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	<title>Familie Krüger Archive - Ahnenblog</title>
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	<description>Geschichten, Tipps und Tricks aus meiner Ahnenforschung</description>
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		<title>Der Untergang einer Familie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Oct 2022 09:01:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Familie Krüger]]></category>
		<category><![CDATA[gefallen im 2. Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte meines Großonkels Bruno Krüger, vermisst in Russland, seiner Frau Käthe und ihrer kleinen Tochter Waltraud, gestorben bei einem Luftangriff auf Berlin Berlin im Frühsommer 1944 Der 20. Juni 1944 war ein trüber Tag. Graue Wolken hingen über Berlin, aber die Temperaturen waren angenehm und gaben einen Vorgeschmack auf den nahenden Sommer. Käthe Krüger [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Die Geschichte meines Großonkels Bruno Krüger, vermisst in Russland, seiner Frau Käthe und ihrer kleinen Tochter Waltraud, gestorben bei einem Luftangriff auf Berlin</p>



<h2 class="wp-block-heading">Berlin im Frühsommer 1944</h2>



<p>Der 20. Juni 1944 war ein trüber Tag. Graue Wolken hingen über Berlin, aber die Temperaturen waren angenehm und gaben einen Vorgeschmack auf den nahenden Sommer.<sup class="modern-footnotes-footnote ">1</sup></p>



<p>Käthe Krüger stand am geöffneten Fenster ihrer Wohnung in der Palisadenstraße 60 in Friedrichshain und atmete die milde Luft ein. Sie beugte sich gerade so weit nach vorne, dass sie das zerbombte Haus in der Nachbarschaft nicht sehen musste. Den Krieg für kurze Zeit ausblenden. Sie war in dieser Wohnung geboren worden. Emil Podolske, ihr Vater, war hier gestorben, am 2. Weihnachtsfeiertag vor 12 Jahren. 22 war sie damals gewesen und stolz darauf, unabhängig zu sein: sie hatte Zuschneiderin gelernt, wie schon ihre Eltern Emil und Elise. Von ihrer Arbeit beim Heeresbekleidungsamt in der Lehrter Straße konnte sich Käthe zwar nur ein Zimmer in Moabit leisten, aber es bedeutete Freiheit.<sup class="modern-footnotes-footnote ">2</sup> Sie liebte es, Kleidungsstücke zu entwerfen und Schnittmuster anzufertigen. Und sie war damals voller Pläne gewesen. Heiraten, Kinder, eine Wohnung im Berliner Westen oder sogar ein Häuschen im Grünen. Dass sie mit Anfang 30 zurückkehren würde nach Friedrichshain, um bei  ihrer verwitweten Mutter einzuziehen, zwar verheiratet, aber doch ohne Mann, hätte sie sich vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. </p>



<p>Es gab schlechtere Gegenden in Friedrichhain als die rund um die Palisadenstraße. Hier im Frankfurter Viertel standen die Häuser nicht ganz so gedrängt wie im Rest des Stadtteils und zum Volkspark war es nicht weit. Manchmal konnte man glauben, man sei gar nicht in Berlin, wenn fremde Dialekte durchs Treppenhaus und die Straßen schwirrten. Das halbe Viertel stammte aus dem Osten.<sup class="modern-footnotes-footnote ">3</sup> So wie bei ihr im Haus, die Hälfte der Bewohner kam aus Westpreußen. Die meisten von ihnen katholisch, deswegen hatte man vor vierzig Jahren ein paar hundert Meter die Straße runter St. Pius gebaut, die zweite katholische Kirche in Berlin. Auch Emil Podolske war aus der Gegend um Posen in die Stadt gekommen, um hier sein Glück zu finden. Mit Elise Hagedorn hatte er sich in eine echte Berlinerin verliebt und ihre einzige Tochter Käthe konnte sich gar nicht vorstellen, in einer anderen Stadt als Berlin zu leben.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Friedrichshain.jpeg"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="480" height="600" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Friedrichshain.jpeg" alt="" class="wp-image-1347" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Friedrichshain.jpeg 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Friedrichshain-240x300.jpeg 240w" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Pharus-Plan Berlin von 1902,&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrichshain.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Friedrichshain</a>, bearbeitet,&nbsp;<a href="https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/legalcode" target="_blank" rel="noreferrer noopener">CC0 1.0</a></figcaption></figure></div>


<p>Und dann hatte sich Käthe ausgerechnet in einen Mann aus Hinterpommern verguckt. Bruno Krüger war Käthe sofort aufgefallen, ein gut gekleideter, stattlicher Mann. Er war aus der Gegend um Schivelbein nach Berlin gekommen und hatte hier Arbeit als Maurer gefunden. Aber kaum war Käthe und Bruno klar geworden, dass sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen wollten, hatte er den Einberufungsbefehl erhalten. Den Takt ihrer Ehe gab jetzt der Krieg an. Brunos Fronturlaub im März 1940 hatten sie genutzt, um zu heiraten. In seinem Weihnachtsurlaub ein paar Monate später war dann die Kleine entstanden. Waltraud würde in drei Monate zwei Jahre alt werden. Ihren Vater hatte sie noch nie gesehen. Fast ein Jahr war es her, dass sie das letzte Mal von Bruno gehört hatten. Aus der Gegend um Stalingrad. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Hochzeit-Bruno2.jpg"><img decoding="async" width="540" height="375" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Hochzeit-Bruno2.jpg" alt="" class="wp-image-1255" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Hochzeit-Bruno2.jpg 540w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Hochzeit-Bruno2-300x208.jpg 300w" sizes="(max-width: 540px) 100vw, 540px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Käthe und Bruno Krüger 1940 auf dem Weg ins Standesamt</figcaption></figure></div>


<p>Käthe seufzte. Ein furchtbarer Morgen lag hinter ihr. Kurz vor zwei Uhr in der Nacht waren sie, ihre Mutter und die kleine Waltraud aus dem Schlaf gerissen worden. Fliegeralarm, siebeneinhalb Stunden lang. Der 210.<sup class="modern-footnotes-footnote ">4</sup> Sie würde sich niemals an das Heulen der Sirenen gewöhnen, an die Panik, eben noch im Bett, jetzt hellwach. Sie hatte der Mutter aus dem Bett geholfen, das zitternde Kind auf den Arm genommen, nach dem kleinen Koffer in der Diele gegriffen. Ein letzter Blick zurück in die Wohnung, da hatte sie schon das Poltern im Treppenhaus gehört, das Pochen an ihrer Tür: „Kommen Sie, Frau Krüger, Frau Podolske, wir sind schon fast vollzählig.“</p>



<p>Gemeinsam mit den Nachbarn war sie die Treppe hinunter in den Keller gestolpert, hinein in den dunklen kalten Raum und weiter nach hinten zu der schmalen Holzbank. Erst mal Waltraud hinlegen, dann hatte sie der Mutter helfen können. Der Luftschutzwart hatte durchgezählt und dann die eiserne Tür zugezogen. Mehr als sieben Stunden hatten sie in dem dunklen Loch gesessen, müde und hungrig, nur kaltes Wasser aus einem Eimer. Waltraud hatte geschluchzt, sich in ihren Schoß gekuschelt und war zum Glück irgendwann eingeschlafen. Und über ihnen das Dröhnen der Flugzeuge.&nbsp;</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bild-183-H26953.jpg"><img decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bild-183-H26953.jpg" alt="" class="wp-image-1315" width="446" height="600" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bild-183-H26953.jpg 594w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bild-183-H26953-223x300.jpg 223w" sizes="(max-width: 446px) 100vw, 446px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Berlin am 8. April 1944. Der Rundfunk hat anfliegende feindliche Flugzeuge gemeldet. Die Bevölkerung sucht ihre Luftschutzräume auf.</figcaption></figure></div>


<p>Um halb zehn hatte es endlich Entwarnung gegeben. Die Bomber hatten abgedreht, ein Teil war weiter Richtung Osten nach Stettin geflogen, die anderen Maschinen nach Westen Richtung Magdeburg. Der Luftschutzwart hatte die schwere Kellertür geöffnet und war vorangegangen um nachzuschauen, ob das Haus über ihnen noch stand. Ein Blick die Palisadenstraße hinunter, war eine Bombe eingeschlagen? Sah man den Turm von St Pius noch? Surrte das Umspannwerk an der Straßenecke weiter? Aber alles sah noch aus wie am Tag zuvor.</p>



<p>Auch in der Wohnung war alles unverändert. Käthe hatte die bebende Mutter auf das Sofa gelegt und Waltraud endlich einen warmen Haferbrei gemacht. Die beiden erwachsenen Frauen bekamen eine Tasse Malzkaffee und eine Scheibe Weißbrot mit der guten Blaubeermarmelade von Oma Krüger aus Pribslaff. Keine Toten in dieser Nacht. </p>



<p>Seit März beschossen jetzt auch die Amerikaner Berlin aus der Luft. Nachts die Briten, tagsüber die Amerikaner.<sup class="modern-footnotes-footnote ">5</sup> Alle hatten gehofft, dass es mit dem Ende der britischen Schlacht um Berlin im März besser werden würde. Das Gegenteil war der Fall gewesen. Jetzt saßen sie Tag und Nacht im Keller.</p>



<p>Und nun stand sie hier am Fenster und fragte sich wieder und wieder, ob es richtig gewesen war, in der Stadt zu bleiben. Hätte sie mit Waltraud und ihrer Mutter nicht besser zu den Schwiegereltern nach Pribslaff übersiedeln sollen? Oder sich Umquartieren lassen in die Mark Brandenburg oder gar nach Ostpreußen, wie von den Behörden empfohlen?<sup class="modern-footnotes-footnote ">6</sup> Aber was wäre dann mit ihrem Mann Bruno geschehen, wenn er doch den Weg nach Hause gefunden hätte? Nicht alle waren bei Stalingrad ums Leben gekommen. Käthe stellte sich vor, wie er vergeblich an die Tür der Palisadenstraße 60 klopfte, voller Sehnsucht nach Frau und Töchterchen, und die Witwe Jaruzal ihm von oben zurief: &#8222;Die sind abgereist, ins Pommersche.&#8220; Nein, sie hatten bleiben müssen. Alle drei. Waltraud war zu jung für die Kinderlandverschickung. Sie und Waltraud hätten abends zwar versuchen können, einen Platz im &#8222;Mutter und Kind&#8220;-Bunker in der Fichtestraße in Kreuzberg zu ergattern, um eine Nacht in Sicherheit zu verbringen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">7</sup> Aber was wäre dann mit ihrer Mutter Elise passiert? Sie konnte sie doch nicht allein lassen.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_8037.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_8037.jpg" alt="" class="wp-image-1318" width="240" height="320" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_8037.jpg 480w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_8037-225x300.jpg 225w" sizes="auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Im Bunker unter dem Bahnhof Szczecin/Stettin</figcaption></figure></div>


<p>Der Tag schien ruhig zu bleiben. Vielleicht sollte sie die Zeit nutzen, um einzukaufen. Zwar wurde der Einkauf durch Lebensmittelmarken limitiert, aber Hunger hatten sie bisher nicht gelitten und für das ein oder andere Extra sorgte die Pribslaffer Verwandtschaft. Käthe lachte bitter. Keine Vorräte mehr anlegen. Wenn das Haus mit ihnen unterginge, würden wenigstens keine Lebensmittel verschwendet.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.18.29.png"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.18.29.png" alt="" class="wp-image-1273" width="624" height="300" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.18.29.png 832w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.18.29-300x144.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.18.29-768x369.png 768w" sizes="auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px" /></a><figcaption class="wp-element-caption"><a href="http://www.landesarchiv-berlin-viewer.de/kriegschronik-reichshauptstadt-berlin/index.html">http://www.landesarchiv-berlin-viewer.de/kriegschronik-reichshauptstadt-berlin/index.html</a>; Abrufdatum 12.10.2022</figcaption></figure></div>


<p>Oder vielleicht an die frische Luft mit Waltraud? Die Kleine liebte den Märchenbrunnen im Volkspark. Die Statue von Hans im Glück mit dem hüpfenden Schweinchen hatte es ihr besonders angetan. Nur eine knappe Viertelstunde wären sie zu Fuß unterwegs und sollte es doch noch einen Alarm geben, wäre der Bunker im Flakturm nicht weit entfernt. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Maerchenbrunnen_Friedrichshain_1913.png"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Maerchenbrunnen_Friedrichshain_1913.png" alt="" class="wp-image-1346" width="634" height="443" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Maerchenbrunnen_Friedrichshain_1913.png 320w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Maerchenbrunnen_Friedrichshain_1913-300x209.png 300w" sizes="auto, (max-width: 634px) 100vw, 634px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">anonym,&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:M%C3%A4rchenbrunnen_Friedrichshain_1913.png" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Märchenbrunnen Friedrichshain 1913</a>, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Template:PD-old" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wikimedia Commons</a></figcaption></figure></div>


<p>Oder einfach für einen Abend die Kleine bei ihrer Mutter Elise lassen? Zehn Minuten bis zu den Tilsiter Lichtspielen nur zwei Straßen weiter. Im Januar war die Feuerzangenbowle angelaufen, ein lustiger Abend mit Heinz Rühmann, was wäre das für ein Vergnügen. Kurz schloss sie die Augen und stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie den restlichen Tag mit Bruno verbringen könnte. Ein Spaziergang durch den frühsommerlichen Abend. Eine Weiße mit Schuss im Breithaupt-Brauerei-Ausschank am Ende der Straße. Oh Bruno, wo bist Du nur?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Im Osten 1940</h2>



<p>Auf ihren Bruno war die Familie Krüger stolz. Er hatte es geschafft, war der hinterpommerschen Provinz rund um Schivelbein entkommen und hatte sich in der Großstadt Berlin eine Existenz aufgebaut. &#8222;Ein stattlicher Mann&#8220;, schwärmte meine Tante Lisbeth. Die wenigen Photos, die es von ihm gibt, lassen ahnen, was sie meinte. Bruno stets gut gekleidet, in Anzug und langem Mantel, die Haare mit Pomade zurückgekämmt. Auf seinem Hochzeitsbild trägt er Vatermörderkragen und Fliege, in der rechten Hand hält er einen Zylinder und weiße Handschuhe. Er schaut ernst und geheimnisvoll in die Kamera. Vielleicht kein klassisch schöner Mann, aber Bruno hatte Stil, keine Frage. </p>



<figure class="wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex">
<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Katze.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="564" height="390" data-id="1278" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Katze.jpg" alt="" class="wp-image-1278" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Katze.jpg 564w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Katze-300x207.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 564px) 100vw, 564px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Bruno Krüger</figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Krueger-1938.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="219" height="306" data-id="1343" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Krueger-1938.jpg" alt="" class="wp-image-1343" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Krueger-1938.jpg 219w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bruno-Krueger-1938-215x300.jpg 215w" sizes="auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Bruno Krüger</figcaption></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Bruno-See.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="514" height="346" data-id="1252" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Bruno-See.jpg" alt="" class="wp-image-1252" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Bruno-See.jpg 514w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Bruno-See-300x202.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 514px) 100vw, 514px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Bruno Krüger</figcaption></figure>
</figure>



<p>Bruno Krüger wurde 1910 im hinterpommerschen Wopersnow geboren. Seine Eltern &#8211; meine Urgroßeltern &#8211; waren einfache Landarbeiter. Alle mussten mit anpacken &#8211; früh auch die Kinder. Und alle wollten dem harten Landleben entkommen. Die Mädchen, so wie meine Großmutter, durch Heirat. Brunos Bruder Max, indem er freiwillig zum Militär ging. Bruno wagte den Schritt in die Großstadt &#8211; er schaffte es nach Berlin und arbeitete dort spätestens ab 1939 als Maurer. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Familie-Krueger_Podolske.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="762" height="291" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Familie-Krueger_Podolske.jpg" alt="" class="wp-image-1334" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Familie-Krueger_Podolske.jpg 762w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Familie-Krueger_Podolske-300x115.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px" /></a></figure></div>


<p>Ob Bruno sich freiwillig zur Armee meldete oder eingezogen wurde, wann er zum Militär kam und welche Stationen er dort durchlief, war nicht herauszufinden. Es gibt drei Quellen: die Vermisstenbildliste des Deutschen Roten Kreuzes, die Auskunft der &#8222;Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallen der ehemaligen deutschen Wehrmacht&#8220; (WASt) und die Akte des Amtsgerichts zur Todeserklärung. </p>



<p>Die Unterlagen des DRK weisen ihn als Obergrenadier aus, der im November 1942 im großen Donbogen eine letzte Nachricht abgegeben hat.</p>



<p>Nach Auskunft der WASt wurde Bruno Krüger &#8222;seit dem 21.12.1942 als Angehöriger der Einheit 9. Kompanie Grenadier-Regiment 183 bei Kamenska-Pogowka/UdSSR vermisst.&#8220;</p>



<p>Das Gutachten des DRK Suchdienstes kommt zu dem Schluss, dass Bruno Krüger &#8222;mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen dem 18. und 30. Dezember 1942 bei den Rückzugskämpfen von Tschir nach Morosowskaja gefallen ist.&#8220;</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/DRK-Suchbildliste-Kopie.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="497" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/DRK-Suchbildliste-Kopie.jpg" alt="" class="wp-image-1281" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/DRK-Suchbildliste-Kopie.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/DRK-Suchbildliste-Kopie-300x233.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Auszug aus der Vermisstenbildliste des Deutschen Roten Kreuzes</figcaption></figure></div>


<p>Bruno Krüger gehörte zu den &#8222;Weißen Jahrgängen&#8220;, zu jung für den Ersten Weltkrieg, zu alt für die Wehrpflicht in der Wehrmacht. Das schützte ihn aber nicht lange. Bruno hätte den Sprung in die Hauptstadt sicherlich nicht gewagt, um sich dann freiwillig zum Militär zu melden. Wahrscheinlich wurde er eingezogen. Ab 15. März 1940 wurde sein Jahrgang voll einberufen.<sup class="modern-footnotes-footnote ">8</sup> In einer dreimonatigen Schnellbleiche wurde den damals 30jährigen das Töten beigebracht.<sup class="modern-footnotes-footnote ">9</sup></p>



<p>Die Geschichte seiner Einheit, der 62. Infanterie-Division, ist umfassend auf über 500 Seiten dokumentiert vom &#8222;Kameradenhilfswerk der ehemaligen 62. Division&#8220;. Das Buch ist 1968 erschienen und von einer erschreckend rückwärtsgewandten und gänzlich unkritischen Mentalität getragen. Es erfüllte für mich den Zweck, die letzten Monate von Bruno besser nachvollziehen zu können. Aber es ist auch ein Zeugnis dafür, welcher Geist die deutsche Gesellschaft in meiner Kindheit noch durchwaberte.   </p>



<p>Die 62. Infanterie-Division umfasste drei Regimenter. Wahrscheinlich wurde Bruno Krüger dem 183. Regiment zugeteilt. Ende Juli 1940 wurde die gesamte Division in den Osten Polens verlegt. Brunos Regiment bezog nördlich und südlich der Stadt Włodawa am Fluss Bug Stellung.<sup class="modern-footnotes-footnote ">10</sup> Noch schien der Krieg weit weg. &#8222;Die Aufgabe ist lediglich, Besatzung von Polen zu sein.&#8220;, lautet die zynische Beschreibung im Buch des Kameradenhilfswerks.<sup class="modern-footnotes-footnote ">11</sup> Vordringlich seien: 1. Verbesserung der Unterkunft, 2. Urlaub und 3. Ausbildung der Truppe. Für Bruno Krüger die Gelegenheit, nach Berlin zu fahren und zu heiraten. Am 8. März 1941 wurde Käthe Podolske im Standesamt von Berlin-Friedrichshain &#8211; damals &#8222;Standesamt Horst Wessel&#8220; &#8211; in der Koppenstr. 70 seine Frau. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Familienbucheintrag.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="468" height="125" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Familienbucheintrag.jpg" alt="" class="wp-image-1258" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Familienbucheintrag.jpg 468w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/09/Familienbucheintrag-300x80.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 468px) 100vw, 468px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Auszug aus dem Familienbuch Krüger</figcaption></figure></div>


<p>Keine Zeit für die junge Ehe, Bruno musste zurück zum Militär. Und jetzt wurde es blutiger und tödlicher Ernst mit dem Krieg. Keine vier Monate später begann das Unternehmen Barbarossa, der Überfall auf die Sowjetunion. Am 22.06.1941 überquerte die Division von Bruno Krüger den Fluss Bug im Osten Polens und drang in die Ukraine ein.<sup class="modern-footnotes-footnote ">12</sup> Drei Monate kämpften sie sich durch den Norden der Ukraine Richtung Kiew. Sie brachten Tod, Verwundung und Zerstörung. An der &#8222;Kesselschlacht von Kiew&#8220; war Brunos Division östlich der ukrainischen Hauptstadt beteiligt und ließ die Chronisten jubeln: &#8222;Eine Summe heldenhafter Einzelleistungen, die mit goldenen Lettern im Ehrenbuch der deutschen Kriegsgeschichte verzeichnet sind. Auf allen Straßen, auf den weiten, herbstlichen kahlen Feldern liegen noch die toten Soldaten der Sowjetarmee als Zeugen, wie blutig und unerbittlich hier das deutsche Schwert zuschlug&#8220; <sup class="modern-footnotes-footnote ">13</sup>&#8211; wohlgemerkt: geschrieben 1968. </p>



<p>Natürlich frage ich mich, ob sich auch Bruno als Held sah, stolz war auf die Ermordung und Verwundung von 163.600 russischen Soldaten. Die 100.000 deutschen Toten und Verwundeten als notwendiges Übel ansah. &#8222;Nach dem harten Gesetz des Krieges erwachsen keine entscheidenden Siege ohne Blutopfer. So blieben auch in den Ebenen ostwärts des Dnjepr viele tapfere und bis zum letzten getreue Söhne unseres Volkes auf der Walstatt.&#8220;, schrieben später seine Kameraden.<sup class="modern-footnotes-footnote ">14</sup></p>



<p>Wusste Bruno vom Massaker von Babyn Jar, dem gleich nach dem Einmarsch der Deutschen in Kiew 33.000 Juden auf schrecklichste Weise zum Opfer fielen? Ich sehe Bruno auf dem Bild in der Suchbildliste, die Mütze groß über dem hageren Gesicht und mit fast erschrockenem Blick. Nein, denke ich mir, doch nicht Bruno, der wollte doch gar nicht zur Armee. So denken wahrscheinlich viele über ihre Verwandten.</p>



<p>Nach dem &#8222;Erfolg&#8220; in Kiew war Hitler der Meinung, dass man es trotz des herannahenden Winters jetzt mit Moskau aufnehmen könne. Vordergründig hatte Brunos Division Glück &#8211; sie schied am 9. Oktober 1941 aus dem Verband der 6. Armee aus. Das weitere Schicksal der 6. Armee ist bekannt &#8211; die Schlacht und den Kessel von Stalingrad überlebte kaum jemand. </p>



<p>Der Winter nahte, das Wetter wurde schlechter. Regen, Dreck und Schlamm, aber Brunos Regiment konnte zunächst in Poltava bleiben, einer Stadt im Osten der Ukraine. Sicherung und Befriedung der Stadt und ihrer Infrastruktur sollten sie betreiben. &#8222;Partisanen und Banditen&#8220; wurden &#8222;vernichtet&#8220;.<sup class="modern-footnotes-footnote ">15</sup>Was das konkret bedeutete, dazu schweigen sich die Chronisten aus. Die Geschichtsbücher berichten, dass im September und November 1941 8000 Juden in Poltava ermordet wurden<sup class="modern-footnotes-footnote ">16</sup> und ab 1941 800 psychisch kranken Menschen. </p>



<p>Mitten im Krieg, im Chaos, im Leiden und Sterben geschah dann, was man eher in einem friedlichen Arbeitsverhältnis erwartet: Bruno Krüger bekam Urlaub. Im Dezember 1941 muss er im fernen Berlin gewesen sein, denn da wurde seine Tochter Waltraud gezeugt. Weihnachtsurlaub mitten in einem brutalen Eroberungskrieg? Das war nicht ungewöhnlich im Zweiten Weltkrieg. Christian Packheiser hat dem Thema ein ganzes Buch gewidmet. In &#8222;Heimaturlaub &#8211; Soldaten zwischen Front, Familie und NS-Regime&#8220; schildert er die &#8222;Seelischen Vitamine für Heimat und Front&#8220;. Im Dezember 1941 wurde für die im Osten eingesetzte Wehrmacht der Urlauberverkehr aufgenommen. Die Urlaubsdauer betrug 20 Tage ab Reichsgrenze. <sup class="modern-footnotes-footnote ">17</sup></p>



<p>Eine kurze Verschnaufpause für Bruno Krüger. Wie mag es gewesen sein, aus der Feiertagsidylle wieder mitten in den Krieg und tiefen Winter zurückzukehren? Mittlerweile war seine Division nach Bereka im Bezirk Charkiw vorgestoßen und es wurde heftig gekämpft. Hohe Schneeverwehungen, vereiste Waffen, Erfrierungen, Hochwasser im Tauwetter, erneute Kälte, in der alles gefror, bis in den April hinein. Kämpfe Tag und Nacht erwarteten ihn.<sup class="modern-footnotes-footnote ">18</sup> Die Erfolge blieben aus, es wurde gekämpft und verloren, kaum etwas ging voran, zunehmend auch Opfer in den eigenen Reihen. Die Russen verteidigten sich mit Panzern. Die Attacken &#8222;reißen auch manchen sonst tapfer kämpfenden Soldaten mit in den Strudel der Fassungslosigkeit hinein.Die Männer sind eben seelisch und körperlich am Ende ihrer Kräfte und der Panzerschrecken ist überwältigend.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">19</sup> Vom &#8222;Führer&#8220; kamen Auszeichnungen und ein Durchhaltebefehl. Der Ton der Chronisten ändert sich merklich: &#8222;Wer solche Hetzjagden nicht mitgemacht hat, kann sich das Bild nicht vorstellen: Am Ende bricht alles auf einem Haufen zusammengedrängt zusammen, von der Erschöpfung übermannt, nur einige vor Übermüdung halb irrsinnige Offiziere und Unteroffiziere sichern und bewachen den Schlaf der anderen!&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">20</sup> Nachdem der Winter verlustreich überstanden war, kam im Juli 1942 der Vormarschbefehl nach Russland. Ende des Monats erreichte Bruno mit seiner Division den Don bei Migulinska, gut 300 km von Stalingrad entfernt. Im Regiment waren nur noch wenige Leute übrig, kein Benzin mehr, jetzt war die Hitze das Problem und kurze Zeit später starker Regen. Es ging nichts vor und wenig zurück.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Russland-Panzer.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="469" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Russland-Panzer.jpg" alt="" class="wp-image-1336" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Russland-Panzer.jpg 800w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Russland-Panzer-300x176.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Russland-Panzer-768x450.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /></a></figure>



<p>Am 12.09.1942 wurde im fernen Berlin Brunos Tochter Waltraud geboren. Ihr frischgebackener Vater war mitten im Chaos des russischen Schlachtfeldes und bangte täglich um sein Leben. Einen erneuten &#8222;Urlaub&#8220; wird es sicher nicht gegeben haben. Vielleicht konnte Käthe ihm wenigstens ein Bild der Kleinen schicken. Aber kennengelernt hat Bruno Krüger seine Tochter nie.</p>



<p>Brunos Ende beginnt am 17.12.1942. Seine Einheit wird im Kriushatal in Russland angegriffen, vom Boden und aus der Luft.<sup class="modern-footnotes-footnote ">21</sup> &#8222;Überall auf der weiten Schneelandschaft sind Soldaten zerstreut und laufen um ihr Leben.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote ">22</sup> Irgendwo in diesem Chaos muss Bruno Krüger gestorben sein. Den genauen Ort, den genauen Tag konnte niemand herausfinden. Die WASt nennt den Ort &#8222;Kamenska-Pogowka&#8220;, der nirgendwo zu finden ist. Das Gutachten des DRK spricht von Karginskaja zwischen Popowka und Kaminski. Karginskaja wird auch in den Frontberichten als Schlachtplatz des IR 183 am 20.12.1942 genannt.<sup class="modern-footnotes-footnote ">23</sup> Bruno Krüger konnte nie beerdigt werden. Auf dem Deutschen Soldatenfriedhof im etwa 200 Kilometer östlichen Rossoschka ist sein Name in einen der Steinquader eingemeißelt. Seine Geschwister haben ihn erst 1982 für tot erklären lassen. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-23-um-14.22.50-1024x445.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-23-um-14.22.50-1024x445.jpg" alt="" class="wp-image-1325" width="768" height="334" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-23-um-14.22.50-1024x445.jpg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-23-um-14.22.50-300x130.jpg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-23-um-14.22.50-768x334.jpg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-23-um-14.22.50.jpg 1150w" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" /></a></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Berlin am 21. Juni 1944</h2>



<p>Käthe Krüger lebte weiter mit der Hoffnung, dass Bruno wieder zu ihr zurückkehren würde. Anderthalb Jahre nachdem sich die Spur von Bruno am Don verlor, hatte Käthe Krüger nach einer Nacht ohne Fliegeralarm am 21. Juni 1944 vielleicht gerade das Frühstücksgeschirr gespült, als die Sirenen um 9:25 Uhr wieder losheulten. Haben sie und die Hausgemeinschaft diesmal versucht, den Bunker im Volkspark Friedrichshain zu erreichen?  Hatten sie eine Ahnung, dass es diesmal zu einem schweren Angriff kommen würde, Friedrichshain nicht verschont bleiben würde? Waren sie deswegen nicht im Keller, sondern auf der Straße? Dort, wo sie erschlagen werden konnten durch einstürzende Steinmassen, wie es in ihren Sterbeurkunden stand? Oder hatten sie es in den Keller geschafft und dieser brach über ihnen zusammen? Am 21. Juni 1944 starb um 10:15 Uhr die Hausgemeinschaft der Palisadenstraße 60. Käthe Krüger, geborene Podolske, 33 Jahre alt. Ihre Mutter, die Witwe Elise Podolske, geb. Hagedorn, 61 Jahre alt. Waltraud Krüger, ein Jahr und neun Monate alt. Die Rentnerinnen Pauline Jusko, Meta Steuck, Maria Steinke und Johanna Jaruzal, die 53jährige Frieda Baumann und der 43jährige Reichsbahnzugführer Gustav Grönke als einziger Mann. Die 24jährige Anneliese Weber wohnte um die Ecke und war wahrscheinlich nur zufällig in der Palisadenstraße. &#8222;Tod durch Fliegerangriff, zerstückelt durch direkten Bombentreffer&#8220; lautet die grausame Dokumentation ihres Todes. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.15.33.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="508" height="390" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.15.33.png" alt="" class="wp-image-1272" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.15.33.png 508w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/Bildschirmfoto-2022-10-04-um-11.15.33-300x230.png 300w" sizes="auto, (max-width: 508px) 100vw, 508px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Nur Propaganda: die Berichterstattung über den Luftangriff vom 21.06.1944. <a href="http://www.landesarchiv-berlin-viewer.de/kriegschronik-reichshauptstadt-berlin/index.html">http://www.landesarchiv-berlin-viewer.de/kriegschronik-reichshauptstadt-berlin/index.html</a>; Abrufdatum 12.10.2022<br>&nbsp;</figcaption></figure></div>


<h2 class="wp-block-heading">Berlin im Sommer 2022</h2>



<p>Der 7. September 2022 ist ein wolkenverhangener Spätsommertag. Ich bin an der U-Bahn-Station Frankfurter Tor ausgestiegen und laufe den Boulevard der Karl-Marx-Allee mit seinen riesigen Wohnblocks entlang. Die Palisadenstraße ist nur eine Querstraße entfernt. Im &#8222;Umspannwerk Ost&#8220; ein stylisches Restaurant, die bunten Fassaden der vierstöckigen Häuserzeile, zu der die Nummer 60 gehört, sind renoviert. Ein Wohnblock, dem man nicht ansieht, ob er nur renoviert oder wiederaufgebaut ist. Hier ist es passiert, hier wurden die Menschen von Trümmern erschlagen. </p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_1566.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="549" height="640" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_1566.jpg" alt="" class="wp-image-1284" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_1566.jpg 549w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2022/10/IMG_1566-257x300.jpg 257w" sizes="auto, (max-width: 549px) 100vw, 549px" /></a></figure></div>


<p>In der Nähe ein großer Friedhof. Ich laufe durch die Reihen der Gräber, viele von Opfern der Luftangriffe, aber Aufschriften mit den Namen von Käthe und Waltraud finde ich nicht. Wie Bruno haben sie keine Spuren hinterlassen.     </p>



<p>Beenden könnte ich die Geschichte von Bruno, Käthe und Waltraud Krüger mit einem Appell gegen den Krieg, seine Sinnlosigkeit und Brutalität. Aber das ist wohl nicht notwendig. Das vergeudete Leben dreier Menschen, die grausam starben, spricht für sich. Käthe und Bruno Krüger haben das System, das sie letztendlich umgebracht hat, wie die meisten Deutschen auf die ein oder andere Weise mitgetragen, wie sehr, werde ich nicht herausfinden können. Das mindert mein Mitgefühl nicht, denn sie waren Teil meiner Familie. Ihre Geschichte festzuhalten, ist alles, was ich für sie tun kann.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verwendete Literatur</h2>



<p>Die 62. Infanterie-Division 1938-1944 Die 62. Volks-Grenadier-Division 1944-1945<br>Kameradenhilfswerk der ehemaligen 62. Division e.V. 1968</p>



<p>Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1<br>Zentrum für Militärgeschichte 1988</p>



<p>Heimaturlaub &#8211; Soldaten zwischen Front, Familie und NS-Regime<br>Christian Packheiser 2020</p>



<p>Berlin 1933 &#8211; 1945, Stadt und Gesellschaft im Nationalsozialismus<br>Michael Willst, Christoph Kreutzmüller 2013</p>



<p>Luftangriffe auf Berlin, Die Berichte der Hauptluftschutzstelle 1940-1945<br>Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin, herausgegeben von Laurenz Demps, 2014</p>



<p></p>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://chroniknet.de/extra/historisches-wetter-nach-monat/?wetter-monat=juni-1944&amp;wetter-station=402-berlin</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vermutung, Käthe Krügers Adresse bei ihrer Heirat lautete Lehrter Str. 46, das Heeresbekleidungsamt befand sich bis 1942 in der Lehrter Str. 57-58 </div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://de.wikipedia.org/wiki/St.<em>Pius</em>(Berlin)</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Luftangriffe auf Berlin, Die Berichte der Hauptluftschutzstelle 1940 &#8211; 1945, Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin, Herausgegeben von Laurenz Demps, S. 261, die &#8222;Kriegschronik der Reichshauptstadt Berlin&#8220; berichtet von einem Fliegeralarm von 8.48 &#8211; 9.22 Uhr</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Michael Willst, Christoph Kreutzmüller: Berlin 1933-1945 S. 358 ff</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Erlass des Reichsinnenministeriums vom 19. April 1943 über Umquartierungen wegen Luftgefährdung und Bombenschäden</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Laurenz Demps Luftangriffe auf Berlin, S. 70 unten</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href="https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Soldat/Wehrdienst.htm">https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Soldat/Wehrdienst.htm</a></div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1, S. 710</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62. Infanterie-Division S. 154</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62. Infanterie-Division S. 194</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 207</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 241 </div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;ie 62. Infanterie-Division S. 241</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S.246 </div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;https://www.jewishvirtuallibrary.org/poltava</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&#8222;Heimaturlaub&#8220; S.101 </div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 251</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 280/81 zum 16.05.42</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 291</div><div>21&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 329</div><div>22&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 331</div><div>23&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Die 62.Infanterie-Division S. 331</div><p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/der-untergang-einer-familie/">Der Untergang einer Familie</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Die Reise zu Onkel Ernst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jun 2021 15:21:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auf der Suche nach einem Soldatengrab in Lettland</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/die-reise-zu-onkel-ernst/">Die Reise zu Onkel Ernst</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Auf der Suche nach einem Soldatengrab in Lettland</strong></p>



<p>Meine Großmutter Meta Krüger hatte acht Geschwister. 1900 geboren war sie die Älteste. Ihr jüngster Bruder Ernst wurde mehr als 23 Jahre später geboren, als Meta selber schon eine kleine Tochter hatte. Meine Urgroßmutter Albertine war 46 Jahre alt als sie nochmals schwanger wurde. Der kleine Nachzügler war hoffentlich eine freudige Überraschung für die Familie. </p>



<p>Meine Urgroßeltern lebten damals in Teschenbusch, einem sehr kleinen Ort fünf Kilometer nordwestlich von Schivelbein in Pommern. Mein Urgroßvater Albert war Schweinemeister auf dem Gut des Justus von Cleve. In Teschenbusch drehte sich alles um die Landwirtschaft. Es gab keinen Laden, keine Gewerbebetriebe, keine Schule und in den Häusern kein fließendes Wasser &#8211; und doch muss die Kindheit von Ernst eine schöne gewesen sein, zwischen Feldern und Wäldern, mit Kühen, Schafen und reichlich Spielkameraden aus den Teschenbuscher Bauernfamilien.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3914.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3914.jpg" alt="" data-id="475" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3914.jpg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=475" class="wp-image-475" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3914.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3914-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3907.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3907.jpg" alt="" data-id="474" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3907.jpg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=474" class="wp-image-474" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3907.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/IMG_3907-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0596.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="427" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0596.jpg" alt="" data-id="473" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0596.jpg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=473" class="wp-image-473" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0596.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0596-300x200.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0590.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="427" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0590.jpg" alt="" data-id="472" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0590.jpg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=472" class="wp-image-472" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0590.jpg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Polen_20200929-_DSC0590-300x200.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">Besuch in Teschenbusch, heute Cieszyno, im Herbst 2020</figcaption></figure>



<p>Ernst war zehn Jahre alt als sein Vater in Rente ging und die Familie ins eigene Haus im benachbarten <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/ein-haus-in-pommern/">Pribslaff </a>zog. Dort wird er zur Schule gegangen sein und vielleicht auch einen Beruf erlernt haben. Aber dann kam der Krieg. Wann Ernst eingezogen wurde, ob er sich freiwillig gemeldet hat, ob er mit Euphorie oder Angst in die Schlacht zog &#8211; all das weiß ich nicht. Ernst wurde nur 21 Jahre alt. Er fiel in Lettland und ist dort auch begraben, verscharrt im Chaos des Krieges. Es gibt nicht mal ein Photo von ihm.</p>



<div class="wp-block-image is-style-default"><figure class="aligncenter size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="578" height="178" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familienbuch-KrügerBecker3-e1616857438395.jpg" alt="" class="wp-image-486" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familienbuch-KrügerBecker3-e1616857438395.jpg 578w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familienbuch-KrügerBecker3-e1616857438395-300x92.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 578px) 100vw, 578px" /><figcaption>Aus dem Familienbuch meiner Urgroßeltern</figcaption></figure></div>



<p>Vom <a href="https://www.volksbund.de/">Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge</a> bekam ich vor Jahren die Auskunft, Ernst sei im August 1944 gefallen und in der Dorfmitte von Kurtsalas, acht Kilometer westlich von Madona, Lettland beerdigt. Madona, zu deutsch Modon oder Modohn, im Zentrum Lettlands, etwa 170 km östlich von Riga. Schon damals war mir klar, dass ich irgendwann dorthin fahren würde. 2018 habe ich mich auf den Weg ins <a href="https://www.globonauten.de/lettische-begegnungen/">Baltikum</a> gemacht und nach Ernst gesucht:</p>



<p>&#8222;Nach einigen Kilometern über unbefestigte Straßen komme ich in Kurtsalas an. Der Ort besteht aus drei Häusern und einer Scheune. Ich steige aus dem Auto und schaue mich ein wenig um, da kommt eine alte Frau aus ihrem Haus, vielleicht so um die 70. Sie guckt mich fragend an und ich strecke ihr mein Handy entgegen, mit Google Translate hatte ich den Satz „Ich suche ein Grab aus dem 2. Weltkrieg“ ins Lettische übersetzen lassen. Sie schaut mich an, nickt und geht mit mir um das Haus in ihren Garten. Unter einem Baum bleibt sie stehen und deutet auf die Erde. Ich habe sie leider nicht verstanden, ich spreche kein Wort lettisch und sie vielleicht 10 Worte Englisch. 1944, sagt sie. Ja, sage ich und tippe ins Handy „Bruder meiner Großmutter“. Sie spricht weiter, hätte ich das nur alles verstehen können. Ich mache ein paar Photos und wir gehen wieder. Zum Abschied umarmt sie mich und winkt mir noch lange hinterher.<br>Was für ein Erlebnis. Was hätte meine Großmutter dazu gesagt? Ist es wirklich Ernst, der unter dem Baum vergraben liegt? Soll ich noch mal hin und aufnehmen, was die alte Frau sagt und das Ganze in Deutschland übersetzen lassen? Nein, dieser Moment war zu einzigartig, ich will jetzt glauben, dass der kleine Bruder meiner Omi an diesem friedlichen Ort in einem schrecklichen Krieg seine letzte Ruhe gefunden hat.&#8220;</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080428.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080428.jpeg" alt="" data-id="479" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080428.jpeg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=479" class="wp-image-479" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080428.jpeg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080428-300x225.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Kurtsalas</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080429.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080429.jpeg" alt="" data-id="478" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080429.jpeg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=478" class="wp-image-478" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080429.jpeg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080429-300x225.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Das Haus der alten Frau</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080427.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080427.jpeg" alt="" data-id="477" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080427.jpeg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=477" class="wp-image-477" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080427.jpeg 640w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080427-300x225.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" /></a><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Ist das das Grab?</figcaption></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-scaled.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="2560" height="1920" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-scaled.jpeg" alt="" data-id="490" data-full-url="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-scaled.jpeg" data-link="https://ahnenblog.globonauten.de/?attachment_id=490" class="wp-image-490" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-scaled.jpeg 2560w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-300x225.jpeg 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-1024x768.jpeg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-768x576.jpeg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-1536x1152.jpeg 1536w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-2048x1536.jpeg 2048w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/P1080424-1320x990.jpeg 1320w" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /></a><figcaption class="blocks-gallery-item__caption">Kurtsalas</figcaption></figure></li></ul></figure>



<p>Am Abend nach dieser unfassbaren Begegnung schrieb ich dem Volksbund. Ich berichtete auch, dass die alte Frau gestikuliert hatte, dass mehrere Menschen unter dem Baum begraben seien. Ob der Volksbund hier tätig werden könne. Die Antwort folgte schon drei Tage später. Der Lettland-Experte werde einen Auftrag erhalten, vielleicht könnte irgendwann eine Umbettung erfolgen. Ich war begeistert und voller Hoffnung.</p>



<p>Leider ist bis zum heutigen Tag nichts passiert. 2019 habe ich nochmals nachgefragt, es kam keine Antwort. Vor einigen Wochen habe ich es wieder probiert, diesmal ist aber Corona Schuld, dass es zur Zeit nicht vorangeht. Ich hoffe weiter.</p>



<p>Die <a href="https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Artikel/Ueber-uns/Aus-unserer-Arbeit/Textsammlung-Unterlagen-Abt-PA/unterlagen-abt-pa.html">&#8222;Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht&#8220;</a> konnte mir kaum etwas über Ernst sagen. Wenigstens kannten sie den Truppenteil, dem Ernst angehörte: 8. Kompanie Grenadier-Regiment 24. Dann einfach mal den Truppenteil und den Suchbegriff &#8222;Feldpostnummer&#8220; in die Suchmaschine eingeben und hoffentlich fündig werden. Hat man die Feldpostnummer, kann man in der <a href="https://vbl.drk-suchdienst.online/Index.aspx">Vermisstenbildliste des Deutschen Roten Kreuzes</a> suchen. </p>



<p>Ernst fand ich dort nicht. Dafür aber zwei Männer, die seit August 1944 in Kurtsalas vermisst sind: den damals genau wie Ernst 21 Jahre alten Kellner Anton Voit  aus der Tschechoslowakei und den 25jährigen Alfred Freppel aus Erlenbach im Elsass. Außerdem den 43jährigen Bäcker Herbert Küssel,  der &#8222;8 km westlich von Modohn&#8220; vermisst ist. Genau das stand auch im Sterbeeintrag von Ernst im Familienbuch der Krügers: vermisst 8 km westlich von Modon. Liegen Ernst und diese drei Männer gemeinsam im Garten der alten Frau in Kurtsalas begraben? </p>



<p>Ich hoffe so sehr, dass ich irgendwann ein Update geben kann und Ernst nach fast 100 Jahren doch noch ein Grab bekommt, auf dem sein Name steht. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/die-reise-zu-onkel-ernst/">Die Reise zu Onkel Ernst</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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		<title>Ein Haus in Pommern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julia]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Mar 2021 14:50:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
		<category><![CDATA[Familie Krüger]]></category>
		<category><![CDATA[Pommern]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Reise in die Heimat meiner Vorfahren</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ahnenblog.globonauten.de/ein-haus-in-pommern/">Ein Haus in Pommern</a> erschien zuerst auf <a href="https://ahnenblog.globonauten.de">Ahnenblog</a>.</p>
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<p><strong>Eine Reise in die Heimat meiner Vorfahren</strong></p>



<p>Wir sind bereits seit zwei Wochen in Polen unterwegs, haben prachtvolle, gekonnt restaurierte Städte und Burgen, endlose Ostseestrände und pilzgesprenkelte Wälder erlebt. Wir haben wunderbar gegessen und mit leckerem Bier auf unser Glück mit dem strahlend spätsommerlichen Wetter angestoßen. Während in den meisten Nachbarstaaten Deutschlands die Corona-Zahlen aus dem Ruder laufen, scheinen wir mit Polen genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben, zumindest im September 2020.</p>



<p>Auch im Slowinski-Nationalpark haben wir alles richtig gemacht. Wir wohnen nicht im geschäftigen Leba am östlichen Rand des Parks, sondern im winzigen Smoldzino. Und wenn die Matratze nicht so durchgelegen und die Kissen nicht so hart gewesen wären, hätten wir in dem Ferienhäuschen Pod Jesionem das Paradies gefunden. Wir empfehlen es trotzdem!</p>



<p>Mit einer Tasse Kaffee gehe ich nach einer unruhigen Nacht auf die schöne Dachterrasse. Der Morgendunst liegt über dem Dörfchen und den Feldern in der Ferne. Der Nachbar ist auch schon wach und bemerkt nicht, dass ich ihm von meinem Ausguck in den Hof schauen kann. Ein kleines altes Gehöft, ganz sicher aus der Zeit als Smoldzino noch Schmolsin hieß. Ein einfaches Wohnhaus, ein winziger Stall, vor dem Hühner im Gras picken. Der Nachbar läuft langsam und gebückt, ein alter Mann, der seine Tiere versorgt und es sich irgendwann auf der mittlerweile sonnenbeschienenen Holzbank gemütlich macht. Nicht viel anders wird es vor 100 Jahren gewesen sein, als meine Urgroßeltern drei Stunden westlich von hier in einem kleinen Dörfchen bei Schivelbein ihren Lebensabend genießen wollten. Lass uns nach Pribslaff fahren, sage ich zu meinem Mann.</p>



<p>Ein paar Tage später machen wir uns auf Richtung Swidwin. 2015 habe ich meine erste Reise hierher gemacht, versucht, mir in den Resten des alten Schivelbein vorzustellen, wie meine Großmutter, mein Vater und meine Tanten hier bis 1946 lebten. Und meine vielen anderen Verwandten, die Schivelbein über die Jahrhunderte treu blieben. Ich habe sie nie kennengelernt und erst durch meine Ahnenforschung herausgefunden, wie groß die Familien der Krügers und Henkes, der Beckers, Völz und Polzins hier eigentlich waren. Sichtbare Spuren sind keine geblieben, sie alle waren einfache Arbeiter und Bauern, und noch nicht einmal die Mittelstraße im Herzen Schivelbeins, in der meine Omi Meta lebte, ist noch erkennbar.</p>



<p>Keine drei Kilometer liegt das kleine Bauerndorf Stary Przybysław vor den Toren Swidwins. Als es in den dreißiger Jahren noch Pribslaff hieß, hatten die Kinder der Familie Krüger mitgeholfen, hier ein Haus zu bauen. Die Eltern &#8211; meine Urgroßeltern August und Albertine Krüger – sollten darin noch ein paar schöne Jahre verleben. August Krüger musste nach einem Leben schwerer Arbeit als Schweinemeister auf dem Gut von Cleve in Teschenbusch mit 61 Jahren in den Ruhestand gehen. Seine Gesundheit spielte nicht mehr mit. Im Herbst 1936 zogen er und seine Frau Albertine in ihr eigenes Haus, ein zweistöckiges Gebäude mit Stall und Schuppen, einem Gemüsegarten und einem Kartoffelacker, zusammen etwa 2500 qm. Im „Antrag auf Feststellung von Vertreibungs­schäden“ ist alles genau festgehalten. 1935 hatte August Krüger das Grundstück für 1000 Reichsmark erworben. Gebaut wurde ein Wohnhaus mit massivem Hartdach, 10 x 9 Meter, ein Stall, 12 x 6 Meter, ebenfalls mit massivem Hartdach und ein Schuppen, 7 x 4 m, mit einem Dach aus Brettern und Pappe. 3200 Reichsmark betrug die Hypothek bei der Kreissparkasse Belgard. August bekam 50 Reichsmark Rente, schrieb mein Großonkel Max, seine Frau Albertine 20 Reichsmark. Das reichte gerade für die Hypothek und zum Leben. Und Max schrieb weiter: „Soweit ich es beurteilen kann, war die Zeit von 1936 bis zum Kriege die schönste Zeit im Leben der Eltern.“ Drei Jahre also.</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="682" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familie-Krüger-682x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-53" style="width:auto;height:800px" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familie-Krüger-682x1024.jpeg 682w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familie-Krüger-200x300.jpeg 200w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familie-Krüger-768x1153.jpeg 768w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familie-Krüger-1024x1536.jpeg 1024w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familie-Krüger-1365x2048.jpeg 1365w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Familie-Krüger-scaled.jpeg 1706w" sizes="auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px" /><figcaption class="wp-element-caption">Albertine Krüger mit Max, Bruno, Meta, Willi und Grete</figcaption></figure></div>


<p>Die Söhne Bruno und Ernst, die Schwiegertochter Käthe und die kleine Enkelin Waltraud starben im Krieg. Nach der Besetzung Pribslaffs am 04.03.1945 kamen August und Albertine mit dem Leben davon, schreibt Max. 16 Bewohner des Ortes, darunter unmittelbare Nachbarn, starben durch „Mord und andere Greueltaten“. Der Schwiegersohn Otto Remus wurde verschleppt und kehrte nie mehr zurück, Tochter Grete flüchtete nach Berlin und erlag dort 1946 dem Fleckfieber. Die drei verbliebenen Kinder, darunter meine Großmutter Meta, wurden 1946 mit ihren Familien aus Schivelbein ausgewiesen.</p>



<p>Max beschreibt auch die letzten Tage von August. „Die Herzkrankheit des Vaters verschlimmerte sich immer mehr. Es war ein Herzasthma mit qäulendem Luftmangel verbunden. Weder ärztliche Betreuung noch Medikamente waren vorhanden. Die Kinder waren alle fort und die Eltern allein, krank und hilflos. Für das tägliche Brot musste gebettelt werden. Als Vater sein Ende nahen fühlte, bat er die Mutter, sie möge ihm einen Sarg bauen. Vater starb am 22.06.1946. Ein Bekannter hat aus dem Holz des Bettes einen Sarg gezimmert. Den letzten Weg zum Friedhof in Pribslaff legte Vater auf einem Handwagen zurück.“</p>



<p>Albertine Krüger wurde im Frühjahr 1947 siebzigjährig aus Pribslaff ausgewiesen. Auf abenteuerlichen Wegen schaffte sie es endlich zu ihren Kindern nach Ratzeburg. Sie starb dort 1956 mit fast 79 Jahren.</p>



<p>2015 war es schon später Nachmittag als ich von Swidwin nach Stary Przybysław fuhr. Ich hatte zwei Photos von dem Haus dabei, in den 40er Jahren aufgenommen. Und die Hausnummer 19 aus einem alten Einwohnerverzeichnis von Pribslaff. Es war aussichtslos. Das Dorf zog sich entlang einer nicht enden wollenden Straße, im Ortskern ein paar Backsteinhöfe, die Kirche schon lange abgerissen, der Friedhof eine verwilderte Wiese. Die Hausnummern hatten sich über die vielen Jahre verändert und auch von den damaligen Häusern schienen einige die Zeit nicht überstanden zu haben. Die Sonne ging langsam unter, es wurde kühl und ich beschloss, nach Swidwin zurückzufahren. Das Haus schien es nicht mehr zu geben. Am Dorfende, kurz vor dem Abzweig nach Swidwin wollte ich einen letzten Blick auf den Ort werfen, schaute nach links und hielt kurz die Luft an. Da stand es, ganz eindeutig, das Haus von August Krüger. Ich stieg aus. Wie konnte mir das Haus beim Herfahren entgangen sein? Da hat Dich Deine Omi kurz geschubst, sagte mein Mann später, und genau dieses Gefühl hatte ich in dem Moment. </p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-Stary-Przybyslaw.png"><img loading="lazy" decoding="async" width="1016" height="697" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-Stary-Przybyslaw.png" alt="" class="wp-image-340" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-Stary-Przybyslaw.png 1016w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-Stary-Przybyslaw-300x206.png 300w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-Stary-Przybyslaw-768x527.png 768w" sizes="auto, (max-width: 1016px) 100vw, 1016px" /></a></figure>



<p>Und jetzt also 2020. Auch in Stary Przybysław haben wir das gleiche Glück mit dem Wetter wie die zwei Wochen zuvor. Wir fahren erst in den Ort hinein, parken am Spielplatz in der Dorfmitte, wo früher die Kirche stand. Keine Kirche mehr, kein Laden, keine Gaststätte. Ein Trecker mit Kartoffeln biegt um die Ecke, sonst sind kaum Menschen zu sehen. Wer hier lebt, scheint sich nach Swidwin zu orientieren. Wir machen einen Spaziergang und merken dann doch, dass zwischen dem Verfall etwas Neues entsteht. Ein paar schmucke Neubauten, ein liebevoll restauriertes Häuschen am Weg zum Sportplatz, Kürbisse säumen die Straße dorthin.</p>



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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1d.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="422" height="282" data-id="288" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1d.jpeg" alt="" class="wp-image-288" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1d.jpeg 422w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1d-300x200.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px" /></a></figure>



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<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1e.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="422" height="282" data-id="289" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1e.jpeg" alt="" class="wp-image-289" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1e.jpeg 422w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-1e-300x200.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px" /></a></figure>
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<p>Jetzt noch zu August Krügers Haus, sage ich. Wir setzen uns wieder ins Auto, fahren Richtung Swidwin und parken am Straßenrand gegenüber. Ein Mann spricht uns auf deutsch an. Was das denn für ein Kennzeichen sei, „DR“. Wir lachen, wissen wir auch nicht, das ist ein Mietwagen. Wir kommen ins Plaudern, er ist LKW-Fahrer und wohnt in Cloppenburg, hier genießt er das Landleben. Warum wir so auf das Haus gegenüber schauen? Das hat mein Urgroßvater gebaut, sage ich. Er ruft hinüber, da sind Leute, ich hatte sie gar nicht gesehen. Eine Frau kommt ans Tor, „August Krüger“, ruft sie, und mir läuft ein Schauer über den Rücken.</p>



<p>Wir gehen hinüber, der freundliche LKW-Fahrer übersetzt. Aus der Nähe sieht man, dass im Haus renoviert wird. Das rechte Fenster steht offen, eine frisch gestrichene weiße Zimmerwand leuchtet hinaus. Die Frau sprudelt los, sie hätten gerade den Holzboden entfernt, die Dielen lägen noch im Hof und auf einem der Bretter stünde „August Krüger Neu Pribslaff“. Sie bittet uns in den Innenhof, ein Stall, ein Schuppen, eine Wasserpumpe, Blumen. Da liegen die Bodendielen. Die Frau und ihr Mann suchen kurz, hier, das ist das Brett mit dem Namen drauf. Die Frau erzählt und erzählt, der LKW-Fahrer kommt kaum mit dem Übersetzen nach. Sie bittet mich ins Haus, entschuldigt sich für das Renovierungschaos. Trotzdem darf ich in jedes Zimmer. Die Kachelöfen und die Holztreppe nach oben sind noch genauso erhalten, wie sie 1936 gebaut wurden. Die Zimmer sind klein, aber gemütlich, das Haus ist von innen viel heimeliger als von außen. Ein richtiges Zuhause, für August und Albertine in den 30er Jahren, für die herzliche polnische Familie heute.</p>



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<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3b.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="422" height="282" data-id="294" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3b.jpeg" alt="" class="wp-image-294" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3b.jpeg 422w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3b-300x200.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px" /></a></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3a.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="422" height="282" data-id="293" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3a.jpeg" alt="" class="wp-image-293" srcset="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3a.jpeg 422w, https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Pribslaff-3a-300x200.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px" /></a></figure>
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<p>Wieder auf dem Hof versuchen wir, uns noch ein wenig zu unterhalten, aber außer „dzień dobre“- Guten Tag &#8211; und „dziękuję“ &#8211; danke &#8211; sprechen wir kein polnisch. Und der arme LKW-Fahrer ist ja eigentlich hier, um die Ruhe des Dorfes zu genießen. Also verabschieden wir uns, all das muss ich sowieso erst mal verdauen.</p>



<p>Hatte mich meine Omi 2015 geschubst, um das Haus zu entdecken, muss jetzt August Krüger selbst am Werk gewesen sein. Über achtzig Jahre liegen die Holzdielen im Haus und ein paar Tage bevor ich nach Pribslaff reise, werden sie herausgenommen und jemand entdeckt die Aufschrift. Und dann kommt zufällig noch ein Pole dazu, der sehr gut deutsch spricht. Ein kleines Zauberhäuschen. August und ich haben am selben Tag Geburtstag, er 1875, ich 1965. Vielleicht wollte er mich ja einfach einmal kennenlernen, wer weiß <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/16.0.1/72x72/1f642.png" alt="🙂" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>


<div class="wp-block-image is-resized">
<figure class="aligncenter size-large"><a href="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Albertine-und-August-1-e1744221103372.jpeg"><img loading="lazy" decoding="async" width="717" height="1024" src="https://ahnenblog.globonauten.de/wp-content/uploads/2021/03/Albertine-und-August-1-717x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-297" style="width:auto;height:800px"/></a><figcaption class="wp-element-caption">Albertine Wilhelmine Auguste Krüger, geb. Becker <br>* 18.03.1877 in Neu Pribslaff † 13.02.1956 in Ratzeburg <br>August Ferdinand Eduard Krüger <br>* 28.04.1875 in Seligsfelde † 22.0.1946 in Pribslaff</figcaption></figure></div>


<p>Update: Wieder zurück in Deutschland habe ich dem herzlichen polnischen Ehepaar ein kleines Paket geschickt, Kekse, Pralinen und Kaffee als voradventlichen Gruß, ein weiteres altes Photo des Hauses und meinen herzlichsten Dank. Im Frühjahr bekam ich Post aus Polen: wunderschönen selbst gemachten Schmuck und die Botschaft, dass ich immer willkommen sei. Wollt Ihr wissen, wann mich diese schöne Überraschung erreichte? Genau am 28. April&#8230; </p>
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