöglich. Nicht ganz unbeteiligt an der Neuordnung des Eiermarktes war ein junger Tierarzt, der es zum Leiter der Eierüberwachung des Reichsnährstandes brachte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">39</sup> Dieser Bernhard Grzimek sollte später der Lieblings-Tieronkel der Deutschen werden, sich über seine Rolle im System der Nationalsozialisten aber stets bedeckt halten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">40</sup></p>



<p>Den jüdischen Eierhändlern wurden 1934 vorläufig noch begrenzte Einfuhrkontingente aus dem Ausland zugeteilt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">41</sup> Die Gründung der &#8222;Hauptvereinigung der deutschen Eierwirtschaft&#8220; im November 1935<sup class="modern-footnotes-footnote ">42</sup> bedeutete dann das Ende des jüdischen Eierhandels. &#8222;Von da an wurde die Auslandsware nicht mehr in Form von Einfuhrkontingenten den Eiergrosshändlern zugeteilt, sondern von der Reichsstelle grösstenteils selbst eingeführt und über die Hauptvereinigung der deutschen Eierwirtschaft Berlin an den Handel weiterverkauft und zwar nur an den nichtjüdischen Handel&#8220;, schrieb Georg Schwab, Inhaber eines Stuttgarter Eiergeschäfts.<sup class="modern-footnotes-footnote ">43</sup> Entsprechend jubelte der &#8222;Der Angriff&#8220; im April 1935 unter der Überschrift &#8222;Wieder arische Ostereier&#8220;, Ostern 1935 werde man endlich Gewissheit haben, dass die &#8222;Ostereier auf dem Wege zu uns nur durch arische Hände gegangen sind&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">44</sup> Am 13.12.1935 gab es in Stuttgart keine jüdischen Eierhändler mehr.<sup class="modern-footnotes-footnote ">45</sup> &#8222;In einem Säuberungsprozess, der an Tempo und Totalität kaum seinesgleichen findet, hat der deutsche Eierhandel sich selbst von den jüdischen Schmarotzern befreit&#8220;, fasste das &#8222;Adressbuch des deutschen Eierhandels&#8220; 1938 die wirtschaftliche Existenzvernichtung stolz zusammen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">46</sup> Karl Ellenberg hatte kein Einkommen mehr.</p>



<p><strong>Dann stahlen sie seinen Töchtern die Zukunft.</strong></p>



<p>Ruth Ellenberg hatte ihre Lehre im Kaufhaus Schocken im April 1934 beendet. An ein Studium war jetzt nicht mehr zu denken. Deshalb blieb sie &#8222;beim Schocken&#8220; und arbeitete als Verkäuferin in der Bücherabteilung. Die Gleichschaltung des Buchhandels erfolgte im November 1933 mit der Gründung der Reichsschrifttumkammer als Teil der Reichskulturkammer. Ab jetzt mussten nicht nur alle Kulturschaffenden Mitglied werden, sondern auch alle, die mit dem Vertrieb von Kulturgut befasst waren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">47</sup> Bis zum Ausschluss der Juden aus der Reichskulturkammer dauerte es dann nicht mehr lange. Anfang 1935 durften Jüdinnen und Juden nicht mehr im Buchhandel arbeiten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">48</sup> &#8222;Da Sie jüdischer Abstammung sind, halte ich sie nicht für geeignet, in einem kulturvermittelnden Beruf tätig zu sein&#8220;, lautete die gängige Formulierung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">49</sup> Das jüdische Kaufhaus Schocken legte Ruth nahe, jetzt an Auswanderung zu denken.<sup class="modern-footnotes-footnote ">50</sup> Auch für Edith Ellenberg, die nach dem Besuch der Höheren Mädchenhandelsschule wahrscheinlich im Betrieb des Vaters gearbeitet hatte, gab es in Deutschland keine Zukunft mehr. Die Schwestern gingen auf &#8222;Hachschara&#8220; &#8211; sie absolvierten eine landwirtschaftliche Ausbildung speziell für junge Jüdinnen und Juden, die auswandern wollten. Auf Gut Winkel in Brandenburg, einem Lehrgut, das Ruths früherer Arbeitgeber Salman Schocken gegründet hatte, fanden beide Aufnahme. Ruth zog im Oktober 1935 nach Gut Winkel, Edith folgte ihr im Mai 1936.<sup class="modern-footnotes-footnote ">51</sup></p>



<p><strong>Dann nahmen sie ihm das Haus. </strong></p>



<p>Das zurückgelegte Geld wurde immer knapper. Karl Ellenberg war gezwungen, das Haus in der Hasenbergsteige aufzugeben. Am 16.04.1936 musste er die Villa für 25.000 Reichsmark verkaufen, weniger als die Hälfte des eigentlichen Werts.<sup class="modern-footnotes-footnote ">52</sup> Ein Schleuderpreis für das schöne Haus, das Karl und Betty Ellenberg verlassen mussten, das Haus, in dem sie viele Jahre mit den Töchtern glücklich waren und vermeintlich dazu gehörten, zum Stuttgarter Bürgertum. In der neuen Wohnung im 2. Stock des Hauses Militärstraße 47, heute Breitscheidstraße, hatte die Stadtgesellschaft nur noch Verachtung für sie übrig. Weil sie einstmals erfolgreich und weil sie Juden waren. </p>



<p><strong>Dann stahlen sie das Geld, das noch übrig war. </strong></p>



<p>Zwei Jahre schlugen sich Karl und Betty Ellenberg mit ihren Ersparnissen durch, bis sie endlich die Einreisegenehmigung für Palästina bekommen konnten. 22.400 Reichsmark Reichsfluchtsteuer verlangte der Staat, der sie loshaben wollte. Die Gebühren der &#8222;Packgenehmigung&#8220; für die paar Sachen, die sie mitnehmen durften, betrug 4000 Reichsmark. Von den 12.500 Reichsmark, die Karl Ellenberg nach Palästina transferierte, strich die Deutsche Golddiskontbank über die Hälfte als Abschlag beim Devisenverkehr ein. Dazu die Reisekosten, Kosten für den &#8222;Lift&#8220;, in dem sich ihre Sachen befanden und das &#8222;Vorzeigegeld&#8220; für Palästina &#8211; das Vermögen, das sich Karl Ellenberg hart erarbeitet hatte, war weg.<sup class="modern-footnotes-footnote ">53</sup></p>



<p><strong>Und zuletzt plünderten alle.</strong></p>



<p>Dann traf es die letzten Wertgegenstände. Jeder griff zu, der Staat und seine Helfershelfer. Am 15.03.1938 wurde der &#8222;Lift&#8220;, die Transportbox für Palästina, unter Aufsicht von zwei Zollbeamten beladen. Zur Begutachtung der Wertgegenstände wurde ein vermeintlich amtlicher Schätzer, ein &#8222;Taxator aus der Olgastraße&#8220; gerufen, &#8222;der fast die gesamten echten Bestecke ausschied und mitnahm&#8220;. Wahrscheinlich steckte er die wertvollen Gegenstände in die eigene Tasche, denn sie tauchten später auf keiner offiziellen Liste mehr auf. Klarer Fall für die deutschen Behörden 15 Jahre später: eine Entschädigung für das Silberbesteck könne nicht gewährt werden, da es sich hierbei nicht um einen staatlichen Akt gehandelt hätte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">54</sup></p>



<p>Am 21. März 1939 löschten die Behörden die Firma Karl Ellenberg in Stuttgart. Auch hier traten sie nochmal nach. &#8222;Da es sich bei dem Firmeninhaber um einen Juden handelt und dieser aus dem deutschen Wirtschaftsleben auszuschalten ist, kann von der Benachrichtigung desselben von der beabsichtigten Löschung der Firma nach § 141 FGG abgesehen werden.&#8220;, verfügte das Amtsgericht Stuttgart 1.<sup class="modern-footnotes-footnote ">55</sup></p>



<p>Karl Ellenberg hatte tatenlos mitansehen müssen, wie sein Lebenswerk zugrundegerichtet und die Zukunft seiner Töchter ruiniert wurde. Wehren konnte er sich nicht, &#8222;weil ich unter dem bedrückenden Gefühl litt, dass ich rechtlos und der Willkür ausgeliefert bin.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">56</sup> Vielleicht verschaffte es ihm wenigstens Genugtuung, dass er seine Frau und seine Töchter in Sicherheit bringen konnte. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Neuanfang</h2>



<p>Edith Ellenberg war die erste, der die Auswanderung nach Palästina glückte. Am 7. März 1938 erreichte sie Haifa.<sup class="modern-footnotes-footnote ">57</sup> Kurz danach verließen Karl und Betty Ellenberg Deutschland. In Triest nahmen sie den Dampfer Galilea, der sie nach Haifa brachte. Am 28. März 1938 konnten sie Edith dort in die Arme schließen. Ihre neue Heimat fanden sie in Tel Aviv.<sup class="modern-footnotes-footnote ">58</sup> Ruth Ellenberg sollte die Einwanderung erst im Dezember 1940 gelingen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">59</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="708" height="704" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Abschied-Ellenberg.jpg" alt="" class="wp-image-2147" style="width:auto;height:350px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Abschied-Ellenberg.jpg 708w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Abschied-Ellenberg-300x298.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Abschied-Ellenberg-150x150.jpg 150w" sizes="auto, (max-width: 708px) 100vw, 708px" /><figcaption class="wp-element-caption">Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 15. April 1938</figcaption></figure>
</div>


<p>In Palästina und später Israel kam Karl Ellenberg wirtschaftlich nicht mehr auf die Beine. Er war jetzt Mitte 50, er hatte all seine Kraft in das Unternehmen gesteckt, dessen Niedergang er hilf- und rechtlos mitansehen musste. &#8222;Der Antragsteller lebt in dürftigen Verhältnissen. Seit der Auswanderung bestreitet er in Israel seinen Lebensunterhalt von Ersparnissen, Verwandtenunterstützung und aus geringen Einkünften durch gelegentliche Büroarbeiten&#8220;, schrieb sein Anwalt in den Fünfzigerjahren. Bis 1959 kämpfte Karl Ellenberg mit den deutschen Behörden um eine Entschädigung. Häppchenweise erhielt er Zahlungen und 1956 dann auch endlich eine Rente, aber nichts, was ihm auch nur annähernd den Lebensstandard vor 1933 ermöglichte. Das Unrecht, das er durch den Verlust der Firma, den Verkauf des Hauses weit unter Wert und den Diebstahl seines sonstigen Eigentums erlitten hatte, wurde nur zu einem kleinen Teil und nach immensem bürokratischen Kampf finanziell entschädigt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">60</sup></p>



<p>Auch das Haus bekam Karl Ellenberg, so wie viele jüdische Eigentümer, nicht zurück. Auf eine Klage verzichtete er und einigte sich mit den neuen Besitzern im Wege des Vergleichs auf eine Entschädigungszahlung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">61</sup> Denn Karl Ellenberg konnte nicht abwarten, bis ein Gericht entschied. Ihm lief die Zeit davon, er war jetzt über 70, ohne Einkommen und brauchte jeden Pfennig. Am Ende reichte es für einen Lebensabend in einem Altersheim in Haifa, in der Nähe seiner Tochter Edith. Seine 1946, 1949 und 1951 in Israel geborenen Enkelkinder konnte er noch kennenlernen. Seine Tochter Edith starb 1967 mit nur 50 Jahren in Haifa.<sup class="modern-footnotes-footnote ">62</sup></p>



<p>Die Geschichte ihrer Schwester Ruth Ellenberg, die den Schivelbeiner Kaufmannssohn Erich Lewin heiratete, hat mich erst auf die Spuren der Familie Ellenberg gebracht. Ihr langer Weg von Stuttgart über Schweden in einen Kibbutz in Galiläa habe ich in <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-traum-vom-kibbutz-familie-lewin-aus-schivelbein/">Der Traum vom Kibbutz &#8211; Familie Lewin aus Schivelbein</a> beschrieben.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="450" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6131.jpg" alt="" class="wp-image-2165" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6131.jpg 700w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/IMG_6131-300x193.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" /><figcaption class="wp-element-caption">Edith und Ruth Ellenberg ca. 1940</figcaption></figure>
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<p>1951 besuchte Karl Ellenberg das zerstörte Stuttgart. An der Stelle, an der das Haus des diebischen Taxators in der Olgastraße gestanden hatte, fand er &#8222;nur einen Schutthaufen&#8220; vor. <sup class="modern-footnotes-footnote ">63</sup> Hatte Karl Ellenberg vorgehabt, wieder zurück nach Stuttgart zu ziehen? War es die Hoffnung, sein Haus zurückbekommen zu können oder wenigstens adäquat entschädigt zu werden? Oder hatte er sehen wollen, was geworden war aus dem Land, das Millionen Juden umgebracht, die Überlebenden traumatisiert und viele so wie ihn ruiniert hatte? Karl Ellenberg kehrte nie mehr dauerhaft nach Stuttgart zurück. Er starb am 25. September 1966 im Alter von 84 Jahren in Haifa.<sup class="modern-footnotes-footnote ">64</sup></p>



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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="283" height="412" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-05-09-um-09.27.41.jpg" alt="" class="wp-image-2128" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-05-09-um-09.27.41.jpg 283w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-05-09-um-09.27.41-206x300.jpg 206w" sizes="auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px" /><figcaption class="wp-element-caption">Betty Ellenberg ca. 1940</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="152" height="233" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/05/Karl.jpg" alt="" class="wp-image-2129" style="width:auto;height:400px"/><figcaption class="wp-element-caption">Karl Ellenberg ca. 1940</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Literatur</h2>



<p>Adreßbuch des deutschen Eierhandels: Handbuch und Anschriftenverzeichnis der Mitglieder der Fachschaft Eierverteiler im Reichsnährstand sowie der Eierkennzeichnungsstellen, Berlin 1938</p>



<p>Blotenberg, Johannes &#8222;Der Eiermarkt in Westfalen und Lippe&#8220;, Dissertation an der Universität Marburg 1937</p>



<p>Dahm, Volker &#8222;Die nationalsozialisitische Schrifttumspolitik nach dem 10. Mai 1933&#8220; in Walberer, Ulrich (Hrsg.) &#8222;10. Mai 1933, Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen&#8220;, S. 36 ff., Frankfurt a.M 1983</p>



<p>Sonndorfer, Rudolf &#8222;Der internationale Eierhandel&#8220;, Wien 1909</p>



<p>Steinke, Karoline &#8222;Simon Adler, Eierhändler in Berlin&#8220; Berlin 2011</p>



<p>Teuteberg, Hans Jürgen &#8222;<a href="https://d-nb.info/1137209267/34">Der Verzehr von Nahrungsmitteln in Deutschland pro Kopf und Jahr seit Beginn der Industrialisierung (1850 – 1975), Versuch einer Quantitativen Langzeitanalyse</a>&#8222;, Münster 1988</p>



<p>Windmueller Horowitz, Inge,&nbsp;Horowitz, Rita Janet,&nbsp;Stein Windmueller, Ida &#8222;<a href="https://www.google.de/books/edition/Windmueller_Family_Chronicle/z2ZKCgAAQBAJ?hl=de&amp;gbpv=1">Windmüller Family Chronicle</a>&#8222;, 1981</p>



<h2 class="wp-block-heading">Akten aus Archiven und Internetportale</h2>



<p><strong>aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg:</strong></p>



<p>Stuttgarter Passakten 1914-1944, F 215 Bü 312<br>Entschädigungsakte Karl Ellenberg: Landesamt für die Wiedergutmachung Baden-Württemberg: Einzelfallakten / ca. 1945-2021,<strong> </strong>EL 350 I Bü 26347<br>Amtsgericht Stuttgart: Handelsregisterakten / 1865-1938, Haueisen &amp; Ellenberg, Stuttgart &#8211; Eiergroßhandel, Staatsarchiv Ludwigsburg F 303 II Bü 448</p>



<p><strong>aus dem Stadtarchiv Stuttgart:</strong></p>



<p>Bauakte Hasenbergsteige 7</p>



<p><strong>aus dem Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden:</strong></p>



<p>Entschädigungsakte Ruth Lewin geb. Ellenberg: Regierungspräsidium Wiesbaden, 1956-1974, HHStAW Bestand 518 Nr. 82341<br>Entschädigungsakte Erich Lewin: Regierungspräsidium Wiesbaden, 1956-1974, HHStAW Bestand 518 Nr. 81792</p>



<p><strong>von MyHeritage:</strong></p>



<p>Einbürgerungsakte Edith Ellenberg, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947<br>Einbürgerungsakte Ruth Lewin, geb. Ellenberg, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947<br>Einbürgerungsakte Karl Ellenberg, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947</p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://kehilalinks.jewishgen.org/suchostaw/sl_tarnoruda.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://kehilalinks.jewishgen.org/suchostaw/sl_tarnoruda.htm</a></div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2435530?query=%22Karl%20Ellenberg%22" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jüdisches Volksblatt, Nr. 49 3. Dezember 1902, S. 7</a></div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://kesten.de/station/podwoloczyska/podwoloczyska/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://kesten.de/station/podwoloczyska/podwoloczyska/</a></div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pidwolotschysk" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Pidwolotschysk</a></div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://kesten.de/station/podwoloczyska/die-vorfahren/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://kesten.de/station/podwoloczyska/die-vorfahren/</a></div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Handelsregister-Akten, Stadtarchiv Stuttgart</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Verzehr von Nahrungsmitteln in Deutschland pro Kopf und Jahr seit Beginn der Industrialisierung, S. 240</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href="http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Gefl%C3%BCgelzucht" target="_blank" rel="noreferrer noopener">http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Geflügelzucht</a></div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Simon Adler, Eierhändler in Berlin, S. 36</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der internationale Eierhandel, S. 28</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltagsleben/hunger-und-elend.html#:~:text=Die%20Lebensmittelrationierung%20wurde%20nach%20dem,%2C%20Getreide%2C%20Butter%20und%20Milch" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltagsleben/hunger-und-elend.html#:~:text=Die%20Lebensmittelrationierung%20wurde%20nach%20dem,%2C%20Getreide%2C%20Butter%20und%20Milch</a></div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schwäbische Tagwacht 07.09.1920 S.6</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stuttgarter Neues Tagblatt 24.06.1920, S. 6</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stellungnahme von Georg Schwab vom 14.11.1951 in Entschädigungsakte: &#8222;Die Fa. Ellenberg ist mir aus den Angaben meines Vaters bekannt und ich weiss, dass sie als eine der bedeutenden württembergischen Eierimportfirmen gegolten hat.&#8220;</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stellungnahme der Deutschen Bank vom 25.08.1959 in Entschädigungsakte: &#8222;Die Firma Ellenberg zählte zu den guten und vertrauenswürdigen Kunden der Deutschen Bank Filiale Stuttgart. Sie tätigte größere Umsätze. In Stuttgart gab es vor dem Kriege ca. zehn bedeutende Eierhändler. Nach dem Umfang ihrer Umsätze dürfte die Firma Karl Ellenberg ungefähr an sechster Stelle gelegen sein.&#8220;</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jüdische Rundschau 21.01.1926</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stuttgarter Neues Tageblatt 18.06.1918, S. 284 </div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;z.B. Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 18.01.1933, S.1</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 15. April 1938</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses in Passakte</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Randvermerk Heiratsregister Stuttgart Nr. 115/1923</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stuttgarter Neues Tagblatt 02.06.1910: Verlobung Juni 1910, Schwäbischer Merkur 26.08.1910: Aufgebot August 1910</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Karteikarte des Königin-Olga-Stifts Stuttgart</div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Karteikarte des Königin-Olga-Stifts Stuttgart</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stuttgarter Adressbücher 1911-1917</div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bauakte</div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung von Eleonore Heukeshoven vom 17.10.1957 in Entschädigungsakte Ruth Lewin, geb. Ellenberg</div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>29&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Stuttgart, Heiraten 1923/115</div><div>30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Karteikarten der beiden Schülerinnen sind bis heute im Königin-Olga-Stift archiviert.</div><div>31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Karteikarte des Königin-Olga-Stifts Stuttgart</div><div>32&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Juden an der Universität Heidelberg, S. 149 <a href="http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/13683/1/juden_hd.pdf">http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/13683/1/juden_hd.pdf</a> </div><div>33&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Juden an der Universität Tübingen im Nationalsozialismus <a href="https://uni-tuebingen.de/fileadmin/Uni_Tuebingen/Allgemein/Dokumente/2006/06-01-19AkUniimNS.pdf">https://uni-tuebingen.de/fileadmin/Uni_Tuebingen/Allgemein/Dokumente/2006/06-01-19AkUniimNS.pdf</a></div><div>34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung Ruth Lewin vom 15.09.1957 in Entschädigungsakte Ruth Lewin, geb. Ellenberg</div><div>35&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>36&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>37&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gesetz über den Verkehr mit Eiern vom 20. Dezember 1933, RGBl. I, 1094 f., Verordnung über die Regelung des Eiermarktes vom 21. Dezember 1933, RGBl. I, 1103 f., Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über den Verkehr mit Eiern vom 21. Dezember 1933, RGBl. I, 1104 ff.</div><div>38&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;VG Berlin, Urteil vom 24.09.2015 &#8211; 29 K 187.13, Rdnr. 29 </div><div>39&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Eiermarkt in Westfalen und Lippe, S. 86, Simon Adler, Eierhändler in Berlin S.40 f.</div><div>40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://fzs.org/de/ueber-uns/geschichte/bernhard-grzimek/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://fzs.org/de/ueber-uns/geschichte/bernhard-grzimek/</a></div><div>41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Georg Schwab Stellungnahme 14.11.1951 in Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>42&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Verordnung über den Zusammenschluss der deutschen Eierwirtschaft vom 22. November 1935, RGBl. I, 1355 ff. </div><div>43&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Georg Schwab Stellungnahme 14.11.1951 in Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Angriff, 10. April 1936</div><div>45&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jüdische Rundschau 13.12.1935</div><div>46&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Adreßbuch des deutschen Eierhandels April 1938, S. 7</div><div>47&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die nationalsozialisitische Schrifttumspolitik nach dem 10. Mai 1933, S. 47</div><div>48&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die nationalsozialisitische Schrifttumspolitik nach dem 10. Mai 1933, S. 54</div><div>49&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die nationalsozialisitische Schrifttumspolitik nach dem 10. Mai 1933, S. 56 </div><div>50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Erklärung Ruth Lewin 15.09.1957 in Entschädigungsakte Ruth Lewin, geb. Ellenberg</div><div>51&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Liste Deutschland, jüdische &#8222;Trainings&#8220;-Zentren, Lehrgut Winkel 30.09.1936</div><div>52&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>53&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>55&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Verfügung des Amtsgerichts Stuttgart 1 vom 04.05.1939, Handelsregisterakte S. 18</div><div>56&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>57&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Einbürgerungsakte Edith Ellenberg</div><div>58&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Einwanderungsakte Edith Ellenberg.</div><div>59&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung Erich Lewin 21.02.1958 in Entschädigungsakte</div><div>60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>61&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>62&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Windmueller Family Chronicle, S. 141</div><div>63&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><div>64&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-ruin-der-familie-ellenberg/">Der Ruin der Familie Ellenberg</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Der Traum vom Kibbutz &#8211; Familie Lewin aus Schivelbein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 Mar 2024 06:11:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte der jüdischen Kaufmannsfamilie Lewin aus Schivelbein und der lange Weg ihrer Kinder nach Palästina.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-traum-vom-kibbutz-familie-lewin-aus-schivelbein/">Der Traum vom Kibbutz &#8211; Familie Lewin aus Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Ilse hatte sich endlich nach vorne kämpfen können, in die erste Reihe der Wartenden, die hinter dem Absperrgitter voller Ungeduld auf die gerade angekommenen Busse blickten. Jeder Aussteigende wurde von den Menschen in der Masse gemustert &#8211; ist er das, der Vater, der Onkel, ist sie es, die Schwester, die Tochter? Laute Jubelrufe, wenn die ersehnte Person gefunden worden war, bellende Befehle der britischen Soldaten und im Hintergrund das Läuten der Glocken von St. Joseph. Heute war Heiligabend, die zweite Kriegsweihnacht in Deutschland, Weihnachten im Heiligen Land, in Palästina, hier in Haifa. Ilse stockte der Atem, das war er, gar kein Zweifel. Müde, mager, ein zurückweichender Haaransatz, aber er strahlte um die Wette mit der jungen Frau, die er im Arm hielt. &#8222;Erich!&#8220;, rief Ilse so laut sie konnte, hob beide Arme, um aus der Masse hervorzustechen. Erich Lewin sah sie sofort, löste den Arm um die Schulter seiner Frau, winkte seiner Schwester Ilse zu und zeigte in ihre Richtung. Jetzt winkte auch die Frau, Ilses Schwägerin Ruth, von der sie nur aus Briefen wusste. &#8222;Ilse!&#8220;, brüllte er zurück, &#8222;Wir haben es geschafft!&#8220;. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5822.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="200" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5822.jpg" alt="" class="wp-image-1927" style="width:auto;height:160px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5822.jpg 1000w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5822-300x60.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5822-768x154.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Ankunft in Palästina mit dem Bus (Symbolbilder), Quelle: The Government Press Office of Israel, Pridan Moshe, -, Kluger Zoltan  </figcaption></figure>
</div>


<p>Für Ilse, Erich und Ruth Lewin, geborene Ellenberg würde dieser Heiligabend kein Ende finden. So viel gab es zu erzählen, zu berichten, zu lachen. Wiedersehen und Kennenlernen. Ilse Lewin hatte Ruth mit ihrer Fröhlichkeit gleich in ihr Herz geschlossen. Irgendwann nach Mitternacht stellte Ilse ihrem Bruder die Frage, die sie bisher vermieden hatte: &#8222;Und Mama? Und Papa?&#8220;. Erich schluckte, seine Frau Ruth drückte seine Hand ganz fest, und er begann stockend zu sprechen. &#8222;Du weißt ja, sie mussten weg aus Schivelbein. Berlin ist natürlich ganz anders. Aber sie meinen, es würde schon gehen. Ilse, Mama und Papa senden Dir all ihre Liebe, soll ich Dir ausrichten. Sie freuen sich so sehr, dass Du hier bist, dass Ruth und ich jetzt hier sein können. Sie haben mir ein Bild mitgegeben, erinnerst Du Dich, der letzte Sommer, in dem wir noch alle in Schivelbein waren?&#8220; Ilse hielt das Photo mit zitternden Händen, strich mit den Fingerspitzen über die Gesichter von Arthur und Elise Lewin. Vielleicht würden sie es schaffen. Vielleicht könnte sie irgendwann auch ihre Eltern hier in Haifa in die Arme nehmen. </p>



<p>Diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Die Geschwister würden ihre Eltern Arthur und Elise Lewin niemals wiedersehen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Von Schwetz und Schönlanke nach Schivelbein</h2>



<p>Arthur Lewin wurde am 4. November 1880 in Schwetz an der Weichsel geboren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup> Seine Eltern waren Julius Lewin und Pauline Golomb<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup>, sein jüngerer Bruder Leo starb im Ersten Weltkrieg für Deutschland.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Schwetz-Synagoge-Kopie.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="536" height="345" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Schwetz-Synagoge-Kopie.jpg" alt="" class="wp-image-1700" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Schwetz-Synagoge-Kopie.jpg 536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Schwetz-Synagoge-Kopie-300x193.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 536px) 100vw, 536px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Postkarte von Hulda Jacobsohn an Erich Hirschberg mit Ansicht der neuen Synagoge in Schwetz, Schwetz 10. November 1903, Karton, Tinte; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. VAR 88/10/17, Foto: Roman März</figcaption></figure>
</div>


<p>Arthurs Frau Elise Engel stammte aus Schönlanke im Netzekreis in Westpreußen. Dort wurde sie am 21. Juni 1886 als Tochter des Kaufmanns Salomon Engel und seiner Frau Minna Rosenbaum geboren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> Sie hatte vier jüngere Geschwister.<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup></p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"></figure>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="652" height="327" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/04/image0.jpeg" alt="" class="wp-image-2087" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/04/image0.jpeg 652w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/04/image0-300x150.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 652px) 100vw, 652px" /><figcaption class="wp-element-caption">Familie Engel aus Schönlanke, mit bestem Dank an Eric Weile</figcaption></figure>
</div>

<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="360" height="251" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/04/image2.jpeg" alt="" class="wp-image-2091" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/04/image2.jpeg 360w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/04/image2-300x209.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Kinder der Familie Engel &#8211; Lydia, Elise, Alfred, Margarete und Hedwig, mit bestem Dank an Eric Weile</figcaption></figure>
</div>


<p>Wo sich Arthur und Elise trafen, wann sie heirateten, war nicht zu ermitteln. Belegt ist aber, dass sich Arthur und Elise Lewin spätestens 1908 im hinterpommerschen Schivelbein niederließen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> Wahrscheinlich sogar schon früher, denn für den 11. Februar 1909 kündigten sie in der Schivelbeiner Kreiszeitung den &#8222;Schluß des Saison-Räumungsverkaufs&#8220; an<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> &#8211; den Winterschlussverkauf. In bester Lage am Marktplatz hatten sie ein Geschäft für Textil- und Manufakturwaren eröffnet und die darüberliegende Wohnung bezogen</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz-1024x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1671" style="width:auto;height:543px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz-1024x1024.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz-300x300.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz-150x150.jpg 150w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz-768x768.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz-1536x1536.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz-600x600.jpg 600w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Lewin-Marktplatz.jpg 1602w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Mit bestem Dank an die Facebook-Gruppe Świdwińskie Społeczne Archiwum Cyfrowe</figcaption></figure>
</div>


<p>Der Eintrag der Firma ins Handelsregister erfolgte allerdings erst 1913. Was immer der Grund für diese späte Eintragung gewesen sein mag, der Laden von Arthur Lewin war schon Jahre vorher eine feste Größe im Schivelbeiner Handel.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Eintragung-Lewin.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="222" height="224" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Eintragung-Lewin.jpg" alt="" class="wp-image-2083" style="width:222px;height:auto" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Eintragung-Lewin.jpg 222w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Eintragung-Lewin-150x150.jpg 150w" sizes="auto, (max-width: 222px) 100vw, 222px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Deutscher Reichsanzeiger 17.04.1913</figcaption></figure>
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<p>Arthur Lewin verkaufte alles rund um Stoff &#8211; Kleidung für Damen, Herren und Kinder, Tisch- und Bettwäsche, Bettfedern. Dazu kamen Manufakturwaren &#8211; heute als Meter- und Kurzwaren bekannt, also Stoffe, Borten, Knöpfe und ähnliches. Das Geschäft stand im Mittelpunkt seines Lebens, zu dem bald auch seine Kinder zählen würden. Am 22. November 1908 wurde Sohn Dagobert Erich in Schivelbein geboren<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup>, am 16. Februar 1911 folgte Tochter Ilse.<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Anzeige-klein.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="238" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Anzeige-klein-1024x238.jpg" alt="" class="wp-image-1673" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Anzeige-klein-1024x238.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Anzeige-klein-300x70.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Anzeige-klein-768x179.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Anzeige-klein-1536x357.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/08/Anzeige-klein.jpg 1837w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Schivelbeiner Kreiszeitung 9. Februar 1909</figcaption></figure>



<p>&#8222;Kleiner Nutzen!&#8220; und &#8222;Strenge Reellität!&#8220; &#8211; das war das, was Arthur Lewin seinen Kundinnen und Kunden versprach. Dahinter verbargen sich geringer Eigennutz des Kaufmanns, also eine kleine eigene Gewinnspanne, und absolute Ehrlichkeit, ein reeller Kaufmann eben. Und dieses Konzept ging auf, mehr als 20 Jahre lang. Der Laden hatte eine ideale Lage, damals, als der Schivelbeiner Marktplatz noch rundum bebaut war. Mit der Marienkirche im Rücken gab es nicht nur Stammkunden, sondern auch Laufkundschaft. Und ein &#8222;Parkplatzproblem&#8220; kannte man hier nicht, vor dem Laden war Platz für Kutschen aller Art.</p>


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<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/425711973_727022546085730_3010123290641358427_n.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="643" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/425711973_727022546085730_3010123290641358427_n-1024x643.jpg" alt="" class="wp-image-1980" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/425711973_727022546085730_3010123290641358427_n-1024x643.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/425711973_727022546085730_3010123290641358427_n-300x188.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/425711973_727022546085730_3010123290641358427_n-768x482.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/425711973_727022546085730_3010123290641358427_n-1536x964.jpg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/425711973_727022546085730_3010123290641358427_n.jpg 1600w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das Geschäft von Arthur Lewin im hellen Haus links vor der Kirche, Quelle nicht bekannt</figcaption></figure>
</div>


<p>Das Leben der Lewins ging den normalen Gang einer Schivelbeiner Familie Anfang des 20. Jahrhunderts. Sohn Erich besuchte die Mittelschule und legte 1924 die Reifeprüfung ab.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup> Der Beruf des Vaters reizte ihn sehr, aber in Schivelbein bleiben und im elterlichen Betrieb in die Lehre gehen, das war nichts für ihn. Erich zog es in die Großstadt. Am 1. Mai 1924 trat er seine kaufmännische Lehre beim Textilkaufhaus Dienemann und Co. in der Unteren Schulzenstraße in Stettin an.<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> Am 31.12.1926 beendete er die Lehre. Sein Dienstherr bescheinigte ihm, &#8222;dass seine Leistungen und seine Führung jederzeit einwandfrei gewesen waren&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-11-um-08.53.47.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="815" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-11-um-08.53.47-1024x815.png" alt="" class="wp-image-1914" style="width:auto;height:350px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-11-um-08.53.47-1024x815.png 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-11-um-08.53.47-300x239.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-11-um-08.53.47-768x611.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-11-um-08.53.47.png 1076w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Monatshefte Theatergemeinde Stettin November 1922</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Verfolgung beginnt</h2>



<p>Erich hatte in Stettin seine Berufung gefunden &#8211; der Kaufhaushandel hatte es ihm angetan, er wollte vorankommen und er wollte Deutschland kennenlernen. Nach erfolgreich absolvierter Lehre und einer ersten Beschäftigung als Verkäufer wechselte er für knappe zwei Jahre ins thüringische Gera zum mondänen Kaufhaus Hermann Tietz &#8211; die erste Filiale des Konzerns, aus dem später die Kaufhauskette Hertie entstehen sollte. 1929 ging es für Erich weiter zum Kaufhaus Schocken nach Nürnberg &#8211; er arbeitete sich im futuristischen Bau von Erich Mendelsohn am Nürnberger Aufseßplatz vom Verkäufer zum Abteilungsleiter hoch. Und er blieb diesem Arbeitgeber treu &#8211; es folgten Anstellungen in den Textilabteilungen von Schocken im sächsischen Freiberg und in Regensburg. Bis die Nationalsozialisten 1938 sowohl Erichs Karriere<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup> als auch dem Erfolg der jüdischen Kaufhäuser ein Ende setzten &#8211; Schocken wurde &#8222;arisiert&#8220;, aus den Kaufhäusern des jüdischen Unternehmers Salman Schocken wurde Merkur und später Horten. Und für Erich ging es ab jetzt ums Überleben.</p>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="435" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Hertie-Gera.jpeg" alt="" class="wp-image-1957" style="width:auto;height:270px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Hertie-Gera.jpeg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Hertie-Gera-300x204.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kaufhaus Hermann Tietz in Gera, Quelle: Stadtmuseum Gera</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="682" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/img-4868_ZbmC7T8W-1024x682.jpg" alt="" class="wp-image-1979" style="object-fit:cover;width:413px;height:270px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/img-4868_ZbmC7T8W-1024x682.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/img-4868_ZbmC7T8W-300x200.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/img-4868_ZbmC7T8W-768x512.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/img-4868_ZbmC7T8W.jpg 1280w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kaufhaus Schocken in Nürnberg, Stadtarchiv Nürnberg A 34 Nr. 1967</figcaption></figure>
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<p>Auch in Schivelbein spielte es mehr und mehr eine Rolle, dass die Familie Lewin jüdisch war. Schon lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte sich der Antisemitismus im Wirtschaftsleben breitgemacht. Die stärkste Partei in Pommern war seit 1920 die Deutsche Nationale Volkspartei<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup>, die 1933 in der NSDAP aufging. Die Deutschnationalen riefen schon früh zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Auch bei den Kaufleuten in Schivelbein wurde das spürbar. In den Zwanziger Jahren beschloss die Schivelbeiner Kreiszeitung, keine Anzeigen jüdischer Unternehmer mehr zu veröffentlichen. Die jüdischen Textilgeschäfte rangen um ihre Existenz, während das einzige christliche Unternehmen am Ort expandieren und ein zweites Geschäft eröffnen konnte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> 1932 wurde es dann sehr eng für Arthur Lewin &#8211; am 30. März wurde über sein Vermögen das Konkursverfahren eröffnet, im Juli des Jahres zwar wieder aufgehoben, aber 1933 war dann endgültig Schluss: am 13. November erlosch die Firma Arthur Lewin in Schivelbein.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Eintragung-Lewin.jpg"><img decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Eintragung-Lewin.jpg" alt="" class="wp-image-2079" style="width:auto;height:200px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Zweite Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 77 vom 2. April 1932</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Firmenloeschung-Lewin.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="217" height="90" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Firmenloeschung-Lewin.jpg" alt="" class="wp-image-2080" style="width:auto;height:100px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Erste Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 272 vom 20. November 1933</figcaption></figure>
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<p>Im Adressbuch von Schivelbein wurde Arthur noch immer als Kaufmann geführt, eventuell hatte er eine Anstellung gefunden oder er war Hausierer geworden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup> Ein Schicksal, das viele jüdische Kaufleute nach 1933 traf. Vielleicht als selbstbewusste Reaktion auf die Diskriminierung, vielleicht weil die Gemeinde unter Abwanderung litt, engagierten sich sowohl Arthur als auch seine Frau Elise jetzt in der jüdischen Gemeinde. 1932 war Arthur Lewin 1. Vorsitzender der Repräsentanz der Schivelbeiner Gemeinde und Elise Lewin leitete den Israelitischen Frauenbund, der Hilfsbedürftige und Kranke unterstützte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Und sie harrten aus in Schivelbein. Während ihre jüdischen Nachbarn die Stadt Jahr um Jahr verließen, lebten die Lewins noch 1939 dort.<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup> Doch irgendwann mussten auch sie ihre Heimat aufgeben und nach Berlin ziehen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/144014.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="449" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/144014.jpg" alt="" class="wp-image-2076" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/144014.jpg 449w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/144014-210x300.jpg 210w" sizes="auto, (max-width: 449px) 100vw, 449px" /></a><figcaption class="wp-element-caption"><a href="https://www.herder-institut.de/bildkatalog/iv/144014">Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv</a> <br>Das Geschäft von Arthur Lewin, rechts neben Kaiser’s, führt jetzt Franz Steinke. </figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Arthur und Elise Lewin &#8211; das Ende</h2>



<p>Arthur Lewin und seine Frau Elise lebten in Berlin in einem der überfüllten Häuser, in denen Juden noch wohnen durften. In der Ornanienburger Straße 26 neben der Synagoge in Berlin<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> warteten sie auf ihre Deportation. Mit Theresienstadt als Deportationsziel gingen sie vielleicht wie viele Juden davon aus, noch Glück gehabt zu haben. Theresienstadt galt als Musterlager. Vielleicht mussten die Lewins ihr letztes Geld aufwenden, um sich mit einem &#8222;Heimeinkaufsvertrag&#8220; vermeintlich eine Versorgung im Alter zu sichern. Die Realität in Theresienstadt sah vollkommen anders aus. Das Ghetto war genauso überfüllt, unterversorgt, verdreckt und dem Tode geweiht wie alle anderen Konzentrationslager auch. &#8222;Der größte Teil der alten Leute, die diesen Heimeinkaufsvertrag unterschrieben hat, gingen nach ziemlich kurzer Zeit nach der Ankunft in Theresienstadt einfach zugrunde, an Krankheit, an Unterernährung, vor allem aber am Schock, wie man mit ihnen umging.&#8220;, schreibt Wolfgang Benz in &#8222;Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung&#8220;. Am 3. November 1942 wurde das 61-jährige Ehepaar von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Fast zwei Jahre schafften sie es, die Hölle zu überleben. Am 9. Oktober 1944 wurden Arthur und Elise Lewin nach Auschwitz deportiert. Der Zeitpunkt ihres Todes ist nicht bekannt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup></p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Elise-Lewin-klein.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="324" height="396" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Elise-Lewin-klein.png" alt="" class="wp-image-1907" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Elise-Lewin-klein.png 324w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Elise-Lewin-klein-245x300.png 245w" sizes="auto, (max-width: 324px) 100vw, 324px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Elise Lewin, geb. Engel<br>Yad Vashem Photo Collections 15000/14262969</figcaption></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Arthur-Lewin-klein.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="324" height="394" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Arthur-Lewin-klein.png" alt="" class="wp-image-1906" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Arthur-Lewin-klein.png 324w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Arthur-Lewin-klein-247x300.png 247w" sizes="auto, (max-width: 324px) 100vw, 324px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Arthur Lewin <br>Yad Vashem Photo Collections 15000/14262970</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Hachschara &#8211; Der Traum vom gelobten Land</h2>



<p>Vielleicht haben Arthur und Elise Lewin Trost darin gefunden, dass wenigstens ihre Kinder Erich und Ilse eine Chance auf ein Leben jenseits von Demütigung und Verfolgung hatten. Für sie gab es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nur einen Weg in eine gute Zukunft &#8211; die Auswanderung nach Palästina. Und sie wollten nicht unvorbereitet kommen. Erich und Ilse schlossen sich der Hachschara-Bewegung an, die zum Ziel hatte, jüdischen Jugendlichen eine Berufsausbildung zu ermöglichen, die für das Leben in Palästina nützlich sein würde. Was zudem auch die Chancen erhöhte, ein Visum für das Heilige Land zu erhalten. Dieses sogenannte &#8222;Zertifikat&#8220; der britischen Mandatsregierung wurde in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts für Jüdinnen und Juden mehr und mehr zur Lebensversicherung. </p>



<p>Hachschara bedeutet so viel wie Vorbereitung, im eigentlichen Wortsinn &#8222;Tauglichmachen&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> Unter der Ägide der jüdischen Jugendorganisation &#8222;Hechaluz&#8220;, deren deutscher Zweig am 16.12.1922 in Berlin gegründet wurde, sollten der zionistischen Jugend Orte geschaffen werden, an denen sie sich umfassend auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereiten konnten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> Nach 1935 boten die Hachschara-Stätten jungen Jüdinnen und Juden eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt noch eine Ausbildung zu absolvieren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> In den Anfängen der Hachschara gingen einzelne Jugendliche bei einem Bauern oder Handwerker in die Lehre. Für den landwirtschaftlichen und gärtnerischen Bereich ging man aber ab 1926 zur Ausbildung auf Lehrgütern über.<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup></p>



<p>Fast 60 solcher Lehrgüter existierten in ganz Deutschland, dazu kamen mehrere Ausbildungsstätten im europäischen Ausland.<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> Hier lebte man so wie man es später auch in Palästina tun wollte &#8211; in einer Gemeinschaft, in der gemeinsam entschieden wurde, in der alle gleich sein sollten und alle das Gleiche besaßen, unabhängig von Herkunft und Vorbildung. Das spätere israelische Erfolgsmodell Kibbutz funktionierte nicht nur in den Tälern Galiläas, sondern auch in der pommerschen<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup>, brandenburgischen oder sächsischen Provinz. Die Jugendlichen lebten und arbeiteten in Gemeinschaften, beflügelt von zionistischen Ideen träumten sie von einer neuen Gesellschaftsform, einem Sozialismus mit menschlichem Gesicht, der noch Jahrzehnte später tatsächlich funktionieren würde.</p>



<p>Für die überwiegend aus Städten stammenden jungen Menschen bedeutete die harte körperliche Arbeit, die Trennung von der Familie und die spartanische Unterbringung eine große Umstellung. Dennoch genossen sie das Leben auf den Gütern und die besondere Gemeinschaft. &#8222;Hier suchten wir Schutz vor der Feindseligkeit unserer Umwelt und hier erhielten wir die Anerkennung, die uns in der übrigen Gesellschaft versagt war.&#8220;, erinnert sich Esther Bejarano.<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup></p>



<h3 class="wp-block-heading">Erich</h3>



<p>Erich Lewins neue Gemeinschaft befand sich ab September 1935 auf Gut Winkel bei Spreenhagen in der Nähe von Berlin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">29</sup> Der landwirtschaftliche Betrieb galt als Mustergut der Hachschara.<sup class="modern-footnotes-footnote ">30</sup> Bis zu 100 jüdische Jugendliche fanden hier Platz und wurden in der Großgärtnerei, Landwirtschaft, in Rinder-, Pferde- und Schweinezucht, Geflügelhaltung und Molkereiwesen ausgebildet. Im sandigen Boden der ostbrandenburgischen Provinz baute man Spargel an und verarbeitete ihn in der gutseigenen Konservenfabrik. Getreide, Kartoffeln und Rüben, Erdbeeren, Äpfel, Birnen, Kirschen, Grünkohl und Buschbohnen wuchsen auf den Feldern und in den Gärten. Apfelmus, Erdbeer- und Johannisbeermarmeladen wurden eingekocht, neben Rindern, Pferden und Schweinen auch Bienen, Tauben und Schafe gehalten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">31</sup> Im Winter schlug man Holz in den Wäldern und mähte Schilf an den zugefrorenen Seen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">32</sup> Die Tage begannen um halb sechs Uhr morgens, zwischen sechs und acht Stunden wurde hart körperlich gearbeitet, am Abend im landwirtschaftlichen Fachunterricht und am Wochenende im Hebräisch-Unterricht gebüffelt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">33</sup> Und trotzdem blieb Zeit für politische Diskussionen, Lieder- und Literaturabende, Ausflüge, Chorproben und Theateraufführungen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">34</sup> Als prägend für ihr späteres Leben sollten viele ehemalige Winkler ihre Zeit auf dem Gut später bezeichnen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">35</sup> </p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5816-e1709300435805.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="750" height="200" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5816-e1709300435805.jpg" alt="" class="wp-image-1921" style="object-fit:cover" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5816-e1709300435805.jpg 750w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5816-e1709300435805-300x80.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Fotografien aus dem Hachschara-Lager Havelberg, Havelberg, Amsterdam, 1938 – 1940; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2011/12, Schenkung von Lilo Cohen-Spiegel</figcaption></figure>
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<p>Mit 27 Jahren war Erich deutlich älter die meisten Jugendlichen, die in den Hachschara-Lagern Arbeit und Schutz fanden. Wie kam es, dass er Aufnahme in Gut Winkel fand? Die Lösung dürfte in seinem früheren Arbeitgeber zu suchen sein, denn der Leiter von Gut Winkel war Salman Schocken, der Kaufhaus-Unternehmer, der zugleich Zionist und Mäzen war.<sup class="modern-footnotes-footnote ">36</sup></p>



<p>Auch eine Angestellte aus dem Schocken-Kaufhaus in Stuttgart, die 22-jährige Ruth Ellenberg, bekam die Chance, sich in Gut Winkel auf eine Ausreise nach Palästina vorzubereiten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">37</sup> Ruth war die Tochter eines einstmals erfolgreichen Stuttgarter Eierimporteurs, den die Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeplündert hatten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">38</sup> Ihr Traum, Volkswirtschaftslehre zu studieren und Dozentin zu werden, war von den Nazis zunichte gemacht worden. Ruth und ihr mitreißendes Lachen mussten es Erich schnell angetan haben. Anfang 1937 war die Ausbildung der beiden beendet, aber noch keine Auswanderungsmöglichkeit gefunden. Also entschieden sich Erich und Ruth, ihr Wissen weiterzugeben. Im Februar 1937 wechselten sie als Jugendgruppenleiter in das Hachschara-Lager in Havelberg im Landkreis Stendal.<sup class="modern-footnotes-footnote ">39</sup> Und sie machten ihre Liebe offiziell &#8211; am 9. Juni 1937 heirateten sie in Havelberg.</p>



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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.55.42.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="548" height="186" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.55.42.png" alt="" class="wp-image-1691" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.55.42.png 548w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.55.42-300x102.png 300w" sizes="auto, (max-width: 548px) 100vw, 548px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Jüdische Rundschau 15.06.1937</figcaption></figure>
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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.59.08.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="710" height="208" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.59.08.png" alt="" class="wp-image-1692" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.59.08.png 710w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-11-um-20.59.08-300x88.png 300w" sizes="auto, (max-width: 710px) 100vw, 710px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden Württembergs 16.06.1937</figcaption></figure>
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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-15-um-19.52.46.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="636" height="226" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-15-um-19.52.46.png" alt="" class="wp-image-1932" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-15-um-19.52.46.png 636w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bildschirmfoto-2024-01-15-um-19.52.46-300x107.png 300w" sizes="auto, (max-width: 636px) 100vw, 636px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden Württembergs 16.07.1937</figcaption></figure>
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<p>Im Juli 1937 verließen Erich und Ruth Havelberg in Richtung Frankfurt am Main, vielleicht bereits in Erwartung einer Ausreise. In Frankfurt existierten mehrere Anlernwerkstätten der Hachschara, in denen die Jugendlichen unter anderem im Gartenbau und in der Hauswirtschaft ausgebildet wurden. Auch hier leiteten Erich und Ruth Jugendgruppen an. Das junge Ehepaar lebte im Lehrlingswohnheim<sup class="modern-footnotes-footnote ">40</sup> und hoffte auf eine baldige Ausreise nach Palästina.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ilse</h3>



<p>Erichs Schwester Ilse Lewin musste für die Chance auf Überleben zunächst in die Niederlande fliehen. Die damals 26jährige wohnte bis 1937 noch bei den Eltern in Schivelbein<sup class="modern-footnotes-footnote ">41</sup>, behütet, vielleicht einmal ein Urlaub an der Ostsee oder ein Verwandtenbesuch in Schwetz oder Schönlanke. Und dann bekam sie einen Platz im Werkdorp Wieringermeer im Norden Hollands, 900 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, in einem fremden Land. Aber die Aussicht auf ein Leben ohne Anfeindungen, in einer Gemeinschaft, in der sie die Zeit sogar genießen konnte, war es wert. Am 3. Mai 1937 kam Ilse in Wieringermeer an.<sup class="modern-footnotes-footnote ">42</sup> &#8222;Ich war plötzlich ein anderer Mensch.&nbsp;Alle dort waren Juden und man wurde respektiert.&#8220;, erinnerte sich  Hans Heinz Laufer aus Kattowitz an seine Zeit im Werkdorp.<sup class="modern-footnotes-footnote ">43</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/474px-Gebouw_van_het_Joodse_werkdorp_bij_Nieuwesluis_in_de_Wieringermeer_Bestanddeelnr_254-4896.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="474" height="479" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/474px-Gebouw_van_het_Joodse_werkdorp_bij_Nieuwesluis_in_de_Wieringermeer_Bestanddeelnr_254-4896.jpg" alt="" class="wp-image-1981" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/474px-Gebouw_van_het_Joodse_werkdorp_bij_Nieuwesluis_in_de_Wieringermeer_Bestanddeelnr_254-4896.jpg 474w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/02/474px-Gebouw_van_het_Joodse_werkdorp_bij_Nieuwesluis_in_de_Wieringermeer_Bestanddeelnr_254-4896-297x300.jpg 297w" sizes="auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das Haupthaus in Wieringermeer <br>Von Willem van de Poll &#8211; http://proxy.handle.net/10648/aed1b0d0-d0b4-102d-bcf8-003048976d84, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65428501</figcaption></figure>
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<p>Im Gegensatz zu den jungen Männern war für die Frauen keine echte Ausbildung vorgesehen, sie arbeiteten in der Hauswirtschaft und Ziel war einfach nur, sie rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die finanzielle Situation des Arbeitsdorfes und seiner Mitglieder war schwierig. Erich versuchte, seiner Schwester Ilse von Frankfurt aus Geld zu schicken &#8211; was ihm eine Vorladung bei der Devisenstelle einbrachte. Er werde keine weiteren Zahlungen an seine Schwester Ilse Lewin in Holland mehr vornehmen, musste er am 19. Januar 1938 schriftlich versichern.<sup class="modern-footnotes-footnote ">44</sup>  Doch nur ein paar Monate später zeichnete sich ab, dass Ilse noch vor ihrem Bruder Palästina erreichen würde. </p>



<p>Dr. Alfred Gutsmuth war ein junger Jurist aus Gießen, dem die Nationalsozialisten 1933 das Staatsexamen verwehrt hatten. Sein Professor hatte daraufhin beschlossen, eine Regelungslücke zu nutzen und Alfred ohne formalen Studienabschluss direkt zum Doktor zu machen. Der aufrechte Professor Wolfgang Mittermaier verlor dadurch seine Professur &#8211; 1933 wurde er zwangsemeritiert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">45</sup> Und dieser Dr. Alfred Gutsmuth würde sein &#8222;Zertifikat&#8220;, die legale Einreisegenehmigung für Palästina, mit Ilse Lewin teilen. Das Zertifikat galt auch für die Partnerin, soweit das Paar verheiratet war. Hals über Kopf verlobten sie sich im August 1938 und heirateten keinen Monat später. Eine Ehe nur zum Schein einzugehen, um zwei Personen retten zu können, war damals nicht selten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">46</sup> Einen Nachweis, dass das Zertifikat der einzige Grund für die Hochzeit von Alfred und Ilse war, gibt es nicht, aber kurz nach der Einbürgerung in Palästina ließen sie sich scheiden und fanden neue Lebenspartner. </p>



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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Verlobung-Ilse-klein.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="814" height="96" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Verlobung-Ilse-klein.png" alt="Verlobung Ilse Lewin" class="wp-image-1937" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Verlobung-Ilse-klein.png 814w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Verlobung-Ilse-klein-300x35.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Verlobung-Ilse-klein-768x91.png 768w" sizes="auto, (max-width: 814px) 100vw, 814px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Verlobungsanzeige Wieringer Courant 23.08.1938</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Heirat-Ilse-klein.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="818" height="108" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Heirat-Ilse-klein.png" alt="" class="wp-image-1938" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Heirat-Ilse-klein.png 818w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Heirat-Ilse-klein-300x40.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Heirat-Ilse-klein-768x101.png 768w" sizes="auto, (max-width: 818px) 100vw, 818px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Heiratsanzeige Wieringer Courant 03.09.1938</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Der lange Weg nach Palästina</h2>



<h3 class="wp-block-heading">Ilse</h3>



<p>Der Weg nach Palästina war für Ilse und Alfred lang und nervenaufreibend. Eine direkte Reise von Holland durch Deutschland und das im März 1938 an das Deutsche Reich angeschlossene Österreich weiter nach Italien war undenkbar. Also mussten Transitvisa durch vier Länder organisiert werden und an jeder Grenze stellte sich die bange Frage, ob man sie weiterlassen würde. Durch Holland nach Belgien, weiter nach Frankreich, durch die Schweiz bis Triest und dort auf den Dampfer &#8222;Gerusalemme&#8220;. Acht Tage dauert die Flucht aus Europa bis beide am 26. September 1938 den Hafen von Haifa erreichten und den rettenden Stempel der britischen Mandatsmacht im Pass erhielten: &#8222;Permitted to remain permanently in Palestine&#8220; &#8211; Erlaubnis, dauerhaft in Palästina zu bleiben.<sup class="modern-footnotes-footnote ">47</sup></p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/יערי.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="387" height="485" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/יערי.jpg" alt="" class="wp-image-1939" style="object-fit:cover;width:250px;height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/יערי.jpg 387w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/יערי-239x300.jpg 239w" sizes="auto, (max-width: 387px) 100vw, 387px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Ilse Gutsmuth, geb. Lewin</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="alignleft size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Alfred.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="168" height="235" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Alfred.jpg" alt="" class="wp-image-1940" style="object-fit:cover;width:250px;height:300px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Dr. Alfred Gutsmuth</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Erich</h2>



<p>In Frankfurt wie in ganz Deutschland wurde die Situation für Juden immer schwieriger. Am 9. November 1938 brannten die Synagogen. 2621 jüdische Männer wurden in Frankfurt verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">48</sup> Unter ihnen Erich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">49</sup></p>



<p>Eine schnelle Entlassung war nur möglich, wenn Erich unterschrieb, dass er in den nächsten drei Monaten Deutschland verlasse werde. Der Hechaluz, der Dachverband der zionistischen Jugendorganisationen in Deutschland, war bereits seit Jahren damit beschäftigt, Ausreisemöglichkeiten für seine jungen Mitglieder zu organisieren. Jetzt stieg der Druck ins Unermessliche. Der Hechaluz schaffte es, für Erich und Ruth Visa für Schweden zu organisieren. So knapp die Zeit auch war &#8211; der Staat, der die beiden rausschmiss, wollte sie zuvor maximal ausplündern und bestand auf Bürokratie. Zu holen gab es bei Erich und Ruth nichts mehr &#8211; sie besaßen keinerlei Vermögen und die detaillierte Umzugsgutliste, die man ihnen abverlangte, enthielt in erster Linie Kleidung und ein paar Bücher. Und zwei Moskitonetze für die Sümpfe Galiläas.<sup class="modern-footnotes-footnote ">50</sup>  </p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bild-Dagobert-Lewin.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="158" height="220" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Bild-Dagobert-Lewin.jpg" alt="" class="wp-image-1948" style="object-fit:cover;width:250px;height:300px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Erich Lewin</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="alignleft size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Ruth-Ellenberg.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="183" height="211" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/Ruth-Ellenberg.jpg" alt="" class="wp-image-1949" style="object-fit:cover;width:250px;height:300px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Ruth Lewin, geb. Ellenberg</figcaption></figure>
</div></div>
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<p>Am 25. Januar 1939 bestiegen Erich und Ruth Lewin den D-Zug von Frankfurt nach Trelleborg in Schweden. Von dort ging es weiter nach Malmö und schließlich nach Hässleholm in Südschweden. Geplant war nur ein kurzer Zwischenaufenthalt &#8211; legal oder illegal, irgendwie sollten sie schnellstmöglich von Schweden nach Palästina gelangen. Die Hoffnung auf eine baldige Weiterreise zerschlug sich aber &#8211; fast zwei Jahre würden sich Erich und Ruth mit Arbeiten im landwirtschaftlichen Bereich durchschlagen, die gerade einmal für Unterkunft und Essen reichten, in der steten Hoffnung, dass ihre Weiterreise nach Palästina irgendwann gelingen würde. Erst im Dezember 1940 bekamen sie die Chance und eine abenteuerliche Reise auf dem Landweg begann. Am 7. Dezember 1940 nahmen sie das Schiff von Schweden nach Turku in Finnland, weiter ging es nach Helsinki und von dort mit dem Zug nach Leningrad. Es folgten 2000 Eisenbahnkilometer bis nach Odessa am schwarzen Meer, wo sie ein Schiff nach Istanbul bestiegen. Weiter ging es mit dem Zug nach Aleppo in Syrien und durch den vom Vichy-Regime kontrollierten Libanon nach Beirut. Am 24. Dezember 1940 erreichte der Autobus Haifa in Palästina.<sup class="modern-footnotes-footnote ">51</sup> Sie hatten es geschafft. Mitten im Zweiten Weltkrieg hatten sie mehr als 5000 Kilometer zurückgelegt, von der Kälte und Dunkelheit des winterlichen Skandinaviens quer durch Russland und Vorderasien bis ins Land ihrer Hoffnung &#8211; Palästina. </p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5830.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1000" height="200" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5830.jpg" alt="" class="wp-image-1946" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5830.jpg 1000w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5830-300x60.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/01/IMG_5830-768x154.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Flucht durch Europa</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Neues Leben &#8211; der Traum vom Kibbutz</h2>



<h3 class="wp-block-heading">Ilse</h3>



<p>Ilse Lewin und Alfred Gutsmuth gingen in Palästina schnell wieder ihrer eigenen Wege. Aus Alfred Gutsmuth wurde  Abraham bar Menachem, er übernahm in einer Siedlung im Süden Palästinas schnell Verantwortung in der Selbstverwaltung. Später wurde er Bürgermeister der israelischen Küstenstadt Netanya, ein Hörsaal der Universität Gießen ist nach ihm benannt und er erhielt 1983 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für die Aussöhnung von Deutschland und Israel.<sup class="modern-footnotes-footnote ">52</sup> Er heiratete erneut und starb nach einem erfüllten Leben im gesegneten Alter von 104 Jahren in Netanya.</p>



<p>Ilse zog in den größten Kibbutz in Israel, Kibbutz Giv&#8217;at Brenner in der Nähe von Tel Aviv. Mit Avraham Ya&#8217;ari, als Alfred van der Walde in Emden geboren, fand sie dort die Liebe ihres Lebens. Doch Ilses Glück währte nicht lange &#8211; sie starb am 27.12.1953 im Alter von nur 42 Jahren im Kibbutz an einer tödlichen Krankheit.<sup class="modern-footnotes-footnote ">53</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/ואברהם-יערי.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="632" height="632" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/ואברהם-יערי.jpg" alt="" class="wp-image-1694" style="width:auto;height:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/ואברהם-יערי.jpg 632w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/ואברהם-יערי-300x300.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/ואברהם-יערי-150x150.jpg 150w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/ואברהם-יערי-600x600.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 632px) 100vw, 632px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Ilse Lewin und Avraham Ya&#8217;ari</figcaption></figure>
</div>


<h3 class="wp-block-heading">Erich</h3>



<p>Endlich angekommen in Palästina war der Weg für Erich und Ruth Lewin noch lange nicht zu Ende. Sie schlossen sich einer Gruppe junger deutscher Zionistinnen und Zionisten an, die in Raanana, einer Siedlung 20 Kilometer nördlich von Tel Aviv, auf die Gründung einer eigenen landwirtschaftlichen Siedlung, eines eigenen Kibbutz warteten. Vier Jahre lebten sie dort in Zelten, ackerten als Lohnarbeiter auf benachbarten Orangen-Plantagen, falls es dort Arbeit gab &#8211; was nicht immer der Fall war.<sup class="modern-footnotes-footnote ">54</sup> Sie waren jetzt zwar im Land ihrer Träume, aber immer noch weit entfernt vom Traum eines selbstbestimmten Kibbutz und einer echten Zukunft. Doch das tat ihrem Aufbauwillen keinen Abbruch. Ruth sah die Gelegenheit gekommen, jetzt endlich einen Beruf zu erlernen, der ihrem ursprünglichen Plan nahe kam &#8211; sie besuchte ab 1943 das Lehrerseminar in Tel Aviv und ließ sich zur Volksschullehrerin ausbilden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">55</sup> Geld verdienen musste sie nebenher trotzdem, aber 1945 hatte sie es geschafft &#8211; sie war Lehrerin. Im Frühjahr 1945 erreichte die Gruppe von Erich und Ruth in Raanana die gute Nachricht &#8211; man hatte Land für sie gekauft, 1450 Hektar, um dort endlich ihren Traum zu verwirklichen. Im Frühjahr 1945 erreichten sie ihre neue Heimat im Norden Israels, in den Bergen Ephraim mit Blick über das Yisreel-Tal, in der Nähe von Megiddo, dem biblischen Armageddon. Euphorisch blicken sie auf die grünen Hügel, die nur zwei Monate später unter der brennenden Sonne gelb gedorrt waren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">56</sup> Das größte Problem waren aber die Steine, Steine, wohin das Auge blickte. Allah habe, als er Blumen säen wollte, zum falschen Sack gegriffen und anstelle der Blumensaat Steine ausgeschüttet, erzählte ihnen ein vorbeikommender Araber.<sup class="modern-footnotes-footnote ">57</sup> </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Galed1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="475" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Galed1.jpg" alt="" class="wp-image-2002" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Galed1.jpg 475w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2024/03/Galed1-297x300.jpg 297w" sizes="auto, (max-width: 475px) 100vw, 475px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Kibbutz Gal&#8217;ed <br>Willem van de Poll, CC0, via Wikimedia Commons</figcaption></figure>
</div>


<p>Sie packten einfach an. Es würde vier Jahre dauern, bis sie den gesamten Boden entsteint hatten. Sie schufen sich eine neue Heimat, die sie Kibbutz GalEd nannten. Sie verteidigten sich gegen Angriffe benachbarter Araber, schlossen später Frieden mit ihnen, bauten Häuser, die die Zelte der ersten Zeit ersetzten. Sie beweinten ihren ersten Toten, Eli, der sein Leben vor Hitler hatte retten können und der hier am Biss einer Giftschlange starb.<sup class="modern-footnotes-footnote ">58</sup> Sie pflanzten einen ganzen Wald, legten Felder an und bauten einen großen Kuhstall. Sie diskutierten, stritten, fanden Kompromisse und formten eine Gesellschaft, in der alle das Gleiche hatten, egal ob einfacher Arbeiter oder Kibbutz-Sekretär. Sozialismus, der funktionierte. Eine enge Gemeinschaft, zu der bald auch Kinder gehörten. Erich und Ruth wurden im August 1946 Eltern einer Tochter. Für sie und die anderen Kindern des Kibbutz, sonnig und selbstsicher,<sup class="modern-footnotes-footnote ">59</sup> wurde ein Kinderhaus gebaut, ein &#8222;Palast von Zwergen, bei dessen Anblick man Lust bekommt, als Kibbuzkind wiedergeboren zu werden&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">60</sup> Ruth arbeitete als Lehrerin, Erich wurde nach den harten Aufbaujahren der Buchhalter des Kibbutz.<sup class="modern-footnotes-footnote ">61</sup> Ruth starb vor ihm. Erich Lewin entschied sich in den 70er Jahren, den Kibbutz, den er mitaufgebaut hatte, zu verlassen und zu seiner Tochter nach Beer Sheva im Süden Israels zu ziehen. Er starb dort 86-jährig am 1. Dezember 1994.<sup class="modern-footnotes-footnote ">62</sup></p>



<p>Die Erinnerung an Deutschland, an seine Eltern Arthur und Elise Lewin, hatte Erich nie losgelassen. 1956, die Gebäude der Shoa-Gedenkstätte waren noch nicht eröffnet, hinterlegte er ihre Namen in Yad Vashem. Jahre später ergänzte seine Tochter die Unterlagen um die Bilder ihrer Großeltern, die sie nie kennenlernen durfte.</p>



<p class="has-text-align-center has-medium-font-size"><strong>Stammbaum der Familie Lewin</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-29-um-21.38.45.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="513" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-29-um-21.38.45-1024x513.png" alt="" class="wp-image-1862" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-29-um-21.38.45-1024x513.png 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-29-um-21.38.45-300x150.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-29-um-21.38.45-768x384.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-29-um-21.38.45-1536x769.png 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-29-um-21.38.45.png 1822w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">eigene Graphik</figcaption></figure>



<p>Ich bedanke mich herzlich für die Unterstützung von Zeev Yaron (Kibbutz Giv&#8217;at Brenner), Yotam Moked (Kibbutz GalEd) und Eric Weile (Neuseeland), beim Stadtmuseum Gera, dem Stadtarchiv Nürnberg, der Stiftung Jüdisches Museum Berlin, der Herder-Stiftung und bei Robert Warnars und Joel Cahen mit den besten Wünschen für das Projekt Joods Werkdorp Wieringermeer.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen</h2>



<h3 class="wp-block-heading">Internet</h3>



<p>zur Verfolgung der Juden in der Shoah: </p>



<p><a href="https://arolsen-archives.org">Arolsen Archives</a></p>



<p>Bundesarchiv <a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 &#8211; 1945</a>,</p>



<p>Yad Vashem <a href="https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Central Database of Shoah Victims&#8216; Names</a></p>



<p>zur Hachschara: <a href="https://hachschara.juedische-geschichte-online.net">https://hachschara.juedische-geschichte-online.net</a> <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/juedische-hachschara-bewegung-fit-fuer-den-kibbuz-100.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.deutschlandfunkkultur.de/juedische-hachschara-bewegung-fit-fuer-den-kibbuz-100.html</a></p>



<p>zum Werkdorp Wieringermeer: <a href="https://www.werkdorpwieringermeer.nl/de/duitstalige-homepage/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.werkdorpwieringermeer.nl/de/duitstalige-homepage/</a></p>



<p>zur Geschichte des Kibbutz GalEd: <a href="https://www.nuernberger-videoarchiv.de/Senta-Josephthal.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nuernberger-videoarchiv.de/Senta-Josephthal.html</a></p>



<h3 class="wp-block-heading">Bücher und Aufsätze</h3>



<p>Amkraut, Brian &#8222;Between Home and Homeland, Youth Aliyah from Nazi Germany&#8220;, Tuscaloosa 2006</p>



<p>Benz, Wolfgang &#8222;Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung&#8220;, München 2013</p>



<p>Esel, Shlomo &#8222;Aus dem Tagebuch eines Kibbuz-Sekretärs&#8220;, Gerlingen 1979</p>



<p>Glück, Emil &#8222;Hachshara and Youth Aliyah in Sweden 1933-1948&#8220;, Eigenverlag 2016 </p>



<p>Kreuzer, Arthur &#8222;Die juristische Fakultät 1918 und ihr Kriminalwissenschaftler Wolfgang Mittermaier&#8220; in <a href="https://jlupub.ub.uni-giessen.de/bitstream/handle/jlupub/6378/GUB_51_2018_S61_63.pdf?sequence=1&amp;isAllowed=y" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gießener Universitätsblätter 51, 2018, S. 61 ff.</a></p>



<p>Maier-Wolthausen, Clemens &#8222;Zuflucht im Norden. Die schwedischen Juden und die Flüchtlinge 1933-1941&#8220;, Göttingen 2018</p>



<p>Marquardt, Walter &#8222;Adreßbuch für die Stadt Schivelbein und Umgegend&#8220;, Schivelbein 1935</p>



<p>Michaeli, Ilana &#8222;Gut Winkel &#8211; Die schützende Insel&#8220;, Münster 2007</p>



<p>Pilarczyk, Ulrike/Ashkenazi, Ofer/Homann, Arne (Hg.) &#8222;<a href="https://leopard.tu-braunschweig.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbbs_derivate_00048176/Pilarczyk_Ashkenazi_Homann%20Hachschara%20und%20Jugend-Alija.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hachschara und Jugend-Alija</a>&#8222;, Steinhorst 2019</p>



<p>Wilhelmus, Wolfgang &#8222;Flucht oder Tod, Erinnerungen und Briefe pommerscher Juden&#8220;, Rostock 2001</p>



<p>Zentralwohlfahrtsstelle der Juden &#8222;Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1932-33&#8220;, Berlin 1932</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Unterlagen aus Archiven</strong></h3>



<p>Entschädigungsakte Erich Lewin, Hessisches Hauptstaatsarchiv, Regierungspräsidien als Entschädigungsbehörde, Regierungspräsidium Wiesbaden, 1956-1974, HHStAW Bestand 518 Nr. 81792</p>



<p>Entschädigungsakte Ruth Lewin geb. Ellenberg, Hessisches Hauptstaatsarchiv, Regierungspräsidien als Entschädigungsbehörde, Regierungspräsidium Wiesbaden, 1956-1974, HHStAW Bestand 518 Nr. 82341</p>



<p>Akten der Devisenstellen Frankfurt und Kassel, Devisenstelle Frankfurt, Devisenprüfungen 1937, HHStAW Bestand 519/3 Nr. 17296 und Devisenprüfungen 1938, HHStAW Bestand 519/3 Nr. 14626</p>



<p>Hessisches Hauptstaatsarchiv, Frankfurt aM I, Steuerakten Lewin, Ruth, HHStAW Bestand 676 Nr. 4063</p>



<p>Entschädigungsakte Karl Ellenberg im Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I, Landesamt für die Wiedergutmachung Baden-Württemberg: Einzelfallakten/ca. 1945-2021</p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;So oder ähnlich hätte sich das  Wiedersehen der Geschwister Lewin abspielen können. Belegt ist lediglich, dass Ilse Lewin 1938 nach Palästina auswanderte, Erwin Lewin und seine Frau Ruth am 24.12.1940 mit dem Bus vom Libanon kommend Haifa erreichten und die Eltern Arthur und Elise Lewin im Mai 1939 noch in Schivelbein, später dann aber in Berlin lebten. Von dort aus wurden sie 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert. </div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1104100" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gedenkbuch Bundesarchiv</a></div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Yad Vashem, Page of Testimony 9030356</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="http://www.gedenk-buch.de/KAPITEL/59%20LEWIN%20Bella.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">http://www.gedenk-buch.de/KAPITEL/59%20LEWIN%20Bella.htm</a></div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1104375" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gedenkbuch Bundesarchiv</a>; Yad Vashem, Page of Testimony 9030355</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Margarete *19.10.1882 in Schönlanke, † ca. 1943 in Auschwitz, Lydia *25.01.1885 in Schönlanke, † unbekannt, Hedwig *21.08.1886, † 11.07.1958 in Neuseeland, Alfred, *15.04.1888 in Schönlanke, † ca. 1942 in Warschau, Ghetto </div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Geburtseintrag Erich Dagobert Lewin, Standesamt Schivelbein Geburten, 1908/220</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Schivelbeiner Kreiszeitung 9. Februar 1909</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein Geburten, 1908/220</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Standesamt Schivelbein Geburten, 1911/39</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidliche Erklärung Erich Lewin, undatiert in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung Erich Lewin, 03.01.1967 in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Zeugnis vom 31.08.1927, in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung Erich Lewin 03.01.1967 in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.wahlen-in-deutschland.de/wrtwpommern.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wahlen in Deutschland</a></div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht von Dr. Erika Herzfeld, geboren 1921 in Schivelbein, in: Wolfgang Wilhelmus &#8222;Flucht oder Tod, Erinnerungen und Briefe pommerscher Juden&#8220;, S. 124</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://martin-opitz-bibliothek.de/de/elektronischer-lesesaal?action=book&amp;bookId=0435147-1935#lg=1&amp;slide=0" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Adressbuch der Stadt Schivelbein und Umgegend, herausgegeben am 1.12.1935</a></div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1932-33, S. 79</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arolsen Archives, <a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11244166" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Registerkarte Arthur Lewin</a></div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gedenkbuch Bundesarchiv für Arthur Lewin und Elise Lewin, geb. Engel</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 223</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 225</div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ueber/hachschara" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ueber/hachschara</a></div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel S. 235</div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://de.wikipedia.org/wiki/Hachschara</div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dragebruch und Altkarbe im Kreis Friedeberg/Neumark, Freienstein/Blankensee</div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 197</div><div>29&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidliche Erklärung Erich Lewin, undatiert, in Entschädigungsakte, in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 249</div><div>31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 90</div><div>32&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 92</div><div>33&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 260/270</div><div>34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 264</div><div>35&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 263</div><div>36&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gut Winkel &#8211; die schützende Insel, S. 250</div><div>37&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Liste Jüdische Trainingscenter, 30.09.1936</div><div>38&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Karl Ellenberg, EL 350 I, Landesamt für die Wiedergutmachung Baden-Württemberg: Einzelfallakten / ca. 1945-2021</div><div>39&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Erklärung Ruth Lewin 15.09.1957 in Entschädigungsakte, in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Abmeldung bei der polizeilichen Meldebehörde Januar 1939 in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Niederlande Bevölkerungsregister 1912-1938 Barsingerhorn Nord Holland S. 438</div><div>42&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Niederlande Bevölkerungsregister 1912-1938 Barsingerhorn Nord Holland S. 439</div><div>43&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.werkdorpwieringermeer.nl/dagelijks-leven/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.werkdorpwieringermeer.nl/dagelijks-leven/</a> </div><div>44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Akten der Devisenstellen Frankfurt und Kassel,  Devisenstelle Frankfurt</div><div>45&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die juristische Fakultät 1918 und ihr Kriminalwissenschaftler Wolfgang Mittermaier, S. 62 f.</div><div>46&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;z.B. <a href="https://www.frauenmuseum.at/rettende-ehen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.frauenmuseum.at/rettende-ehen</a> und <a href="https://www.werkdorpwieringermeer.nl/de/lernen-wahrend-der-arbeit/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.werkdorpwieringermeer.nl/de/lernen-wahrend-der-arbeit/</a></div><div>47&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Identiteitsbewijs Ilse Gutsmuth geb. Lewin, S.7</div><div>48&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/novemberpogrom/beitrag/deportationen-nach-buchenwald" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/novemberpogrom/beitrag/deportationen-nach-buchenwald</a></div><div>49&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/6464691" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://collections.arolsen-archives.org/de/document/6464691</a></div><div>50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vermögenserklärung und Umzugsliste aus der Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>51&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung Erich Lewin 21.02.1958 in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>52&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Bar_Menachem" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Bar_Menachem</a></div><div>53&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Information aus dem Archiv des Kibbutz Giv&#8217;at Brenner, mit bestem Dank an Zeev Yaron </div><div>54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung Erich Lewin</div><div>55&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eidesstattliche Versicherung von Ruth Lewin, 15.09.1957 in Entschädigungsakte, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</div><div>56&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.nuernberger-videoarchiv.de/Senta-Josephthal.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview mit Senta Josephthal, Nürnberger Videoarchiv der Erinnerung</a></div><div>57&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Shlomo Erel, Aus dem Tagebuch eines Kibbuz-Sekretärs, S. 11</div><div>58&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Shlomo Erel, Aus dem Tagebuch eines Kibbuz-Sekretärs, S. 13</div><div>59&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Shlomo Erel, Aus dem Tagebuch eines Kibbuz-Sekretärs, S. 6</div><div>60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Shlomo Erel, Aus dem Tagebuch eines Kibbuz-Sekretärs, S. 60</div><div>61&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Auskunft von Yotam Moked, Kibbutz GalEd, mit bestem Dank</div><div>62&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Billion Graves, Omer Cemetery, Omer, Israel</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-traum-vom-kibbutz-familie-lewin-aus-schivelbein/">Der Traum vom Kibbutz &#8211; Familie Lewin aus Schivelbein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Das israelitische Erziehungsheim in Repzin und die Familie Baronowitz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Dec 2023 15:32:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ortsgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das israelitische Erziehungsheim in Repzin und die Geschichte der Familie Baronowitz</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/das-israelitische-erziehungsheim-in-repzin-und-die-familie-baronowitz/">Das israelitische Erziehungsheim in Repzin und die Familie Baronowitz</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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<p class="has-text-align-left">&#8222;Ich werde sehen, was ich tun kann, Baronowitz, das sagte ich Ihnen schon. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Rückfahrt nach Repzin.&#8220;. Bevor der Verabschiedete noch etwas entgegnen konnte, schloss Max Salomon energisch die Haustür und lehnte sich seufzend dagegen, so als wolle er sichergehen, dass diese nicht mehr von außen geöffnet würde. &#8222;Ist er gefahren?&#8220;, rief seine Tochter Käthe aus der Küche hinüber, &#8222;Und wolltest Du nicht bereits seit einer Stunde im Kontor sein, Vater?&#8220;. Max Salomon seufzte erneut und rieb sich die Schläfen. &#8222;Wie ich Dir bereits sagte: seinem Redefluß halten meine Ohren nicht stand.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup> &#8222;Sei nicht ungerecht, Vater. Baronowitz ist kein unrechter Mensch, er sorgt sich um seine Schützlinge. Und es ist doch eine Schande, dass die jungen Kerle nicht einmal warme Jacken bekommen, um das Haus verlassen zu können.&#8220;. Max Salomon lächelte, sie hatte ja recht, seine Käthe. Nur ein Kämpfer wie Adolf Baronowitz konnte in Repzin bestehen. Aber Kämpfer waren nun mal anstrengend. Warum hatte sich das Kuratorium ausgerechnet für eine Unterbringung der Jungen in Repzin entscheiden müssen. Für die Mädchen hatte man doch auch etwas Passendes nahe Berlin gefunden. &#8222;Kollege Salomon wird sicherlich ein Auge auf die Einrichtung haben mit seiner großen Erfahrung in praktischen Dingen, besonders in der Landwirtschaft&#8220;, hatte es damals geheißen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup> Dass dieses vordergründige Lob vor allem viel Arbeit mit sich bringen würde, hatte Max Salomon bereits da geahnt.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Karte-Schivelbein-Repzin.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="513" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Karte-Schivelbein-Repzin.jpeg" alt="" class="wp-image-1747" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Karte-Schivelbein-Repzin.jpeg 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Karte-Schivelbein-Repzin-281x300.jpeg 281w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Meßtischblatt Schivelbein von 1890, Reichsamt für Landesaufnahme, Bildnachweis SLUB/Deutsche Fotothek, am unteren rechten Rand Repzin</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Ein Schloss im Nirgendwo</h2>



<p>Das Dorf Repzin liegt tief in Hinterpommern etwa zehn Kilometer südlich der Kleinstadt Schivelbein. Eine Strecke, die bis in die 1940er Jahre hinein meist mit der Kutsche bewältigt wurde.<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup> Das Gut, einige Wohnhäuser, die ein oder andere kleine Werkstatt und viel Landwirtschaft, die ihre Bewohner auch in Kriegszeiten noch ausreichend ernähren konnte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup>  &#8222;Zwischen Briesen und Ventzlafshagen sieht man zur linken Hand das hohe Herrenhaus von Repzin liegen. Das Dorf liegt am Strittkenbach, der in seinem Ursprung der Grandbach heißt. Er fließt durch den Repzinschen See in den See bei Ventzlafshagen; beide Seen sind fast ganz abgelassen und von geringer Tiefe (4 m. tief).&#8220;, beschreibt Arthur Zechlin den Ort im Jahr 1886.<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier um die 500 Menschen, meist Bauern, aber auch einige Handwerker. Es gab eine Mühle, eine Postagentur und einen Telegrafen. Drumherum Felder, Seen und die Einsamkeit des platten Landes. </p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_4792.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="450" height="323" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_4792.jpg" alt="" class="wp-image-1715" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_4792.jpg 450w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_4792-300x215.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Brotbacken in Repzin 1928  (Quelle:<a href="https://belgard.org/orte/repzin/"> Der Kreis Belgard – Schivelbein in Pommern </a>&#8211; mit bestem Dank an Dieter Schimmelpfennig)&nbsp;&nbsp;</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
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<p>Jahrhundertlang war das Gut Repzin in adligem Besitz. Anna Sophie Elisabeth, Tochter des schwedischen Generals Joachim von Volkmann, brachte es 1672 in die Ehe mit Ernst Bogislav von Bonin ein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup> 1862 wurde das Gutshaus errichtet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> Das Anwesen wurde in der Familie weitergereicht bis es 1899 vom königlichen Landrath zu Dramburg, Eugen von Brockhausen, erworben wurde. Am 12. April 1901 kaufte der Berliner Kaufmann Eugen Rosenstiel das Schloss und die umliegenden Äcker.<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> </p>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Volckmann.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="228" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Volckmann-228x300.jpeg" alt="" class="wp-image-1718" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Volckmann-228x300.jpeg 228w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Volckmann.jpeg 480w" sizes="auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px" /></a></figure>
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<p>Doch Eugen Rosenstiel war nicht auf einen Landsitz oder eine solide Geldanlage aus. Seine Absichten waren ganz und gar uneigennützig. Er hatte das Schloss und das dazugehörige Land zu einem einzigen Zweck erworben: der Einrichtung einer Fürsorgeanstalt für jüdische Jungen aus ganz Deutschland.<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup> Es sollte auch das Vermächtnis von Eugen Rosenstiel werden: er starb am 9. März 1902 in Meran.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Unknown.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="269" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Unknown-300x269.png" alt="" class="wp-image-1721" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Unknown-300x269.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Unknown.png 536w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die jüdische Presse 21.03.1902, S. 120</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Die israelitische Fürsorgeanstalt</h2>



<p>Die Erziehung jüdischer Kinder, die aus welchem Grund auch immer nicht in ihren Familien großwerden konnten, wurde im 19. Jahrhundert überwiegend von den örtlichen Wohltätigkeitsvereinen der jüdischen Gemeinden organisiert. Pflegefamilien, Besserungsanstalten, Gefängnisse &#8211; viel mehr Möglichkeiten gab es für problematische junge Menschen damals nicht. Schon länger hatte der Deutsch-Israelitische Gemeindebund darüber diskutiert, spezielle jüdische Erziehungseinrichtungen zu gründen. Tatsachen schuf dann das &#8222;Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger&#8220;, das am 1. April 1901 in Kraft trat, und konfessionell getrennte Fürsorgeeinrichtungen in Deutschland vorgab.<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup> Die Mädchen brachte man in Berlin-Plötzensee unter. Für die Jungen wurden mehrere Optionen diskutiert: stadtnah oder weit weg auf dem Land. Nachdem Eugen Rosenstiel dann aber das Schloss in Repzin aus dem Hut zauberte, fiel die Entscheidung nicht mehr allzu schwer. Am 1. Mai 1901 war es soweit: die &#8222;Israelitische Fürsorge-Erziehungsanstalt des DIGB zu Berlin. Eugen- und Amalie Rosenstiel-Stiftung&#8220; wurde in Repzin eröffnet.</p>



<p>Das Konzept für das Heim war vergleichsweise modern: Die Jugendlichen sollten unterrichtet und auf einen Beruf vorbereitet werden. Eine Schusterei, Tischlerei und Schneiderei wurden eingerichtet, im Garten, den Ställen und auf den Äckern konnten Landwirtschaft und Gärtnerei betrieben werden. Handwerker aus der Umgebung leiteten die Zöglinge an. Für die schulpflichtigen Kinder gab es regulären Unterricht, die Lehrer unterwiesen aber auch die Schulentlassenen in Religion, Hebräisch, Rechnen und Deutsch. All das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zöglinge in allen Fürsorgeerziehungsheimen &#8211; christlich wie jüdisch &#8211; unter strafvollzugsähnlichen Bedingungen lebten. Aber trotz aller Kritik, die an Repzin über die Jahre aufkam: Zustände wie in manch anderen nichtjüdischen Anstalten, in denen die Jugendlichen in Zellen auf dem Boden schlafen mussten und gefesselt wurden, gab es hier nicht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup></p>



<p>Doch von Anfang an existierten grundlegende Probleme in Repzin. Der Zustand des Hauses, die Finanzen, qualifiziertes Personal, die Organisationsstrukturen &#8211; es haperte an fast allem.</p>



<p>Weder der Ort noch das Gebäude waren ideal waren für die Unterbringung von Jugendlichen. &#8222;Einem geschenkten Gaul sieht man bekanntlich nicht ins Maul.&#8220;, schrieb der ehemalige Lehrer Heinemann Stern, &#8222;Anders ist es nicht zu verstehen, dass eine jüdische Erziehungsanstalt und wenn es &#8222;auch nur&#8220; eine der Fürsorge gewidmete war, in diese gottverlassene Gegend gelegt wurde. (&#8230;) Das Haus war ein alter, verbauter, überdies von Ratten und Mäusen angefressener Kasten, und alles 9 Kilometer von der nächsten Stadt &#8211; Schivelbein &#8211; mit Arzt, Apotheke und Lieferanten entfernt.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> </p>



<p>Repzin war alles andere als ein begehrter Arbeitsplatz &#8211; schlechte Bezahlung, karge Unterkünfte, die Arbeitszeiten waren lang und zur Krönung erwartete man von den Lehrern ein Leben im Zölibat.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup> Letzteres galt ausdrücklich nicht für den Heimleiter, denn auf die Qualitäten seiner Gattin zählte man: sie sollte fleißig mitarbeiten und den Jungen ein weibliches Vorbild geben &#8211; ohne jede Bezahlung. Entsprechend bescheiden war die Bewerberlage. Die meisten Lehrer blieben nicht lange und auch der Heimleiterposten war wenig beliebt. Von den Handwerkern, die aus dem Dorf und dem Umland kamen, erwartete man pädagogische Fähigkeiten &#8211; wo sie die in der hinterpommerschen Provinz herbekommen sollten, bleibt ein Rätsel. &#8222;Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß die Verwaltung bei der Auswahl der Leute eine günstige Hand gehabt hätte; jedenfalls hat sich die sprichwörtliche Berliner &#8222;Helligkeit&#8220; in der Menschenkenntnis nicht manifestiert. Sie schickte uns mitunter Aufseher, die nur darum nicht aus Subjekten der Fürsorgeerziehung zu Objekten werden konnten, weil sie das zulässige Höchstalter überschritten hatten. Aber wesentlich für ihre Wahl war wohl der Umstand, daß sie nicht viel kosteten.&#8220;, beschreibt Heinemann Stern in deutlichen Worten die Situation.<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5119.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="198" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5119.jpg" alt="" class="wp-image-1732" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5119.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5119-300x93.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Stellenanzeigen für Repzin</figcaption></figure>
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<p>Die chronische Unterfinanzierung überschattete alles. Zwar zahlte der Staat für jeden Zögling einen gewissen Grundbetrag, aber das Heim in Repzin war vergleichsweise klein und die Kosten damit überproportional hoch. Auch die Einhaltung der jüdischen Speisevorschriften machte das Leben teurer als anderswo. Die jüdische Gemeinde bemühte sich, die erforderlichen Mittel aufzubringen, aber Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Selbst die Zahl der verwendeten Scheuertücher und die Menge an verbrauchter Seife wurden vom Kuratorium in Berlin argwöhnisch beäugt und kritisiert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup></p>



<p>Durch die Organisationsstruktur waren Konflikte vorprogrammiert. Zu viele Köche rührten im Repziner Brei, denn mitzureden hatten:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>die staatliche Schulaufsicht in Köslin in Gestalt des Schulinspektors, </li>



<li>der Rabbiner, der für die religiöse Erziehung zuständig war, </li>



<li>das Kuratorium in Berlin, das fast alles bestimmte und dem Heimleiter kaum eigene Kompetenzen zubilligte,</li>



<li>der Erziehungsdirektor in Repzin, der sicherlich gerne mehr entschieden hätte,</li>



<li>und als Puffer vor Ort: der <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-juedische-muehlenbesitzer-von-schivelbein/">Mühlenbesitzer Max Salomon</a> aus Schivelbein<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup>, der sich wahrscheinlich nicht freiwillig auf diesen Posten beworben hatte.</li>
</ul>



<p>Zunächst fanden 24 Jungen Platz im Schloss, nach Umbauten in den Jahren 1902 dann 35 und 1912 schließlich 60.<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup> Sie kamen aus dem ganzen deutschen Reich.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Eingewiesen wurden sie auf Beschluss des Vormundschaftsgerichts. Aber Eltern konnten sich auch ganz selbstständig entscheiden, ihre Söhne zur Besserung nach Repzin zu schicken. Die Zusammensetzung der Jungengruppe barg die nächsten Probleme &#8211; Schuljungen, Pubertierende, junge Männer, zwischen sechs und 21 Jahren, von einfach nur Unartigen bis hin zu Kriminellen, alles war unter einem Dach vereint. Schlimm sei dieses &#8222;Zusammenpferchen von im Grunde gutartigen Tunichtguten mit ausgesprochen asozialen Elementen&#8220; gewesen, schreibt Heinemann Stern.<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup></p>



<p>Und zu guter Letzt wird auch die Nachbarschaft eher misstrauisch auf die Einrichtung geschaut haben. Problematische Jugendliche plötzlich in ihrer ländlichen Idylle. Viele von außerhalb. Und dazu noch Juden. Oder sahen die Repziner auch Chancen in der neuen Einrichtung, Arbeitsplätze, neue Abnehmer für ihre Produkte, eine Belebung des Dorfes? Überliefert ist hier nichts, aber einfach wird es die Einrichtung in der hinterpommerschen Provinz sicher nicht gehabt haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das Leben in Repzin</h2>



<p>Das Leben im Erziehungsheim war streng durchgetaktet. Die Tage begannen früh, im Sommer bereits um fünf, im Winter um sechs Uhr. Vor Beginn des eigentlichen Arbeits- bzw. Schultags hatten die Jungen sich selbst, die Zimmer und das Haus zu reinigen. Gearbeitet wurde dann, unterbrochen von ein paar Pausen, bis zum Abendbrot um 19:00 Uhr. Danach eine kurze Freizeit und um halb 10 ging man ins Bett.<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> Am Schabbat wurde nicht gearbeitet, sonntags war der Nachmittag frei. Fußball, Pingpong, Schwimmen im Sommer und Eislaufen im Winter &#8211; mehr Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung gab es nicht. Ein Radio wurde erst nach langer Diskussion Mitte der 20er Jahre angeschafft.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup></p>



<p>In den Schlafsälen lagen die Zöglinge auf Strohsäcken.<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> Die Säle wurden nachts abgeschlossen, wer auf die Toilette musste, hatte sich mit einem Eimer zu begnügen. Einmal in der Woche ein warmes &#8222;Douchenbad&#8220;, ansonsten gab es nur im Winter heißes Wasser &#8211; soweit die Badepumpe funktionierte. 1909 fiel sie fast ein ganzes Jahr lang aus.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> </p>



<p>Es wurde Anstaltskleidung getragen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> Auch hier reichte das Geld vorne und hinten nicht. Im Winter konnten die Jungen mangels warmer Kleidung manchmal nicht einmal das Haus verlassen. Auf dem Speiseplan standen überwiegend Kartoffeln, Brot und Eintöpfe<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup> &#8211; Pommern eben.</p>



<p>Die Erziehung schlug bei vielen Jungen nur mäßig an. Kleinere Diebstähle, Einbrüche in die Wohnung des Direktors, sexuelle Übergriffe, Fluchtversuche &#8211; immer wieder kam es zu solchen Vorkommnissen. Und manchmal auch zu wirklich kriminellen. Am 1. April 1904 brach Feuer aus in Repzin. Zwei Zöglinge hatten das Wirtschaftsgebäude in Brand gesetzt und waren geflohen. Man griff sie später in Anklam auf. Bei den Untersuchungen fand man zwei weitere Eimer Petroleum, mit denen das ganze Schloss in Brand gesetzt werden sollte. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-11.41.31.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="652" height="518" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-11.41.31.png" alt="" class="wp-image-1748" style="width:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-11.41.31.png 652w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-11.41.31-300x238.png 300w" sizes="auto, (max-width: 652px) 100vw, 652px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Neue jüdische Presse Nr. 14, 14.04.1904, S. 2</figcaption></figure>
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<p>Durchschnittlich ein Jahr blieben die Jungen in Repzin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup> Was aus ihnen wurde, ob sie es schafften, dank oder trotz ihres Aufenthalts ein bürgerliches, ein glückliches Leben zu führen, ist nicht überliefert. Und selbst wenn &#8211; die Nationalsozialisten setzten dem ab 1933 ein Ende.</p>



<p>Insgesamt alles andere als ideale Bedingungen und eine riesige Herausforderung für Lehrer und Aufseher. Und ganz besonders für den Leiter und seine Frau. Nachdem Siegfried Rosenbaum aus Hohensalza, der erste Erziehungsdirektor von Repzin, bereits nach knapp zwei Jahren im März 1903 das Handtuch warf,<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup> brauchte die Anstalt eine neue Leitung. Und mit Adolf Baronowitz fanden sie nicht nur einen energischen Pädagogen, sondern eine Persönlichkeit, die den schwierigen Bedingungen in Repzin fast 30 Jahre lang trotzen sollte.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Stellenausschreibung.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="224" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Stellenausschreibung-224x300.png" alt="" class="wp-image-1723" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Stellenausschreibung-224x300.png 224w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Stellenausschreibung.png 384w" sizes="auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px" /></a></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Familie Baronowitz</h2>



<p>Adolf Baronowitz wurde am 24. April 1876 in Beuthen/Oberschlesien als einziger Sohn des Schneidermeisters Heiman Baronowitz und seiner Frau Rosalie, geborene Kober geboren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup> Nach seiner Ausbildung an der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin<sup class="modern-footnotes-footnote ">29</sup> war er zunächst im jüdischen Waisenhaus in Pankow tätig.<sup class="modern-footnotes-footnote ">30</sup> Unmittelbar vor seinem Dienstantritt in Repzin heiratete er die 23-jährige Stenographin Else Bieber aus Berlin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">31</sup> Flitterwochen gab es für das junge Paar nicht, auf beide wartete in Repzin eine riesige Herausforderung, die zumindest die Kräfte der jungen Else übersteigen sollte. </p>



<p>Else Baronowitz musste als Frau des Erziehungsdirektors nicht nur Hausarbeiten aller Art organisieren und beaufsichtigen, sondern auch erzieherisch auf die Jungen einwirken.<sup class="modern-footnotes-footnote ">32</sup> &#8222;Die Frau eines Anstaltsleiters trägt mit der Last der Wirtschaftsführung auch die Hauptsorge&#8220;, stellte Heinemann Stern fest.<sup class="modern-footnotes-footnote ">33</sup> Dazu kam der eigene Haushalt und die Familiengründung: Else wurde bald schwanger und bekam in den folgenden Jahren vier Kinder: 1904 kam Sohn Werner zur Welt, im Jahr darauf folgte Tochter Käthe, dann 1907 Sohn Heinz und 1910 Nesthäkchen Ilse. Eine Vollzeitstelle, Schwangerschaften und Kinderbetreuung &#8211; für eine Frau allein nicht leistbar. 1913 war Else Baronowitz dann bereits so überarbeitet, dass ihr die Ärzte einen vierwöchigen Urlaub verordneten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">34</sup>  Doch die größte Belastung stand ihr erst bevor. 1914 begann der Erste Weltkrieg und Adolf Baronowitz wurde zum Militärdienst eingezogen. Mit ihm verließen 25 der jungen Zöglinge, einer der beiden Lehrer und zwei der drei Aufseher Repzin und zogen in den Krieg.<sup class="modern-footnotes-footnote ">35</sup> Else Baronowitz musste quasi über Nacht zusätzlich zu ihren vielen Aufgaben noch die ihres Mannes übernehmen. Nur vorübergehend gelang es, Ersatzlehrkräfte zu gewinnen. Also erteilte Else Baronowitz auch noch den Handarbeitsunterricht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">36</sup> Und dieser Zustand sollte sehr viel länger dauern als der Krieg selber &#8211; Adolf Baronowitz geriet in russische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1920 zurück nach Repzin. All das raubte Else Baronowitz die Kraft für ein langes Leben.</p>



<p class="has-text-align-center"><strong>Stammbaum der Familie Baronowitz</strong></p>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Stammbaum-Baronowitz.tiff"><img decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Stammbaum-Baronowitz.tiff" alt="" class="wp-image-1894"/></a><figcaption class="wp-element-caption">eigene Graphik</figcaption></figure>



<p>Für Adolf Baronowitz war der Lehrerberuf eine echte Lebensaufgabe. Neben der Leitung des Erziehungsheims war er Vorstandsvorsitzender des Vereins israelitischer Lehrer der Provinz Pommern<sup class="modern-footnotes-footnote ">37</sup>, veröffentlichte Artikel zur Erziehung Jugendlicher<sup class="modern-footnotes-footnote ">38</sup> und war ein leidenschaftlicher Kämpfer für eine angemessene Bezahlung und Altersversorgung der Lehrer<sup class="modern-footnotes-footnote ">39</sup>. Dazu die steten Diskussionen mit dem Berliner Kuratorium um mehr Geld. Unermüdlich war er von fünf Uhr morgens bis abends neun Uhr für seine Arbeit auf den Beinen, hatte nur alle vier Wochen einen Sonntagnachmittag für sich alleine und besuchte darüberhinaus im Urlaub Fortbildungskurse.<sup class="modern-footnotes-footnote ">40</sup> Doch für eines nahm er sich Zeit: das Schachspielen. Eine Leidenschaft, die er mit seinem Sohn Werner teilte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">41</sup> </p>



<p>Adolf Baronowitz war ein Mann, der für seine Überzeugungen einem Streit nicht aus dem Weg ging, nie aber nur für sich kämpfte, sondern für die ihm anvertrauten Jungen und seine Kollegen. Häufig zog er dabei den Kürzeren, aber aufgeben war nichts für Adolf Baronowitz. Er bat das Kuratorium, den Jugendlichen wenigstens ein Taschengeld für ihre Arbeit zu gewähren &#8211; abgelehnt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">42</sup> Er bat das Kuratorium, Matratzen für die Jungs anzuschaffen &#8211; abgelehnt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">43</sup> Seine Erziehungsauffassungen waren strikt &#8211; Strenge, Arbeit und Belehrung waren die Grundpfeiler seiner Überzeugung, körperliche Züchtigung Teil seines pädagogischen Konzepts. &#8222;Wie ein Vater erst rügt, warnt und endlich auch körperlich züchtigt, so gehe ich auch vor.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">44</sup> Der Stock müsse die Faulheit austreiben, berichtete er dem Kuratorium.<sup class="modern-footnotes-footnote ">45</sup> Mit rücksichtsloser Strenge wollte er aus den Jungen &#8222;brauchbare Menschen&#8220; machen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">46</sup> Claudia Prestel, die die Zustände in Repzin aufwändig recherchiert und in ihrem Buch &#8222;Jugend in Not&#8220; dargestellt hat,  bezeichnet Adolf Baronowitz als &#8222;professionellen Schläger&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">47</sup> Ich meine, Adolf Baronowitz war Teil einer Gesellschaft, die das Verprügeln von Kindern noch Jahrzehnte später als adäquates Erziehungsmittel betrachtete. Insofern war er genauso Schläger wie ein Großteil der deutschen Eltern und Lehrer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Noch Ende 1957 stellte der Bundesgerichtshof fest: &#8222;Dem Volksschullehrer steht kraft Gewohnheitsrecht die Befugnis zu, seine Schüler aus begründetem Anlaß zu Erziehungszwecken maßvoll zu züchtigen.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">48</sup> &#8222;Brutalität und Strenge auf der einen Seite und ernstgemeinte Versuche zur Hilfe und Integration wechselten einander ab.&#8220;, so beschreibt Claudia Prestel Adolf Baronowitz sicherlich treffender.<sup class="modern-footnotes-footnote ">49</sup>   </p>



<p>1928 beging Adolf Baronowitz sein 25-jähriges Dienstjubiläum und feierte Silberhochzeit. Die Kollegen der Lehrerschaft gratulierten ihm und betonten sein &#8222;mutiges, unerschrockenes Auftreten&#8220;. Das würde er in den folgenden Jahren ganz besonders brauchen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-12.52.55.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="828" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-12.52.55-1024x828.png" alt="" class="wp-image-1750" style="width:400px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-12.52.55-1024x828.png 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-12.52.55-300x243.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-12.52.55-768x621.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-19-um-12.52.55.png 1086w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Israelitisches Familienblatt, Blätter für Erziehung und Unterricht Nr. 9, 01.03.1928</figcaption></figure>
</div>


<p>Denn keine zwei Jahre später ließ ihn das Kuratorium in Berlin fallen. Sein Erziehungsstil passte nicht mehr zu den reformpädagogischen Strömungen der 1920er-Jahre und mit seiner kämpferischen Art konnte er auf wenig Rückhalt hoffen. Der Streit wurde ganz offen in der Jüdisch-liberalen Zeitung ausgetragen, die Vorwürfe flogen hin und her. Völliges Versagen des Anstaltsleiters! Hungerstrafe! Schwere Exzesse! Adolf Baronowitz hielt in bekannter Manier dagegen: Stimmt nicht! Unterfinanzierung! Ein Gebäude im Verfall!<sup class="modern-footnotes-footnote ">50</sup> Drei ehemalige Repziner Lehrer standen ihm öffentlich bei: ein wahres Kesseltreiben sei gegen Adolf Baronowitz veranstaltet worden. Nie seien für Repzin Mittel vorhanden gewesen, auch nur das Nötigste zu beschaffen. Nur seine &#8222;unverwüstliche Lebenskraft&#8220; und der &#8222;unzerstörbare Idealismus seiner Ehefrau&#8220; hätten die Anstalt über die Jahre gerettet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">51</sup> Doch Adolf Baronowitz zog erneut den Kürzeren &#8211; er musste seinen Posten unter Belassung einer kargen Mindestpension im November 1929<sup class="modern-footnotes-footnote ">52</sup> räumen. Dr. Hans Lubinski übernahm seine Nachfolge. 1930 wurde die Erziehungsanstalt in Repzin aufgegeben und nach Berlin verlegt. Am 2. Juni 1930 erwarb der Kreiskommunalverband Schivelbein das Gebäude und die Ländereien<sup class="modern-footnotes-footnote ">53</sup>  und richtete dort ein Alters- und Tuberkuloseheim ein. </p>



<p>Für den Vollblutlehrer Adolf Baronowitz ein schwerer Schlag. Mit dem Rauswurf hatten seine Frau und er nicht nur ihre Arbeit und ihr Einkommen, sondern die gesamte Familie auch ihr Zuhause verloren. Fast dreißig Jahre hatten sie in Repzin gelebt, die Kinder waren hier geboren und aufgewachsen. Auch wenn die Wohnsituation im Schloss sicherlich nicht ideal gewesen war &#8211; der schlechte bauliche Zustand des Hauses, der Mangel an warmem Wasser, Wanzen im Kinderzimmer<sup class="modern-footnotes-footnote ">54</sup>, manchmal brachen die Zöglinge sogar in ihre Wohnung ein &#8211; das alte Gutshaus war trotzdem ihre Heimat gewesen. Jetzt mussten sie umziehen und fanden eine Wohnung in der Kussenowstraße 3 in Schivelbein. Else Baronowitz, die sich über Jahre für das Erziehungsheim in Repzin aufgerieben hatte, erholte sich nicht von dieser Demütigung &#8211; sie starb im November 1930 mit nur 51 Jahren in Schivelbein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">55</sup> </p>



<p>Drei Jahre blieb Adolf Baronowitz noch in Pommern, lebte von einem kleinen Ruhegehalt und engagierte sich weiter im Lehrerverband. Dann beschloss er, wie so viele Juden aus Pommern, nach Berlin zu gehen. Dort arbeitete er zunächst stundenweise als Lehrer an der jüdischen Volksschule.<sup class="modern-footnotes-footnote ">56</sup> Er heiratete noch einmal, Hulda Heinrich, die 1891 in Oliva, Danzig geboren wurde.<sup class="modern-footnotes-footnote ">57</sup> </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Unknown-Peter-Baronowitz-Adolph-perhaps.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="424" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Unknown-Peter-Baronowitz-Adolph-perhaps.png" alt="" class="wp-image-1886" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Unknown-Peter-Baronowitz-Adolph-perhaps.png 424w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Unknown-Peter-Baronowitz-Adolph-perhaps-199x300.png 199w" sizes="auto, (max-width: 424px) 100vw, 424px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Vielleicht Adolf Baronowitz mit seinem Enkel Peter<br>privates Bild aus der Sammlung von Simon Baronowitz</figcaption></figure>
</div>


<p>Adolf Baronowitz war mittlerweile 64 Jahre alt, er hätte sich auf sein eigenes Überleben auf dem Höhepunkt der Judenverfolgung konzentrieren können. Aber das passte nicht zu seinem Charakter. 1941 übernahm er in mörderischen Zeiten die Leitung des &#8222;Dauerheims für jüdische Schwachsinnige&#8220; in Berlin Weißensee.<sup class="modern-footnotes-footnote ">58</sup> Jüdisch und behindert, in den Augen der Nationalsozialisten doppelt &#8222;lebensunwert&#8220;. Engagiert wie eh und je nahm Adolf Baronowitz den Kampf um den Schutz dieser Menschen auf, so wie für den spastisch gelähmten Fritz Hahn.<sup class="modern-footnotes-footnote ">59</sup> Die Deportationen der Behinderten, die ab April 1942 begannen, konnte Adolf Baronowitz nicht verhindern. Genauso wenig wie die Deportation  seiner Frau Hulda am 11. Juli 1942 nach Auschwitz.<sup class="modern-footnotes-footnote ">60</sup> Auch seinen letzten Kampf musste Adolf Baronowitz verloren geben: er starb am 5. November 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen im Alter von 66 Jahren, angeblich an der Ruhr.<sup class="modern-footnotes-footnote ">61</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Werner Baronowitz &#8211; Überleben in den USA</h2>



<p>Der älteste Sohn Werner wurde am 15. April 1904 in Repzin geboren. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Geburt-Werner-Baronowitz.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="101" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Geburt-Werner-Baronowitz-300x101.png" alt="" class="wp-image-1754" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Geburt-Werner-Baronowitz-300x101.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Geburt-Werner-Baronowitz.png 680w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung 17.04.1904</figcaption></figure>
</div>


<p>Nachdem die Familie das Erziehungsheim verlassen musste, kam auch er zunächst mit nach Schivelbein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">62</sup> Im Februar 1934 zog er in die Universitätsstadt Göttingen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">63</sup> Werner arbeitete als kaufmännischer Angestellter, er verlobte sich, alles sah nach einer normalen Familiengründung aus. Doch das Leben wurde auch hier für Juden immer schwieriger. Waren es die im selben Haus lebenden Töchter der Familie Nussbaum, die Werner ermutigten, an eine Zukunft im Ausland zu denken? Rosa und Hilde Nussbaum verließen Deutschland 1936,<sup class="modern-footnotes-footnote ">64</sup> am 22. Juni 1937 reiste Werner Baronowitz aus Göttingen ab und kam am 3. Juli 1937 in New York an. Seine Verlobte hatte er zurückgelassen, sie sollte ihm folgen, sobald er ein eigenes Zuhause eingerichtet und ein Geschäft aufgebaut hatte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">65</sup> Doch dazu sollte es nicht kommen. In diesen dunklen Zeiten verloren sie den Kontakt und sahen sich nie wieder. Werner Baronowitz blieb unverheiratet. In New York arbeitete er zunächst für eine Elektronikfirma, wurde dann aber am 27. November 1942 in die US-Armee eingezogen und in Portland, Maine stationiert. Dort diente er bis zum 4. Juli 1945 im Fort Levett in der Küstenverteidigung. Sein Vorgesetzter bescheinigte ihm einen &#8222;excellent character&#8220;, so dass Werner im Mai 1943 eingebürgert wurde.<sup class="modern-footnotes-footnote ">66</sup> Werner Baronowitz starb am 20. Juli 1988 in New York.<sup class="modern-footnotes-footnote ">67</sup> Er hatte als einziges Kind der Familie die Shoah überlebt.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Werner-Baronowitz.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="200" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Werner-Baronowitz-200x300.png" alt="" class="wp-image-1879" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Werner-Baronowitz-200x300.png 200w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Werner-Baronowitz.png 427w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Werner Baronowitz <br>privates Bild aus der Sammlung von Simon Baronowitz</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Das Rätsel um Käthe Baronowitz</h2>



<p>Kaum ein Jahr nach Sohn Werner kam am 30.07.1905 die erste Tochter der Familie Baronowitz, Käthe auf die Welt.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-18.20.52.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="96" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-18.20.52-300x96.png" alt="" class="wp-image-1711" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-18.20.52-300x96.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-18.20.52.png 492w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Berliner Tageblatt und Handelszeitung 01.08.1905</figcaption></figure>
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<p>Als zunächst einziges Mädchen im Gutshaus hatte es die kleine Käthe nicht leicht. Es war nicht nur der Mangel an Spielkameradinnen, umgeben von problematischen Jugendlichen musste sie auf der Hut sein. Im April 1910 wurde sie von einem 14-jährigen Zögling sexuell belästigt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">68</sup> Ob den Täter die zehn zur Strafe verteilten Stockschläge von weiteren Übergriffen abgehalten haben, ist zu bezweifeln. Jedenfalls wird sich Käthe in dem Haus, in dem sie lebte, ab sofort nicht mehr sicher gefühlt haben.</p>



<p>Auch wenn es Hinweise gibt, dass sich das Verhältnis zwischen Käthe und ihrem Vater nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft nicht positiv entwickelte, schien er sie zumindest in ihrer Berufswahl inspiriert zu haben: Käthe wurde Kindergärtnerin, oder Hortnerin, wie es damals hieß. Aber nicht nur der Beruf, auch die Politik gewann an Bedeutung in ihrem Leben: Käthe Baronowitz war Kommunistin. In Berlin hatte sie sich der Ende 1918 gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands angeschlossen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war die KPD gezwungen, in den Untergrund zu gehen. Und Käthe beschloss, aktiv am Widerstand gegen das Regime teilzunehmen. Im Unterbezirk Charlottenburg gehörte sie der Führungsriege an und sorgte als &#8222;Gebietskassier&#8220; dafür, dass Flugblätter verteilt und die Aktivitäten finanziell unterstützt wurden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">69</sup> Aber Käthe wurde verraten, durch ihre Zimmerwirtin, heißt es, Ende 1933 festgenommen und am 18. August 1934 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Bundesarchiv existiert eine Prozessakte, die Käthes Geburtsdatum enthält, sogar in der Zeitung wurde über den Prozess berichtet.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-19.52.51.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="606" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-19.52.51-606x1024.png" alt="" class="wp-image-1713" style="width:350px;height:undefinedpx" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-19.52.51-606x1024.png 606w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-19.52.51-178x300.png 178w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-28-um-19.52.51.png 674w" sizes="auto, (max-width: 606px) 100vw, 606px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Kölnische Zeitung 20. August 1934</figcaption></figure>
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<p>An diesem Punkt beginnt das Rätsel um das weitere Schicksal von Käthe Baronowitz. Hochwahrscheinlich ist, dass Käthe ihre Strafe verbüßte, in Berlin blieb, dort heiratete und vielleicht sogar 1943 eine Tochter bekam. Laut Deportationsliste wurde eine Käthe Fechenbach, geb. Baronowitz mit dem Kleinkind Tana Fechenbach am 16.06.1943 nach Theresienstadt und und vier Monate später von dort nach Auschwitz deportiert. Nach dem Krieg suchte ihr Bruder Werner nach ihr &#8211; Käthe Baronowitz, geboren 30. Juli 1905.<sup class="modern-footnotes-footnote ">70</sup> Die Ermittlungen des Internationalen Suchdienstes ergaben, dass Käthe einen Herrn Fechenbach geheiratet hatte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">71</sup></p>



<p>Es gibt aber auch ein Zeitzeugeninterview mit einer Käthe Baronowitz, geboren am 12. Februar 1910 in Repzin als Tochter des Direktors Adolf Baronowitz.<sup class="modern-footnotes-footnote ">72</sup> Danach sei sie &#8211; die Kindergärtnerin Käthe Baronowitz &#8211; als Kommunistin 1936 zu 12 Jahren Arbeitslager verurteilt worden, nachdem sie zuvor von der Gestapo bestialisch gefoltert wurde. 1945 sei sie von russischen Truppen aus dem Zuchthaus befreit worden und nach Israel in einen Kibbutz ausgewandert, wo sie 1957 interviewt wurde &#8211; mit erstaunlicher Detailkenntnis über die Kindheit von Käthe Baronowitz. Aber bereits das behauptete Geburtsdatum passt nicht in die Geschichte &#8211; nachweislich wurde die jüngste Baronowitz-Tochter Ilse am 8. November 1910 geboren. Ein Abstand von neun Monaten zwischen der Geburt zweier Kinder ist zwar nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Und warum hätten die Eltern beiden Mädchen den selben Namen geben sollen? Und diese Käthe schien keinen Herrn Fechenbach geheiratet zu haben.</p>



<p>Zwei Kommunistinnen, beide mit dem Namen Käthe, beide Kindergärtnerinnen, zwei unterschiedliche Geburtsdaten, zwei unterschiedliche Verurteilungen, zwei unterschiedliche Schicksale. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei der in Israel interviewten Frau nicht um Käthe Baronowitz aus Repzin handelt, ist hoch. Aber was mag ihr Motiv gewesen sein, die Geschichte der &#8222;echten&#8220; Käthe zu übernehmen? Das Rätsel wird sich wohl nicht mehr lösen lassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Heinz Baronowitz &#8211; Die verlorenen Kinder</h2>



<p>Heinz Baronowitz wurde am 17. Mai 1907 in Repzin geboren. Ihn zog es von Pommern nach Neumünster in Schleswig-Holstein. Ab 1932 arbeitete er dort bei dem jüdischen Textilhändler David Minden<sup class="modern-footnotes-footnote ">73</sup>, 1933 wurde er Mitglied des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Bad Segeberg.<sup class="modern-footnotes-footnote ">74</sup> Und er lernte eine junge Frau kennen, Charlotte Reese. Eine Nichtjüdin, die der Religion ihres Mannes sehr offen gegenüberstand.<sup class="modern-footnotes-footnote ">75</sup> Heinz und Charlotte heirateten am 2. September 1933. Nur drei Monate später wurde Tochter Dagmar geboren, 1935 Sohn Peter. </p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-3 is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-02.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="216" height="300" data-id="1883" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-02-216x300.png" alt="" class="wp-image-1883" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-02-216x300.png 216w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-02.png 460w" sizes="auto, (max-width: 216px) 100vw, 216px" /></a></figure>



<figure class="wp-block-image size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Charlotte-Baronowitz.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="216" height="300" data-id="1881" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Charlotte-Baronowitz-216x300.png" alt="Heinz Baronowitz, mit seiner Frau Charlotte, mit seinem Sohn Peter
private Bilder aus der Sammlung von Simon Baronowitz" class="wp-image-1881" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Charlotte-Baronowitz-216x300.png 216w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Charlotte-Baronowitz.png 461w" sizes="auto, (max-width: 216px) 100vw, 216px" /></a></figure>



<figure class="wp-block-image size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Peter-Baronowitz.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="219" height="300" data-id="1884" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Peter-Baronowitz-219x300.png" alt="" class="wp-image-1884" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Peter-Baronowitz-219x300.png 219w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Peter-Baronowitz.png 468w" sizes="auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a></figure>
</figure>



<p class="has-text-align-center">Heinz Baronowitz, mit seiner Frau Charlotte, mit seinem Sohn Peter<br>private Bilder aus der Sammlung von Simon Baronowitz</p>



<p>Die Verfolgung von Heinz Baronowitz durch die Nationalsozialisten ist ebenso tragisch wie leider auch typisch. Im Frühjahr 1933 verlor er seine Arbeit, wurde beim nächsten Arbeitgeber &#8222;auf dringendes Verlangen des kommissarischen Betriebsrats&#8220; sofort wieder entlassen und schlug sich mit Aushilfsjobs wie Brotaustragen durch. Erst 1935 bekam er wieder Arbeit als Vertreter für Textilwaren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">76</sup> In der Pogromnacht 1938 wurde Heinz zum ersten Mal festgenommen, von der SA in einem &#8222;Prangerumzug&#8220; durch die Straßen Neumünsters geführt und kam danach in &#8222;Schutzhaft&#8220; in Sachsenhausen. Noch ging es den Nationalsozialisten in erster Linie darum, Juden aus Deutschland zu vertreiben. Charlotte Baronowitz, gerade erst Mutter ihres zweiten Kindes geworden, suchte verzweifelt nach einer Ausreisemöglichkeit für ihren Mann. Alexandrette, ein französisches Mandatsgebiet, das damals zu Syrien und heute unter dem Namen Iskenderun zur Türkei gehört, sei noch ein Schlupfloch, hieß es, und Charlotte kaufte ein Schiffsticket für Heinz. Vier Tage später, Ende Januar 1939, wurde er daraufhin aus der Haft entlassen. Doch die rettenden Tore schlossen sich vor der geplanten Abreise &#8211; Alexandrette nahm keine jüdischen Flüchtlingen mehr auf.<sup class="modern-footnotes-footnote ">77</sup> Heinz musste jetzt Zwangsarbeit leisten, als Bauarbeiter.<sup class="modern-footnotes-footnote ">78</sup> Das Ehepaar Baronowitz spürte die Schlinge um den Hals, die sich von Tag zu Tag enger zog. Im Sommer 1939 trafen sie die wahrscheinlich schmerzhafteste Entscheidung ihres Lebens: sie trennten sich von ihren Kindern, damit wenigstens ihre Tochter und ihr Sohn in Sicherheit waren. Im Juli 1939 bestiegen die fünfjährige Dagmar mit ihrem dreijährigen Bruder Peter an der Hand das Schiff nach England. </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Peter-Dagmar-Baronowitz.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="395" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Peter-Dagmar-Baronowitz.png" alt="" class="wp-image-1885" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Peter-Dagmar-Baronowitz.png 395w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Peter-Dagmar-Baronowitz-185x300.png 185w" sizes="auto, (max-width: 395px) 100vw, 395px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Peter und Dagmar Baronowitz <br>privates Bild aus der Sammlung von Simon Baronowitz</figcaption></figure>
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<p>Mit dem sogenannten Kindertransport in England angekommen der erste Schock: die Geschwister wurden getrennt. Dagmar kam bei einer Familie im Süden unter, Peter blieb in London. In einer Familie, der das intelligente Kind einfach nichts recht machen konnte. Während Dagmar wenigstens eine liebevolle Pflegemutter bekommen hatte, die sie über den wenig emphatischen Pflegevater hinwegtrösten konnte, wurde Peter nach sechs Jahren von seiner Pflegefamilie verstoßen und in ein Waisenhaus abgeschoben. Zu viele Trennungen für den kleinen Jungen, die er sein Leben lang nicht würde verarbeiten können. Im Frühling 1942 kamen traurige Nachrichten aus Deutschland: Heinz Baronowitz war am 6. März 1942 im Konzentrationslager Wewelsburg gestorben. Im November 1940 war Dagmar und Peters Vater erneut in &#8222;Schutzhaft&#8220; genommen worden, wieder hatte Charlotte alles versucht, hatte ihm ein Visum für Haiti besorgt. Als sie damit zur Gestapo in Neumünster ging, stellte man ihr seine Entlassung und Ausreise in Aussicht &#8211; wenn sie sich von ihm scheiden lassen würde. Hoffnung keimte in Charlotte auf, sie würde auch das tun, Hauptsache, Heinz käme frei. Die Ehe wurde am 5. Januar 1942 aufgehoben.<sup class="modern-footnotes-footnote ">79</sup> Zwei Monate später starb Heinz im Konzentrationslager, angeblich an einer Lungenentzündung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">80</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-medium is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-01.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="169" height="300" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-01-169x300.png" alt="" class="wp-image-1882" style="object-fit:cover;width:300px;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-01-169x300.png 169w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/12/Heinz-Baronowitz-01.png 360w" sizes="auto, (max-width: 169px) 100vw, 169px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Heinz Baronowitz<br>privates Bild aus der Sammlung von Simon Baronowitz</figcaption></figure>
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<p>Nach dem Krieg wanderte Charlotte Baronowitz nach England aus &#8211; der Kontakt zu ihren Kindern sollte aber nicht mehr funktionieren. Sie konnten die Jahre der Trennung nicht mehr aufholen. Dagmar gründete ihre eigene Familie, bekam zwei Töchter und starb 2001 in Kent. Peters Wunden der Kindheit ließen sich nie mehr schließen. Äußerlich betrachtet war er erfolgreich &#8211; er wurde Arzt, heiratete zweimal, bekam zwei Kinder. Aber die Schatten seiner Vergangenheit ließen ihn nicht los &#8211; 1972 setzte er seinem Leben ein Ende. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Ilse Baronowitz &#8211; Die Auslöschung einer Familie</h2>



<p>Ilse wurde am 8. November 1910 als jüngste Tochter des Ehepaars Baronowitz in Repzin geboren. Sie war 20 Jahre alt, als die Familie Repzin verlassen musste. </p>


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<figure class="aligncenter size-medium"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-17-um-10.49.20.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="124" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-17-um-10.49.20-300x124.png" alt="" class="wp-image-1740" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-17-um-10.49.20-300x124.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Bildschirmfoto-2023-10-17-um-10.49.20.png 480w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Berliner Tageblatt und Handelszeitung 10.11.1910</figcaption></figure>
</div>


<p>Ilse Baronowitz hatte das Pädagogik-Gen ihres Vaters geerbt. Sie zog wie er nach Berlin und arbeitete als Praktikantin und Erzieherin im Jüdischen Waisenhaus in Pankow. Dort war auch der Musiklehrer Hermann Levy aus Köln tätig, &#8222;der vielleicht intelligenteste und beste aller unserer Lehrer und Erzieher&#8220;, wie sich der frühere Schüler Jochay Goren erinnert.<sup class="modern-footnotes-footnote ">81</sup> Ilse Baronowitz und Hermann Levy haben nachhaltige Spuren im Gedächtnis der ihnen Anvertrauten hinterlassen. Für Ernst-Herbert Farr-Freytag gehören sie zu dem, was ihm aus seiner Zeit als Jugendlicher im Waisenhaus bis heute am stärksten in Erinnerung geblieben ist.<sup class="modern-footnotes-footnote ">82</sup></p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5129.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="429" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5129.jpg" alt="Hermann Levy" class="wp-image-1739" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5129.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/IMG_5129-300x201.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Hermann Levy beim Musikunterricht im jüdischen Waisenhaus in Pankow, <br>aus Albrecht, Brent, Hammel (Hrsg.): &#8222;Verstörte Kindheiten&#8220;  S. 130<br>mit freundlicher Genehmigung der Cajewitz Stiftung</figcaption></figure>
</div>


<p>Ilse und der zehn Jahre ältere Hermann verliebten sich und heirateten am 24. August 1933 in Berlin.<sup class="modern-footnotes-footnote ">83</sup> Gewohnt wurde im Gebäude des Waisenhauses in der Berliner Straße 120. 1933 kam die Tochter Susanne Elisabeth,<sup class="modern-footnotes-footnote ">84</sup> 1937 die kleine Eva Hadassa<sup class="modern-footnotes-footnote ">85</sup>auf die Welt. Dagmar Baronowitz erinnerte sich an ihre beiden Cousinen und auch daran, dass Ilse und Hermann Levy fest daran glaubten, dass es eine Zukunft für sie in Deutschland geben würde.<sup class="modern-footnotes-footnote ">86</sup> Sie schickten ihre Töchter daher nicht mit einem der Kindertransporte nach England. Ihre Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Am 26. Oktober 1942 wurde die gesamte Familie nach Riga deportiert. Am 29. Oktober 1942 ermordeten die Nationalsozialisten Ilse, Hermann, die achtjährige Susanne und die fünfjährige Eva in Riga.<sup class="modern-footnotes-footnote ">87</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Was bleibt?</h2>



<p>Heute liegt Repzin in Polen und heißt Rzepczyno. Wieder ist im Schloss eine <a href="http://mow-rzepczyno.pl">Jugendeinrichtung</a> untergebracht, heute eine katholische. Das Schloss ist renoviert und strahlt Behaglichkeit aus.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Repzin-heute.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1018" height="635" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Repzin-heute.jpeg" alt="" class="wp-image-1744" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Repzin-heute.jpeg 1018w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Repzin-heute-300x187.jpeg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Repzin-heute-768x479.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 1018px) 100vw, 1018px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das katholische Erziehungsheim Jana Pawła II in Rzepczyno</figcaption></figure>



<p>Jüdische Erziehungsheime existieren in Deutschland nicht mehr. </p>



<p>Für Heinz Baronowitz wurde am 22. August 2005 in Neumünster ein Stolperstein verlegt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">88</sup> Die traurige Geschichte seiner Kinder Dagmar und Peter wurde im Buch &#8222;The Kindertransport&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">89</sup> dokumentiert. Die Kinder und Enkel von Peter und Dagmar Baronowitz leben heute in Großbritannien und Australien. Vom Leben ihrer Vorfahren in Repzin wussten sie nichts. Es freut mich sehr, dass ich helfen kann, diese Lücke zu schließen.</p>



<p>Ganz herzlichen Dank an Simon Baronowitz für die wunderbaren Bilder seiner Familie und die vielen Hinweise. Die ergreifende Geschichte seiner Familie wird mir immer in Erinnerung bleiben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Literatur</h2>



<p><strong>Repzin</strong></p>



<p>Claudia Prestel, Jugend in Not, Fürsorgeerziehung in deutsch-jüdischer Gesellschaft (1901-1933), Wien, Köln, Weimar 2003</p>



<p>Heimann Stern, Warum hassen sie uns eigentlich? Jüdisches Leben zwischen den Kriegen, Düsseldorf 1970</p>



<p>Julius Stern, Zur Geschichte der jüdischen Fürsorgeerziehung in Deutschland, in: Menorah, Heft 11-12, November 1932, S. 484 ff.</p>



<p><strong>Familie Baronowitz</strong></p>



<p>The British Library Sound Archive, <a href="https://sounds.bl.uk/sounds/diane-garner-interviewed-by-alan-dein-1000831122140x000009">Diane Garner née Dagmar Baronowitz interviewed by Alan Dein</a></p>



<p>Testifying to the truth, <a href="https://www.testifyingtothetruth.co.uk/viewer/rest/pdf/mets/104816.xml/104816.pdf?watermarkText=Example+Library">Erlebnisbericht der Käthe Baronowitz</a></p>



<p>Pestalozzischule Neumünster, <a href="http://www.geschichtsunterricht-online.de/nms/raum6b.htm">Juden in Neumünster &#8211; Schicksale und Verbleib</a></p>



<p>Albrecht, Brent, Hammel (Hrsg.), Verstörte Kindheiten, Das jüdische Waisenhaus in Pankow als Ort der Zuflucht, Geborgenheit und Vertreibung, Berlin 2008</p>



<p>Jennifer Craig-Norton, The Kindertransport: Contesting Memory, Indiana University Press 2019</p>



<p>Bettina Goldberg, Abseits der Metropolen, Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein, Neumünster 2011</p>



<p>Heinrich-Wilhelm Wörmann, Widerstand in Charlottenburg, Hrsg. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Bd. 5, 2. Auflage 1998</p>


<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;angelehnt an Zitat aus &#8222;Jugend in Not&#8220;,  S. 29 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 805</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 25, unter Verweis auf Mitteilungen vom DIGB, Nr. 55, Mai 1901, S.7</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erinnerungen von Klaus Klitzke</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erinnerungen von Klaus Klitzke</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href="https://www.digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN559838239_AF_36/111/LOG_0016/">Baltische Studien (Jg. 36, Heft 1/4, 1886), S. 98</a></div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Udo von Bonin: &#8222;Geschichte des Hinterpommerschen Geschlechtes von Bonin bis zum Jahre 1863&#8220;, S. 288  </div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 23</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Grundbuch von Repzin, Band III, Blatt No 82</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2928961?query=fürsorgeanstalt">Julius Stern: Zur Geschichte der jüdischen Fürsorgeerziehung in Deutschland, in Menorah, Heft 11-12 (November 1932), S. 489</a></div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bernhard Jensen: &#8222;Die Emanzipation vollenden: Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund&#8220;, S. 172</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S.137 unter Verweis auf Joachim Fenner, Durch Arbeit zur Arbeit erzogen, S. 84 f.</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Warum hassen sie uns eigentlich?&#8220;, S. 69 f.</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 103 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 822</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Warum hassen sie uns eigentlich?&#8220;, S. 70 </div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 113 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 806 und 789</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S.25</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 24</div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 13</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Warum hassen sie uns eigentlich?&#8220;, S. 70 </div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 114 unter Verweis auf Mitteilungen vom DIGB, Nr. 63, Dezember 1904, S. 17 f.</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 121 f. unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 799 </div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 118</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220; S. 117 f. </div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 123</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 124</div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 16</div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 25</div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Geburtsregister Standesamt Beuthen/OS 1876/392, Nachweis einziger Sohn s. Israelitisches Familienblatt 01.11.1928</div><div>29&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Michael Holzman: &#8222;Geschichte der Jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt in Berlin:&nbsp;Eine Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt am 8. November 1909&#8220;, Band 2, S. 17</div><div>30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 28 unter Verweis auf Mitteilungen vom DIGB, Nr. 59, Dezember 1902, S. 17</div><div>31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Heiratsregister Standesamt Berlin 9, 1903/149</div><div>32&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 28</div><div>33&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Warum hassen sie uns eigentlich?&#8220;, S. 72</div><div>34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 28 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 806</div><div>35&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Gemeindebote 06.08.1915, S. 2</div><div>36&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt Nr. 46, 14.11.1918, S. 3</div><div>37&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jüdische Schulzeitung 15.02.1929, S. 5</div><div>38&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt, Blätter für Erziehung und Unterricht 30.11.1905, S. 9</div><div>39&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Israelitisches Familienblatt, Blätter für Erziehung und Unterricht 12.01.1922, S. 9</div><div>40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 29 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 805</div><div>41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bekanntgabe der Einsender der richtigen Lösungen der Schachaufgaben in der Central-Verein-Zeitung 18.10.1934, 10.10.1935, 22.05., 04.06. und 10.09.1936, 02.09. und 23.09.1937</div><div>42&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 114</div><div>43&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 118 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 805</div><div>44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 144</div><div>45&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 98</div><div>46&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 97 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 768</div><div>47&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S.142</div><div>48&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;BGH, Urteil vom 23.10.1957, 2 StR 458/56</div><div>49&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 397</div><div>50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jüdisch-liberale Zeitung 15.03.1929, S. 6, 29.03.1929, S. 5</div><div>51&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Leserbrief von Reich, Baruch, Heimbach in Jüdische Bibliothek 30.01.1929, S. 1512</div><div>52&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jüdische Bibliothek, Nr. 211, Beilage zu Nr. 44 (31.10.1929)</div><div>53&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Grundbuch von Repzin, Band III, Blatt No 82</div><div>54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 118 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 789</div><div>55&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sterberegister Schivelbein 1930/105</div><div>56&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 262 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 749 </div><div>57&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arolsen Archives, Karteikarte zur Deportation von Ida Heinrich mit Vermerk zu Schwester Hulda und Schwager Adolf Baronowitz</div><div>58&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Kulturamt Weissensee: Juden in Weissensee, Berlin 1994, S. 244 </div><div>59&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.stolpersteine-berlin.de/de/tauentzienstr/13/fritz-hahn">Biografie von Fritz Hahn</a></div><div>60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Deportationsliste 17. Osttransport nach Auschwitz, 11.07.1942</div><div>61&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sterberegister Sonderstandesamt Arolsen 1953/1881</div><div>62&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Meldeeintrag im Swinemünder Bade-Anzeiger Nr. 48, 24.08.1932</div><div>63&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Uta Schäfer-Richter: Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen, 1933-1945: ein Gedenkbuch, S. 33 </div><div>64&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_G%C3%B6ttingen">Stolpersteine für die Familie Nussbaum in der Weender Landstraße 33 in Göttingen</a></div><div>65&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="http://www.geschichtsunterricht-online.de/nms/raum6b.htm">Bericht von Simon Baronowitz</a></div><div>66&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Antrag auf Einbürgerung Portland, Maine Nr. 8697 v. 23. Juni 1943[2] Sozialversicherung Nr. 123-09-8234</div><div>67&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;US-Kriegsveteranenministerium, BIRLS-Todesregister (System zur Suche von Bezugsberechtigten nach dem Versterben von Veteranen), 1850-2010</div><div>68&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Jugend in Not&#8220;, S. 147 unter Verweis auf Bundesarchiv Potsdam, 75 C Ge 1 DIGB 804</div><div>69&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Heinrich-Wilhelm Wörmann: &#8222;Widerstand in Charlottenburg&#8220;, 2. Auflage, S. 67</div><div>70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arolsen Archives, Schreiben Rechtsanwalt Rosenblatt, New York vom 12.01.1960</div><div>71&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arolsen Archives, Schreiben des Internationalen Suchdienstes Arolsen an das Entschädigungsamt Berlin vom 14.04.1970</div><div>72&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Testifying to the truth, <a href="https://www.testifyingtothetruth.co.uk/viewer/rest/pdf/mets/104816.xml/104816.pdf?watermarkText=Example+Library">Erlebnisbericht der Käthe Baronowitz</a></div><div>73&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Abseits der Metropolen&#8220;, S.329</div><div>74&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Abseits der Metropolen&#8220;, S. 673</div><div>75&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Abseits der Metropolen&#8220;, S. 673</div><div>76&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Abseits der Metropolen&#8220;, S. 329 f.</div><div>77&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Abseits der Metropolen&#8220;, S. 460</div><div>78&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Abseits der Metropolen&#8220;, S. 471</div><div>79&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Abseits der Metropolen&#8220;, S. 503</div><div>80&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Arolsen Archives, Mitteilung des Lagerarztes vom 06.03.1942 </div><div>81&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Verstörte Kindheit, Das jüdische Waisenhaus in Pankow als Ort der Zuflucht, Geborgenheit und Vertreibung&#8220;, S.41/42</div><div>82&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Verstörte Kindheit, Das jüdische Waisenhaus in Pankow als Ort der Zuflucht, Geborgenheit und Vertreibung&#8220;, S. 37</div><div>83&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Heiratsregister Standesamt Pankow 423/1933</div><div>84&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Geburtsregister Standesamt Berlin-Charlottenburg I 360/1933</div><div>85&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Geburtsregister Standesamt Berlin 13a (Wedding) 690/1937 </div><div>86&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;The British Library Sound Archive, <a href="https://sounds.bl.uk/sounds/diane-garner-interviewed-by-alan-dein-1000831122140x000009">Diane Garner née Dagmar Baronowitz interviewed by Alan Dein</a></div><div>87&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gedenkbuch Bundesarchiv, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 &#8211; 1945</div><div>88&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.neumuenster.de/fileadmin/neumuenster.de/media/kultur_und_freizeit/stadtgeschichte/stolpersteine/Stolpersteine.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stadt Neumünster, Broschüre Stolpersteine</a></div><div>89&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jennifer Craig-Norton, The Kindertransport: Contesting Memory, 2019</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/das-israelitische-erziehungsheim-in-repzin-und-die-familie-baronowitz/">Das israelitische Erziehungsheim in Repzin und die Familie Baronowitz</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Der Schivelbeiner Rabbi aus Stuttgart</title>
		<link>https://ahnenblog.globonauten.de/der-schivelbeiner-rabbi-aus-stuttgart/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Nov 2023 14:52:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Schivelbein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte des Rabbiners Karl Richter aus Stuttgart und sein Weg über Breslau, Schivelbein und Mannheim in die USA</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-schivelbeiner-rabbi-aus-stuttgart/">Der Schivelbeiner Rabbi aus Stuttgart</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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<h2 class="wp-block-heading">Eine Tragödie und ein Entschluss</h2>



<p>März 1927. Schulschluss in der Römerschule im Stuttgarter Süden. Nach dem Läuten der Schulglocke schwillt der Lärmpegel an, laute Stimmen, Rufen, Lachen, das Scharren von Stühlen auf dem Holzboden, das Trappeln von Füßen in den Fluren. Dann öffnet sich die Eingangstür und die Erstklässler strömen nach draußen, die ledernen Tornister auf dem Rücken. Verabredungen für den Nachmittag werden gemacht. Aber erst heim, die Mutter wartet mit dem Mittagessen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/adbgjdbiahcggnng.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/adbgjdbiahcggnng.jpg" alt="Römerschule Stuttgart" class="wp-image-1781" style="height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/adbgjdbiahcggnng.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/adbgjdbiahcggnng-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die Römerschule in Stuttgart (eigenes Bild)</figcaption></figure>
</div>


<p>Edith Richter ist gerade sieben Jahre alt geworden, vor zwei Wochen. Sie springt die Treppen des Schulgebäudes hinunter, umringt von anderen Kindern, die sich gemeinsam auf den Heimweg machen. Eine knappe Viertelstunde Fußweg bis zur Wohnung ihrer Eltern in der Schlosserstraße 5a. Sie kennt den Weg und sie weiß, dass sie aufpassen muss. Nicht einfach über die Straße laufen, ein Blick nach links, nach rechts und noch mal nach links, wie es ihr die Eltern beigebracht haben. Alle Kinder wissen das, denn alle laufen allein zur Schule und zurück. Schnell erreicht Edith die Heusteigstraße, noch ein kleines Stück bis zur Weißenburgstraße und dann ist es nicht mehr weit bis zum unteren Ende der Schlosserstraße, in der sie wohnt. Sie freut sich auf das Mittagessen, ihre Schwester Ruth wird da sein und vielleicht schafft es auch ihr großer Bruder Karl, der das Gymnasium nicht weit von hier besucht. Immer mehr Autos gibt es in Stuttgart, sie knattern und stinken und die Fahrer sehen kleine Mädchen nicht immer. Aber hier auf dem Trottoir kann ihr nichts passieren. Und wenn mal ein Auto aus einer der Durchfahrten der großen Häuser vom Hinterhof auf die Straße fahren will, dann hört sie das Brummen und riecht den Schwall der Abgase früh genug.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Weissenburgstrasse.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Weissenburgstrasse.jpeg" alt="Weißenburgstraße in Stuttgart" class="wp-image-1774" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Weissenburgstrasse.jpeg 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/10/Weissenburgstrasse-225x300.jpeg 225w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">An der Weißenburgstraße in Stuttgart (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>Der Elektrokarren einer Brauerei<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup>, der den Hof in der Weißenburgstraße verlässt, trifft sie mit voller Wucht. Vielleicht ist es der Fahrer selbst, der aus dem Auto herausstürzt, den leblosen Körper des Kindes unter dem Wagen hervorzieht, verzweifelt ruft, man brauche einen Arzt, einen Krankenwagen. Beteuert, dass er sie nicht sehen konnte, wie sie da auf dem Bürgersteig lief und er aus der Einfahrt zurücksetzte. Edith Richter wird ins Marienhospital gebracht. Ihre Eltern Samuel und Josefine eilen verzweifelt herbei, die verstörten Geschwister Ruth und Karl hinter sich herziehend. Aber für Edith kommt die Hilfe zu spät &#8211; sie stirbt an ihren schweren inneren Verletzungen. </p>


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<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-18-03-1927.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="317" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-18-03-1927-1024x317.png" alt="" class="wp-image-1394" style="height:200px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-18-03-1927-1024x317.png 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-18-03-1927-300x93.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-18-03-1927-768x238.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-18-03-1927.png 1188w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Stuttgarter Neues Tagblatt 18.03.1927, das angegebene Alter ist falsch</figcaption></figure>
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<p>Edith Richter wird auf dem jüdischen Teil des Stuttgarter Pragfriedhofs beerdigt.&nbsp;</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Grabstein1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Grabstein1.jpg" alt="Grab von Edith Richter auf dem Pragfriedhof in Stuttgart" class="wp-image-1395" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Grabstein1.jpg 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Grabstein1-225x300.jpg 225w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">&#8222;Hier ruht unser geliebtes Kind Edith Richter <br>geb. 2. März 1920 gest. 16. März 1927&#8243; (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>Die Eltern wollen es nicht glauben, können sich nicht damit abfinden, dass ihre kleine Tochter, das Kind, das nach der Not des Ersten Weltkriegs für den Aufbruch in eine neue, bessere Zeit stand, nicht mehr lebt. Wollen wenigstens wissen, warum Edith sterben musste. Sogar ein Detektiv wird eingeschaltet. Aber ob Samuel und Josefine Richter je Gewissheit erhalten haben, wer Schuld am Tod ihrer Tochter trug, ist nicht dokumentiert.</p>


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<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-23.04.1927.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="265" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-23.04.1927-1024x265.png" alt="" class="wp-image-1393" style="height:200px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-23.04.1927-1024x265.png 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-23.04.1927-300x78.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-23.04.1927-768x199.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-23.04.1927-1200x312.png 1200w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Neues-Tagblatt-23.04.1927.png 1204w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Stuttgarter Neues Tagblatt 23.04.1927, das Jahr des Unfalls ist falsch angegeben.</figcaption></figure>
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<p>Ediths Bruder Karl ist 16 Jahre alt als seine kleine Schwester stirbt. Er fühlt nicht nur Trauer über den Verlust, seine Fragen gehen tiefer. Warum hat Gott das kleine Mädchen zu sich genommen? Hat ihr Tod irgendeinen Sinn? Und was ist eigentlich der Sinn des Lebens? Arzt wollte er werden, aber die Medizin hat Edith nicht helfen können. So reift in ihm der Entschluss: er will Antworten auf seine Fragen finden. Karl Richter beschließt, Rabbiner zu werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Beginn des 20. Jahrhunderts: Von Oberschlesien nach Württemberg</h2>



<p>Als Samuel Richter Ende des 19. Jahrhunderts im oberschlesischen Bielitz-Biala im Ortsteil Komorowice geboren wurde, gehörte die Stadt an der Grenze zum heutigen Polen noch zu Österreich. Die Textilindustrie hatte den Wohlstand gebracht, Jugendstilvillen, elegante Einkaufsstraßen, große Tuchfabriken, fast wie in der Großstadt. &#8222;Klein-Wien&#8220; nannte man Bielitz damals. Zwanzig Prozent der Bevölkerung waren Juden, die prächtige Synagoge an der Kaiser Franz Josef-Straße zeugte von einer aufstrebenden Gemeinde. Obwohl die Stadt von polnischsprachigen Gebieten umgeben war, sprachen die meisten Menschen und vor allem die jüdische Bevölkerung in der Bielitz-Bialer Sprachinsel<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup> deutsch. Samuels Vater Jacob betrieb eine kleine Werkstatt für Regenschirme, zusammen mit seiner Frau Hannah hatte er acht Töchter und Söhne. Sein Wohlstand war bescheiden, aber seine Kinder, die sollten es einmal besser haben.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Bielsko-Biala_1910_Synagoga_i_ul._3_Maja-1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="711" height="461" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Bielsko-Biala_1910_Synagoga_i_ul._3_Maja-1.jpg" alt="" class="wp-image-1403" style="height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Bielsko-Biala_1910_Synagoga_i_ul._3_Maja-1.jpg 711w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Bielsko-Biala_1910_Synagoga_i_ul._3_Maja-1-300x195.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 711px) 100vw, 711px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die Synagoge von Bielitz, gemeinfrei<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup></figcaption></figure>
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<p>Josefine Pick, die viele Jahre später Samuels Frau werden sollte, wurde 1882 etwa 100 Kilometer südlich von Bielitz-Biala in Turocz geboren. In einer Region wechselnder Staatszugehörigkeiten war Turocz damals Teil des Königreichs Ungarn. Nach 1918 kam es zur Tschechoslowakei, heute liegt der Ort in der Slowakei. Die Sprache der Familie war aber deutsch. Josefines Vater Karl war Aufseher einer Sägemühle. Als sie vier Jahre alt war, änderte sich ihr Leben schlagartig: Karl Pick wurde von einem durchgehenden Pferd überrannt und starb mit gerade einmal 33 Jahren. Seine Frau Jeanette, Josefines Mutter, musste sich und die sechs kleinen Kinder jetzt alleine durchbringen. Sie wurde Hebamme und entschied sich, einen Neuanfang im wohlhabenden Oberschlesien zu versuchen, in Bielitz-Biala. Glück im Unglück für die Halbwaise Josefine: In ihrer neuen Nachbarschaft lebte der vier Jahre ältere Samuel und der hatte es ihr schon früh angetan. Sie wuchsen zusammen auf, sie mochten sich und sie verbrachten ihre Freizeit zusammen: Josefines Auftritt beim Stiftungsfest des Bialaer jüdischen Turnvereins als &#8222;graziöse Pferdeturnerin&#8220; und Samuels anschließende Gesangseinlage sind dokumentiert. </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="621" height="297" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image.png" alt="" class="wp-image-1404" style="height:300px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image.png 621w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-300x143.png 300w" sizes="auto, (max-width: 621px) 100vw, 621px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Jüdische Turnzeitung &#8211; Monatsschrift für die körperliche Hebung der Juden, V. Jahrg. No. 1 Januar 1904 <sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup></figcaption></figure>
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<p>Josefine und Samuel verlobten sich, als sie 18 und er 22 war. Es sollte aber noch zehn Jahre dauern, bis sie endlich heiraten konnten. Samuels Familie war nicht begütert, er musste die Schule nach der achten Klasse verlassen und eine Arbeit annehmen. Aber Samuel war wissbegierig, fleißig, gesellig und beliebt &#8211; beste Voraussetzungen für eine Karriere als Verkäufer. Das Musikhaus des Hoflieferanten Levi Jakob in der Stuttgarter Innenstadt lockte Samuel Richter 1905 ins Schwabenland.<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> Fünf Jahre brauchte er, um sich hier eine Existenz aufzubauen. Und jetzt konnte endlich geheiratet werden. Am 2. Januar 1910 traute Rabbiner Dr. Markus Steiner Samuel Richter und Josefine Pick in Bielitz.<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup> Am 5. Januar 1910 bezogen die beiden eine Wohnung im zweiten Stock der Schlosserstraße 5a im Stuttgarter Heusteigviertel. Zehn Monate später, am 31. Oktober 1910, kam ihr Sohn Karl auf die Welt.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Schlosserstr2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Schlosserstr2.jpg" alt="Schlosserstraße 5 in Stuttgart" class="wp-image-1446" style="height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Schlosserstr2.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Schlosserstr2-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Schlosserstraße 5 in Stuttgart (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Eine jüdische Familie in Stuttgart</h2>



<p>1910 lebten knapp 4300 Jüdinnen und Juden in Stuttgart.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> Die prächtige Synagoge im Hospitalviertel war am 3. Mai 1861 eingeweiht worden, auf dem Pragfriedhof gab es seit 1874 einen jüdischen Teil, das Bahnhof-Hotel betrieb ein koscheres Restaurant. Jüdische Warenhäuser wie das &#8222;Kaufhaus der Einheitspreise&#8220; Kadep an der Ecke Tübinger/Kleine Königstraße, &#8222;Hermann Tietz&#8220; in bester Lage in der Königstraße 27 und ab Ende der 1920er-Jahre das schönste Kaufhaus Deutschlands, der &#8222;Schocken&#8220; in der Eberhardstraße<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup>, waren bestens besucht. Das Traditionsunternehmen Stuttgarter Hofbräu hatte einen jüdischen Direktor. Jüdische Politikerinnen und Politiker wie Thekla Kauffmann oder Fritz Elsas saßen im württembergischen Landtag, der Jude Berthold Heymann war Innenminister. Juden gehörten zum Stadtbild einfach dazu, trotz immer wieder aufkeimender antisemitischer Anfeindungen. Die gab es und die hatte es immer schon gegeben. Aber noch griff der Staat mehr oder minder engagiert ein, wenn es zu Angriffen gegen Eigentum, Leib und Leben jüdischer Bürgerinnen und Bürger kam. Noch galten die Gesetze für alle.</p>



<p>Das Leben der Richters ging den Gang einer ganz normalen Familie am Anfang des 20. Jahrhunderts. Samuel Richter war im Beruf erfolgreich, Josefine Richter sorgte für ein behagliches Zuhause, der kleine Karl tobte mit den Nachbarskindern durch die Hinterhöfe des Viertels. Mit den Nachbarn aus dem dritten Stock, dem Ehepaar Nikolaus und Bertha Heinl, er Katholik, sie Jüdin, verband die Familie bald eine herzliche Freundschaft. Diese sollte sich Jahre später als lebensrettend erweisen. Am Wochenende bot die Stadt mit den weinrebengefüllten Hängen beste Möglichkeiten für ausgiebige Spaziergänge. Von der Schlosserstraße aus war man damals wie heute in zwanzig Minuten auf einem der Hausberge Stuttgarts, dem Bopser, angelangt und konnte auf der Waldau stundenlang durch den Wald streifen.&nbsp;</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4536.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4536.jpg" alt="Bopser mit Fernsehturm in Stuttgart" class="wp-image-1438" style="height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4536.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4536-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Blick auf den Bopser mit Fernsehturm in Stuttgart (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>Die Richters waren gläubige Juden, aber nicht orthodox. Samstags besuchten sie die Synagoge, die Kinder lernten Hebräisch. Jüdische Rabbis gaben genauso wie evangelische Pfarrer und katholische Priester den Religionsunterricht an den Schulen der Stadt. Noch war die Religion der Richters eine vom Staat akzeptierte.</p>



<p>Mitte 1914 kündigte sich erneut Nachwuchs in der Schlosserstraße 5a an: eine kleine Tochter war unterwegs. Die Freude über den Familienzuwachs währte nur kurz: am 1. August 1914 begann um sechs Uhr früh die General-Mobilmachung. Das Deutsche Reich hatte Russland den Krieg erklärt. Am 3. August 1914 rückten die Cannstatter Dragoner und das II. Bataillon der Olga-Grenadiere als erste Stuttgarter Truppen aus.<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup> Die jüdische Bevölkerung in Deutschland sah für sich die Chance gekommen, zu beweisen, dass sie unverzichtbarer Teil der deutschen Gesellschaft geworden war. Viele Juden meldeten sich freiwillig und zogen für das Deutsche Reich in den Krieg.</p>



<p>Für Samuel Richter bedeutete der Kriegsbeginn vor allem Abschied &#8211; von seiner Karriere als Kaufmann im Musikgewerbe, von seiner Frau, seinem Sohn Karl und seiner ungeborenen Tochter. Vier Jahre lang kämpfte er an der Front in Russland und Italien. 1935 erhielt er für seinen Einsatz das Ehrenkreuz für Frontkämpfer &#8211; &#8222;im Namen des Führers und Reichskanzlers&#8220;. </p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-1.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="448" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-1.png" alt="" class="wp-image-1406" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-1.png 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-1-300x210.png 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 35312</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<p class="has-small-font-size"><em>Weniger Ehre als Hoffnung auf Überleben: Das &#8222;Ehrenkreuz für Frontkämpfer&#8220;, von Paul von Hindenburg drei Wochen vor seinem Tod im August 1934 gestiftet, wurde nur auf Antrag des Betroffenen verliehen. Viele Juden erhofften sich, als ehemalige Frontkämpfer der staatlichen Entrechtung entgehen zu können. Mit dem Ehrenkreuz wollten sie dies beweisen. Das sogenannte Frontkämpfer-privileg schützte sie aber nur für kurze Zeit.</em><sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup></p>



<p></p>
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<p>Wie überall in Deutschland mussten während des Krieges auch in Stuttgart die Frauen das Leben aufrechterhalten. Trotz der schwierigen Versorgungslage waren sie es, die ihre Kinder mit ausreichender Nahrung versorgten und die kämpfenden Männer im Berufsleben vertraten. Die Richters lebten fernab ihrer österreichischen Familie. Josefine, hochschwanger, wollte in diesen schweren Zeiten nicht alleine sein. Ihre ältere, noch ledige Schwester Luise beschloss, Josefine unter die Arme zu greifen und zog von Bielitz-Biala nach Stuttgart, in die Wohnung in der Schlosserstraße. Als am 2. März 1915 die kleine Ruth auf die Welt kam, war Josefine zwar ohne Mann, aber nicht allein. Die Schwestern Pick sorgten für das Überleben der Familie. Josefine fuhr zu den Bauern der Umgebung, um Obst oder ein Stückchen Butter zu ergattern, Luise verdiente als Änderungsschneiderin das notwendige Geld. Aber die Zeiten waren bitter. Ab März 1915 gab es Brot nur noch auf Brotkarten. Auch andere Lebensmittel wurden drastisch rationiert. Der Steckrübenwinter 1916/17 führte dann zu einer Hungersnot. Und am 15. September 1918 rückte der Krieg besonders nah an die Familie Richter heran &#8211; durch einen englischen Fliegerangriff wurden nur ein kleines Stück von der Schlosserstraße entfernt in der Heusteigstraße elf Menschen getötet.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup> Und dazu die bange Frage, ob Samuel heil aus dem mörderischen Krieg zurückkehren würde.</p>



<p>Im November 1918 hatte die Angst ein Ende: der Krieg war vorbei und Samuel kam wieder nach Hause. Sein Sohn Karl war jetzt acht und die kleine Ruth, die ihren Vater wahrscheinlich zum ersten Mal sah, drei Jahre alt. Seine Arbeitsstelle hatte Samuel verloren und es sollte wie bei vielen Kriegsheimkehrern einige Jahre dauern, bis sich die Familie wirtschaftlich fangen würde. Aber sie waren wieder vereint, das war jetzt erst mal die Hauptsache.</p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Samuel-Richter1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="366" height="524" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Samuel-Richter1.jpg" alt="" class="wp-image-1812" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Samuel-Richter1.jpg 366w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Samuel-Richter1-210x300.jpg 210w" sizes="auto, (max-width: 366px) 100vw, 366px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Samuel Richter 1939 <br>(Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 35312)</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Zwanziger Jahre: Aufbruch in eine bessere Zeit?</h2>



<p>Geht man heute durch die Innenstadt Stuttgarts, geprägt von einer fehlgeleiteten Verkehrspolitik, endlosen Baustellen und austauschbarer Architektur, die ihre wenigen innovativen Gebäude verschämt hinter unschönen Hotel- und Shoppingcenter-Bauten zu verstecken scheint, mag man nicht glauben, wie modern die Stadt in den 20er Jahren war. Für die Werkbundausstellung 1927 schuf die Crème de la Crème des Neuen Bauens mit der Weissenhofsiedlung eine Ahnung des Wohnens von Übermorgen. Erich Mendelsohn setzte mit dem Neubau des Kaufhaus Schocken Maßstäbe, Josephine Baker tanzte im Friedrichsbau-Theater.<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> Zwar kein Vergleich mit der brodelnden Hauptstadt Berlin, aber zumindest ein Tänzle auf dem Vulkan.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-2.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-2.png" alt="" class="wp-image-1407" style="height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-2.png 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-2-300x225.png 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Installation in der Sonderausstellung &#8222;Stuttgart Twenties&#8220; im StadtPalais &#8211; Museum für Stuttgart <br>(eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>Wie ein Zeichen des Aufbruchs für die Richters in ein neues glückliches Familienleben kam im März 1920 die kleine Edith auf die Welt. Ein Kind, das in Frieden und Wohlstand aufwachsen sollte. Gleichzeitig blickte die Weimarer Republik nach Stuttgart. Am 13. März 1920, elf Tage nach Ediths Geburt, meuterte das Militär in Berlin im Kapp-Putsch gegen die Regierung. Reichspräsident Ebert flüchtete nach Stuttgart. Am 16. März tagte die Reichsregierung im Alten Schloss, am 18. März trat die Nationalversammlung im Kunstgebäude am Schlossplatz zusammen. Für vier Tage war Stuttgart quasi Hauptstadt des Deutschen Reichs.<sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup></p>



<p>Bevor danach alles besser werden konnte, wurde das Leben zunächst vor allem teuer. Streiks, Arbeitslosigkeit und die Preise stiegen uferlos. Am 8. Januar 1923 kostete ein Kilo Weißbrot 530 Mark, neun Monate später musste man dafür mehr als eine Million Mark hinlegen. Die Stuttgarter Stadtverwaltung druckte Geld am laufenden Band. Am 20. Oktober 1923 wurde eine 100 Milliarden Mark Note herausgegeben. Dafür konnte man sich im November 1923 gerade noch zwei Liter Milch kaufen. <br>Im Jahr 1923 wurde Karl Richter 13 Jahre alt. Ein wichtiges Ereignis stand an: im Oktober feierte er seine Bar Mitzwa. Trotz der wirtschaftlichen Not bereitete ihm Mutter Josefine ein schönes Fest im kleinen Kreise. Sie buk mehrere Kuchen. Nachbarn und Freunde schenkten Bücher und Geld &#8211; das am nächsten Tag kaum noch etwas wert war. Am 15. November 1923 hatte der Spuk ein Ende &#8211; die Ausgabe der Rentenmark stoppte die Inflation.<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup> </p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/495673.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="512" height="276" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/495673.jpg" alt="" class="wp-image-1467" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/495673.jpg 512w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/495673-300x162.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Landesmuseum Württemberg. MK 2012-89: Geldschein der Stadt Stuttgart 5 Milliarden Mark 1923, zuletzt bearbeitet 2023-05-19 <sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup></figcaption></figure>
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<p>Das Leben in Stuttgart war in diesen Zeiten für alle nicht einfach. Für den jüdischen Teil der Bevölkerung kam jedoch  hinzu, dass in der Stadt seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein dichtes Netzwerk von völkischen Gruppen und Personen existierte, die mit Unterstützung der deutschnationalen &#8222;Süddeutschen Zeitung&#8220; gegen Juden hetzten. Dies führte dazu, dass in den frühen 20er Jahren in Stuttgart ein bedrohlicher antisemitischer Normalzustand erreicht worden war.<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> Schon 1920 besuchte Hitler Stuttgart regelmäßig und hielt Vorträge. Die Stuttgarter Ortsgruppe der NSDAP hatte im Mai 1923 bereits 800 Mitglieder. Im August 1924 sprach Hitler vor über 3000 Zuhörern in der Liederhalle, trotz Redeverbots im übrigen Reich. Im April 1926 waren es Tausende, die auf dem Gauparteitag im Stuttgarter Wulle- und Dinkelackersaal Hitler und Goebbels zujubelten. Prügeleien zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, antisemititische Störaktionen, all das gehört jetzt zum Alltag in Stuttgart.<sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup></p>



<p>Die Familie Richter trotzte den stürmischen Zeiten. Für Vater Samuel ging es beruflich wieder bergauf. Als die Schuhfabrik Peter Kaiser aus Pirmasens einen Vertreter für Süddeutschland und die Schweiz suchte, ergriff er die Chance. 1927 wurde er mit wachsendem Erfolg Handelsvertreter für hochwertige Schuhe. Im gleichen Jahr wurde die Familie eingebürgert. Jetzt waren sie keine Österreicher oder Polen mehr, sie waren echte Württemberger. </p>



<p>Und Samuel Richter hatte wieder Zeit für seine Leidenschaft: Fußball. Vielleicht war er sogar Mitglied der Stuttgarter Kickers, einem Fußballverein mit starken jüdischen Wurzeln.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Sicherlich war aber ab 1933 Hakoah Stuttgart sein Team, hier wurde er am 15. Dezember 1934 in den Vorstand gewählt und leitete fortan den Spielausschuss.<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup> 1937 erhielt er für sein Engagement die Silberne Makkabi-Ehrennadel.<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> Das Engagement von Samuel Richter für Hakoah Stuttgart sollte sich später als lebensrettend erweisen.</p>



<p>Was Samuel und Josefine in Bielitz-Biala verwehrt blieb, eine gute Schulausbildung, das wollten sie zumindest ihrem Sohn ermöglichen. Karl besuchte das humanistische Karls-Gymnasium, lernte Latein, Griechisch, Englisch und Französisch. Am Nachmittag bekam er Geigenunterricht. In Karls Freundeskreis spielte Religion keine große Rolle, seine engsten Freunde waren nichtjüdische Mitschüler. Mit Hans Weitbrecht, später Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Bonn, verband ihn eine lebenslange Freundschaft.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-3.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-3.png" alt="Karls-Gymnasium in Stuttgart" class="wp-image-1442" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-3.png 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-3-225x300.png 225w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Karls-Gymnasium Stuttgart (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>1927 kam aber auch die große Zäsur für die Familie. Der Tod der kleinen Edith stellte alles in Frage, was bisher so selbstverständlich schien. Karl Richter hatte in Paul Rieger, seinem Religionslehrer am Karls-Gymnasium, seinem Rabbi, ein spirituelles Vorbild gefunden. Paul Rieger, der Stadtrabbiner von Stuttgart, liberal und deutsch-national. &#8222;Typus des deutsch-bewussten Juden&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup>, ein Lehrer, &#8222;an dessen Lippen seine Schüler hingen&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> Paul Rieger hatte am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau studiert. Der charismatische Geistliche inspirierte Karl Richter für dessen weiteren Lebensweg: auch er wollte Rabbi werden und auch er wollte in Breslau studieren.</p>



<p>Nach bestandenem Abitur verließ Karl Richter 1928 seine Heimatstadt Stuttgart, die Geborgenheit der Familie und der elterlichen Wohnung. Er machte sich auf nach Breslau. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Studium in Breslau</h2>



<p>In der Hauptstadt von Niederschlesien lebten Ende der Zwanziger Jahre fast 600.000 Einwohner, darunter über 20.000 Juden. Die meisten stammten aus Polen, waren traditionell und religiös-orthodox, und schotteten sich in ihrem Schtetl ab. Die deutschen Juden in Breslau hingegen gehörten zum liberalen Bürgertum, waren integriert und patriotisch.<sup class="modern-footnotes-footnote ">24</sup> Karl Richter schrieb sich an der philosophischen Fakultät der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität ein und absolvierte parallel die Rabbinerausbildung am jüdisch-theologischen Seminar, einer der wichtigsten jüdischen Bildungseinrichtungen in Europa. </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Breslauseminar.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="390" height="375" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Breslauseminar.png" alt="" class="wp-image-1472" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Breslauseminar.png 390w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Breslauseminar-300x288.png 300w" sizes="auto, (max-width: 390px) 100vw, 390px" /></a><figcaption class="wp-element-caption"><br><a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33310370" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau</a><br>Autor unbekannt, gemeinfrei</figcaption></figure>
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<p>Karl war intelligent und fleißig, er kam im fernen Breslau gut voran. 1933 hätte er sein Universitätsstudium abschließen können, seine Dissertation war bereits fertig. Die Nationalsozialisten verhinderten jedoch seinen Abschluss und auch die Dissertation wurde nicht veröffentlicht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">25</sup> Karl Richter stürzte sich trotzdem oder gerade deswegen mit Leidenschaft in die Arbeit am Rabbinerseminar, war von 1932 bis 1933 Präsident der Studentischen Vertretung<sup class="modern-footnotes-footnote ">26</sup>  und fand sogar seine große Liebe. Lina Ruth May, die Tochter des Kurators des Seminars, hatte es ihm angetan. Einladungen ins Haus ihrer Eltern Richard und Clara May nahm er gerne an &#8211; als Student war er dankbar für eine gute Mahlzeit und bei der anschließenden Hausmusik, bei der Vater Richard Klavier spielte und er selber Geige, verzauberte ihn Lina Ruths schöne Stimme. Diese Frau sollte es sein, auch wenn sie eigentlich noch ein Mädchen war. Nachdem Karl Richter seine Rabbinerausbildung mit dem Gesamtprädikat &#8222;mit Lob&#8220; abgeschlossen hatte<sup class="modern-footnotes-footnote ">27</sup>, hielt er um ihre Hand an. </p>



<p>Doch bevor geheiratet werden konnte, musste dafür gesorgt werden, dass Lina Ruth lernte, was sie als Frau eines Rabbiners so brauchen würde. Koscher kochen, zum Beispiel. Am 1. Februar 1935 machte sie ein zweimonatiges Praktikum in der Küche der Israelitischen Altersversorgungsanstalt zu Breslau. </p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-5 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-09-um-19.35.15.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="837" height="1024" data-id="1441" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-09-um-19.35.15-837x1024.png" alt="" class="wp-image-1441" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-09-um-19.35.15-837x1024.png 837w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-09-um-19.35.15-245x300.png 245w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-09-um-19.35.15-768x940.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-09-um-19.35.15.png 1020w" sizes="auto, (max-width: 837px) 100vw, 837px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Akten der Israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft zu Breslau 105/855 auf <a href="https://cbj.jhi.pl" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Central Jewish Library </a> </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-4.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="787" height="1024" data-id="1443" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-4-787x1024.png" alt="" class="wp-image-1443" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-4-787x1024.png 787w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-4-231x300.png 231w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-4-768x1000.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-4.png 922w" sizes="auto, (max-width: 787px) 100vw, 787px" /></a></figure>
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<p>Karls allererste Anstellung als Rabbiner führte ihn ins schlesische Hirschberg. Eine kleine Gemeinde, vielleicht ein guter Einstieg. Und jetzt konnte endlich geheiratet werden. Ruth war gerade erst 17 Jahre alt als sie dem jungen Rabbi am 31. März 1935 das Ja-Wort gab. Die Ehe würde 67 Jahre lang glücklich sein.</p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-12-um-20.12.46.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="562" height="168" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-12-um-20.12.46.png" alt="" class="wp-image-1449" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-12-um-20.12.46.png 562w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Bildschirmfoto-2023-06-12-um-20.12.46-300x90.png 300w" sizes="auto, (max-width: 562px) 100vw, 562px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 1. Oktober 1934</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Die 30er Jahre: die Katastrophe naht</h2>



<p>Nach Stuttgart hatte Karl Richter nach wie vor eine enge Bindung, zu seiner Familie und zur dortigen jüdischen Gemeinde. Immer wieder hielt er Vorträge im Gemeindehaus in der Hospitalstraße.&nbsp;In Stuttgart existierte seit Anfang 1926 ein jüdisches Lehrhaus, eine Art Volkshochschule für jüdische Themen, das Hebräisch-Unterricht, theologische Kurse und Vorträge anbot. Schon als Student in Breslau beteiligte sich Karl Richter aktiv am Bildungsangebot. Aber auch als Rabbiner kam er regelmäßig nach Stuttgart, um Vorträge zu halten. </p>


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<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4579.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="594" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4579.jpg" alt="" class="wp-image-1480" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4579.jpg 594w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/IMG_4579-278x300.jpg 278w" sizes="auto, (max-width: 594px) 100vw, 594px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">aus unterschiedlichen Ausgaben des Jüdischen Gemeindeblatts für die Israelitischen Gemeinden Württemberg</figcaption></figure>
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<p>1931 hatte es bei den Richters in Stuttgart wieder familiären Zuwachs gegeben. Josefines kleiner Bruder Arpad Pick war nach Stuttgart gezogen. Arpad war Pediceur und damit beauftragt, eine Niederlassung der &#8222;Deutschen Schollwerke GmbH&#8220; in der Königstraße 62 aufzubauen. Gesunde Füße und kranke Füße &#8211; die Richters waren ab sofort für alles zuständig.</p>



<p>Die Machtergreifung der Nazis am 13. Januar 1933 änderte alles. Für Stuttgart und für die Familie Richter. Zunächst ein kurzes Aufbäumen: als Hitler in der Stadthalle am 21. Februar 1933 eine Rede hielt, kappten vier Kommunisten beim &#8222;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stuttgarter_Kabelattentat">Stuttgarter Kabelattentat</a>&#8220; das Übertragungskabel. Die wohl einzige spektakuläre Widerstandsaktion in Stuttgart. Jetzt ging es Schlag auf Schlag. Am 1. April 1933 postierten sich SA- und SS-Männer vor jüdischen Geschäften, Arzt- und Rechtsanwaltspraxen und riefen zum Boykott auf. Am 9. Mai 1933 wurde der langjährige Oberbürgermeister Karl Lautenschlager aus dem Amt gedrängt und durch einen Nationalsozialisten ersetzt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">28</sup> Die Gleichschaltung schritt voran und die Lage für die Juden und mit ihnen die Richters wurde immer schlimmer.</p>



<p>In Breslau wurde Karl Richter der Abschluss an der Universität verweigert. Seine Dissertation über&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Natorp">Paul Natorp</a>&nbsp;wurde nicht veröffentlicht</p>



<p>Am 9. April 1933 unterzeichneten auf Einladung der Stuttgarter Kickers 14 süddeutsche Spitzen-Fußballvereine die &#8222;Stuttgarter Erklärung&#8220;. Hierin bekundeten sie ihre Absicht, alle Juden aus ihren Vereinen auszuschließen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">29</sup> Selbst wenn Samuel Richter kein Mitglied der Kickers war, ab jetzt spielten die jüdischen Fußballvereine nur noch unter sich.</p>



<p>Beruflich traf es bei den Richters Arpad Pick als ersten: „aus rassischen Gründen“ wurde er entlassen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">30</sup> 1934 zogen die Richters und Arpad aus der Wohnung in der Schlosserstraße in eine Wohnung in der Kronenstraße 39 in der Nähe des Bahnhofs. Immer noch eine gute Adresse, eine 5-Zimmer-Wohnung, bestehend aus Wohn-, Arbeits- Schlaf-, Mädchen- und Fremdenzimmer, bis zuletzt auch mit Telefonanschluss.<sup class="modern-footnotes-footnote ">31</sup> Arpad schlug sich jetzt als &#8222;Reisevertreter&#8220; durch. Samuel wurde Mitte 1937 auf Anordnung des Kreisleiters der NSDAP in Pirmasens entlassen. Anfang 1938 wurde ihm auch die Reiselegitimationskarte entzogen. Damit konnte er nicht mehr als Handelsvertreter arbeiten. Die Familie war wirtschaftlich am Ende. </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/IMG_4331.jpg" alt="" class="wp-image-1846" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/IMG_4331.jpg 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/IMG_4331-225x300.jpg 225w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kronenstraße 39 in Stuttgart, das Haus, in dem die Richters lebten, hat den Krieg nicht überstanden (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Schivelbein- Der motorisierte Rabbi </h2>



<p>Für Karl Richter war seine erste Anstellung in Hirschberg nur eine kurze Zwischenstation. Er hatte eine neue Stelle in Pommern angenommen. Schivelbein in Hinterpommern. Viel größer hätte der Kontrast zur schlesischen Metropole Breslau nicht sein können. Eine Kleinstadt am anderen Ende des Deutschen Reichs, knapp 10.000 Einwohner, inmitten eines klassischen Agrarlands, geprägt durch große Adelsgüter, auf denen die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Der Ort lebte von Landwirtschaft und Handel, Industrie gab es kaum. Die pommerschen Gutsherrn wählten traditionell konservativ und legten auch ihren Mitarbeitern nahe, dies zu tun. 56 % der Bevölkerung hatten bei den Wahlen 1933 für die NSDAP gestimmt<sup class="modern-footnotes-footnote ">32</sup>, 10% mehr als im übrigen Reich. Und der radikale Antisemitismus fand bereitwillige Anhänger. </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Swidwin_synagoga_03.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="331" height="390" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Swidwin_synagoga_03.jpg" alt="" class="wp-image-1782" style="width:auto;height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Swidwin_synagoga_03.jpg 331w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Swidwin_synagoga_03-255x300.jpg 255w" sizes="auto, (max-width: 331px) 100vw, 331px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die Synagoge in Schivelbein (Public Domain wegen Alters)</figcaption></figure>
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<p>Seit 1893 war die jüdische Gemeinde von Schivelbein ohne eigenen Rabbiner ausgekommen. Kantoren und Lehrer hatten das Gemeindeleben gestaltet. Nur an hohen Feiertagen kam der Rabbiner aus einer der benachbarten Gemeinden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">33</sup> Das hatte auch finanzielle Gründe. Die Mittel, die die Gemeindemitglieder für ihr geistliches Personal aufbringen konnten, sanken stetig. Schon vor 1933 war die jüdische Gemeinde geschrumpft. Das nahe Berlin bot so viel mehr Möglichkeiten für das berufliche und kulturelle Leben. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der verbliebenen Juden dramatisch. Nach dem Boykottaufruf vom 1. April 1933 und dem &#8222;Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums&#8220; vom 7. April 1933 wurde es für viele Juden immer schwieriger, ihren ursprünglichen Berufen nachzugehen. Zudem verloren die jüdischen Gemeinden ihren Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts und damit jegliche staatliche Zuschüsse. Der Verband der Synagogengemeinden in Pommern musste darauf reagieren und beschloss deshalb im November 1934, in Schivelbein ein Bezirksrabbinat einzurichten. Von hier aus sollten von nun an Stadt und umgebendes Land, geschätzte 1000 Seelen, betreut werden.&nbsp;Und man entschied, dass sich der junge Rabbi Karl Richter dieser Herausforderung stellen sollte. Am 10. Februar 1935 wurde er feierlich in sein Amt eingeführt.</p>



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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-3.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="456" height="222" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-3.png" alt="" class="wp-image-1409" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-3.png 456w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-3-300x146.png 300w" sizes="auto, (max-width: 456px) 100vw, 456px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens 01.02.1935</figcaption></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-4.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="470" height="178" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-4.png" alt="" class="wp-image-1410" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-4.png 470w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/image-4-300x114.png 300w" sizes="auto, (max-width: 470px) 100vw, 470px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 16.02.1935</figcaption></figure>
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<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Einfuehrung-Schivelbein.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="404" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Einfuehrung-Schivelbein-1024x404.jpg" alt="" class="wp-image-1412" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Einfuehrung-Schivelbein-1024x404.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Einfuehrung-Schivelbein-300x118.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Einfuehrung-Schivelbein-768x303.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/05/Einfuehrung-Schivelbein.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Gemeindeblatt für die jüdischen Gemeinden Preussens 01.03.1935</figcaption></figure>



<p>Den Vorsitz der jüdischen Gemeinde von Schivelbein hatte vor kurzem der angesehene Arzt Dr. Meyersohn<sup class="modern-footnotes-footnote ">34</sup> übernommen. Die Gemeinde bereitet Karl und Lina Ruth Richter einen herzlichen Empfang. Auch einige nichtjüdische Bürgerinnen und Bürger Schivelbeins waren dem neuen Rabbi wohlgesonnen. Das änderte sich nur ein halbes Jahr später. Die Nürnberger Gesetze wurden verabschiedet, und sie schienen den Schivelbeinern einen neuen moralischen Kompass an die Hand gegeben zu haben. Ab sofort verging kaum eine Nacht, in der Karl und Lina Ruth Richter nicht durch Klopfen an die Fensterscheiben, Schläge gegen die Tür und &#8222;Juden raus!&#8220;-Rufe aus dem Schlaf gerissen wurden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">35</sup></p>



<p>Karl Richter stürzte sich trotzdem in die Arbeit. Zwölf Dörfer im Umkreis musste er abdecken und der Bedarf an seelsorgerischem Beistand wurde immer größer. Die offene Feindschaft, die jahrzehntelange Nachbarn den Juden entgegenbrachten, schockierte die Gemeindemitglieder und rückte den Glauben noch mehr in den Mittelpunkt ihres Lebens. Karl und Lina Ruth Richter fuhren über Land, der jüdische Rat hatte ihnen ein kleines Auto zur Verfügung gestellt &#8211; noch eine Seltenheit in Schivelbein &#8211; und so wurde aus Karl Richter einer der ersten motorisierten Rabbis in Deutschland. Sie besuchten die verschiedenen Gemeinden, Karl gab den wenigen Kindern Religionsunterricht, veranstaltete Gottesdienste und Vorlesungen. Die Gemeinden bestanden meist aus älteren Menschen, weil immer mehr Jüngere Deutschland verließen. Im benachbarten Bad Polzin war er öfter bei Dr. Leo Levy, dem Inhaber einer großen Holzhandlung eingeladen. Leo Levy wurde am frühen Morgen des 10. November 1938 in seinem Haus von einem SS-Mann erschossen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">36</sup> Roman Frister hat der Familie Levy aus Bad Polzin in seinem Buch &#8222;Ascher Levys Sehnsucht nach Deutschland&#8220; 1999 ein Denkmal gesetzt. Vielleicht hatte Karl Richter noch die Gelegenheit, es zu lesen.</p>



<p>Die Situation in Schivelbein spitzte sich für Juden immer mehr zu. Als die Richters eines Tages nach Hause kamen, war ein Plakat über die Straße gezogen auf dem stand &#8222;Am nächsten Sonntag wird der Rabbiner im Stadion gehängt&#8220;. Auch die nächtlichen Attacken wurden schlimmer. Das Paar entschloss sich im Oktober 1935, aus dem Gemeindehaus in eine Wohnung am Marktplatz umzuziehen, die einem Gemeindemitglied gehörte. Im 2. Stock hofften sie auf mehr Sicherheit. Doch dann wurde durch ihr Fenster geschossen. Im Herbst 1935 wude Karl Richter in die Gestapozentrale in Köslin vorgeladen. Er habe in der Synagoge eine Rede gegen die Regierung gehalten. Er wurde befragt und für mehrere Stunden in eine Zelle eingeschlossen. Mit der Drohung, beim nächsten Vorfall würde er ins Konzentrationslager kommen, wurde er schließlich entlassen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">37</sup></p>



<p>Als sich der Stettiner Rabbi Dr. Max Elk entschloss, nach Palästina auszuwandern, kam eine jüdische Delegation aus der pommerschen Hauptstadt nach Schivelbein gereist, um dem gerade einmal 25 Jahre alten Karl Richter die Nachfolge anzutragen. Eine große Ehre und Anerkennung für den jungen Rabbi. So währte Karl Richters Aufenthalt in Schivelbein nur elf Monate. Sein Nachfolger Siegfried Scheuermann wurde zum Liquidator der Gemeinde &#8211; seine Hauptaufgabe bestand nur noch darin, den Menschen zur Flucht zu verhelfen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">38</sup></p>



<h2 class="wp-block-heading">Stettin und Mannheim &#8211; der Anfang vom Ende</h2>



<p> Am 1. Februar 1936 trat Karl Richter seinen Dienst in der Synagoge in Stettin an. Sein stolzer Vater Samuel hatte die beschwerliche Reise aus dem 800 km entfernten Stuttgart auf sich genommen, um diesen wichtigen Tag im Leben seines Sohnes mit ihm zu teilen. Doch die Hoffnung der Richters, dass der wachsende Judenhass das tägliche Leben in der Großstadt nicht dominieren würde, erfüllte sich nicht. Auch in Stettin wurde nichts besser. Schnell wurde der Familie Richter klar, dass es keine gute Zukunft für Juden in Deutschland mehr geben konnte. Auch in Stettin war die Gemeinde in Auflösung begriffen. Pommern sollte judenfrei werden, als erster Gau des Reiches, das hatte sich Gauleiter Franz Schwede fest vorgenommen. &#8222;Es war eine traurige Zeit. Einige verzweifelte ältere Leute nahmen sich das Leben.&#8220;, erinnerte sich Karl Richter später an seine Zeit in Stettin. Trotzdem glaubten seine Frau Lina Ruth und er an ihre ganz persönliche Zukunft &#8211; am 3. Mai 1936 kam Tochter Esther Edith in Stettin zur Welt. Edith wie die kleine Schwester, die Karl Richter vor zehn Jahren verloren hatte. </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/New_Synagogue_in_Szczecin_01.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="403" height="600" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/New_Synagogue_in_Szczecin_01.jpg" alt="" class="wp-image-1420" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/New_Synagogue_in_Szczecin_01.jpg 403w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/New_Synagogue_in_Szczecin_01-202x300.jpg 202w" sizes="auto, (max-width: 403px) 100vw, 403px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Die Stettiner Synagoge, Autor unbekannt, gemeinfrei<sup class="modern-footnotes-footnote ">39</sup></figcaption></figure>
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<p>Als Karl Richter das Angebot erhielt, Rabbiner in Mannheim zu werden, stimmte er sofort zu &#8211; Mannheim liegt nur etwas über 100 km von Stuttgart entfernt, was immer passieren mochte, er wäre näher bei den Eltern und seiner Schwester. Am 1. Februar 1938 begann er seinen Dienst als Stadtrabbiner in der Hauptstadt der Kurpfalz. Keine anderthalb Jahre würde er hier verbringen und es würden seine letzten 15 Monate in Deutschland sein.  </p>



<p>Die Deportation der Mannheimer Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit Ende Oktober 1938 markierte den Beginn der Lebensgefahr, in der sich bald alle Juden in Deutschland befanden. Am 10. November 1938 um sechs Uhr morgens ließ die Mannheimer SA eine Sprengladung an der Synagoge zünden, die das prächtige Gotteshaus zur Ruine werden ließ.<sup class="modern-footnotes-footnote ">40</sup> Fassungslos stieg Rabbi Richter durch die Trümmer, die verbrannten Bücher, die zerstörte Einrichtung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">41</sup> Jetzt war klar &#8211; er musste gehen. Er musste alles tun, um seine Familie in Sicherheit zu bringen. Zunächst war es aber seine Frau Lina Ruth, die sein Überleben sicherte. Sie wusste, dass die Gestapo nach ihm suchen würde. Die Rabbiner mit ihrem Einfluss auf die Gemeinden standen auf der Einschüchterungsliste der Nazis ganz oben. Lina Ruth Richter beschwor ihren Mann, nicht in die Wohnung zurückzukehren, sondern ein Versteck zu suchen. Das fand Karl Richter &#8211; er verbrachte die Nacht im jüdischen Krankenhaus Mannheims genau dort, wo keiner nach ihm suchen würde &#8211; auf der Isolierstation für Patienten mit Scharlach. </p>



<p>Auch in Stuttgart wurde die Synagoge im Hospitalviertel, das Zentrum jüdischen Lebens in der Stadt, in Schutt und Asche gelegt.  </p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/IMG_5239-e1699560075904.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="470" height="554" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/IMG_5239-e1699560075904.jpg" alt="" class="wp-image-1809" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/IMG_5239-e1699560075904.jpg 470w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/IMG_5239-e1699560075904-255x300.jpg 255w" sizes="auto, (max-width: 470px) 100vw, 470px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Bild der alten Stuttgarter Synagoge in der Neuen Synagoge in Stuttgart <br>(eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>Samuel Richter war außer sich, er sorgte sich um den Sohn, die Schwiegertochter und die kleine Enkelin in Mannheim. Er musste etwas tun. Samuel machte sich auf nach Mannheim. Die Wohnung seines Sohnes fand er verlassen vor. Jemand gab ihm den Tipp, im jüdischen Krankenhaus nachzusehen. Als der erleichterte Samuel seinen Sohn dort gefunden hatte, bestand er darauf: Karl, Lina Ruth und Esther müssten mit ihm nach Stuttgart kommen, dort schien es noch nicht losgegangen zu sein mit den Verhaftungen. Jemand brachte sie mit dem Auto ins nahe Heidelberg, von dort nahmen sie den Zug nach Stuttgart. Doch schon bei ihrer Ankunft am Bahnhof merkten sie, dass sie der Verfolgung auch hier nicht entgehen würden. Auf keinen Fall konnte Karl jetzt mit in die Wohnung der Richters kommen, dort würde man ihn sicherlich finden. Ihr Freund und früherer Nachbar aus der Schlosserstraße Nikolaus Heinl war die Rettung &#8211; er versteckte Karl mehrere Nächte auf dem Dachboden seiner Wohnung in der Johannesstraße 70, bis die Familie wieder nach Mannheim zurückkehren konnte.</p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-6.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-6.png" alt="Johannesstraße in Stuttgart" class="wp-image-1474" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-6.png 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-6-225x300.png 225w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Das Haus in der Johannesstraße 70, auf dessen Dachboden sich Karl Richter nach der Pogromnacht versteckte (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<p>Samuel Richter konnte seinen Sohn schützen, fiel den Häschern aber selber zum Opfer. Er wurde grundlos verhaftet und in &#8222;Schutzhaft&#8220; genommen. Einen Monat musste er im Konzentrationslager Welzheim verbringen, wurde bei der Einlieferung vom Gefängniskommandanten ausgeplündert und verlor in den kräftezehrenden folgenden vier Wochen 18 Pfund an Gewicht. Vermutlich bewahrte ihn nur seine Vergangenheit als Frontkämpfer vor einer langen Inhaftierung. Jahre später wird ihn die Bundesrepublik Deutschland nach langem bürokratischem Kampf mit vier D-Mark pro Tag für die ungerechtfertigte Haft entschädigen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">42</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-7.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="389" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-7.png" alt="" class="wp-image-1476" style="height:500px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-7.png 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-7-300x182.png 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Riegel einer Zellentür aus dem Polizeigefängnis Welzheim, Museum &#8222;Hotel Silber&#8220; Stuttgart (eigenes Bild)</figcaption></figure>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Flucht</h2>



<p>Samuel Richter hatte bei seiner Entlassung aus dem KZ Welzheim unterschreiben müssen, dass er Deutschland innerhalb von vier Monaten verlassen würde. Der Einschüchterung durch die Nazischergen hätte es aber gar nicht bedurft. In diesem Land, ihrer Heimat, wollten die Richters in Stuttgart auf keinen Fall mehr bleiben. In Mannheim machte sich Karl Richter die Entscheidung nicht leicht. Er hatte Skrupel, er wollte seine Gemeinde nicht im Stich lassen. Erst ein Briefwechsel mit der moralischen Instanz des liberalen Judentums in Deutschland, Rabbi Leo Baeck, überzeugte ihn: er musste sich und seine Familie retten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">43</sup></p>



<p>Deutschland zu verlassen war zu dieser Zeit ein vergleichsweise geringes Problem, wenn man bereit war, sich wirtschaftlich zu ruinieren. Eine viel größere Herausforderung war es, ein Land zu finden, das jüdische Flüchtlinge aufnahm. Die Vorgänge in Deutschland geschahen nicht im Verborgenen, die brennenden Synagogen, die Verfolgungen, die Entrechtungen &#8211; all dies fand vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt. Trotzdem schlossen sich die Türen für jüdische Flüchtlinge rund um den Globus. Die internationale Konferenz von Évian, bei der Vertreter von 32 Staaten auf Einladung der USA über Perspektiven für die verfolgten Juden diskutierten, endete am 15. Juli 1938 mit einer moralischen Bankrotterklärung der Weltgemeinschaft &#8211; unschön, die Situation da in Deutschland, aber wir können euch nicht aufnehmen. </p>



<p>Doch die Familie Richter war findig. Samuel Richters Fußballleidenschaft entpuppte sich als Rettung für Tochter Ruth. Ernst Freudenheim<sup class="modern-footnotes-footnote ">44</sup>, Vorsitzender des Fußballvereins Hakoah Stuttgart, emigrierte Ende 1937 in die USA<sup class="modern-footnotes-footnote ">45</sup> und bot ihr eine Stelle als Haushälterin an. Die notwendige Basis, um ein Arbeitsvisum für die USA zu ergattern. Am 15. Dezember 1938 erreichte Ruth Richter New York und war in Sicherheit. </p>



<p>Am 20.03.1939 erhielt Samuel Richter in Stuttgart die Nachricht vom englischen Konsulat in Berlin, dass er und seine Frau nach Palästina einreisen dürften &#8211; wenn sie es schafften, am 4. April 1939 das Schiff in Triest zu erreichen. Zwei Wochen, um ein ganzes Leben in Stuttgart aufzulösen. Drei Kisten Hausrat gestand man ihnen zu. Für ein Drittel des eigentlichen Werts verkaufte Samuel die gesamte Wohnungseinrichtung, um die Kosten der Reise nach Palästina bestreiten zu können. Wären noch Wertgegenstände vorhanden gewesen, die Nazis hätten auch diese geraubt. Erlaubt war die Mitnahme &#8222;einer Uhr (kein Gold), zweier Bestecke (4teilig) pro Person, des Eheringes&#8220;. Und 10 Reichsmark pro Person.</p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-6 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0005.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="616" height="481" data-id="1426" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0005.jpeg" alt="" class="wp-image-1426" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0005.jpeg 616w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0005-300x234.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 616px) 100vw, 616px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">(Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, </figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0006.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="617" height="480" data-id="1425" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0006.jpeg" alt="" class="wp-image-1425" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0006.jpeg 617w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/StAL-EL-350-I_BA-35312_0006-300x233.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 617px) 100vw, 617px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 35312)</figcaption></figure>
</figure>



<p>Samuel und Josefine Richter überquerten die jugoslawische Grenze bei Rosenbach in Österreich am 4. April 1939 und erreichten das Schiff in Triest am 5. April 1939. Am 10. April 1939 bekamen sie die Aufenthaltsgenehmigung für Palästina und ließen sich in Tel Aviv nieder. </p>



<p>Karl und Lina Ruth Richter flohen mit der kleinen Tochter Esther in die USA. Über Kontakte eines Rabbinerkollegen aus Heidelberg hatte Karl eine Rabbinerstelle in Fredericksburg, Missouri angeboten bekommen. Der Visumsprozess zog sich quälend langsam hin. Doch da kam unerwartete Hilfe von einem Senator aus Missouri, der das amerikanische Konsulat in Stuttgart bat, das Visum schnell zu erteilen. Dieser Senator namens Harry S. Truman wurde 1945 zum 33. Präsidenten der USA gewählt und Karl Richter bewahrte sein lebensrettendes Empfehlungsschreiben zeitlebens wie einen Schatz auf. Am 20. April 1939 sollte es dann endlich soweit sein &#8211; Karl und Lina Ruth Richter machten sich auf den Weg von Mannheim nach Stuttgart, um ihre Visa im amerikanischen Konsulat in der Königstraße 19 A in Empfang zu nehmen. Doch sie standen vor verschlossenen Türen &#8211; an &#8222;Führers Geburtstag&#8220; machten sogar die Amerikaner Pause. Eine lange Nacht mussten sie in Stuttgart warten und konnten dann endlich das rettende Visum in Empfang nehmen. Auch sie durften aus Mannheim kaum etwas mitnehmen. Beim Packen der Umzugskisten kam ein Zollbeamter in die Wohnung nach Mannheim um darüber zu wachen, dass keine Wertgegenstände in die Kisten gelangten. Vielleicht möchte er einen Schnaps trinken, während sie packen, fragten ihn die Richters. Mochte er, aus einem wurden mehrere und der strenge Blick des Aufsehers verschwamm. So gelang es der Familie, neben dem ein oder anderen verbotenen Kerzenleuchter eine kleine Besanimbüchse, einen rituellen Gewürzbehälter, die Karl Richter in Breslau gekauft hatte, in die Kisten zu schmuggeln. Seine Tochter Esther hält diese kleine silberne Box bis heute in Ehren.<sup class="modern-footnotes-footnote ">46</sup> Am 11. Mai 1939 erreichte die Familie New York. Auf der Überfahrt hatte Esther ihren dritten Geburtstag gefeiert.</p>



<p>Josefines Bruder Arpad, der viele Jahre mit den Richters in einer Wohnung in Stuttgart lebte, hatte weniger Glück. Er hatte weder ein Visum für die USA noch für Palästina ergattern können. Durch die Grenzverschiebungen nach dem 1. Weltkrieg gehörte sein Geburtsort Grenitz jetzt zur Tschechoslowakei und Arpad war dadurch tschechischer Staatsangehöriger. Deswegen floh er zunächst nach Prag. Am 15.03.1939 war die Wehrmacht in die tschechische Hauptstadt einmarschiert, aber noch war es für Juden sicherer als in Deutschland. Doch Ende 1939 wurde die Situation auch hier lebensgefährlich. Arpad hatte Glück im Unglück &#8211; eine zionistische Organisation hatte im Oktober 1939 kurzfristig ein größeres Schiff als ursprünglich geplant zur Verfügung, das Juden über das Schwarze Meer nach Palästina bringen sollte. Abreise: sofort. Am 28.10.1939 ging es zunächst nach Bratislava, dann mit dem Raddampfer über die Donau weiter ins rumänische Sulina an der Schwarzmeerküste. Hier hatte der türkische Eigner des Frachtdampfers Sakarya gerade gemerkt, dass er jüdische Flüchtlinge illegal nach Haifa bringen sollte und wollte jetzt den Preis neu verhandeln. Arpad bestieg die S.S. Sakarya am 25.12.1939, aber es sollte Wochen dauern bis die Reise starten konnte.<sup class="modern-footnotes-footnote ">47</sup> Weitere Schiffe kamen über die Donau an und am Ende waren es 2175 Menschen, die in der winterlichen Kälte ihre Hoffnung in den alten Kohlendampfer legten. Verzweifelt versuchten die Organisatoren, mehr Geld aufzutreiben, ihr Hilferuf drang bis nach Südafrika und endlich war genug zusammen, um den Reeder zufriedenzustellen. Am 1. Februar 1940 konnte die Sakarya endlich auslaufen. Am 10. Februar verließen sie das Schwarze Meer, das Mittelmeer war schon in Sicht, da hielt ein britischer Kreuzer das Schiff an. Ein Schock, und dann eine kurze Erleichterung: man würde sie nicht zurückschicken. Ein Kommando der Briten kam an Bord und dirigierte die restliche Fahrt. Am 13.02.1940, dreieinhalb Monate, nachdem er Prag verlassen hatte, warf Arpad den ersten Blick auf das Heilige Land.<sup class="modern-footnotes-footnote ">48</sup> Doch es dauerte sechs Monate, bis er ein freier Mensch war. Die Briten brachten die Passagiere zunächst in das Internierungslager Atlit, südlich von Haifa. Ein Camp aus Baracken und Zelten, das sich für viele Insassen anfühlte, als seien sie jetzt im Konzentrationslager angekommen. Und Arpad war krank. Als kerngesunder Mann hatte er Stuttgart verlassen, die Monate auf dem eisigen Schiff, die Ungewissheit und die Enttäuschung hatten sein Herz krank gemacht. Doch wenigstens waren in Palästina Menschen aus der Heimat, die ihn besuchten und ihm über die Zeit im Lager hinweghalfen. Erwin Alter aus der Augustenstraße im Stuttgarter Westen und Max Arm, Erwins Schwager, seine guten Freunde. Und seine Schwester Josefine. Bei ihr konnte er in der Wohnung in Tel Aviv unterkommen, als er im August 1940 endlich entlassen wurde, sie pflegte ihn gesund. Und er schaffte es, an sein Leben in Stuttgart anzuknüpfen &#8211; auch in Tel Aviv gab es eine Filiale von Dr. Scholl, bei der er als Pediceur und Verkäufer arbeiten konnte. Doch Arpad würde sich nie wieder ganz von den Strapazen der Flucht erholen. Am 28. Mai 1948 starb er mit 62 Jahren an einem Herzleiden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">49</sup></p>


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<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="480" height="539" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image.png" alt="" class="wp-image-1427" style="width:auto;height:550px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image.png 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/image-267x300.png 267w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Sterbeurkunde von Arpad Pick (Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 38445)</figcaption></figure>
</div>


<h2 class="wp-block-heading">Überleben</h2>



<p>Samuel und Josephine Richter blieben nur einige Jahre in Tel Aviv. Samuel fand keine bezahlte Arbeit und managte schließlich ein jüdisches Fußballteam. Das Ehepaar verdiente sich ein kleines Zubrot, indem sie Untermieter aufnahmen, die von Josefine bekocht wurden. Ihre Kinder in den USA unterstützen sie finanziell, soweit es ihnen möglich war. Doch der Krieg verfolgte sie bis nach Palästina. Am Nachmittag des 9. September 1940 wurde Tel Aviv von italienischen Kampfflugzeugen angegriffen. 137 Menschen starben, 80 wurden zum Teil schwer verletzt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">50</sup> Unter den schwer Verletzten befand sich auch Samuel Richter.<sup class="modern-footnotes-footnote ">51</sup> Am 1. April 1947 siedelten Samuel und Josefine Richter in die USA über und lebten bis zu ihrem Tod in Buffalo, New York. Samuel, mittlerweile im Rentenalter, war &#8222;als einfacher Arbeiter&#8220; in einer Fabrik beschäftigt &#8211; bis er 81 Jahre alt war.<sup class="modern-footnotes-footnote ">52</sup>   Nach langem bürokratischen Kampf bekam er eine kleine Rente aus Deutschland zur Kompensation des &#8222;Schadens im beruflichen Vorankommen&#8220;. Seine Frau Josefine starb am 6. August 1961 mit 78 Jahren. Samuel Richter starb 91-jährig am 15.11.1970 in Buffalo. </p>



<p>Karl und Ruth Richter schaffen es, in den USA Fuß zu fassen. Ihr Sohn David kam dort 1945 zur Welt, ihr &#8222;Peace Baby&#8220; nannten sie ihn. Karl Richter war lange Jahre als Rabbi in Missouri, South Dakota und Indiana tätig, bevor er seinen Ruhestand in Florida genießen konnte. Dutzende Familienmitglieder waren in der Shoah ermordet worden, von vielen kann bis heute nicht einmal der genaue Ort ihres Todes ermittelt werden. Albträume und die Schuldgefühle der Überlebenden begleiteten Karl Richter für den Rest seines Lebens. Trotzdem besuchte er seine Heimat noch ein paar mal, zuletzt zur Einweihung der neuen Synagoge in Mannheim im Jahr 1998, wo er zur Hoffnung und Versöhnung aufrief.<sup class="modern-footnotes-footnote ">53</sup> Das Bedürfnis, Zeugnis abzulegen über das, was ihm, seiner Familie und allen Jüdinnen und Juden in Deutschland widerfahren ist, hat ihn nie verlassen. Im hohen Alter von fast 87 Jahren stellte er sich 1997 einem Interview der Shoah Foundation, das in Teilen Basis der hier geschilderten Geschichte ist. Seine Frau Lina Ruth Richter starb vier Jahre später, kurz vor Weihnachten 2001. Den Verlust der Frau, mit der er mehr als 65 Jahre seines Lebens geteilt hatte, war für ihn kaum zu verwinden. Karl Richter starb am 25. September 2005 mit 94 Jahren in Tampa, Florida. </p>


<div class="wp-block-image is-resized">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Karl-Richter.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="550" height="710" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Karl-Richter.jpg" alt="" class="wp-image-1482" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Karl-Richter.jpg 550w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/06/Karl-Richter-232x300.jpg 232w" sizes="auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Dr. Karl Richter<br> mit freundlicher Genehmigung von Esther Blumenfeld Richter</figcaption></figure>
</div>


<h2 class="wp-block-heading">Nachwort</h2>



<p>Ich habe mich auf die Zeit von Dr. Karl Richter in Stuttgart und Schivelbein konzentriert. Seinem reichen Leben, insbesondere seiner theologischen Arbeit, werde ich damit sicherlich nicht gerecht. Insofern muss dieser Beitrag unvollständig bleiben. Warum gerade diese beiden Orte? Meine Familie väterlicherseits kommt aus Schivelbein, sie waren einfache evangelische Arbeiterinnen und Arbeiter. Und Stuttgart ist die Stadt, in der ich heute lebe. Dass sich die Spuren von Rabbi Karl Richter in meiner direkten Umgebung finden würden, hatte ich nicht erwartet.</p>



<p>Die Familie Richter lebte in unmittelbarer Nähe der Familie meines Mannes. Die Wohnung meiner Schwiegereltern, die ich hunderte Male besucht habe, ist eine Minute von der Schlosserstrasse 5a entfernt. Der Kindergarten meines Mannes befand sich direkt neben dem Haus der Richters. Ich bin überzeugt, dass meine &#8222;Schwiegergroßmutter&#8220; die Familie Richter kannte &#8211; Ruth Richter, die Schwester von Karl, war nur knapp zwei Jahre jünger und nur 100 Meter trennten die Häuser der beiden &#8222;Backfische&#8220;, wie man Teenagerinnen damals nannte. Um die Ecke meiner Wohnung im Stuttgarter Westen liegen die Stolpersteine der Eltern von Erwin Alter<sup class="modern-footnotes-footnote ">54</sup>, dem Freund von Arpad Pick, der ihn im Lager Atlit besuchte. Die Geschichte der Familie Richter in Stuttgart ist mir räumlich so nah wie sie es meinen Großeltern in Schivelbein gewesen sein muss. Sie lebten in der Mittelstraße, nur wenige Meter entfernt von der Wohnung von Rabbi Richter am Marktplatz.</p>



<p>Die Reise in die Stuttgarter Vergangenheit von Dr. Karl Richter hat meine Sicht auf die Stadt verändert. Gerade in Gegenden wie dem Heusteigviertel, wo das alte Stuttgart noch aufblitzt, wo Krieg und Verkehrsplanung wenig gewütet haben, wird mir deutlich, welchen Anteil  jüdische Familien, ihre Kultur und Geschäfte, am Stuttgarter Leben bis 1933 hatten. Karl Richter hat nie begreifen können, wie die deutsche Gesellschaft ihre jüdischen Mitbürger demütigen, verfolgen und ermorden konnte. Auch das verbindet mich mit ihm.</p>



<h2 class="wp-block-heading has-text-align-center"><strong>Stammbaum der Familie Richter</strong></h2>


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<figure class="aligncenter size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-08-um-18.43.26.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="458" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-08-um-18.43.26-1024x458.png" alt="" class="wp-image-1797" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-08-um-18.43.26-1024x458.png 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-08-um-18.43.26-300x134.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-08-um-18.43.26-768x344.png 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-08-um-18.43.26-1536x688.png 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2023/11/Bildschirmfoto-2023-11-08-um-18.43.26.png 1912w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">eigene Grafik <br>Josephine Pick hatte weitere Geschwister, nur die beiden in diesem Bericht erwähnten sind aufgeführt</figcaption></figure>
</div>


<p>&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verwendete Quellen</h2>



<h4 class="wp-block-heading">Internet</h4>



<p><a href="https://www.alemannia-judaica.de/index.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Alemannia Judaica</a>, Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum </p>



<p>Arolsen Archives: <a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/search" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Online Archiv</a></p>



<p><a href="https://cbj.jhi.pl" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Central Jewish Library</a> des Emanuel Ringelblum Jewish Historical Institute, Warschau</p>



<p><a href="https://www.hagalil.com" target="_blank" rel="noreferrer noopener">HaGalil, Jüdisches Leben online</a></p>



<p><a href="https://www.jri-poland.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jewish Records Indexing Poland</a></p>



<p><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Judaica</a> der Universitätsbibliothek der Goethe Universität Frankfurt am Main, hier &#8211; unter vielem anderen &#8211; die Gemeindezeitungen der jüdischen Gemeinden</p>



<p><a href="https://digital.wlb-stuttgart.de/index.php?id=6&amp;tx_dlf%5Bid%5D=115625&amp;tx_dlf%5Bpage%5D=1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Stuttgarter Neues Tagblatt</a> auf den Seiten der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart</p>



<p><a href="https://www.ushmm.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">United States Holocaust Museum</a></p>



<p><a href="https://vha.usc.edu/home" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Visual History Archive der USC Shoa Foundation</a>, hier nach Registrierung das Interview mit Dr. Karl Richter</p>



<p>Yad Vashem: <a href="https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer</a></p>



<p>Arizona Jewish Post: <a href="https://azjewishpost.com/2017/havdalah-spice-box-reminder-of-fathers-legacy-of-hope/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Havdalah spice box reminder of father&#8217;s legacy of hope</a></p>



<p>Tampa Bay Times: <a href="https://www.tampabay.com/archive/2005/09/28/karl-richter-tampa-rabbi-a-prophet-for-our-times/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Karl Richter, Tampa Rabbi, &#8222;a prophet for our times&#8220;</a></p>



<p>History Museum on the Square, Springfield, Missouri: <a href="https://historymuseumonthesquare.org/rabbi-karl-richter/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rabbi Karl Richter</a></p>



<h4 class="wp-block-heading">Bücher und Aufsätze</h4>



<p>Antifaschistische Initiative gegen das Vergessen: &#8222;Der Bedarf an Bestecken ist gedeckt, Dokumente zur Ausplünderung der Stuttgarter Juden&#8220;</p>



<p>Fliedner, Hans-Joachim: Die Judenverfolgung in Mannheim 1933 &#8211; 1945, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Mannheim, 1991</p>



<p>Frister, Roman: Ascher Levys Sehnsucht nach Deutschland, München 1999</p>



<p>Kolloquim der Sektionen Geschichtswissenschaft und Theologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald: Der faschistische Pogrom vom 9./10. November 1938 &#8211; Zur Geschichte der Juden in Pommern, Greifswald 1988</p>



<p>Kotzurek, Annegret, Reddies, Rainer: Stuttgart von Tag zu Tag 1900-1949, Stuttgart 2009</p>



<p>Mannheim Reunion Committee New York: <a href="https://www.jewishgen.org/yizkor/Mannheim/images/Mannheim%20Survivors%20Reflections%20June1990.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Reflections by Jewish survivors from Mannheim</a>,  Juni 1990</p>



<p>Peiser, Jacob: Die Geschichte der Synagogen-Gemeinde zu Stettin, 2. Auflage, Würzburg 1965</p>



<p>Rischin, Moses, Asher, Raphael: The Jewish Legacy and the German Conscience, Berkeley 1991</p>



<p>Röder, Werner, Strauss, Herbert A.: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945, München 1999</p>



<p>Rohwer, Jürgen: <a href="https://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/ksp/schwarzmeer/juden_flucht_schiffe.htm">Jüdische Flüchtlingsschiffe im Schwarzen Meer (1934-1944)</a></p>



<p>Roth, Wolfgang: <a href="https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20337/WRoth%20Jued%20Sport%20BAW.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Jüdischer Sport in Baden und Württemberg bis 1938</a></p>



<p>Schulze-Marmeling, Dietrich (Hrsg.): Davidstern und Lederball, Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2005</p>



<p>Strauss, Walter: Lebenszeichen, Juden aus Württemberg nach 1933, Gerlingen 1982</p>



<p>Ulmer, Martin: Antisemitismus in Stuttgart 1871-1933, Berlin 2011</p>



<p>Waller, Anja: Das Jüdische Lehrhaus in Stuttgart 1926-1938, Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, 2017</p>



<p>Wilhelmus, Wolfgang: Flucht oder Tod, Erinnerungen und Briefe pommerscher Juden, Rostock 2001</p>



<p>Wilhelmus, Wolfgang: Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim 1995</p>



<p>Wilhelmus, Wolfgang: Geschichte der Juden in Pommern, Rostock 2004</p>



<p>Zelzer, Maria: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden, Stuttgart 1964</p>



<h4 class="wp-block-heading">Akten des Landesarchivs Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg</h4>



<p>Akten zu Entschädigungszahlungen für Samuel Richter und Arpad Pick</p>



<p>Akten zur Todeserklärung von Johanna (Jeanette) Pick, geb. Loew, Max Pick, Luise Grünstein, geb. Pick, Leo Pick</p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Auskunft von Ari Richter, Enkel von Karl Richter</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bielitz-Bialaer_Sprachinsel" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Bielitz-Bialaer_Sprachinsel</a></div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;skan z &#8222;Bielsko-Biała w starej fotografii&#8220;, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bielsko-Biała_1910,_Synagoga_i_ul._3_Maja.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bielsko-Biała 1910, Synagoga i ul. 3 Maja</a>, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Template:PD-old" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wikimedia Commons</a></div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/4923775" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/4923775</a></div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht von Karl Richter in Lebenszeichen, Juden aus Württemberg nach 1933, S. 250</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Trauungsmatrik des israelitischen Bielitzer Matrikenbezirks 1921, Folio 161</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden, S. 500</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgarter-kaufhaus-schocken-eine-fuenfzig-jahre-alte-suende.71d11515-605d-41a8-ac21-110472b3e1e7.html">https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgarter-kaufhaus-schocken-eine-fuenfzig-jahre-alte-suende.71d11515-605d-41a8-ac21-110472b3e1e7.html</a></div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stuttgart von Tag zu Tag 1900-1949, S. 39 </div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.dw.com/de/eisernes-kreuz-und-dolchsto%C3%9Flegende/a-17758896" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.dw.com/de/eisernes-kreuz-und-dolchsto%C3%9Flegende/a-17758896</a></div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stuttgart von Tag zu Tag 1900-1949, S. 44</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://archiv0711.hypotheses.org/8667" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://archiv0711.hypotheses.org/8667</a></div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgart-und-der-kapp-putsch-vor-100-jahren-hauptstadt-fuer-vier-tage.515d32ac-0e9d-4a08-9a34-aa05e19570b6.html</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Chronik der Stadt Stuttgart 1918-1933, S. 367</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://bawue.museum-digital.de/object/91069" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://bawue.museum-digital.de/object/91069</a></div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das jüdische Lehrhaus in Stuttgart 1926-1938, S. 67</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Stuttgart von Tag zu Tag 1900-1949 S. 57 ff.</div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.die-juden-und-der-fussball-als-die-wurzeln-herausgerissen-wurden.f28afcbe-9af5-4274-89f6-fc64236b45f6.html">https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.die-juden-und-der-fussball-als-die-wurzeln-herausgerissen-wurden.f28afcbe-9af5-4274-89f6-fc64236b45f6.html</a></div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20337/WRoth%20Jued%20Sport%20BAW.pdf">Jüdischer Sport in Baden und Württemberg bis 1938, S. 9</a></div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Werner Skrentny in: Davidstern und Lederball, S. 188</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_J%C3%B6rg_Weitbrecht">https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Jörg_Weitbrecht</a></div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/download/webcache/2000/2287395">https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/download/webcache/2000/2287395</a></div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20275/RIEGER%20Stuttgart%20JuedNachrichtenblatt%20Berlin%2012071940.jpg">http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20275/RIEGER%20Stuttgart%20JuedNachrichtenblatt%20Berlin%2012071940.jpg</a></div><div>24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://www.deutschlandfunkkultur.de/juedisches-leben-in-breslau-wroclaw-das-juedische-erbe-der-100.html</div><div>25&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945, S. 602</div><div>26&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945, S. 602</div><div>27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs 16.02.1935, S. 192</div><div>28&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Chronik der Stadt Stuttgart 1918-1933, S. 371 </div><div>29&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stuttgarter_Erklärung_(1933)">Stuttgarter Erklärung auf Wikipedia  </a></div><div>30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Arpad Pick, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 38445</div><div>31&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Samuel Richter, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 35312</div><div>32&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="gestimmthttps://www.wahlen-in-deutschland.de/wrtwpommern.htm">https://www.wahlen-in-deutschland.de/wrtwpommern.htm</a></div><div>33&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://belgard.org/orte/schivelbein/juedische-gemeinde/die-schivelbeiner-rabbiner/">https://belgard.org/orte/schivelbein/juedische-gemeinde/die-schivelbeiner-rabbiner/</a></div><div>34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-juedische-arzt-von-schivelbein/">https://ahnenblog.globonauten.de/der-juedische-arzt-von-schivelbein/</a></div><div>35&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erinnerungen von Karl Richter in &#8222;Flucht oder Tod&#8220;, S. 111 ff.</div><div>36&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ascher Levys Sehnsucht nach Deutschland, S. 332</div><div>37&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erinnerungen von Karl Richter in &#8222;Flucht oder Tod&#8220;, S. 111 ff.</div><div>38&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Brief von Else Peters, Ehefrau von Siegfried Scheuermann in &#8222;Flucht oder Tod&#8220;, S. 121</div><div>39&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2655385" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> <br>https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2655385</a></div><div>40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Judenverfolgung in Mannheim 1933-1945, S. 199</div><div>41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Reflections by Jewish survivors from Mannheim, S. 83</div><div>42&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Samuel Richter, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 35312</div><div>43&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Karl Richter &#8222;A Refugee Rabbinate&#8220; in: The Jewish Legacy and the German Conscience, S. 207</div><div>44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ernst Freudenheim rettete einer großen Zahl von Jüdinnen und Juden das Leben, <a href="https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn511779">von seinem Leben berichtet er in einem Interview aus dem Jahr 1989</a></div><div>45&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg XIV Nr. 15, 01.11.1937, S. 130</div><div>46&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://azjewishpost.com/2017/havdalah-spice-box-reminder-of-fathers-legacy-of-hope/</div><div>47&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Aussage von Erwin Alter in Entschädigungsakte Arpad Pick, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 38445 </div><div>48&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die Sakarya-Expedition in: Jürgen Rohwer: Jüdische Flüchtlingsschiffe im Schwarzen Meer</div><div>49&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Entschädigungsakte Arpad Pick, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 350 I Bü 38445</div><div>50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="HaGalil: Vor 80 Jahren wurde Tel Aviv von der italienischen Luftwaffe bombardiert ">HaGalil: Vor 80 Jahren wurde Tel Aviv von der italienischen Luftwaffe bombardiert </a></div><div>51&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht von Karl Richter in &#8222;Lebenszeichen, Juden aus Württemberg nach 1933&#8220;, S. 251</div><div>52&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Bericht von Karl Richter in &#8222;Lebenszeichen, Juden aus Württemberg nach 1933&#8220;, S. 251</div><div>53&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://azjewishpost.com/2017/havdalah-spice-box-reminder-of-fathers-legacy-of-hope/">https://azjewishpost.com/2017/havdalah-spice-box-reminder-of-fathers-legacy-of-hope/</a></div><div>54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="https://www.stolpersteine-stuttgart.de/biografien/mali-amalie-und-sandor-alexander-alter-augustenstr-65/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.stolpersteine-stuttgart.de/biografien/mali-amalie-und-sandor-alexander-alter-augustenstr-65/</a></div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-schivelbeiner-rabbi-aus-stuttgart/">Der Schivelbeiner Rabbi aus Stuttgart</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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